Stolpersteine Nassauische Str. 11-12

Hauseingang Nassauische Str. 11-12, Foto: J.Held, 27.07.2011

Hauseingang Nassauische Str. 11-12,

Die Stolpersteine wurden am 22.06.2011 verlegt und von den Bewohnern des Hauses gespendet.

Stolperstein für Liane Mayer, Foto: J.Held, 27.07.2011

Stolperstein für Liane Mayer

HIER WOHNTE
LIANE MAYER
JG. 1936
DEPORTIERT 19.4.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Liane Mayer wurde am 27. November 1936 in Berlin geboren. Ihre Eltern, die 22-jährige Alice Mayer geborene Mansbacher (*3. September 1914) und der 38-jährige Emil Mayer
(*4. September 1898), hatten zwei Monate vorher am 1. Oktober 1936 geheiratet.

Liane kam in der „Privat-Klinik Wilmersdorf“, einer jüdischen Einrichtung in der Trautenaustraße 5, zur Welt. Da ihre Eltern Juden waren, war auch Liane ein jüdisches Mädchen.

Im Deutschen Reich regierte damals schon seit drei Jahren der Reichskanzler Adolf Hitler und die nationalsozialistische Partei (NSDAP).

Die kleine Familie wohnte in der Nassauische Straße 11-12 im Vorderhaus, 1. Stock rechts. Lianes Vater hatte diese 4-Zimmer-Wohnung schon seit 1934 gemietet. Er war slowakischer Staatsangehöriger und Immobilienkaufmann von Beruf. Ihre Mutter führte den Haushalt und sorgte für Liane.

Im September 1941, als Liane fast fünf Jahre alt war, wurden ihre Eltern gezwungen, für alle sichtbar den Judenstern zu tragen. Der Judenstern oder auch gelber Stern war ein öffentlich zu tragendes Zwangskennzeichen für alle Menschen, die nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen als Juden galten. Der gelbe Stoffstern mit dem schwarz aufgedruckten Wort „Jude“ war auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks fest aufgenäht zu tragen. Liane musste den Stern ab ihrem 6. Geburtstag im November 1942 tragen. Bei Zuwiderhandlung drohte eine Geld- oder eine Haftstrafe bis zu 6 Wochen.

Ende September 1941 zogen Lianes Großvater Dr. Selmar Mausbacher und seine zweite Ehefrau Ellen ganz in ihre Nähe, zur Untermiete in die Kaiserallee 31a (heute Bundesallee), weil sie sich an ihrem Wohnort in Schlesien als Juden nicht mehr sicher fühlten. Leider waren sie auch in Berlin nicht sicher. Schon drei Wochen später bekamen sie einen Deportationsbefehl, der vorsah, sie in den Osten zu transportieren. Ihr Großvater widersetzte sich diesem Befehl und begang Selbstmord. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Ein Jahr später, am 2. Oktober 1942, wollte ein Hauptmann der SS („Schutz-Staffel” der NSDAP) die Wohnung, in der Liane mit ihren Eltern wohnte, für sich haben, deshalb musste die Familie Mayer zu einer anderen jüdischen Familie zur Untermiete in ein Zimmer in die Uhlandstr. 78 ziehen.

Am 27. November 1942 feierte Liane ihren 6. Geburtstag. Ostern 1943 stand für alle Sechsjährigen die Einschulung an. Nicht aber für Liane. Jüdischen Kindern war der Besuch einer öffentlichen Schule schon nach den Novemberpogromen 1938 verboten worden. Im Herbst 1941 wurde jüdischen Kindern jeglicher Schulbesuch verboten und alle jüdischen Schulen aufgelöst. Die Schulpflicht war dadurch für jüdische Kinder abgeschafft.

Am 1. März 1943 kam die Geheime Staatspolizei (Gestapo) zu Lianes Familie in die Uhlandstraße 78, um sie festzunehmen und in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 zu bringen. Hier mussten sie bis zum 18. April 1943 bleiben.

Zusammen mit über 700 Personen wurden Liane und ihre Eltern am 19. April 1943 mit dem 37. Osttransport vom Güterbahnhof Moabit nach Auschwitz deportiert.

Als der Zug am nächsten Tag, dem 20. April 1943, auf dem Bahnhof in Auschwitz ankam, wurden Liane und ihre Mutter von dem Vater Emil getrennt. Die Spur von Liane und Alice verlor sich hier.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 kehrte Lianes Vater nach Berlin zurück.
Auf seine Ehefrau und seine Tochter Liane wartete er vergeblich.

Text und Recherche: Gundula Meiering, April 2025

Quellen:
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA) Potsdam – Signatur: 36A(III) 25839 – Vermögenserklärung Emil Mayer; Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Entschädigungsbehörde (LABO) Reg. Nr. 11.106 – Antragsteller: Emil Mayer, Reg. Nr. 212.097 Alice Mayer, Reg. Nr. 212.098 Liane Mayer; Landesarchiv Berlin – WGA-Datenbank – Antragsteller: Emil Mayer, Fred Mansbacher und Helga Steiner geborene Mansbacher, B Rep. 025-01 Nr. 708/63;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage

Stolperstein für Alice Mayer, Foto: J.Held, 27.07.2011

Stolperstein für Alice Mayer

HIER WOHNTE
ALICE MAYER
GEB. MANSBACHER
JG. 1914
DEPORTIERT 19.4.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Alice Mayer wurde als Alice Mansbacher am 3. September 1914 in Berlin geboren. Ihre Eltern, der aus Petershagen in Westfalen stammende Medizinalpraktikant Selmar Mansbacher (*5. November 1882) und die aus Stargard in Pommern stammende Hedwig Rosenberg (*24. Januar 1888), hatten ein Jahr vorher, am 29. November 1913, in Berlin geheiratet.

Nachdem ihr Vater am 21. Juli 1915 seine Ausbildung zum praktischen Arzt beendet hatte, trat er seine erste Stelle in Treuenbrietzen in Potsdam-Mittelmark in der Nähe von Berlin an. Hier wurde auch Alices Bruder Fritz am 6. März 1918 geboren.

Wann genau die kleine Familie nach Wigandsthal im Kreis Lauban in Niederschlesien (Unięcice – Pobiedna powiat Lubań, Polen) umzog, ist nicht bekannt. Dr. Selmar Mansbacher eröffnete hier mit Unterstützung seiner Ehefrau Hedwig in der Kirchgasse 5 eine Hausarztpraxis.

Anfang 1923 wurde Alices Mutter, die im 8. Monat schwanger war, plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissen. Sie starb am 23. Februar 1923 mit 35 Jahren an einem Lungenschlag. Alices Vater verlor nicht nur seine geliebte Ehefrau, sondern wie es auf ihrem Grabstein eingraviert wurde, auch seine „treue Gehilfin in seinem Beruf“. Er wurde mit 40 Jahren Witwer und Alice mit 8 Jahren und Fritz mit 5 Jahren Halbwaisen. Am 26. Februar 1923 wurde Hedwig Mansbacher geborene Rosenberg auf dem Jüdischen Friedhof in Görlitz beigesetzt.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Ehefrau, am 20. Februar 1924, heiratete der Witwer Dr. Selmar Mansbacher Johanna Schön, genannt Emma oder Ellen. Am 12. Dezember 1924 bekamen die 10-jährige Alice und der 6-jährige Fritz eine kleine Halbschwester mit Namen Helga.

Über die Kindheit und Jugend von Alice konnte nichts recherchiert werden. Sie besuchte höchstwahrscheinlich ein katholisches Gymnasium in Görlitz.

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933, sah sich ihr Vater Selmar als jüdischer Arzt antisemitischen Einschüchterungs- und Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Da er Weltkriegsteilnehmer war, wurde ihm gemäß Zulassungsverordnung vom 28. September 1933 die Zulassung als Arzt erst einmal nicht entzogen. Fünf Jahre später wurden ihm und allen noch praktizierenden jüdischen Ärzten die Approbation entzogen, dadurch war er gezwungen, seine Arztpraxis zu schließen. Ob er die Erlaubnis bekam, als Krankenbehandler nur jüdische Patienten zu behandeln, ist nicht bekannt. Zum Schluss arbeitete er als Krankenpfleger. Er tat alles, um seinen Kindern Fritz und Helga die Ausreise nach Palästina zu ermöglichen. Alice ging ca. 1934 nach Berlin. Wo und wann sie den 16 Jahre älteren, aus Pezinok stammenden Kaufmann Emil Mayer (*4. September 1898), einen vermögenden slowakischen Staatsangehörigen, kennenlernte, ist nicht bekannt. Er wohnte laut Berliner Adressbuch in der Nassauischen Str. 11-12.

Ihr 17-jähriger Bruder Fritz wanderte am 18. Februar 1935 mit der Jugend-Aliyah nach Palästina aus. Alice besuchte ihn dort.

Er flehte sie damals an, nicht zurück nach Deutschland zu gehen, sondern bei ihm in Palästina in Sicherheit zu bleiben. Doch Alices Sehnsucht nach Emil Mayer muss größer gewesen sein. Sie kehrte nach Berlin zurück.

Emil Mayer war am 1. November 1928 mit 30 Jahren in die Reichshauptstadt Berlin gekommen, um sein väterliches Erbe, welches ausschließlich aus Immobilien bestand und zu einer Erbengemeinschaft gehörte, anzutreten. 1933, bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten, war er Vorstandsmitglied der Mundus-Grundstücks-Verwaltungs AG mit Sitz in der Tauentzienstraße 9 in Berlin-Charlottenburg, Geschäftsführer der Grundstücksgesellschaft Wilmersdorf-Friedenau G.m.b.H. und Bevollmächtigter seines Bruders Eugen Mayer, Hagelberger Straße 10, Berlin-Kreuzberg. Er bezog ein monatliches Gehalt von ca. 850 RM und wohnte seit 1934 in einer 4-Zimmer-Wohnung in der Nassauischen Straße 11-12 im Vorderhaus, 1. Stock rechts.

Am 1. Oktober 1936 heirateten die 22-jährige Alice Mansbacher und Emil Mayer. Alice zog zu ihm in die Nassauische Straße 11-12. Schon zwei Monate nach der Heirat, am 27. November 1936, wurde ihre gemeinsame Tochter Liane in der Trautenaustraße 5 geboren. Hier befand sich in den oberen Etagen die „Privat-Klinik Wilmersdorf“, eine jüdische Einrichtung, die vom Kommerzienrat Hans Löwenstein und seinem Partner, dem Internisten Alfred Hirschfeld betrieben wurde.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Alices 15-jährige Halbschwester Helga in Wigandsthal bei ihren Eltern, aber auch bei ihrer älteren Schwester in der Nassauischen Straße 11-12, gemeldet. Ihr gelang ebenfalls noch rechtzeitig die Flucht nach Palästina.

Auf Grund der Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 wurde durch den Stadtpräsidenten von Groß-Berlin auf Veranlassung des Reichswirtschaftsministers ein Treuhänder über das Vermögen der Mayer-Brüder eingesetzt, da die Brüder in der „Sippenkartei“ aus den Jahren 1938/39 als Volljuden registriert waren.

Der erste Treuhänder, der um die Jahreswende 1938/39 durch die Deutsche Arbeitsfront bestellt wurde, war Herr Claus Kohnen, Gerdauer Str. 6 in Berlin-Wilmersdorf. Dieser nahm die Büroräume der Mundus-Grundstücks-Verwaltungs AG im Haus Tauentzienstr. 9 (heute Europa Center) sofort in Besitz. Die Verwaltung dieses Treuhänders gab Anlass zu Beanstandungen, weil „persönliche Interessen mitspielten“.

Der Stadtpräsident setzte aufgrund dessen im August 1940 mit Zustimmung des Reichswirtschaftsministers einen neuen Treuhänder ein. Er berief den Rechtsanwalt Dr. Simons, Französische Straße 32 in Berlin-Mitte. Auch dieser nahm die Büroräume im Haus Tauentzien 9 in Besitz und verbot Emil Mayer fortan das Betreten dieser Räume. Sein Gehalt bekam Emil bis 1940 von einem Sonderkonto, danach wurden die Gehaltszahlungen eingestellt. Gegen diese Maßnahmen ging Emil mit seinem Rechtsanwalt Herrn Dr. von Zimmermann, Lützowufer 10 vor. Er schaltete als slowakischer Staatsbürger auch die slowakische Gesandtschaft ein.

Alices Schwager Eugen Mayer ging wegen der gegen ihn in Berlin einsetzenden Verfolgungsmaßnahmen nach Prag. Emil Mayer blieb in Berlin, um das Vermögen in der Zeit der Verfolgungsmaßnahmen zu sichern und zu erhalten.

Anfang März 1941 wurde Emil aufgrund einer Anzeige des eingesetzten Treuhänders Dr. Hans Wilhelm Simons von der Gestapo verhaftet. Kommissar Prüfer vernahm ihn und wies ihn anschließend in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz zur weiteren Untersuchung des Falls ein. Sechs Wochen, vom 11. März bis zum 2. Mai 1941, verbrachte Emil Mayer in Schutzhaft. Er nahm an, dass Dr. Hans Wilhelm Simons die Anzeige ausschließlich deshalb erstattet hatte, weil er ihm im Wege gestanden war.

Die Lage spitzte sich für Alice und ihre Familie weiterhin zu. Im September 1941 wurden sie gezwungen, für alle sichtbar den gelben Stern zu tragen. Gegen die Verpflichtung, Zwangsarbeit zu leisten, protestierte Emil Mayer. Da er Ausländer war, wurde er nicht dienstverpflichtet. Ob Alice Zwangsarbeit leisten musste, ist nicht bekannt.

Ende September 1941 zogen Alices Vater und seine Ehefrau Ellen in Alices Nähe nach Berlin-Wilmersdorf zur Untermiete bei Helmuth Rosenthal im Hinterhaus der Kaiserallee 31a (heute Bundesallee). Auf dem Hängeboden in Alices Wohnung in der Nassauischen Straße 11-12 lagerten sie die komplette Landarztausstattung (medizinische Instrumente) zur Aufbewahrung und Sicherung für einen gewährten Kredit.

Mitte Oktober 1941 erhielten Dr. Selmar und Ellen Mansbacher in der Kaiserallee 31a den Deportationsbefehl in den Osten. Als die Beamten der Gestapo ihn am 15. Oktober 1941 abholen wollten und im Vorzimmer auf ihn warteten, nahm er sich im Hinterzimmer mit einer Injektion das Leben, um der Deportation zu entgehen. Die Gestapo wütete, als die Beamten entdeckten, was er getan hatte. Er wurde umgehend in das Jüdische Krankenhaus eingewiesen.

Dr. Selmar Mansbacher starb dort mit 58 Jahren am 16. Oktober 1941. Seine Tochter, die Hausfrau Alice Mayer, zeigte beim Standesamt den Tod ihres Vaters schriftlich an. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Alices Stiefmutter Ellen Mansbacher geborene Schön wurde zusammen mit dem Hauptmieter der Wohnung Kaiserallee 31a Helmuth Rosenthal am 24. Oktober nach Litzmannstadt (Łódź) deportiert. Hier verlor sich ihre Spur.

Am 2. Oktober 1942 musste die Familie Mayer ihre Wohnung in der Nassauischen Straße 11-12 räumen, da ein SS-Hauptmann die Wohnung für sich benötigte. Sie zogen daraufhin zur Untermiete in die Uhlandstraße 78.

Dort wurden sie am 1. März 1943 von der Gestapo festgenommen und in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 gebracht. Hier hielt die Gestapo sie bis zum 18. April 1943 fest.

Zusammen mit ca. 716 gelisteten Personen wurden Emil, Alice und Liane am 19. April 1943 mit dem 37. Osttransport vom Güterbahnhof Moabit nach Auschwitz deportiert.

Als der Zug am nächsten Tag, dem 20. April 1943, auf dem Bahnhof in Auschwitz ankam, wurden Alice und Liane von Emil getrennt. Es ist anzunehmen, dass Alice und Liane umgehend in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Alice musste mit 28 Jahren und Liane mit 6 Jahren aufgrund von Rassenwahn, Verschwörungstheorien und Unmenschlichkeit sterben.

Durch die Ausbürgerung verfiel das Vermögen der Mayers dem Deutschen Reich. Schon ein halbes Jahr nach der Deportation überwies die Aachener und Münchener Lebensversicherungs-Aktiengesellschaft eine Versicherungssumme in Höhe von 504,30 RM auf das Konto des Oberfinanzpräsidenten.

Emil Mayers Treuhänder Dr. Simons, Tauentzien 9, erhob dagegen Einspruch. Er stellte fest, dass es rechtlich unmöglich sei, das Vermögen einzuziehen, da Emil Mayer kein Bürger des deutschen Reichs, sondern slowakischer Staatsbürger sei. Dieser Einspruch erfolgte nicht, weil er Emil Mayer zu seinem Recht verhelfen wollte, sondern weil Dr. Simons in der Zwischenzeit Emils Mietshaus in der Detmolder Straße 21 pro forma an seine Geliebte verkauft hatte, um sich persönlich an den Mieteinnahmen zu bereichern.

Emil Mayer wurde in Auschwitz als arbeitsfähig eingestuft und als Häftling in das ca. 6 km entfernte Nebenlager Monowitz eingewiesen. Nach 10 Tagen Quarantäne bekam er die Häftlingsnummer 116 765 tätowiert. Er gab an, von Beruf Mühlenbauer zu sein und wurde deshalb in den ersten sechs Wochen für Arbeiten im Freien eingesetzt. Danach leistete er Zwangsarbeit in einer chemischen Fabrik der I.G. Farben zur Produktion von Buna, einem für die Kriegswirtschaft wichtigen synthetischen Kautschuk.

Am 18. Januar 1945 mussten alle das Lager Auschwitz-Monowitz verlassen und zu Fuß bei Eiseskälte in das 84 km entfernte Gleiwitz gehen. Von dort ging es mit der Bahn über die Tschechoslowakei Richtung Buchenwald, wo sie am 27. Januar 1945 ankamen. Im Konzentrationslager Buchenwald bekam Emil die Häftlingsnummer 122 225. Dieses Lager war mit 71.000 Häftlingen vollkommen überfüllt. Der normale Stand waren 36.000 Häftlinge. Emil Mayer kam in den Krankenbau, weil ihm auf dem Todesmarsch von Auschwitz nach Gleiwitz der rechte große Zeh abgefroren war. Am 11. April 1945 befreiten Einheiten der 3. US-Armee das Konzentrationslager Buchenwald. Aufgrund seiner Krankheit konnte Emil Mayer das Lager erst am 18. Mai 1945 verlassen.

Emil Mayers erster Wohnort in Berlin nach dem Krieg war die Gasteiner Straße 12. Am 10. Oktober 1945 bekam er den Ausweis „Opfer des Faschismus” (OdF). Beim Wiedergutmachungs- und Entschädigungsamt stellte er diverse Anträge, um u.a. sein enteignetes Haus in der Detmolder Straße 21 in Berlin-Wilmersdorf zurückzubekommen.

Emil Mayer starb mit 77 Jahren am 27. Dezember 1975 in Berlin.

Alices Bruder, Fritz Ephraim Mansbacher (1918 – 1998), war bei Kriegsende 27 Jahre alt. Er heiratete am 12. Dezember 1945 die 24-jährige Devora Poeli Glaser (1921-1973) aus Libau (Liepāja, Lettland) in Kairo, Ägypten. Sie wurden Eltern der Tochter Dina und des Sohnes Amir. Am 1. September 1960 reisten sie gemeinsam mit der „S.S. Zion“ nach New York City, USA. In San Diego, Kalifornien, erhielten sie 1966 die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Amir und Deena (ehemals Dina) leben mit ihren Familien in Los Angeles, Kalifornien. Deena wurde Mutter ihrer Tochter Devora Alice (*1979) und Amir Vater zweier Kinder, Doren (*2002) und Tira (*2004).

Viele Jahre lang erinnerte sich Devora nur daran, dass ihr Großvater Fred (ehemals Fritz) einen deutschen Akzent hatte und sie keine deutschen Autos kauften. Erst mit 20 Jahren lernte sie die deutsche Kultur kennen. Nach dem College verbrachte sie zwei Jahre mit einem Fulbright-Stipendium in Deutschland und arbeitete für die Deutsche Welle. Dort erfuhr sie, dass ihr Urgroßvater, Dr. Selmar Mansbacher, auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin begraben lag. 2004 versammelte sich die Familie dort, um Dr. Selmar Mansbacher mit einer Zeremonie und einem Grabstein zu ehren.

Seitdem erforscht Devora aktiv ihre Familiengeschichte und engagiert sich gegen Ungerechtigkeit, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.

Text und Recherche: Gundula Meiering mit Unterstützung der Großnichte von Alice Mayer Devora Rogers aus Los Angeles, USA, April 2025

Quellen:
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives; Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA) Potsdam – Signatur: 36A(III) 25839 – Vermögenserklärung Emil Mayer;
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Entschädigungsbehörde (LABO) Reg. Nr. 11.106 – Antragsteller: Emil Mayer, Reg. Nr. 212.097 Alice Mayer, Reg. Nr. 212.098 Liane Mayer; Landesarchiv Berlin – WGA-Datenbank – Antragsteller: Emil Mayer, Fred Mansbacher und Helga Steiner geborene Mansbacher, B Rep. 025-01 Nr. 708/63;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage

  • Alice Mayer

    Alice Mayer

  • Alice Mayer und Bruder

    Alice Mayer und ihr Bruder Fritz

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