Stolpersteine Savignyplatz 4

Hausansicht Savignyplatz 4

Hausansicht Savignyplatz 4

Die beiden Stolpersteine für Erna Jacobi und Martha Treitel wurden am 11.12.2007 vor dem Hauseingang Savignyplatz 4 verlegt.

Am 7.6.2011 wurden am Savignyplatz 4 unter Beteiligung von ca. 30 Angehörigen und Freunden aus Neuseeland, Australien, Israel sowie Deutschland weitere vier Stolpersteine für Julius, Siegbert, Hanna Renate und Lieselotte Wenik verlegt.

Stolperstein für Erna Jacobi, 8.8.2011

Stolperstein für Erna Jacobi, 8.8.2011

HIER WOHNTE
ERNA JACOBI
JG. 1891
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
7.2.1941

Erna Jacobi kam am 23. Januar 1891 als jüngstes Kind des Kaufmanns Joseph Jacobi (1846–1903) und seiner Ehefrau Amalie Sophie Jacobi geb. Steindahl (1857–1926) auf die Welt. Der Vater stammte aus der Kleinstadt Schönlanke/Westpreußen (heute Trzcianka in Polen). Die Mutter war Berlinerin, ihre Familie lebte in der Gitschinerstraße im heutigen Kreuzberg. Joseph Jacobi war „Wäschefabrikant“, Spezialität: Kragen und Manschetten. Er lebte mit seiner Frau, die er 1882 geheiratet hatte, während der ersten Ehejahre in Berlin-Mitte und in der Schwedter Straße 268 in Prenzlauer Berg. (Das Haus in der Nähe des Teutoburger Platzes ist heute ein Berliner Baudenkmal.) Dort kamen auch die ersten Kinder auf die Welt, die jedoch kurz nach der Geburt starben. Am Leben blieben der 1886 geborene Sohn Kurt und die 1888 geborene Tochter Katharina (Käthe).

Erna Jacobi wurde schon in der Wallnertheaterstraße 7 geboren – eine Straße, in der viele Juden lebten, die gerade aus dem Osten nach Berlin gekommen waren. Der Vater hatte das Haus in Berlin-Mitte gekauft. Er muss ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen sein, denn bereits 1896/1897 zog die Familie weiter nach „Westen“: Joseph Jacobi kaufte in Charlottenburg, das noch eine Stadt bei Berlin war, das Mietshaus Savignyplatz 4. Die neu angelegte Grünanlage des Platzes lag vor der Tür, in den Bauten der Gründerzeit lebte wohlsituiertes Bürgertum. (Im Nachbarhaus Nr. 3/ Ecke Kantstraße öffnete 1898 „C. ADOLPH Eisenwaren“ – bis heute ein florierendes Geschäft.) – Erna Jacobi, beim Umzug noch ein Vorschulkind, sollte hier bis zu ihrem Tod leben.

Die Familie wohnte in einer 4-Zimmer-Wohnung im Hochparterre. Der Vater war nun Rentier, lebte mit Ehefrau und Kindern „standesgemäß“ vom Vermögen, der Bruder ging zum Gymnasium. Wie verbrachten Erna Jacobi und ihre Schwester Kindheit und Jugend? Wenn standesgemäß, dann nach der Töchterschule mit dem „Warten“ auf einen Ehemann. 1903 starb der Vater, die Mutter Sophie Jacobi erbte das Haus. 1926 starb die Mutter. Die Kinder erbten die Häuser in Charlottenburg und in Mitte. Erna Jacobis Bruder Kurt und die Schwester Käthe waren inzwischen verheiratet. Sie selbst war ledig geblieben.

Erna Jacobi verwaltete nun das Haus am Savignyplatz. Dies war die einzige „sichtbare“ Tätigkeit, die sich aus den Akten ergab. – Längst waren auch andere Frauenleben möglich: Grete Treitel (1878–1969), die Tochter der Mieterin Martha Treitel (1858–1942 Theresienstadt), die ebenfalls unverheiratet mit ihrer Mutter zusammenlebte, arbeitete als Geschäftsführerin einer Firma. Und im Nachbarhaus Nr. 3 war bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Praxis der Ärztin Dr. Alice Profé (*1867), die anfangs noch in Zürich hatte studieren müssen.

1938 verkauften die Geschwister die Häuser. Vom Erlös erhielten sie nur wenig. Erna Jacobi blieb als Mieterin am Savignyplatz 4. Ihre mit dem Kaufmann Max Levy verheiratete Schwester Käthe, die zuletzt ebenfalls in Charlottenburg gelebt hatte, emigrierte im Januar 1939 nach London. Ihr Bruder Kurt Jacobi starb 1940 in Berlin. (Die Schwägerin Fanny Jacobi wurde am 14. November 1941 nach Minsk deportiert und ermordet.)
Erna Jacobi war allein. Über ihr Leben berichtete sie der Schwester nach London. Sie war wie alle Juden der alltäglichen Entrechtung durch die Maßnahmen der Behörden ausgeliefert: 1939 musste sie ihren wertvollen Familienschmuck abliefern. Als sie die „Judenvermögensabgabe“ und wohl auch über den „Sicherheitsbescheid“ die „Reichsfluchtsteuer“ bezahlen musste, war sie ganz besonders empört: Nie hatte sie daran gedacht, Deutschland zu verlassen.

Am 7. Februar 1941 (das Datum ist nicht gänzlich gesichert) nahm sich Erna Jacobi in ihrer Wohnung am Savignyplatz das Leben.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Recherchen: Nachlass Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Berliner Telefonbücher;
Datenbank Ärztinnen im Kaiserreich;
Christian Goeschel: Selbstmord im Dritten Reich, Berlin 2011;
https://www.geni.com/people/;
http://www.juedische-gemeinden.de.

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Stolperstein für Martha Treitel, 8.8.2011

Stolperstein für Martha Treitel, 8.8.2011

HIER WOHNTE
MARTHA TREITEL
GEB. BALL
JG. 1858
DEPORTIERT 11.6.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 28.12.1942

Martha Ball wurde am 21. November 1858 in Berlin als Tochter des Kaufmanns und Bankiers Salomo Ball (1826–1902) und seiner Ehefrau Therese, geb. Krug, (1838–1904) geboren. Die Eltern zogen während ihrer Kindheit oft um, wohnten in Friedrichshain und in Mitte.
Der Vater stammte aus Calau, einem kleinen Ort in der Nähe von Cottbus. Dort waren die Mitglieder der Familie Ball die einzigen Juden. Großvater Meyer Ball (1789–1876), der als Wollhändler wohlhabend geworden war, hatte 1825 ein Haus gekauft, das zum „Familienhaus“ wurde – auch das „Calauer Judenhaus“ genannt. Hier traf sich die ganze Familie bis in die 1930er-Jahre. Von Meyer Balls sechs Töchtern und drei Söhnen zogen bis auf eine unverheiratete Tochter alle nach Berlin. Marthas Vater Salomo und seine Brüder Jacob (1823–1887) und Alwin (1928–1896) führten hier die angesehene Privatbank „Meyer Ball Söhne“.
Die Mutter Therese stammte aus einer evangelischen, nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten „arischen“ Familie und war zum Judentum konvertiert. So galt Martha Treitel später als „Halbjüdin“, eine Einstufung, die das Leben retten konnte, aber nicht musste. 1864 heiratete sie Salomo Ball. Die fünf Kinder des Paares – Martha und ihre vier jüngeren Brüder Arthur (1860–1917), Albert (1861–1862), Waldemar (1863–1915) und Viktor (1864–1913) – waren bereits geboren. Sie wurden im Berliner Dom von Hofprediger Hengstenberg evangelisch getauft und von Salomo Ball nachträglich „legitimiert“.

Martha Ball verbrachte ihre Kindheit in der Landsberger Straße. Laut Berliner Adressbuch zogen die Eltern 1873 zum Blumeshof 16, in eine ruhige Privatstraße im großbürgerlichen Lützowviertel. (Die Straße zwischen Schöneberger Ufer und Lützowstraße gibt es nicht mehr.) Hier lebte Martha Ball bis zu ihrer Hochzeit.

Knapp 18 Jahre alt, heiratete sie 1876 den 1848 in Betsche im Kreis Meseritz (heute Pszczew in Polen) geborenen Kaufmann Julius Treitel, der ein Jahr vorher ein Getreide- und Commissionsgeschäft gegründet hatte. Das Ehepaar bekam vier Kinder: 1878 Margarethe (Grete), 1880 Charlotte Helene, 1883 Hans und Elisabeth, die an Krebs starb.

Das Ehepaar lebte anfangs in Berlin-Mitte und zog 1904 nach Charlottenburg (damals noch eine selbstständige Stadt bei Berlin) an den Savignyplatz Nr. 4.
1902 starb Marthas Vater Salomo Ball, 1904 ihre Mutter Therese, die noch immer im Haus Blumeshof 16 gewohnt hatte. 1910 starb ihr Ehemann Julius Treitel. Die Tochter Helene heiratete 1914 einen Herrn Cohn, Sohn Hans wurde Diplomingenieur. Tochter Margarethe lebte unverheiratet mit der Mutter in der Wohnung am Savignyplatz und arbeitete als Geschäftsführerin bei der Firma Gost & Co. Im „Dritten Reich“ wurde sie entlassen. Sohn Hans emigrierte 1937 mit Frau und Kind nach Palästina.

Mutter und Tochter gaben nicht auf: Sie vermieteten Zimmer, gaben (anfangs wohl freiwillig) alles von Wert weg, Tochter Margarethe übernahm Schreibarbeiten. Seit Ende 1940 war sie Zwangsarbeiterin bei der Batteriefabrik Pertrix, einem Rüstungsbetrieb.

Am 11. Juni 1942 wurde Martha Treitel vom Anhalter Bahnhof in das Ghettolager Theresienstadt deportiert. Ihre Tochter Margarethe begleitete sie freiwillig. Martha Treitel kam bereits ein halbes Jahr später, am 28. Dezember 1942, in Theresienstadt um.

Margarethe traf dort 1943 ihren Vetter Richard Treitel (1879–1947), Jurist und Journalist der „Weltbühne“. Beide erlebten die Befreiung. Margarethe Treitel schlug sich nach Berlin durch, lebte anfangs in dem DP-Lager im Jüdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding und kehrte dann in die alte Wohnung am Savignyplatz zurück. Sie starb am 17. Januar 1969 in Berlin. Das „Familienhaus“ in Calau war Ende des Krieges abgebrannt.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Kurt Jacob Ball-Kaduri: Jüdisches Leben einst und jetzt: Das Calauer Judenhaus – Erlebtes Israel, München 1961;
Berliner Telefonbücher;
Landesarchiv Berlin – Personenstandsunterlagen über ancestry;
https://www.geni.com/people/;
https://www.luckauer-juden.de;
https://www.hagalil.com/2012/07/treitel/

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Stolperstein Julius Wenik

Stolperstein Julius Wenik

HIER WOHNTE
JULIUS WENIK
JG. 1886
DEPORTIERT 9.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Julius Wenik hat nur wenige Jahre in Berlin gelebt: Er stammte aus Ostpreußen und hat dort auch sein Leben verbracht. Auf die Welt gekommen war er am 29. März 1886 in Schirwindt an der Grenze zu Litauen (heute Kutusowo/Russische Föderation). Schirwindt, einst der östlichste Ort des Deutschen Reiches, existiert nicht mehr. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört und nicht wiederaufgebaut. Hinter dem Namen verbirgt sich heute eine militärische Anlage.
Die Einwohner der Grenzstadt mussten damals nur über eine Brücke gehen und schon waren sie im litauischen Kudirkos Naumiestis (deutsch: Neustadt). – Handel und Schmuggel blühten. Evangelische Christen waren in der kleinen Stadt in der Mehrzahl, aber es gab auch eine jüdische Gemeinde mit einer eigenen Synagoge. Die Mitglieder der großen Familie Wenik lebten als Kaufleute in Schirwindt, sie handelten mit Textilien und Kolonialwaren. (Dem Namen nach könnten die Eltern (oder Großeltern) zu den „Litvaks“ gehört haben, den aus Litauen in die Grenzregion an der Memel eingewanderten Juden.) Ein Teil der Familie blieb bis in die NS-Diktatur hinein in Schirwindt, andere zogen nach Königsberg oder ins nahe Tilsit an der Memel, wo auch Julius Wenik lebte.
Ende Mai 1919 eröffnete er gemeinsam mit Wilhelm Leiner die Firma Leiner & Wenik, ein großes Bekleidungsgeschäft mit eigener Maßschneiderei, das auch Uniformen führte. Das Geschäft lag an der Deutschen Straße, der ältesten und breitesten Straße von Tilsit, in der sich auch das Rathaus befand. Am 26. August 1919 heiratete Julius Wenik die am 27. Dezember 1892 in dem Dorf Pfaffendorf/Kreis Ortelsburg (heute Popowa Wola/Polen) geborene Ida Zelasnitzki. Die Hochzeit fand – wie es in jüdischen Familien üblich war – im Wohnort der Brauteltern statt, in Rauschken (Kreis Osterode). Beide Dörfer lagen südöstlich von Allenstein (heute Olsztyn/Polen) im Ermland – auch dies eine Grenzregion und eine schöne, aber auch arme Gegend.
Die Eltern seiner Ehefrau kamen „vom Dorf“ und waren aus Polen bzw. dem Russischen Reich nach Ostpreußen gekommen: Ihr 1868 geborener Vater Sally Zelasnitzki war in Kalascewo auf die Welt gekommen, ihre 1866 geborene Mutter Martha, geb. Dantowitz, in Bakalarzewo, einem Dorf nördlich von Bialystok. In Ostpreußen lebten sie viele Jahre wiederum auf dem Dorf. Nach der Erinnerung eines Nachfahren des evangelischen Pfarrers von Rauschken war ein Zelasnitzki dort Gastwirt.

Ida Zelasnitzki hatte mindestens vier jüngere Brüder: 1894 wurde Leo, 1898 Hermann, 1902 Lutz und 1903 Max geboren. Ihre Eltern und die beiden Brüder Leo und Hermann zogen später nach Allenstein, wo sie es als Holzhändler zu relativem Wohlstand brachten. Die Eltern starben in Allenstein. Idas Brüder Leo, Hermann, Lutz und Max konnten sich Ende der 1930er-Jahre vor den Nationalsozialisten ins Ausland retten.
Julius und Ida Wenik blieben in Tilsit und bekamen in den folgenden Jahren drei Kinder: Am 25. April 1921 wurde Siegbert geboren, am 21. Mai 1923 kamen Hanna Renate und am 25. April 1928 Lieselotte auf die Welt. Mitte der 1920er-Jahre wohnte die Familie in der Fabrikstraße 52/53. Später ist Julius Wenik im Adressbuch von Tilsit als Hausbesitzer in der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27, einer Promenade am Schlossteich der Stadt, eingetragen. Dort sollte die Familie in den folgenden Jahren leben.
1934 verließ Julius Wenik die Firma Leiner & Wernik und wurde Mitinhaber und ein Jahr später Alleininhaber der Firma Wenik & Alterthum, ebenfalls ein Textileinzelhandel, der bis dahin dem ebenfalls jüdischen Kaufmann Felix Alterthum gehört hatte. Das Geschäft lag im Zentrum der Stadt Tilsit, in der Hohen Straße 14, einer eleganten „Flaniermeile“. (Auch der ehemalige Kompagnon Felix Alterthum überlebte die NS-Diktatur nicht: Am 17. März 1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert, von dort nach Auschwitz, und schließlich in das KZ Dachau wo er am 17. Januar 1945 umgekommen ist.)
Am 30. Mai 1938 wurde Julius Weniks Geschäft von dem Kaufmann und Gastwirt Robert Noetzel „übernommen“. Im November 1938 wurden auch in Tilsit die 1841/42 errichtete Synagoge in Brand gesteckt und die Geschäfte jüdischer Inhaberinnen und Inhaber demoliert. Nach den Unterlagen des Handelsregisters besaß Julius Wernik bereits nichts mehr. Allein im Adressbuch für das Jahr 1939 ist er noch als Hausbesitzer, sein Sohn Siegbert als „Seifensieder“ in der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27 notiert. Im Frühjahr 1939 mussten viele der Tilsiter Juden ihre Häuser verlassen, und auch die Familie Wernik lebte während der Volkszählung im Mai 1939 nicht mehr im eigenen Haus, sondern in der Deutschen Straße 59.
Mitte/Ende 1939 verließen die Eltern Wernik mit ihren Kindern die Heimat Ostpreußen und gingen nach Berlin. Es begann ein Leben zur Untermiete bei anderen Juden. (Dabei bleibt vieles unklar, Daten widersprechen sich, es gibt Lücken, es bleibt die Frage nach dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz.) Nach den wenigen erhaltenen Dokumenten wechselte die Familie zweimal die Wohnung: Zuerst wohnte sie im Bezirk Wilmersdorf in der Sächsischen Straße 7 bei der jüdischen Witwe und Rentiere Ida Jolowicz. Dann zog Julius Wernik mit Ehefrau und Kindern nach Charlottenburg und wohnte dort zur Untermiete bei dem Kaufmann Max Bergwerk in der Bleibtreustraße 17. Max Bergwerk wurde mit Ehefrau und Tochter am 30. November 1941 nach Riga deportiert. Die Familie Wenik zog wieder um und fand eine Bleibe bei Martha Treitel (1858–1942) und ihrer Tochter Margarethe (1878–1969) im dritten Stock des Hauses Savignyplatz 4 in Charlottenburg.
Julius Wenik musste als Lagerarbeiter Zwangsarbeit leisten, Sohn Siegbert war wohl zuerst auf einer „Chemieschule“, dann aber als Zwangsarbeiter bei der Elektrofirma Ehrich & Graetz in Berlin-Treptow. Lieselotte, das jüngste Kind, ging noch bis Ende März 1942 zur Schule. Was tat Hanna Renate? Bei Martha Treitel können die Weniks nur kurze Zeit gewohnt haben: Am 11. Juni 1942 wurden Mutter und Tochter Treitel nach Theresienstadt deportiert. Wer war nun Hauptmieter der Wohnung?

Am 28. Juli 1942 starb Ida Wenik in der Wohnung am Savignyplatz. Sie litt an Asthma. Ihr Grab ist auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Wenige Wochen nach dem Tod der Ehefrau und Mutter begann die Deportation der Familienmitglieder: Siegbert Wenik wurde am 15. August 1942 nach Riga deportiert und dort sofort ermordet. Julius Wenik und die Tochter Hanna Renate wurden am 9. Dezember 1942 gemeinsam nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Die Deportation seines jüngsten Kindes musste Julius Wenik nicht mehr erleben. Lieselotte wohnte noch immer in derselben Wohnung am Savignyplatz 4, nun bei der Familie Gumpel, die Ende Januar 1943 deportiert wurde. Am 12. März 1943 wurde Lieselotte Wenik nach Auschwitz verschleppt. Auch sie kehrte nicht zurück.
Für Martha Treitel, die in Theresienstadt umgekommen war, und für Erna Jacobi (1891–1941 Suizid), die ehemalige Mitbesitzerin des Hauses, wurden am 11. Dezember 2007 Stolpersteine verlegt. Tochter Margarethe Treitel hatte Theresienstadt überlebt und starb 1969 in Berlin. Die Nachfahren der Ehefrau von Julius Wenik, die sich alle „Zelas“ genannt haben und nennen, kamen 2011 zur Verlegung der Stolpersteine nach Berlin. Ihre Heimat ist heute in Neuseeland, Australien, den USA und Israel.

Quellen:
Adressbuch für die Stadt Tilsit und Vororte 1924/25
Einwohnerbuch der Stadt Tilsit 1933, 1939
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Deutscher Reichsanzeiger 1904, 1909, 1919, 1923, 1925, 1934
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich & Graetz, Berlin-Treptow, hrsg.v. Aubrey Pomerance, Reihe Zeitzeugnisse aus dem Jüdischen Museum Berlin, Berlin 2003
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
Julia Larina: Stadtuntergang. Schirwindt, das es nicht mehr gibt, Sankt Augustin/Berlin 2019, pdf
Namensliste selbständiger Unternehmer und Handwerker aus Schirwindt aus 1895
Tilsiter Rundbrief, Ausgabe 1975/76, hrsg.v.d. Stadtgemeinschaft Tilsit
Yad Vashem. Opferdatenbank
https://www.geni.com/people/
https://www.mappingthelives.org/
https://www.statistik-des-holocaust.de/
https://www.juedische-gemeinden.de/
https://arolsen-archives.org/
https://docplayer.org/36995336-Zeitschrift-fuer-die-geschichte-und-altertumskunde-ermlands.html
https://archiv.preussische-allgemeine.de/1973/1973_01_13_02.pdf
Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Informationen von Erich Clef-Prahm, Naomi Mc Keown und Ellen Meyer

Stolperstein Siegbert Wenik

Stolperstein Siegbert Wenik

HIER WOHNTE
SIEGBERT WENIK
JG. 1921
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Siegbert Wenik kam am 25. April 1921 in Tilsit/Ostpreußen (heute Sovetsk/Russische Föderation) auf die Welt. Dort verbrachte er auch den größten Teil seines Lebens.
Sein Vater, der Kaufmann Julius Wenik (1886–1942), stammte aus der Kleinstadt Schirwindt an der Grenze zu Litauen. Dort lebten noch immer Verwandte als Lebensmittel- und Textilhändler, andere waren in die größeren Städte gezogen. Julius Wenik hatte 1919 die aus dem Kreis Ortelsburg stammende Ida Zelasnitzky (1892–1942) geheiratet und im selben Jahr in Tilsit mit einem Kompagnon die Firma Leiner & Wenik, ein großes Bekleidungsgeschäft mit eigener Maßschneiderei, eröffnet. Siegberts Großeltern und zwei der vier Onkel mütterlicherseits lebten in Allenstein, wo sie als Holzhändler arbeiteten und auch von den Enkelkindern besucht wurden. Die Großeltern starben in Allenstein. Die vier Onkel konnten sich Ende der 1930er-Jahre vor den Nationalsozialisten ins Ausland retten.
Am 21. Mai 1923 kam Siegberts Schwester Hanna Renate auf die Welt. Die Schwester Lieselotte am 25. April 1928. Die Familie wohnte Mitte der 1920er-Jahre in der Fabrikstraße. Später besaß der Vater Julius Wenik ein Haus an der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27, einer Promenade am idyllischen Schlossteich der Stadt. Dort sollte die Familie in den folgenden Jahren leben. Wie die Schulzeit und Jugend von Siegbert Wenik ausgesehen hat, ist nicht bekannt.
Sein Vater verließ 1934 die Firma Leiner & Wernik und wurde Mitinhaber und 1935 Alleininhaber des Textilgeschäftes Wenik & Alterthum. Am 30. Mai 1938 wurde das Geschäft von dem Kaufmann und Gastwirt Robert Noetzel „übernommen“. Im November 1938 wurden auch in Tilsit die Synagoge in Brand gesteckt und die Geschäfte jüdischer Inhaberinnen und Inhaber demoliert. Laut Adressbuch für das Jahr 1939 wohnte die Familie Wenik noch immer im eigenen Haus an der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27. Siegbert Wenik war anscheinend schon berufstätig: Im Adressbuch ist er im Haus seines Vaters mit dem Beruf „Seifensieder“ verzeichnet – eine Seifenfabrik gab es in der Nähe, dort könnte er gearbeitet haben. Im Frühjahr 1939 mussten viele Tilsiter Juden ihre Häuser verlassen. Auch die Familie Wernik lebte während der Volkszählung im Mai 1939 nicht mehr im eigenen Haus, sondern in der Deutschen Straße 59.
Ungefähr im Herbst 1939 verließen die Eltern Wernik mit Sohn Siegfried und ihren beiden Töchtern die Heimat Ostpreußen und gingen nach Berlin. Es begann ein Leben zur Untermiete bei anderen Juden. (Dabei bleibt vieles unklar, Daten widersprechen sich, es gibt Lücken, es bleibt die Frage nach dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz.) Nach den wenigen erhaltenen Dokumenten wechselte die Familie zweimal die Wohnung: Zuerst wohnte sie im Bezirk Wilmersdorf in der Sächsischen Straße 7 bei der jüdischen Witwe und Rentiere Ida Jolowicz. Dann zog sie nach Charlottenburg und wohnte dort zur Untermiete bei dem Kaufmann Max Bergwerk in der Bleibtreustraße 17. (Max Bergwerk wurde mit Ehefrau und Tochter am 30. November 1941 nach Riga deportiert.) Die Familie Wenik zog wieder um und fand eine Bleibe bei Martha Treitel (1858–1942) und ihrer Tochter Margarethe (1878–1969) im dritten Stock des Hauses Savignyplatz 4 in Charlottenburg. Untermieter von Martha Treitel können die Weniks nur kurze Zeit gewesen sein: Im Juni 1942 wurden Mutter und Tochter nach Theresienstadt deportiert. Wer war nun der Hauptmieter?
Julius Wenik musste als Lagerarbeiter Zwangsarbeit leisten. Lieselotte, das jüngste Kind, ging noch bis Ende März 1942 zur Schule. Was tat Hanna Renate? Siegbert Wenik hatte wohl anfangs eine „Chemieschule“ (so eine Karteikarte der Reichsvereinigung der Juden) besucht. Später wurde er als Dreher zur Zwangsarbeit bei Ehrich & Graetz verpflichtet, einer Metall- und Elektrofirma in der Elsenstraße 87–96 im Bezirk Treptow. Am 26. Oktober 1941 hatte Siegbert Wenik „laut Besichtigungsbericht der Norddeutschen Metall- Berufsgenossenschaft Berlin vom 26. November 1942 (?) einen Arbeitsunfall an der Drehbank“. – Sein Photo fand sich in einer von zwei Mitarbeiterinnen der Firma geretteten „Schachtel voller Schicksale“ mit mehr als 500 Passfotos von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die zwischen dem Herbst 1940 und Februar 1943 bei Ehrich & Graetz arbeiten mussten.
Am 28. Juli 1942 starb die Mutter Ida Wenik in der Wohnung am Savignyplatz. Wenige Wochen nach ihrem Tod begann die Deportation der anderen Familienmitglieder: Als erster wurde Siegbert Wenik am 15. August 1942 mit fast 1000 Männern, Frauen und Kindern vom Güterbahnhof Moabit aus nach Riga deportiert. Nach drei Tagen Fahrt erreichte der Zug Riga. Die Insassen wurden nicht in das Ghetto von Riga gebracht, sondern gleich nach der Ankunft auf dem Bahnhof Riga-Skirotava in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki ermordet. (Eine einzige Frau soll überlebt haben, weil sie als ausgebildete Krankenschwester gebraucht wurde.)
Siegberts Vater Julius Wenik und seine Schwester Hanna Renate wurden am 9. Dezember 1942 gemeinsam nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Am 12. März 1943 wurde die Schwester Lieselotte nach Auschwitz deportiert. Sie hatte noch immer in der Wohnung am Savignyplatz gelebt, nun bei der Familie Gumpel. Auch Lieselotte Wenik kehrte nicht zurück.

Quellen:
Adressbuch für die Stadt Tilsit und Vororte 1924/25
Einwohnerbuch der Stadt Tilsit 1933, 1939
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Deutscher Reichsanzeiger 1904, 1909, 1919, 1923, 1925, 1934
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich & Graetz, Berlin-Treptow, hrsg.v. Aubrey Pomerance, Reihe Zeitzeugnisse aus dem Jüdischen Museum Berlin, Berlin 2003
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
Julia Larina: Stadtuntergang. Schirwindt, das es nicht mehr gibt, Sankt Augustin/Berlin 2019, pdf
Namensliste selbständiger Unternehmer und Handwerker aus Schirwindt aus 1895
Tilsiter Rundbrief, Ausgabe 1975/76, hrsg.v.d. Stadtgemeinschaft Tilsit
Yad Vashem. Opferdatenbank
https://www.geni.com/people/
https://www.mappingthelives.org/
https://www.statistik-des-holocaust.de/
https://www.juedische-gemeinden.de/
https://arolsen-archives.org/
https://docplayer.org/36995336-Zeitschrift-fuer-die-geschichte-und-altertumskunde-ermlands.html
https://archiv.preussische-allgemeine.de/1973/1973_01_13_02.pdf
Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Informationen von Erich Clef-Prahm, Naomi Mc Keown und Ellen Meyer

Stolperstein Hanna Renate Wenik

Stolperstein Hanna Renate Wenik

HIER WOHNTE
HANNA RENATE
WENIK
JG. 1923
DEPORTIERT 9.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Hanna Renate Wenik kam am 21. Mai 1923 in Tilsit, der ostpreußischen Grenzstadt an der Memel (heute Sovetsk/Russische Föderation) auf die Welt, als das mittlere von drei Kindern des Kaufmannes Julius Wenik (1886–1942) und seiner Ehefrau Ida, geb. Zelasnitzky (1892–1942). Ihr Bruder Siegbert wurde 1921 geboren. Hanna Renate Wenik und ihre Familie haben nur wenige Jahre in Berlin gelebt.
Der Vater Julius Wenik stammte aus Schirwindt an der Grenze zu Litauen. Dort lebten noch immer Verwandte als Lebensmittel- und Textilhändler, andere waren in die größeren Städte, nach Königsberg oder Tilsit, gezogen. Die Mutter stammte aus dem Kreis Ortelsburg. Vater Julius Wenik hatte 1919 geheiratet und in Tilsit gemeinsam mit einem Kompagnon die Firma Leiner & Wenik, ein großes Bekleidungsgeschäft, eröffnet. Hanna Renates Großeltern Zelasnitzki und zwei der vier Onkel mütterlicherseits lebten in Allenstein, wo die Männer als Holzhändler arbeiteten. Die Großeltern starben in Allenstein. Vier Onkel konnten sich Ende der 1930er-Jahre vor den Nationalsozialisten ins Ausland retten.
Am 25. April 1928 kam Lieselotte, die Jüngste, auf die Welt. Anfangs wohnte die Familie zur Miete. Hanna Renate verbrachte ihre Kindheit und Jugend bereits im eigenen Haus des Vaters in der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27, einer Promenade am idyllischen Schlossteich der Stadt. Über ihre Schulzeit gibt es leider keine Information.1934 verließ der Vater die Firma Leiner & Wernik und wurde Mitinhaber und 1935 Alleininhaber des Textilgeschäftes Wenik & Alterthum. Am 30. Mai 1938 wurde das Geschäft von dem Kaufmann und Gastwirt Robert Noetzel „übernommen“.
Im November 1938 wurden auch in Tilsit die Synagoge in Brand gesteckt und die Geschäfte jüdischer Inhaberinnen und Inhaber demoliert. Laut Adressbuch für das Jahr 1939 wohnte die Familie Wenik noch immer im eigenen Haus an der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade. Die kleine Schwester Lieselotte ging noch zur Schule, der Bruder Siegbert war schon berufstätig. Auch Hanna Renate könnte bereits gearbeitet haben. Im Frühjahr 1939 mussten viele Tilsiter Juden ihre Häuser verlassen. Auch die Familie Wernik lebte während der Volkszählung im Mai 1939 nicht mehr im eigenen Haus. – Dass die Eltern und Verwandten große Sorgen und Nöte hatten, werden auch die Kinder gemerkt haben.
Ungefähr im Herbst 1939 verließen die Eltern Wernik mit ihren Kindern die Heimat Ostpreußen und gingen nach Berlin. Es begann ein Leben zur Untermiete bei anderen Juden. (Dabei bleibt vieles unklar, Daten widersprechen sich, es gibt Lücken, es bleibt die Frage nach dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz.) Nach den wenigen erhaltenen Dokumenten wechselte die Familie zweimal die Wohnung: Zuerst wohnte sie im Bezirk Wilmersdorf in der Sächsischen Straße 7 bei der jüdischen Witwe und Rentiere Ida Jolowicz. Dann zog sie nach Charlottenburg und wohnte dort zur Untermiete bei dem Kaufmann Max Bergwerk in der Bleibtreustraße 17. (Max Bergwerk wurde mit Ehefrau und Tochter am 30. November 1941 nach Riga deportiert.) Die Familie Wenik zog wieder um und fand im Frühjahr 1942 eine Bleibe bei Martha Treitel (1858–1942) und ihrer Tochter Margarethe (1878–1969) im dritten Stock des Hauses Savignyplatz 4 in Charlottenburg. Die beiden Frauen wurden im Juni 1942 deportiert. Wer war nun der Hauptmieter?
Was hat Hanna Renate in Berlin getan? Ihre Freizeit war genauso eingeschränkt wie die der kleinen Schwester: Sie durfte nicht in den Zoo, nicht in den Park, nicht auf den Rummelplatz, nicht ins Kino, nicht ins Schwimmbad oder auf den Sportplatz. Seit dem Herbst 1939 gab es in der Wohnung kein Radio mehr. Seit September 1941 musste sie einen gelben Stern tragen, seit März 1942 musste zusätzlich ein Stern an die Wohnungstür befestigt werden.
Der Vater war als Lagerarbeiter zu Zwangsarbeit verpflichtet. Der große Bruder Siegbert Wenik hatte wohl anfangs eine „Chemieschule“ besucht. Später musste er als Dreher Zwangsarbeit leisten. Wo arbeitete Hanna Renate?
Am 28. Juli 1942 starb ihre Mutter in der Wohnung am Savignyplatz. Wenige Wochen danach begann die Deportation der anderen Familienmitglieder: Als erster wurde ihr Bruder Siegbert am 15. August 1942 nach Riga deportiert und dort gleich nach der Ankunft erschossen. Hanna Renate Wenik wurde gemeinam mit ihrem Vater Julius am 9. Dezember 1942 nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Ihre Schwester Lieselotte hatte als „Kind“ auf derselben Transportliste gestanden, war dann aber gestrichen worden. Sie wohnte weiter in der Wohnung im Haus Savignyplatz 4, jetzt bei der jüdischen Familie Gumpel: bei Erich Gumpel, seiner Ehefrau Sabine, ihrer Tochter Marion mit der im Juni 1942 geborene Enkelin Reha. Am 29. Januar 1943 wurde auch die Familie Gumpel deportiert. Lieselotte Wenik wurde am 12. März 1943, nicht ganz 15 Jahre alt, vom Bahnhof Putlitzstraße aus nach Auschwitz verschleppt. Sie kehrte nicht zurück.

Quellen:
Adressbuch für die Stadt Tilsit und Vororte 1924/25
Einwohnerbuch der Stadt Tilsit 1933, 1939
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Deutscher Reichsanzeiger 1904, 1909, 1919, 1923, 1925, 1934
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich & Graetz, Berlin-Treptow, hrsg.v. Aubrey Pomerance, Reihe Zeitzeugnisse aus dem Jüdischen Museum Berlin, Berlin 2003
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
Julia Larina: Stadtuntergang. Schirwindt, das es nicht mehr gibt, Sankt Augustin/Berlin 2019, pdf
Namensliste selbständiger Unternehmer und Handwerker aus Schirwindt aus 1895
Tilsiter Rundbrief, Ausgabe 1975/76, hrsg.v.d. Stadtgemeinschaft Tilsit
Yad Vashem. Opferdatenbank
https://www.geni.com/people/
https://www.mappingthelives.org/
https://www.statistik-des-holocaust.de/
https://www.juedische-gemeinden.de/
https://arolsen-archives.org/
https://docplayer.org/36995336-Zeitschrift-fuer-die-geschichte-und-altertumskunde-ermlands.html
https://archiv.preussische-allgemeine.de/1973/1973_01_13_02.pdf
Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Informationen von Erich Clef-Prahm, Naomi Mc Keown und Ellen Meyer

Stolperstein Lieselotte Wenik

Stolperstein Lieselotte Wenik

HIER WOHNTE
LIESELOTTE WENIK
JG. 1928
DEPORTIERT 12.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Lieselotte Wenik kam am 25. April 1928 in Tilsit, der ostpreußischen Grenzstadt an der Memel (heute Sovetsk/Russische Föderation) auf die Welt, als jüngstes von drei Kindern des Kaufmannes Julius Wenik (1886–1942) und seiner Ehefrau Ida, geb. Zelasnitzky (1892–1942). Ihr Bruder Siegbert war 1921 geboren worden, die Schwester Hanna Renate 1923.
Die Familie Wenik hat nur wenige Jahre in Berlin gelebt.
Lieselottes Vater stammte aus Schirwindt an der Grenze zu Litauen. Dort lebten noch immer Verwandte als Lebensmittel- und Textilhändler, andere waren in die größeren Städte, nach Königsberg oder Tilsit, gezogen. Die Mutter stammte aus dem Kreis Ortelsburg. Vater Julius Wenik hatte 1919 geheiratet und in Tilsit gemeinsam mit einem Kompagnon die Firma Leiner & Wenik, ein großes Bekleidungsgeschäft, eröffnet. Lieselottes Großeltern Zelasnitzki und zwei der vier (?) Onkel mütterlicherseits lebten in Allenstein, wo die Männer als Holzhändler arbeiteten. Die Großeltern starben in Allenstein. Vier Onkel konnten sich Ende der 1930er-Jahre vor den Nationalsozialisten ins Ausland retten.
Anfangs wohnte die Familie in Tilsit zur Miete. Lieselotte verbrachte ihre Kindheit bereits im eigenen Haus des Vaters in der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27, einer Promenade am idyllischen Schlossteich der Stadt. Das Haus in der Nähe des Teichs und einer Grünanlage war sicherlich ein schöner Ort für das Kind. Ostern 1934 wurde Lieselotte Wenik eingeschult. Der Vater verließ zu dieser Zeit die Firma Leiner & Wernik und wurde Mitinhaber und 1935 Alleininhaber des Textilgeschäftes Wenik & Alterthum. Am 30. Mai 1938 wurde das Geschäft von dem Kaufmann und Gastwirt Robert Noetzel „übernommen“.
Im November 1938 wurden auch in Tilsit die Synagoge in Brand gesteckt und die Geschäfte jüdischer Inhaberinnen und Inhaber demoliert. Laut Adressbuch für das Jahr 1939 wohnte die Familie Wenik noch immer im eigenen Haus an der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade. Im Frühjahr 1939 mussten viele Tilsiter Juden ihre Häuser verlassen. Auch die Familie Wernik lebte während der Volkszählung im Mai 1939 nicht mehr im eigenen Haus. – Dass die Eltern und Verwandten große Sorgen und Nöte hatten, wird auch Lieselotte gemerkt haben.
Ungefähr im Herbst 1939 verließen die Eltern Wernik mit ihren Kindern die Heimat Ostpreußen und gingen nach Berlin. Es begann ein Leben zur Untermiete bei anderen Juden. (Dabei bleibt vieles unklar, Daten widersprechen sich, es gibt Lücken, es bleibt die Frage nach dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz.) Nach den wenigen erhaltenen Dokumenten wechselte die Familie zweimal die Wohnung: Zuerst wohnte sie im Bezirk Wilmersdorf in der Sächsischen Straße 7 bei der jüdischen Witwe und Rentiere Ida Jolowicz. Dann zog sie nach Charlottenburg und wohnte dort zur Untermiete bei dem Kaufmann Max Bergwerk in der Bleibtreustraße 17. (Max Bergwerk wurde mit Ehefrau und Tochter am 30. November 1941 nach Riga deportiert.) Die Familie Wenik zog wieder um und fand im Frühjahr 1942 eine Bleibe bei Martha Treitel (1858–1942) und ihrer Tochter Margarethe (1878–1969) im dritten Stock des Hauses Savignyplatz 4 in Charlottenburg. Die beiden Frauen wurden im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert. Wer war nun Hauptmieter der Wohnung?
Lieselotte Wenik kam nach Berlin, als den Juden das Betreten öffentlicher Orte bereits verboten war, sie durfte also nicht in den Zoo, nicht in den Park, nicht auf den Rummelplatz, nicht ins Kino, nicht ins Schwimmbad oder auf den Sportplatz. Auch die Städtischen Jugendbüchereien waren ihr verschlossen. Seit dem Herbst 1939 gab es in der Wohnung kein Radio mehr – keine Musik, keinen Kinderfunk. Seit September 1941 musste auch Lieselotte Wenik einen gelben Stern tragen, seit März 1942 musste zusätzlich ein Stern an die Wohnungstür befestigt werden.
Der Vater war als Lagerarbeiter zu Zwangsarbeit verpflichtet. Der große Bruder Siegbert Wenik hatte wohl anfangs eine „Chemieschule“ besucht. Später musste er als Dreher Zwangsarbeit leisten. Was tat Hanna Renate?
Lieselotte Wenik war im Januar 1940 in die 6. Klasse einer Volksschule (welcher?) aufgenommen worden und absolvierte bis Ende März 1942 die acht vorgeschriebenen Schuljahre. Am 28. Juli 1942 starb ihre Mutter in der Wohnung am Savignyplatz. Wenige Wochen danach begann die Deportation der anderen Familienmitglieder: Als erster wurde Siegbert Wenik am 15. August 1942 nach Riga deportiert und dort gleich nach der Ankunft ermordet. Vater Julius Wenik und Schwester Hanna Renate wurden am 9. Dezember 1942 gemeinsam nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Lieselotte hatte als „Kind“ auf der Transportliste gestanden, war dann aber gestrichen worden. (War sie Zwangsarbeiterin? Nachdem im Juni 1942 auch die jüdischen Schulen geschlossen worden waren, wurden die jüdischen Kinder und Jugendlichen schon mit 14 Jahren zur Zwangsarbeit herangezogen.) Lieselotte Wenik war nun allein. Aber sie wohnte weiter in der Wohnung im Haus Savignyplatz 4, jetzt bei der Familie Gumpel: Erich Gumpel, seiner Ehefrau Sabine, ihrer Tochter Marion mit der im Juni 1942 geborene Enkelin Reha. Am 29. Januar 1943 wurde auch die Familie Gumpel deportiert.
Lieselotte Wenik wurde am 12. März 1943, nicht ganz 15 Jahre alt, vom Bahnhof Putlitzstraße aus nach Auschwitz verschleppt. (Laut Transportliste hatte sie noch immer bei Gumpel gewohnt.) Es war der letzte Transport im Rahmen der „Fabrikaktion“. Sie kehrte nicht zurück.

Quellen:
Adressbuch für die Stadt Tilsit und Vororte 1924/25
Einwohnerbuch der Stadt Tilsit 1933, 1939
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Deutscher Reichsanzeiger 1904, 1909, 1919, 1923, 1925, 1934
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich & Graetz, Berlin-Treptow, hrsg.v. Aubrey Pomerance, Reihe Zeitzeugnisse aus dem Jüdischen Museum Berlin, Berlin 2003
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
Julia Larina: Stadtuntergang. Schirwindt, das es nicht mehr gibt, Sankt Augustin/Berlin 2019, pdf
Namensliste selbständiger Unternehmer und Handwerker aus Schirwindt aus 1895
Tilsiter Rundbrief, Ausgabe 1975/76, hrsg.v.d. Stadtgemeinschaft Tilsit
Yad Vashem. Opferdatenbank
https://www.geni.com/people/
https://www.mappingthelives.org/
https://www.statistik-des-holocaust.de/
https://www.juedische-gemeinden.de/
https://arolsen-archives.org/
https://docplayer.org/36995336-Zeitschrift-fuer-die-geschichte-und-altertumskunde-ermlands.html
https://archiv.preussische-allgemeine.de/1973/1973_01_13_02.pdf
Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Informationen von Erich Clef-Prahm, Naomi Mc Keown und Ellen Meyer