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Stolpersteine Savignyplatz 4

Link zu: Savignyplatz 4, 3.8.2011
Savignyplatz 4, 3.8.2011
Bild: Bezirksamt KHMM

Die beiden Stolpersteine für Erna Jacobi und Martha Treitel wurden am 11.12.2007 vor dem Hauseingang Savignyplatz 4 verlegt.

Am 7.6.2011 wurden am Savignyplatz 4 unter Beteiligung von ca. 30 Angehörigen und Freunden aus Neuseeland, Australien, Israel sowie Deutschland weitere vier Stolpersteine für Julius, Siegbert, Hanna Renate und Lieselotte Wenik verlegt.

Link zu: Stolperstein für Erna Jacobi, 8.8.2011
Stolperstein für Erna Jacobi, 8.8.2011
Bild: Bezirksamt KHMM

HIER WOHNTE
ERNA JACOBI
JG. 1891
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
7.2.1941

Erna Jacobi kam am 23. Januar 1891 als jüngstes Kind des Kaufmanns Joseph Jacobi (1846–1903) und seiner Ehefrau Amalie Sophie Jacobi geb. Steindahl (1857–1926) auf die Welt. Der Vater stammte aus der Kleinstadt Schönlanke/Westpreußen (heute Trzcianka in Polen). Die Mutter war Berlinerin, ihre Familie lebte in der Gitschinerstraße im heutigen Kreuzberg. Joseph Jacobi war „Wäschefabrikant“, Spezialität: Kragen und Manschetten. Er lebte mit seiner Frau, die er 1882 geheiratet hatte, während der ersten Ehejahre in Berlin-Mitte und in der Schwedter Straße 268 in Prenzlauer Berg. (Das Haus in der Nähe des Teutoburger Platzes ist heute ein Berliner Baudenkmal.) Dort kamen auch die ersten Kinder auf die Welt, die jedoch kurz nach der Geburt starben. Am Leben blieben der 1886 geborene Sohn Kurt und die 1888 geborene Tochter Katharina (Käthe).

Erna Jacobi wurde schon in der Wallnertheaterstraße 7 geboren – eine Straße, in der viele Juden lebten, die gerade aus dem Osten nach Berlin gekommen waren. Der Vater hatte das Haus in Berlin-Mitte gekauft. Er muss ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen sein, denn bereits 1896/1897 zog die Familie weiter nach „Westen“: Joseph Jacobi kaufte in Charlottenburg, das noch eine Stadt bei Berlin war, das Mietshaus Savignyplatz 4. Die neu angelegte Grünanlage des Platzes lag vor der Tür, in den Bauten der Gründerzeit lebte wohlsituiertes Bürgertum. (Im Nachbarhaus Nr. 3/ Ecke Kantstraße öffnete 1898 „C. ADOLPH Eisenwaren“ – bis heute ein florierendes Geschäft.) – Erna Jacobi, beim Umzug noch ein Vorschulkind, sollte hier bis zu ihrem Tod leben.

Die Familie wohnte in einer 4-Zimmer-Wohnung im Hochparterre. Der Vater war nun Rentier, lebte mit Ehefrau und Kindern „standesgemäß“ vom Vermögen, der Bruder ging zum Gymnasium. Wie verbrachten Erna Jacobi und ihre Schwester Kindheit und Jugend? Wenn standesgemäß, dann nach der Töchterschule mit dem „Warten“ auf einen Ehemann. 1903 starb der Vater, die Mutter Sophie Jacobi erbte das Haus. 1926 starb die Mutter. Die Kinder erbten die Häuser in Charlottenburg und in Mitte. Erna Jacobis Bruder Kurt und die Schwester Käthe waren inzwischen verheiratet. Sie selbst war ledig geblieben.

Erna Jacobi verwaltete nun das Haus am Savignyplatz. Dies war die einzige „sichtbare“ Tätigkeit, die sich aus den Akten ergab. – Längst waren auch andere Frauenleben möglich: Grete Treitel (1878–1969), die Tochter der Mieterin Martha Treitel (1858–1942 Theresienstadt), die ebenfalls unverheiratet mit ihrer Mutter zusammenlebte, arbeitete als Geschäftsführerin einer Firma. Und im Nachbarhaus Nr. 3 war bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Praxis der Ärztin Dr. Alice Profé (*1867), die anfangs noch in Zürich hatte studieren müssen.

1938 verkauften die Geschwister die Häuser. Vom Erlös erhielten sie nur wenig. Erna Jacobi blieb als Mieterin am Savignyplatz 4. Ihre mit dem Kaufmann Max Levy verheiratete Schwester Käthe, die zuletzt ebenfalls in Charlottenburg gelebt hatte, emigrierte im Januar 1939 nach London. Ihr Bruder Kurt Jacobi starb 1940 in Berlin. (Die Schwägerin Fanny Jacobi wurde am 14. November 1941 nach Minsk deportiert und ermordet.)
Erna Jacobi war allein. Über ihr Leben berichtete sie der Schwester nach London. Sie war wie alle Juden der alltäglichen Entrechtung durch die Maßnahmen der Behörden ausgeliefert: 1939 musste sie ihren wertvollen Familienschmuck abliefern. Als sie die „Judenvermögensabgabe“ und wohl auch über den „Sicherheitsbescheid“ die „Reichsfluchtsteuer“ bezahlen musste, war sie ganz besonders empört: Nie hatte sie daran gedacht, Deutschland zu verlassen.

Am 7. Februar 1941 (das Datum ist nicht gänzlich gesichert) nahm sich Erna Jacobi in ihrer Wohnung am Savignyplatz das Leben.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Recherchen: Nachlass Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Berliner Telefonbücher;
Datenbank Ärztinnen im Kaiserreich;
Christian Goeschel: Selbstmord im Dritten Reich, Berlin 2011;
https://www.geni.com/people/;
http://www.juedische-gemeinden.de.

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Link zu: Stolperstein für Martha Treitel, 8.8.2011
Stolperstein für Martha Treitel, 8.8.2011
Bild: Bezirksamt KHMM

HIER WOHNTE
MARTHA TREITEL
GEB. BALL
JG. 1858
DEPORTIERT 11.6.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 28.12.1942

Martha Ball wurde am 21. November 1858 in Berlin als Tochter des Kaufmanns und Bankiers Salomo Ball (1826–1902) und seiner Ehefrau Therese, geb. Krug, (1838–1904) geboren. Die Eltern zogen während ihrer Kindheit oft um, wohnten in Friedrichshain und in Mitte.
Der Vater stammte aus Calau, einem kleinen Ort in der Nähe von Cottbus. Dort waren die Mitglieder der Familie Ball die einzigen Juden. Großvater Meyer Ball (1789–1876), der als Wollhändler wohlhabend geworden war, hatte 1825 ein Haus gekauft, das zum „Familienhaus“ wurde – auch das „Calauer Judenhaus“ genannt. Hier traf sich die ganze Familie bis in die 1930er-Jahre. Von Meyer Balls sechs Töchtern und drei Söhnen zogen bis auf eine unverheiratete Tochter alle nach Berlin. Marthas Vater Salomo und seine Brüder Jacob (1823–1887) und Alwin (1928–1896) führten hier die angesehene Privatbank „Meyer Ball Söhne“.
Die Mutter Therese stammte aus einer evangelischen, nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten „arischen“ Familie und war zum Judentum konvertiert. So galt Martha Treitel später als „Halbjüdin“, eine Einstufung, die das Leben retten konnte, aber nicht musste. 1864 heiratete sie Salomo Ball. Die fünf Kinder des Paares – Martha und ihre vier jüngeren Brüder Arthur (1860–1917), Albert (1861–1862), Waldemar (1863–1915) und Viktor (1864–1913) – waren bereits geboren. Sie wurden im Berliner Dom von Hofprediger Hengstenberg evangelisch getauft und von Salomo Ball nachträglich „legitimiert“.

Martha Ball verbrachte ihre Kindheit in der Landsberger Straße. Laut Berliner Adressbuch zogen die Eltern 1873 zum Blumeshof 16, in eine ruhige Privatstraße im großbürgerlichen Lützowviertel. (Die Straße zwischen Schöneberger Ufer und Lützowstraße gibt es nicht mehr.) Hier lebte Martha Ball bis zu ihrer Hochzeit.

Knapp 18 Jahre alt, heiratete sie 1876 den 1848 in Betsche im Kreis Meseritz (heute Pszczew in Polen) geborenen Kaufmann Julius Treitel, der ein Jahr vorher ein Getreide- und Commissionsgeschäft gegründet hatte. Das Ehepaar bekam vier Kinder: 1878 Margarethe (Grete), 1880 Charlotte Helene, 1883 Hans und Elisabeth, die an Krebs starb.

Das Ehepaar lebte anfangs in Berlin-Mitte und zog 1904 nach Charlottenburg (damals noch eine selbstständige Stadt bei Berlin) an den Savignyplatz Nr. 4.
1902 starb Marthas Vater Salomo Ball, 1904 ihre Mutter Therese, die noch immer im Haus Blumeshof 16 gewohnt hatte. 1910 starb ihr Ehemann Julius Treitel. Die Tochter Helene heiratete 1914 einen Herrn Cohn, Sohn Hans wurde Diplomingenieur. Tochter Margarethe lebte unverheiratet mit der Mutter in der Wohnung am Savignyplatz und arbeitete als Geschäftsführerin bei der Firma Gost & Co. Im „Dritten Reich“ wurde sie entlassen. Sohn Hans emigrierte 1937 mit Frau und Kind nach Palästina.

Mutter und Tochter gaben nicht auf: Sie vermieteten Zimmer, gaben (anfangs wohl freiwillig) alles von Wert weg, Tochter Margarethe übernahm Schreibarbeiten. Seit Ende 1940 war sie Zwangsarbeiterin bei der Batteriefabrik Pertrix, einem Rüstungsbetrieb.

Am 11. Juni 1942 wurde Martha Treitel vom Anhalter Bahnhof in das Ghettolager Theresienstadt deportiert. Ihre Tochter Margarethe begleitete sie freiwillig. Martha Treitel kam bereits ein halbes Jahr später, am 28. Dezember 1942, in Theresienstadt um.

Margarethe traf dort 1943 ihren Vetter Richard Treitel (1879–1947), Jurist und Journalist der „Weltbühne“. Beide erlebten die Befreiung. Margarethe Treitel schlug sich nach Berlin durch, lebte anfangs in dem DP-Lager im Jüdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding und kehrte dann in die alte Wohnung am Savignyplatz zurück. Sie starb am 17. Januar 1969 in Berlin. Das „Familienhaus“ in Calau war Ende des Krieges abgebrannt.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Kurt Jacob Ball-Kaduri: Jüdisches Leben einst und jetzt: Das Calauer Judenhaus – Erlebtes Israel, München 1961;
Berliner Telefonbücher;
Landesarchiv Berlin – Personenstandsunterlagen über ancestry;
https://www.geni.com/people/;
https://www.luckauer-juden.de;
https://www.hagalil.com/2012/07/treitel/

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Link zu: Stolperstein Julius Wenik
Stolperstein Julius Wenik
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

HIER WOHNTE
JULIUS WENIK
JG. 1886
DEPORTIERT 9.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Julius Wenik wurde am 29.3.1886 in Schirwindt geboren.

Link zu: Stolperstein Siegbert Wenik
Stolperstein Siegbert Wenik
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

HIER WOHNTE
SIEGBERT WENIK
JG. 1921
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Siegbert Wenik wurde am 25.4.1921 in Tilsit geboren. Er war Zwangsarbeiter in der Fa. Ehrich & Graetz.

Link zu: Stolperstein Hanna Renate Wenik
Stolperstein Hanna Renate Wenik
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

HIER WOHNTE
HANNA RENATE
WENIK
JG. 1923
DEPORTIERT 9.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Hanna Renate Wenik wurde am 21.5.1923 in Tilsit geboren.

Link zu: Stolperstein Lieselotte Wenik
Stolperstein Lieselotte Wenik
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

HIER WOHNTE
LIESELOTTE WENIK
JG. 1928
DEPORTIERT 12.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Lieselotte Wenik wurde am 25.4.1928 in Tilsit geboren.