Stolpersteine Deidesheimer Str. 8

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Die Stolpersteine wurden am 7.6.2011 verlegt.

Stolperstein für Elfriede Wolff, Foto: Frank Janotta-Simons

Stolperstein für Elfriede Wolff, Foto: Frank Janotta-Simons

HIER WOHNTE
ELFRIEDE WOLFF
JG. 1877
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Elfriede Wolff wurde am 16. Dezember 1877 in der Neuen Königstraße 77 in Berlin geboren. Für ihre Eltern, den aus Leipzig stammenden Kaufmann und Maschinenfabrikanten Julius Juda Wolff (*8. August 1843) und dessen Ehefrau Laura geborene Löwenstein (*4. Dezember 1846), war sie das dritte Kind von insgesamt fünf Kindern. Ihre Schwester Emma (*7. August 1874) war drei Jahre älter als sie. Ihre Schwester Margarethe (*24. Mai 1876) wurde nur fünf Tage alt. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee beigesetzt. Drei Jahre nach Elfriede kam ihr jüngerer Bruder Theodor (*25. Juli 1880) in dem damals thüringischen (heute Sachsen-Anhalt) Sangerhausen zur Welt, wohin die Familie in der Zwischenzeit umgezogen war. Auch ihr jüngster Bruder Georg (*7. April 1886) wurde in Sangerhausen geboren. Um 1890 ging die Familie zurück nach Berlin, wo die Söhne höhere Schulen besuchten und anschließend studierten. Auch Elfriede und Emma werden vermutlich eine höhere schulische Bildung genossen haben.

Als Elfriedes Schwester Emma am 21. Mai 1900 mit 25 Jahren den Schneidermeister Arnot Erber (*1. Februar 1877) heiratete, wohnte die Familie Wolff in der Breiten Straße 3a in Berlin-Pankow. Emma und Arnot wurden Eltern von zwei Kindern, Hedwig (*20. März 1901) und Kurt (*2. Juni 1902).

Am 9. Februar 1904 heiratete Elfriedes Bruder Theodor seine evangelische, aus Breslau stammenden Verlobte Gertrud Traeger. Sie wurden Eltern von drei Töchtern, Edith (*1904), Sylvia (*1905) und Charlotte (*1907). Theodor wurde später Dr. phil. und Schriftsteller von Beruf. Er veröffentlichte unter dem Namen Dr. Theodor Wolff-Thüring, um sich von seinem Namensvetter, dem Publizisten und Chefredakteur des Berliner Tageblatts Theodor Wolff, zu unterscheiden.

Elfriedes Bruder Georg studierte Medizin und wurde Arzt von Beruf. Georg (*7. April 1886) heiratete am 11. Januar 1919 die aus Husum stammende Ida Christina Christiansen (*5. April 1891). Sie wurden Eltern von zwei Kindern, Renate (*16. März 1920) und Peter Christian (*5. Februar 1923).

Elfriede blieb ledig und wohnte vermutlich bei ihren Eltern in der Albestraße 7 in Berlin-Friedenau. Ihre Mutter starb im 74. Lebensjahr am 27. April 1920. Vier Jahre später starb am 17. März 1924 mit 80 Jahren ihr Vater. Danach wird sie in die nahe gelegene Deidesheimer Straße 8 in ihre erste und letzte freigewählte Wohnung umgezogen sein. Hier wohnte sie auch noch während der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939.

Ihre ältere Schwester Emma war schon am 20. März 1927 mit 52 Jahren gestorben. Dem Witwer Arnot Erber und seinen Kindern gelang die Flucht nach Neuseeland. Elfriedes jüngster Bruder Georg war mit seiner Familie am 11. November 1937 in die USA emigriert.

Wann Elfriede zur Untermiete bei den Eheleuten Albert (*1884) und Johanna Kleinberger geborene Ney (*1893) in die Kaiserallee 79a (heute Bundesallee 79) zog, ist nicht bekannt. Im gleichen Haus wohnte seit 1910 ihr Bruder Theodor mit seiner Familie in einer Fünf-Zimmer-Wohnung.

Eigentlich wäre Theodor durch die „privilegierte Mischehe“ mit einer „Arierin“ vor der Deportation geschützt gewesen. Doch die Gestapo nahm ihn am 25. Januar 1943 fest und brachte ihn in verschiedene Berliner Gefängnisse. Ohne Wissen seiner Familie wurde er zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Auschwitz deportiert.

Bei der “Fabrikaktion” am 28. Februar 1943 setzte die Gestapo die 55-jährige Elfriede Wolff bei der Zwangsarbeit fest und brachte sie in ein Sammellager. Mit dem 35. Osttransport wurde sie mit mehr als 1.800 Leidensgenossinnen und -genossen am 2. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich kurz nach der Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Alfred und Johanna Kleinberger, Elfriedes Vermieter, entgingen der Deportation durch Suizid. Beide starben am 4. März 1943 an einer Schlafmittelvergiftung im Jüdischen Krankenhaus.

Elfriedes Bruder Dr. phil. Theodor Wolff wurde am 20. Juli 1943 in Auschwitz ermordet. Für ihn wurde am 5. Juni 2004 ein Stolperstein in der Bundesallee 79 verlegt.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
  • Stolpersteinbiografie für Dr. Theodor Wolff von Dr. Ruth Federspiel
Stolperstein für Melanie Schliemann, Foto: Frank Janotta-Simons

Stolperstein für Melanie Schliemann, Foto: Frank Janotta-Simons

HIER WOHNTE
MELANIE
SCHLIEMANN
GEB. SCHLESINGER
JG. 1880
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
19.3.1941

Melanie Schliemann wurde als Melanie Schlesinger am 4. April 1880 in Berlin geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Max Schlesinger (*1840) und dessen Ehefrau Cäcilie geborene Mosessohn (*1848), war sie das jüngste von insgesamt sieben Kindern. Ihre älteste Schwester Adele (*28. Januar 1869) war bei Melanies Geburt elf Jahre, Georg (1870-1941) zehn Jahre, William (*16. März 1871) neun Jahre, Gertrud (*10. Januar 1873) sieben Jahre, Else Paula (*18. Dezember 1876-1944) vier Jahre alt und Margarete (*9. Februar 1879) ein Jahr.

Melanie wurde Kontoristin von Beruf. Ihre Schwester Else heiratete am 4. März 1899 mit 22 Jahren den Kaufmann Abraham, genannt Adolf, Heymann. Damals wohnte die Familie Schlesinger in der Achenbachstraße 20. Melanies Bruder Georg emigrierte schon 1900 in die USA und heiratete dort am 28. Februar 1901 Rosa Munkel (*1880). Margarete heiratete am 3. Februar 1906 Georg Lachmann. Melanies Vater starb mit 68 Jahren am 2. Juni 1907, als sie 17 Jahre alt war. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt

Wann und wo Melanie ihren späteren Ehemann, den evangelischen Kaufmann Franz Heinrich Albert, genannt Franz, Schliemann (*21. Dezember 1882) kennenlernte, ist nicht bekannt. Er war der Sohn des Schuhmachermeisters Heinrich Wilhelm Christian Theodor Schliemann und dessen Ehefrau Anna Sophie geborene Timme aus Berlin-Neukölln. Die 31-jährige Melanie und der 28-jährige Franz heirateten am 12. Oktober 1911 in Deutsch-Wilmersdorf. Melanie wohnte vor der Hochzeit zusammen mit ihrer Mutter und ihrem älteren Bruder William in der Uhlandstraße 79 in Deutsch-Wilmersdorf. Nach der Hochzeit zog sie vermutlich zu ihrem Mann in die Deidesheimer Straße 4 und später in die Deidesheimer Straße 8. Ihre Ehe blieb kinderlos.

Ihr Bruder William heiratete am 16. Juli 1912 die aus Galizien stammende Pensionsbesitzerin Marjem Zaftlas. Melanies Mutter Cäcilie starb am 2. Mai 1923 mit 74 Jahren. Im jüdischen Adressbuch 1931/32 ließ Melanie ihren Namen und ihre Wohnanschrift Deidesheimer Straße 8 veröffentlichen. Am 13. Januar 1939 starb ihre älteste Schwester Adele im jüdischen Krankenhaus kurz vor ihrem 70. Geburtstag. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren Melanie und Franz weiterhin in der Deidesheimer Straße 8 gemeldet. Ihre Schwester Margarete Lachmann geborene Schlesinger war zu diesem Zeitpunkt Patientin in der Landesanstalt Eberswalde in der dortigen Oderberger Straße 8, danach verliert sich ihre Spur. Ihrer Schwester Else gelang noch rechtzeitig die Flucht nach Schweden.

Als Melanie 60 Jahre alt war, starb am 1. August 1940 ihr Ehemann Franz im Gertrauden-Krankenhaus in der Paretzer Straße 11/12 an Schwund der roten Blutkörperchen und Kräfteverfall. Melanie blieb allein zurück. Als Jüdin wurde sie durch die nationalsozialistische Gesetzgebung immer mehr entrechtet und gedemütigt. In ihrem Leben sah sie keinen Sinn mehr, deshalb entschied sie sich für den Freitod. Sie drehte den Gasherd in ihrer Küche auf und atmete das damals genutzte Leuchtgas (Stadtgas) ein, welches einen hohen Anteil an Kohlenmonoxid beinhaltete. Schon nach kurzer Zeit führte das Einatmen des Leuchtgases zur Bewusstlosigkeit und schließlich zum Tod.

Am 19. März 1941 um 14.30 Uhr wurde sie tot in ihrer Wohnung in der Deidesheimer Straße 8 aufgefunden. Als Todesursache wurde Selbstmord durch Leuchtgasvergiftung festgestellt. Melanie Schliemann geborene Schlesinger starb kurz vor ihrem 61. Geburtstag. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Vermutlich waren ihre Schwester Gertrud und ihr Bruder Willy anwesend. Die Gestapo deportierte Gertrud Schlesinger ein halbes Jahr später am 18. Oktober 1941 nach Lodz (Łódź, Polen) und am 4. Mai 1942 weiter in das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno, Polen), wo sie sie ermordeten. Melanies Bruder Willi überlebte den Holocaust.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage