HIER WOHNTE
ANNA SPINGARN
JG. 1872
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
21.4.1942
Anna Spingarn wurde am 8. Juni 1872 in Kattowitz (Katowice) in Oberschlesien als drittes von insgesamt vier Kindern geboren. Ihr aus Krakau stammender Vater, der Kaufmann Berel David Spingarn (*1835), war bei ihrer Geburt 37 Jahre und ihre Mutter Rosalie Hirschberg (*1845) 27 Jahre alt. Anna hatte zwei große Schwestern, Auguste (*2. Mai 1867) und Rebecca Rosalie (*20. Mai 1869). Am 12. August 1874 bekamen die drei Schwestern einen kleinen Bruder mit Namen Louis (*12. August 1874).
Annas älteste Schwester Auguste, genannt Gitel, heiratete in Beuthen, wohin die Familie in der Zwischenzeit gezogen war, am 24. März 1891 den Kaufmann Salo Perl und bekam am 15. Dezember 1891 ihr erstes Kind, Leo, der nur 9 Jahre alt wurde. Ihre Tochter Frida wurde 1893 und Gertrud 1896 geboren.
Annas Schwester Rebecca Rosalie, genannt Rosa, heiratete mit 29 Jahren am 1. August 1898 in Beuthen den jüngeren Bruder ihres Schwagers, den Kaufmann Alfred Perl (*26. April 1866). Bei der Hochzeit war Augustes Ehemann noch Trauzeuge, wenig später starb er. Wann genau Auguste Witwe wurde, konnte nicht recherchiert werden.
Am 30. Dezember 1909 heiratete die Geschäftsinhaberin Auguste Gitel Perl in zweiter Ehe den Fabrikbesitzer Hermann Oswald Tannert (*1880). Nach der Heirat zog Auguste mit ihren beiden Töchtern nach Wehrsdorf bei Bautzen in Sachsen, wo ihr zweiter Ehemann wohnte. Anna, die von ihrer Familie Hannchen genannt wurde, war damals 37 Jahre alt und ledig.
Am 26. Januar 1918 starb ihr Vater, der Privatier David Spingarn, mit 82 Jahren. Ihre Mutter wurde mit 72 Jahren Witwe. Es ist nicht bekannt, wann sie gestorben ist. Annas Bruder soll in die USA emigriert sein. Eine Quelle dazu konnte nicht gefunden werden.
Auch ist nicht bekannt, wann Anna nach Berlin ging. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie als Untermieterin bei dem aus den Niederlanden stammenden Ingenieur Franz van den Brock (*1882) in der Deidesheimer Str. 9 gemeldet. Im Haus wohnte damals noch das Ehepaar Else und Isidor Friedenthal. Sie wanderten 1940 nach Palästina aus. Ihr Untermieter Nathan Havelland wurde daraufhin in die Elsässer Straße 20 (heute Torstraße in Mitte) eingewiesen.
Anna Spingarn blieb als einzige jüdische Mieterin im Haus zurück. Am 18. Oktober 1941 verließ der erste Deportationszug Berlin. Der Bevölkerung wurde mitgeteilt, dass die Deportierten in den Osten umgesiedelt würden. Im April 1942 waren insgesamt schon circa 13.000 Menschen aus Berlin deportiert worden. Um dem Schicksal einer Deportation zu entgehen, setzte Anna ihrem Leben selbst ein Ende, indem sie eine Überdosis des Schlafmittels „Veronal“ einnahm.
Am 21. April 1942 um 21 Uhr und 30 Minuten wurde die Rentnerin Anna Spingarn in ihrer Wohnung von der Polizei tot aufgefunden. Als Todesursache wurde Selbstmord aufgrund einer Veronal Vergiftung festgehalten. Sie starb kurz vor ihrem 70. Geburtstag und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.
Text und Recherche: Gundula Meiering, Februar 2025
Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Arolsen Archives – Karteikarten;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über Ancestry;
My Heritage