Stolpersteine Giesebrechtstr. 19

Hauseingang Giesebrechtstr. 19, Foto:B.Plewa

Hauseingang Giesebrechtstr. 19

Vor dem Haus Giesebrechtstraße 19 wurde der Stolperstein für Elisabeth Levysohn am 11.12.2006 verlegt.
Ergänzend wurden am 08.05.2011 die Stolpersteine für Ida, Ella Gertrud und Kurt Fabian, Kurt Dietrich, Herbert Kayser, Wilhelmine Herzfeld, Fritz Meyer, Karl Kauffmann, Margarete Oppler verlegt.

Der Stolperstein für Ida Fabian wurde von Thomas Testorf gespendet. Der Stolperstein für Ella Fabian wurde von Beate Jensen gespendet. Der Stolperstein für Kurt Fabian wurde von Christian Testorf gespendet. Susanne Grams, Ferdinand Hocho, Marianne Langfeldt – von Hase, Sigmar und Gabriele Roehr, E. und A. Rosenkranz, Jürgen Schleicher, Michael Sintek und Emma Sonne, Andrea Viёtor beteiligten sich auch an der Spendenaktion.

Stolperstein für Elisabeth Levysohn, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Elisabeth Levysohn

HIER WOHNTE
ELISABETH
LEVYSOHN
JG. 1879
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 17.5.1943

Am 1. Dezember 1879 brachte Laura Levysohn geb. Kurtzig in Gnesen, Posen (poln. Gniezno) Zwillinge auf die Welt, zwei Mädchen, welche die Namen Elisabeth und Margarete erhielten. Der Vater war der Kaufmann Jacob Levysohn. Das Paar hatte bereits zwei Söhne: Julius und Paul, 1873 und 1876 geboren.

Nur ein Jahr nach Elisabeths Geburt starb Jacob Levysohn und Laura blieb mit ihren vier Kindern in Gnesen zurück. Folgt man den Berliner Adressbüchern, nahm sie um 1906 eine Wohnung in Berlin in der Bleibtreustraße 52. Unklar bleibt, ob sie und ihre Kinder zwischen 1880 und 1906 die ganze Zeit in Gnesen lebten. Wenige Jahre später ist als Hauptmieter in der Berliner Wohnung der Sohn Julius eingetragen und 1912 hat dieser – ebenfalls in der Bleibtreustraße 52 – einen Futtermittelhandel im Handelsregister angemeldet. Ein Jahr später ist die Firmen- und Wohnadresse in der Giesebrechtstraße 19. Dort ist ab 1915 im Adressbuch ebenfalls wieder Laura registriert. Auch ihre Tochter Elisabeth hat seit 1914 in der Giesebrechtstraße 19 gelebt, was zu der Annahme berechtigt, dass sie auch vorher mit der Mutter zusammengewohnt hat.

Elisabeth Levysohn hatte eine Gesangsausbildung gemacht, sie wurde Konzert- und Oratoriensängerin, gab Gesangsunterricht und Repetitorien für bekannte Sänger. Sie legte sich den Künstlernamen Elisabeth Lee an, unter dem sie auch später im Adressbuch vermerkt ist. Auch Julius änderte seinen Namen in Julius Kühlbrandt. 1920 starb Laura – Elisabeth und Julius wohnten weiterhin in der Giesebrechtstraße. In diesem Jahr, ließ sich auch Elisabeths Bruder Paul mit Frau und Kindern in Berlin nieder. Er war bis dahin Apotheker in Arys/Allenstein (Ostpreußen) gewesen. Auch in Berlin übte er weiter seinen Beruf aus.

Elisabeth blieb ledig. Aber sie hatte eine enge Verbindung zu ihrer Zwillingsschwester Margarete, die mittlerweile den Juristen Adolf Grünberg geheiratet hatte, und zu deren zwei Töchtern, Lilly und Magdalene (Magda). Elisabeth hatte viel Einfluss auf die musische Entwicklung der Nichten.

Mit der NS-Regierung kam die Diskriminierung und schließlich Verfolgung der Juden und die beruflichen Möglichkeiten Elisabeths dürften zurückgegangen sein. Auftritte als Sängerin konnte sie höchstens noch beim Jüdischen Kulturbund bekommen haben, sie war aber noch als Gesanglehrerin tätig. Ihr Bechstein – Flügel stand in der 6-Zimmerwohnung in der Giesebrechtstraße. Allerdings wurde es dort enger: Nicht nur Julius und Elisabeth wohnten dort, ab etwa 1938 zogen auch Margarete, Adolf und Magda ein, sie hatten ihre eigene Wohnung in der Bismarckstraße aufgeben müssen.

Am 4. Februar 1939 starb Julius (auch Julian genannt) im Hospital der Jüdischen Gemeinde im Wedding an einem Schlaganfall. Ende 1940 emigrierte Familie Grünberg nach Uruguay. Paul war bereits im Mai 1939 die Flucht nach Shanghai gelungen. Von den Geschwistern blieb nur Elisabeth zurück.

Im Unterschied zu vielen Juden wurde Elisabeth nicht gezwungen, ihre Wohnung aufzugeben. Man kann aber davon ausgehen, dass spätestens nach der Auswanderung der Grünbergs andere jüdische Untermieter bei ihr eingewiesen wurden, da die Nazis bestrebt waren, durch Zusammenlegen der Juden Wohnraum für Nichtjuden frei zu machen. Albert Speer hatte vor, für die großangelegte „Neugestaltung“ der Hauptstadt „Germania“ zahlreiche Wohnungen abzureißen, Ersatzwohnraum für betroffene „Arier“ sollten die freigemachten Wohnungen der Juden bieten. Schon 1938 hatte Albert Speer dafür einen Plan „zur zwangsweisen Ausmietung von Juden“ vorgelegt. 1939 wurde per Gesetz der Mieterschutz für Juden „gelockert“ bzw. abgeschafft. Noch Ende 1940, mitten im Krieg, drängte Speer seine Mitarbeiter: „Was macht die Aktion der Räumung der 1000 Juden-Wohnungen?“, so ein Dokument, das in der Ausstellung „Macht Raum Gewalt“ 2023 zu lesen war.

Nach den Pogromen vom November 1938 wurden fast täglich neue Verordnungen erlassen, die das Alltagsleben von Juden weiter beeinträchtigten und allmählich unerträglich machten. Schließlich entschieden sich die Nationalsozialisten für die Deportation und Vernichtung der noch im Deutschen Reich verbliebenen Juden. Elisabeth Levysohn erhielt vermutlich Anfang September 1942 ihren Deportationsbescheid, sie wurde am 14. September vom Moabiter Bahnhof aus mit rund 1000 weiteren Menschen nach Theresienstadt verschleppt.

Im Lager Theresienstadt, im sogenannten „Altersghetto“, waren die Lebensumstände schwer zu ertragen: hoffnungslose Überfüllung, Mangelernährung, katastrophale Hygienebedingungen, entsprechende Krankheiten und Seuchen waren an der Tagesordnung. Viele Menschen wurden in Vernichtungslager weiterdeportiert, nicht wenige starben jedoch schon vorher an diesen Zuständen. Elisabeth Levysohn überlebte zwar den grausamen Winter, kam jedoch laut der Theresienstädter Krematoriumskartei am 17. Mai 1943 ums Leben.

Die wohl noch weitgehend intakte Wohnungseinrichtung inklusive Bechstein – Flügel wurde sofort nach Elisabeths Deportation abgeholt und geplündert, wie nach dem Krieg vom Portier bezeugt wurde. Schon im Februar 1939 hatten alle Juden ihre Gold-, Silber- und Schmucksachen in der Pfandleihanstalt abgeben müssen. Elisabeths Wertsachen, von Margarete nach dem Krieg aus dem Gedächtnis aufgezählt, wurden von einem Gutachter auf einen Wiederbeschaffungswert von 3290.80 DM geschätzt. Der ursprüngliche Wert in RM dürfte weit höher gelegen haben.

Paul Levysohn konnte von Shanghai aus in die USA weiter emigrieren und änderte dort seinen Nachnamen in Lansing. Auch seine Frau Olga und die Söhne Heinz und Wolfgang gelangten in die USA, unklar ist, ob auch sie über Shanghai oder über andere Umwege dorthin kamen. Margarete, Adolf und Magda waren gemeinsam über Lissabon nach Montevideo gereist. Lilly Grünberg war schon früher mit ihrem Mann Albert Meyer nach Holland emigriert und überlebte dort nach Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im Untergrund.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Arolsen Archives; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; /www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html; „Macht Raum Gewalt, Planen und Bauen im Nationalsozialismus“, Hrsg. Unabhängige Historikerkommission und Akademie der Künste Berlin, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, 2023

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Ida Fabian, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Ida Fabian

HIER WOHNTE
IDA FABIAN
GEB. FERNBACH
JG. 1864
DEPORTIERT 13.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 26.9.1942
TREBLINKA

Ida Fabian wurde als Ida Fernbach am 31. Dezember 1864 in Beuthen, Schlesien (heute Bytom), geboren. Sie war die Tochter des Bäckermeisters Baruch Fernbach und seiner Frau Eva, geb. Pese (Pose?). Es gibt unterschiedliche Angaben über Idas Geschwister: Rosalie (*1849), Hermann (*1850), Marie (*1851) und Moritz (*1861) waren älter als sie, nach einer weiteren Quelle gab es noch Emilie und Nathan, deren Geburtsdaten nicht bekannt sind.

Ida wuchs in Beuthen auf. Als sie 6 Jahre alt war starb der Vater Baruch Fernbach, seine Witwe lebte mit den Kindern, die das Elternhaus noch nicht verlassen hatten, weiterhin in Beuthen. Dort starb sie 1910.

Da war Ida schon über 20 Jahre in Berlin. Am 15. Mai 1889 hatte sie den Kaufmann Oscar Fabian geheiratet, der mit seinem Bruder Albert die Firma Cohn & Caro besaß. Die Firma handelte in Posamentier- und Kurzwaren, Geschäftsadresse war die Blankenfelder Straße 8. Oscar Fabian hatte bereits einen vierjährigen Sohn aus erster Ehe, Kurt. Dessen Mutter war an den Folgen der Entbindung gestorben. Am 8. September 1890 bekam Ida eine Tochter, Ella Gertrud (Rufname Gertrud), so dass sie nun zwei Kinder zu versorgen hatte. Möglicherweise aus Anlass der Geburt der Tochter bezog das Paar, das in der Jüdenstraße 43/44 gewohnt hatte, eine neue Wohnung an der Alexanderstraße 36. Nach weiteren Stationen an der Mendelsohn- und der Barnimstraße, zog die Familie 1905 in die Gutenbergstraße 8, wo sie nun länger wohnen sollte. Oscar, dessen Firma 1931 den Betrieb einstellte, wohnte dort bis zu seinem Tod im Juni 1934.

Überraschenderweise findet sich im Berliner Adressbuch ab 1929 auch ein Eintrag für Ida Fabian als „Privatiere“ in der Flensburger Straße 10, Gartenhaus 2. Stock. Hatten sich Ida und Oscar getrennt? Brauchten sie aus anderen Gründen eine zweite Adresse? Dies bleibt nur Spekulation. Es könnte sich auch um eine Namensgleichheit handeln. Dies scheint aber eher unwahrscheinlich, da nach Oscars Tod Ida die Wohnung in der Giesebrechtstraße 19 bezog und gleichzeitig der Eintrag in der Flensburger Straße nicht weiter bestand.

Kurt und Gertrud wohnten von Anfang an mit Ida in der Giesebrechtstraße 19, Gartenhaus 1. Stock zusammen. Beide waren ledig geblieben. Auch am 17. Mai 1939, dem Tag der Volkszählung, bei der Juden in einer separaten Ersatzkartei registriert wurden, wohnten sie in Idas Wohnung. Die Ersatzkartei diente dazu, Juden besser für weitere Schikanen zu erfassen, wie etwa die Zwangsarbeit. Nach den Pogromen vom November 1938 hatten die Maßnahmen zur Drangsalierung und Ausgrenzung von Juden sprunghaft zugenommen.

Zur Zwangsarbeit ist Ida wahrscheinlich aufgrund ihres Alters nicht herangezogen worden. Sie musste aber zusehen, wie ihre Kinder zwangsverpflichtet wurden und musste auch erleben, dass beide im März 1942 abgeholt und deportiert wurden. Möglicherweise erst danach bekam sie drei Untermieter zugewiesen: Felix, Klara und Rolf Joachimssohn. Schließlich ereilte auch sie das gleiche Schicksal wie Kurt und Gertrud: Im August 1942 musste sie zunächst in das Sammellager Große Hamburger Straße 26, ein von der Gestapo umfunktioniertes jüdisches Altersheim. Dort bekam sie am 12. des Monats die Verfügung zugestellt, nach der ihr gesamtes Vermögen „zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“ werde. Und bereits am Tag darauf, am 13. August 1942, musste sie mit 99 weiteren Menschen im Anhalter Bahnhof in einen von zwei plombierten Sonderwaggons 3. Klasse steigen, die an den fahrplanmäßigen Personenzug um 6:07 nach Dresden bzw. Prag gehängt wurden. Ziel der Deportation war das Ghetto Theresienstadt.

Für ihre eigene Deportation musste Ida 1200 RM „Transportbeitrag“ bezahlen, die an die Jüdische Kultusgemeinde überwiesen wurden. Diese hatte theoretisch für die Verpflegung während des „Transportes“ zu sorgen, konnte aber auch nicht frei über diese Summe verfügen. In Theresienstadt erwartete Ida nicht das von den Nazis behauptete „Altersghetto“, in dem ein ruhiger Lebensabend zu verbringen sei, sondern ganz im Gegenteil, der reine Horror: überfüllte Unterkünfte, Hunger, Kälte, unbeschreibliche Hygienezustände, Krankheiten, Tod. Für Ida Fabian kam es noch schlimmer: Wenige Wochen nach ihrer Ankunft, am 26. September 1942, wurde sie weiter in das Vernichtungslager Treblinka verbracht und dort ermordet.

Gertrud und ihr Halbbruder Kurt waren in das Ghetto Piaski bei Lublin deportiert worden. Von dort kehrten sie nicht zurück. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Joachimssohns, Idas letzte Untermieter, blieben noch in Idas Wohnung bis auch sie, am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Adressbuch Beuthen; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; /www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Ella Gertrud Fabian, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Ella Gertrud Fabian

HIER WOHNTE
ELLA GERTRUD
FABIAN
JG. 1890
DEPORTIERT 2.4.1942
ERMORDET IM
GHETTO WARSCHAU

Am 8. September 1890 wurde Ella Gertrud Fabian in Berlin in der Alexanderstraße 36 geboren. Sie war die einzige Tochter des Kaufmanns Oscar Fabian und seiner Frau Ida, geb. Fernbach. Aus der ersten Ehe ihres Vaters hatte sie einen sechs Jahre älteren Halbbruder, Kurt. Oscar Fabian stammte aus Kallies in Pommern, Ida aus Beuthen in Schlesien. Oscar lebte seit spätestens Ende der 1870er Jahre in Berlin und handelte mit Kurz- und Posamentierwaren, Ida kam erst anlässlich ihrer Heirat 1889 von Beuthen in die Hauptstadt. Inzwischen hatte Oscar die Kurzwarenfirma Cohn & Caro übernommen, die er mit seinem Bruder Albert führte.

Gertrud – so ihr Rufnahme – zog mit ihren Eltern mehrmals um, bis die Familie 1905 eine Wohnung in der Gutenbergstraße 8 nahm. Da sie unverheiratet blieb, ist anzunehmen, dass sie weiterhin mit den Eltern lebte. Allerdings hatte Ida Fabian, folgt man dem Adressbuch, ab 1929 eine eigene Adresse in der Flensburger Straße 10, sodass nicht bekannt ist, ob Gertrud später – und bis 1934 – dort oder in der Gutenbergstraße gewohnt hat. 1934 Jahr starb Oscar Fabian. Ida nahm anschließend eine Wohnung in der Giesebrechtstraße 19, Gartenhaus 1. Stock, in der sie fortan mit Kurt, der auch ledig war, und Gertrud wohnte.

Ebenfalls unbekannt ist, ob Gertrud einen Beruf erlernt hatte und ausübte. 1940 oder 41 wurde sie bei Osram in der Helmholzstraße 4-8 zur Zwangsarbeit herangezogen. Juden und Jüdinnen hatten in der Regel in „geschlossenen“ Kolonnen zu arbeiten, ohne Kontakt zu nichtjüdischen Arbeitern und unter Überwachung. Diese seit 1938 bestehende Praxis „legalisierten“ die Nazis, indem sie im Oktober 1940 das „Beschäftigungsverhältnis eigener Art“ schufen. Das bedeutete, dass die Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen keine Arbeits- und Sozialrechte besaßen und auch deutlich niedrigere Löhne erhielten als die anderen Arbeiter. Gertrud verdiente bei Osram 22-23 RM wöchentlich, von denen noch Sozialabgaben zu zahlen waren.

Am 13. März 1942 bekam Gertrud, wie ihr Halbbruder Kurt auch, die vielseitigen Formulare zur „Vermögenserklärung“, der Vorbote der Deportation. Mit dabei war eine zu unterschreibende Erklärung, dass ihr eröffnet worden sei, ihr gesamtes Vermögen gelte als beschlagnahmt. Sie habe die Vermögenserklärung „genauestens auszufüllen“, eine Nachprüfung werde „noch vor dem Abtransport durchgeführt“ und bei einem Verstoß habe sie „auf keine Nachsicht zu rechnen“.

Rep. 36A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg 8589 Ella Gertrud Fabian

Rep. 36A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg 8589 Ella Gertrud Fabian

Aus heutiger Sicht wird die ganze Absurdität dieser Drohgebärden besonders deutlich. Für eine Nachprüfung vor der Deportation war in der Regel gar keine Zeit, auf irgendwelche Nachsicht konnten Juden schon länger nicht mehr hoffen.
Gertrud unterzeichnete die Vermögenserklärung am 17. März. Sie hatte einige Wertpapiere und ein Konto angegeben, auf dem „nach Abzug von 25% Sonderbeitrag und RM 50.- für die Abwanderung“ noch 498,89 RM übriggeblieben waren. Allerdings konnte sie ohnehin nicht frei über dieses Geld verfügen, da jüdische Konten inzwischen zu „Sicherheitskonten“ erklärt worden waren, von denen nur durch „Sicherungsanordnung“ festgelegte Beträge für ein Existenzminimum abgehoben werden durften. Der „Sonderbeitrag“ war die sog. Judenvermögensabgabe oder „Sühneleistung“. Sie wurde von Juden nach dem Attentat Herschel Grynszpans auf den Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath 1938 und den darauffolgenden Pogromen von Göring verlangt für „die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem Deutschen Volk“. Dass Gertrud obendrein 50 RM für die Deportation zahlen musste, darf als besonders zynisch gelten.
Der weitere Besitz Gertruds beschränkte sich auf einige wenige Kleidungsstücke. In der Giesebrechtstraße fand der Gerichtsvollzieher später nur noch „1 kl. Posten Leibwäsche“ vor, dessen Wert er auf 3.- RM schätzte.
Gertrud und Kurt fanden sich bald darauf in der von der Gestapo als Sammellager missbrauchten Synagoge an der Levetzowstraße 7/8 wieder. Von dort aus wurde Gertrud, anders als zum Zeitpunkt der Stolpersteinlegung bekannt, zusammen mit ihrem Halbbruder am 28. März 1942 in das Ghetto Piaski deportiert. Unbekannt ist, ob sie bereits in Piaski zu Tode kam, oder in ein Vernichtungslager weiterdeportiert wurde um dort ermordet zu werden. Das gleiche gilt für Kurt. Gertruds Mutter Ida verschleppte man am 13. August 1942 nach Theresienstadt und von dort weiter nach Treblinka. Auch sie überlebte nicht.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; /www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html; https://www.berlin.de/sen/finanzen/ueber-uns/architektur-geschichte/artikel.5164.php

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Kurt Fabian, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Kurt Fabian

HIER WOHNTE
KURT FABIAN
JG. 1884
DEPORTIERT 28.3.1942
ERMORDET IM
GHETTO PIASKI

„Am 25. September 1884 vormittags um fünfdreiviertel Uhr brachte Friederike Fabian geb. Salinger in der Wohnung ihres Mannes Oscar Fabian in Berlin, Jüdenstraße 43/44, einen Knaben zur Welt, welcher die Namen Kurt Werner Georg erhielt.” So gab es Oscar Fabian am 1. Oktober 1884 im Standesamt Berlin zu Protokoll. Oscar Fabian war Kaufmann und hatte ein knappes Jahr zuvor, am 25. Oktober 1883, Friederike Salinger geheiratet. Kurt sollte aber seine Mutter nicht kennenlernen. Am 12. November, bereits wenige Wochen nach seiner Geburt, starb sie, offenbar an den Folgen der Entbindung. In der Traueranzeige heißt es: „Friederike Fabian, geb. Salinger, [ist] nach einjähriger, höchst glücklicher Ehe, … ihrem schweren Leiden erlegen. Um den Preis des eigenen erkämpfte sie das Leben ihres Söhnchens“.

Oscar Fabian heiratete erneut am 15. Mai 1889. Die Braut war Ida, Tochter des verstorbenen Bäckermeisters Baruch Fernbach aus Beuthen. Am 8. September 1890 bekam Ida eine Tochter, Ella Gertrud, Kurts Halbschwester.

Oscar Fabian handelte in Posamentier- und Kurzwaren en gros, 1884 übernahm er von Albert Cohn die Firma Cohn & Caro, die in der gleichen Branche tätig war. Fünf Jahre später wurde Oscars zwei Jahre jüngerer Bruder Albert Mitinhaber der Firma. 1931 stellte die Firma jedoch den Handel ein, sehr wahrscheinlich als Folge der Weltwirtschaftskrise. Die Firma wurde allerdings erst nach dem Tod der beiden Gesellschafter – Oscar starb 1934, Albert im Jahr darauf – von Alberts Sohn Leo Fabian gelöscht.

Oscars Familie zog bis 1905 häufig um, fand dann eine feste Bleibe in der Gutenbergstraße 8. Dort wohnte Oscar bis zu seinem Tod 1934. Ida hatte allerdings ab 1929 einen eigenen Adressbuch-Eintrag als „Privatiere“ in der Flensburger Straße 10. Möglicherweise hatte sich das Paar getrennt. Kurt hat in den Adressbüchern keine eigene Adresse. Es ist nicht bekannt, ob er zunächst bei Ida, bei Oscar oder bei jemand anderem zur Untermiete gewohnt hat. Ebenfalls unbekannt ist, welchen Beruf er erlernte oder welchen er ausübte. Kurt Fabian blieb ledig.

Belegbar ist, dass Kurt nach Oscars Tod und noch 1939, zum Zeitpunkt der Volkszählung vom 17. Mai, mit Ida und seiner Halbschwester Gertrud in der Giesebrechtstaße 19 lebte. Ida hatte die Wohnung am 1. Oktober 1934 bezogen. Bei der Volkszählung wurden Juden separat registriert. Das diente u.a. der leichteren Erfassung für Zwangsarbeitszuweisungen. Unklar bleibt, ob auch Kurt Fabian zur Zwangsarbeit herangezogen wurde. In seiner Vermögenserklärung schrieb er: „Beruf: ohne. Das Arbeitsbuch ist am 2.7.41 vom Arbeitsamt geschlossen“.

Zum Zeitpunkt der Volkszählung, ein halbes Jahr nach den Pogromen von 1938, hatten die judenfeindlichen Maßnahmen der NS-Regierung bereits stark zugenommen und machten den Juden ein Berufsleben praktisch unmöglich und den Alltag schwer ertragbar. Dieser Trend gipfelte in den 1940 beschlossenen perfiden „Endlösungsplänen“, die nicht mehr die Vertreibung, sondern letztlich die Vernichtung aller Juden zum Ziel hatten. Im Oktober 1941 begannen die Deportationen in Berlin. Kurt und Gertrud mussten sich im März 1942 in der als Sammellager missbrauchten Synagoge an der Levetzowstraße einfinden. Kurt, und auch Gertrud, wurden am 28. März 1942 mit 984 weiteren Menschen vom Güterbahnhof Moabit aus in das Ghetto Piaski bei Lublin verschleppt. Für die „Abwanderung“, wie die Deportation euphemistisch genannt wurde, musste Kurt zynischerweise auch noch 50.- RM zahlen, die von seinem Restvermögen abgezogen wurden. Übrig blieben ihm 143,34 RM – die wie alles andere vom Deutschen Reich „eingezogen“ (also geraubt) wurden. Zurück in der Giesebrechtstraße blieben lediglich 3 Paar Schuhe und etwas Herrenwäsche, die der Gerichtsvollzieher auf 13.- RM taxierte (selbst die wurden für 9.10 RM an einen Trödler verkauft und als Einnahme des Reiches verbucht).

Lange wurde als Ziel dieser Deportation das Lager Trawniki bei Lublin vermutet. Tatsächlich endete die Bahnfahrt zunächst dort, eigentliches Ziel war das Ghetto Piaski. Da Piaski aber keinen Bahnhof hatte, mussten die Menschen die 12 km von Trawniki aus zu Fuß auf der verschneiten Landstraße zurücklegen. Piaski galt als “Transit-Ghetto”, von hieraus wurden die Opfer in verschiedene Vernichtungslager wie Belcek oder Sobibor weiterverschleppt. Das Ghetto war vollständig abgeriegelt und hoffnungslos überfüllt. Unzureichende Ernährung und schreckliche hygienische Zustände führten zu vielen Krankheiten. Ein Großteil der Deportierten starben vor der Weiterdeportation. Kurt Fabians Spur verliert sich in Piaski, es bleib ungewiss, ob er schon dort oder in einem der Vernichtungslager ums Leben kam.

Kurts Schwester Gertrud erlitt, anders als zum Zeitpunkt der Stolpersteinlegung bekannt, das gleiche Schicksal wie ihr Bruder und wurde mit ihm nach Piaski deportiert. Ihre Mutter Ida verschleppte man am 13. August 1942 nach Theresienstadt und von dort weiter nach Treblinka. Wie Kurt Fabian hat keine der beiden Frauen den Holocaust überlebt.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; /www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Kurt Dietrich, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Kurt Dietrich

HIER WOHNTE
KURT DIETRICH
JG. 1910
DEPORTIERT 16.6.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 12.10.1944
AUSCHWITZ

Kurt Dietrich wurde am 26. Dezember 1910 in Breslau geboren. Über sein Leben konnte sehr wenig ermittelt werden. Ungewiss bleibt, wer seine Eltern waren – vor dem Ersten Weltkrieg zeigt das Adressbuch Breslau über 40 Einträge mit den Familiennamen „Dietrich“. Für Kurts weiteren Werdegang sind nur Vermutungen anzustellen. Eine Quelle besagt, er habe 1939 noch in Breslau gewohnt und sei Jurist gewesen. Tatsächlich verzeichnet das dortige Adressbuch in diesem Jahr nur einen Kurt Dietrich, Dr. jur., Bankjurist, in der Neudorfstraße 35. Erstmalig ist er 1937 registriert, da war er Referendar. Handelt es sich wirklich um den hier gesuchten Kurt Dietrich, müsste er vor dem 17. Mai 1939 nach Berlin gezogen sein. Denn bei der Volkszählung an diesem Tag wurde er in der Berliner Giesebrechtstraße 19 erfasst, offenbar als Untermieter, da er nicht als Hauptmieter im Adressbuch erscheint.

Die wenigen gesicherten Daten über Kurt Dietrich konnten der „Vermögenserklärung“ entnommen werden, das 16-seitige Formular, das unmittelbar vor der Deportation auszufüllen war, um der Oberfinanzdirektion die Beschlagnahmung jüdischen Vermögens zu erleichtern. Kurt Dietrich gab nur die Daten zur Person auf den ersten beiden Seiten an, ein wie auch immer geartetes Vermögen hatte er wohl nicht mehr. Daher ist sicher, dass er konfessioneller „Dissident“ war, sich also nicht dem jüdischen Glauben zugehörig sah. Er unterstreicht, dass er „Geltungsjude“ sei, eine NS-Kategorie, die Menschen bezeichnete, deren Großeltern nicht alle Juden waren, und die nicht im jüdischen Glaube erzogen worden waren. Sie wurden zunächst von der Deportation zurückgestellt – möglich, dass man das für Kurt Dietrich nicht anerkannte, da nur sein Großvater väterlicherseits kein Jude gewesen war. Ferner ist bestätigt, dass er ledig war und dass er sich seit etwa 4 ½ Monaten – seit dem 26. Januar 1943 – im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße 2-4 befand, vermutlich also schwer krank war. Seine Kennkarte, die nach der Bekanntmachung vom Juli 1938 für alle Juden Pflicht war, wurde in Bad Harzburg ausgestellt, eines der wenigen Kurorte, in denen Juden noch geduldet wurden. Da die Karten in der Regel im ersten Halbjahr 1939 ausgestellt wurden, muss sich Kurt Dietrich in der Zeit dort aufgehalten haben, vielleicht unmittelbar vor seinem Umzug nach Berlin. Als Beruf gibt er „Arbeiter“ an, und man darf annehmen, dass der noch junge Mann vor seinem Krankenhausaufenthalt zur Zwangsarbeit herangezogen worden war.

Im Mai/Juni 1943 räumte die Gestapo jüdische Krankenhäuser. Ende Mai waren bereits die „liegenden Patienten“ und zahlreiches Personal des Krankenhauses und Siechenheims in der Auguststraße nach Theresienstadt deportiert worden. Nun war das Krankenhaus in der Iranischen Straße dran. Am 8. Juni unterschrieb Kurt Dietrich seine „Vermögenserklärung“ und am 16. Juni wurde er mit ca. 200 anderen „liegenden Patienten“, zahlreichem Pflegepersonal und Angestellten der Berliner Jüdischen Gemeinde – 430 Menschen im Ganzen, darunter etliche „Geltungsjuden“ – ebenfalls nach Theresienstadt deportiert. 81 Menschen überlebten, Kurt Dietrich gehörte nicht dazu. Er überlebte zwar noch über ein Jahr in Theresienstadt den dortigen menschenverachtenden Lebensbedingungen zum Trotz, wurde dann aber am 12. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz deportiert, diesmal zusammen mit 1500 weiteren Opfern, und dort ums Leben gebracht.

Ein Jahr zuvor, am 12. Oktober 1943, wurde in Berlin der Gerichtsvollzieher in die Giesebrechtstraße 19 geschickt, um eventuellen Besitz von Kurt Dietrich zu beschlagnahmen. Der Bericht lautet: „Nachlass wurde nicht vorgefunden. Die Wohnung ist geräumt.“

Recherchen/Text: Micaela Haas – Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Adressbuch Breslau; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Stolperstein für Herbert Kayser, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Herbert Kayser

HIER WOHNTE
HERBERT KAYSER
JG. 1893
DEPORTIERT 18.5.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 28.9.1944
AUSCHWITZ

Herbert Kayser wurde in Kreuzburg/Oberschlesien (heute Kluczbork) am 1. Juli 1893 geboren. Er war ein Sohn des Kaufmannes Julius Kayser und seiner Frau Fanny, geb. Abarbanell. Ob Herbert Geschwister hatte, geht aus den verfügbaren Quellen nicht eindeutig hervor.

Zu einem uns nicht bekannten Zeitpunkt zog die Familie nach Breslau um. Dort bestand Herbert 1911 das Abitur und schloss eine Drogistenausbildung an, die er 1914 mit Examen abschloss. Sehr wahrscheinlich war der 21-Jährige anschließend Soldat im Ersten Weltkrieg. In Berlin ist er nach dem Krieg 1920 wiederzufinden. In diesem Jahr heiratete er die 1899 in Hindenburg (heute Zabrze) geborene und in Breslau aufgewachsene Ilse Clara Weich. Die Hochzeit fand in Breslau statt. Herbert hatte bereits eine Berliner Adresse, Mommsenstraße 16. Möglicherweise wohnte er dort zur Untermiete. Laut Ilses Schwester Erna zog das Paar sofort nach der Heirat nach Berlin. Dort bezogen sie eine eigene Wohnung in der Gervinusstraße 11. Am 17. Juli 1925 kam dort Rita Susanna, ihr einziges Kind, zur Welt.

Schon 1919 hatte Herbert Kayser das „Medizinische Drogenhaus Apotheker Richard Bloch“ von der Witwe Frieda Bloch übernommen. Die Drogerie lag in der Dahlmannstraße 34, Ecke Gervinusstraße – zwei Häuser neben Herberts späterer Wohnadresse. Laut Adressbuch ließ es Herbert zunächst bei dem von Richard Bloch registrierten Namen, erst 1926 änderte er ihn in „Medizinisches Drogenhaus Herbert Kayser“. Dennoch sprechen mehrere Nachkriegszeugen, inklusive der Tochter, nur vom „Drogenhaus Ilse Kayser“ und meinen fälschlicherweise, der Betrieb sei auf ihren Namen registriert gewesen. Vermutlich war lediglich das Geschäftslokal nach Herberts Frau benannt.
Geschäftsführer und Fachmann war Herbert Kayser. Ilse Kayser, die eine kaufmännische Ausbildung hatte, arbeitete mit im Verkauf und an der Kasse. Es gab 2-3 Angestellte und einen Lehrling. Die Drogerie soll gut gelaufen sein. Kaysers konnten einen gediegenen Lebensstil pflegen, sie hatten auch Hausangestellte und fuhren in den Urlaub. Im Herbst 1930 zog die Familie in eine 3 ½ Zimmer-Wohnung an der Giesebrechtstraße 19 um. Unklar bleibt, ob dies eine Verbesserung war oder nicht.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begannen für das Drogistenpaar ernsthafte Schwierigkeiten. Bereits am 1. April 1933 hatten sie unter dem Judenboykott zu leiden.

Tochter Rita schrieb später:
„Nicht nur am 1.4.33, sondern auch an einem anderen Tage im Jahre 1936 standen vor dem Geschäft meiner Eltern Boykott-Posten mit Plakaten ‚Kauft nicht bei Juden‘. Zahlreiche Male wurden unsere Fensterscheiben mit den gleichen Anschriften verschmiert, die wir nur nachts abzukratzen gewagt haben“.

Die Kundschaft wurde weniger, schließlich wurde der Laden samt Warenlager bei dem Pogrom im November 1938 vollständig demoliert.

Rita:
„Bei der Aktion gegen die Juden im November 1938 war ich noch im Hause meiner Eltern. Ich weiss, dass die Fensterscheiben unseres Geschäfts eingeschlagen wurden, die in den Regalen befindlichen Drogen und andere Waren auf den Boden geworfen und zum grössten Teile beschädigt wurden und in unserem grossen Lagerraum, der sich unter dem Geschäftsraum befand, Waren, darunter grosse Korbflaschen mit Drogen zerstört. […]“.

Herbert Kayser stand vor dem Ruin seiner Existenz.
Zwei Jahre zuvor hatte Rita versucht, auf das „Fürstin-Bismarck-Gymnasium“ zu kommen, wurde aber „als Jüdin“ nicht aufgenommen. Sie ging dann auf verschiedene jüdische Schulen – der Wechsel folgte immer auf die Schließung der jeweiligen vorangegangenen Einrichtung.
Rita: „… es war in diesen jüdischen Schulen schon kein regulärer Unterricht mehr.“

Herbert Kayser soll noch versucht haben, das Geschäft nach dem Pogrom wiederaufzubauen, sah sich aber bald gezwungen, es einem Nichtjuden zu überlassen. Ob er einen Erlös dafür erhielt, ist eher unwahrscheinlich. Ab 1940 verzeichnet das Adressbuch in der Dahlmannstraße 34 einen Norbert Plümer, Drogist.

Noch ein weiterer Schicksalsschlag ereilte Herbert Kayser 1939: Am 8. Juni dieses Jahres starb Ilse Kayser in ihrer Wohnung. Todesursachen waren laut Sterbeurkunde Gehirnhautentzündung, Lungenentzündung, Herzschwäche.

Möglicherweise plante Herbert Kayser daraufhin, mit seiner Tochter auszuwandern. Seine Mittel reichten aber nur, um die 14-jährige Rita mit einer Kinder -Alijah im November 1939 nach Palästina zu schicken. Er sah sie nicht wieder.

Rita kam in Palästina bei Ilses Schwester Josephine Gruenfeld unter, wo sie ungewohnte schwere Landarbeit leisten musste. Nach einem Jahr kam sie im Rahmen der Jugend – Alijah in eine zweijährige landwirtschaftliche Ausbildung. 1944 heiratete sie Hans Günter Cohen, der später seinen Namen in Jacob Matar änderte. Sie bekamen zwei Kinder.

Anfang der 40er- Jahre – wahrscheinlich 1942 – heiratete Herbert Kayser ein zweites Mal, nämlich Gertrud Löwenthal. Sie war Sekretärin bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, wie sich die Jüdische Kultusgemeinde zu nennen hatte. Gertrud zog auch in die 3 ½ Zimmer Wohnung an der Giesebrechtstraße 19 mit ein. Ein Zimmer mussten allerdings Herbert und Gertrud zwangsweise untervermieten, da nach Aufhebung des Mieterrechts für Juden, diese zusammenziehen sollten. So sollte Wohnraum für Nichtjuden frei gemacht werden, deren Häuser zerbombt oder im Rahmen der Planungen zur Umgestaltung der Hauptstadt abgerissen waren. Bei Kaysers wurde die geschiedene Alice Matthies eingewiesen.

Dies war bei weitem nicht die einzige Schikane von Juden. Vor allem nach den Pogromen im November wurden ihr Berufs- und Alltagsleben durch zahlreiche Verordnungen stark eingeschränkt.
Juden hatten Sondersteuern zu zahlen, sie durften nicht am öffentlichen Leben teilnehmen, nicht in Theater, Konzerte, Kinos usw., durften nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags einkaufen, zu bestimmten Zeiten durften sie gar nicht mehr auf die Straße. Wertgegenstände mussten abgegeben werden, desgleichen Elektrogeräte. Herbert lieferte Silberbesteck für 12 Personen, Schmuck und zwei silberne Schabbat-Leuchter ab. Auch Radio, Staubsauger, Bügeleisen und sein Fahrrad konnte er nicht behalten. Juden durften Verkehrsmittel nur beschränkt benutzen, ab 1. September 1941 mussten sie den Judenstern tragen. Dies nur eine Auswahl der Maßnahmen, die Juden das Leben unerträglich machen sollten.

Zudem wurden Juden zur Zwangsarbeit herangezogen. Herbert bezeichnete sich als „früher Drogist, jetzt Arbeiter“, und zwar bei Kaufmann Christian Fortmann. Obwohl nicht klar ist, welcher Branche dieser Kaufmann angehörte, ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich hier um Zwangsarbeit handelte. Gertrud konnte ihre Stelle bei der Kleiderkammer der Reichsvereinigung der Juden behalten.

Im Mai 1942 bekamen Herbert und Gertrud Nachricht, dass sie zur „Abwanderung“, sprich Deportation vorgesehen seien und dass sie die „Vermögenserklärung“ auszufüllen hätten. In ihr hatten Juden bis zur letzten noch in ihrem Besitz befindlichen Socke anzugeben, damit dann alles, wie ihnen kurz vor der Deportation ganz offiziell per Zustellungsurkunde verkündet wurde, vom Deutschen Reich beschlagnahmt werden könne. Herbert und Gertrud unterzeichneten ihre Erklärung am 11. Mai, wahrscheinlich waren sie da schon in einem Sammellager interniert. Viel anzugeben hatten sie nicht mehr. Einige Kleider, 30.-RM Kaution bei Gasag und Bewag, der größte Posten waren die Möbel der Wohnung, die ein Gerichtsvollzieher später ziemlich willkürlich auf 290.- RM taxierte – wobei sein Inventar auffällig weniger Möbel und Gegenstände aufzählt als in der Vermögenserklärung angegeben.

Die amtsgerichtliche Begründung zum Tod Herbert Kaysers.

Die amtsgerichtliche Begründung zum Tod Herbert Kaysers.

Nach wenigen Tagen im Sammellager wurden Herbert und Gertrud Kayser am 18. Mai 1943 vom Anhalter Bahnhof aus mit weiteren 98 Menschen in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Herbert überlebte die katastrophalen Lebensbedingungen im Lager bis zum 23. September 1944. An diesem Tag wurde er weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nach dem Krieg wurde sein Todesdatum gerichtlich auf den 31. Dezember 1944 festgelegt.

Die amtsgerichtliche Begründung lautete:
„Die Vernehmung der Zeugin Prinz [eine Cousine Herberts, die Theresienstadt überlebte] hat ergeben, daß der Vermißte sich noch im September oder Oktober 1944 in Theresienstadt aufgehalten hat. Er ist dann in dieser Zeit nach Auschwitz gebracht worden. Es ist bekannt, daß Auschwitz ein Vernichtungslager war. Es kann als sicher angenommen werden, daß der Verschollene den dort gegen ihn eingeleiteten Maßnahmen zum Opfer gefallen ist und dieselben nicht überlebt hat. Es darf angenommen werden, daß der Verschollene alsbald nach seiner Überbringung in Auschwitz verstorben ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, dass der Verschollene noch im Jahre 1944 verstorben ist. Das Gericht kam daher zu dem Entschluß, den Todeszeitpunkt auf den 31.12.44 festzustellen.“

Gertrud Kayser wurde nicht mit Herbert nach Auschwitz verschleppt. Sie überlebte in Theresienstadt bis Ende des Krieges. Nach einem Aufenthalt im Lager für „Displaced Persons“ in Deggendorf konnte sie in die USA auswandern. Dort heiratete sie erneut. Sie starb 1957 in Kalifornien.

Gertrud und Herberts Untermieterin Alice Matthies (Matthis) geb. Weinstock, Jahrgang 1896, wurde einen Monat nach ihnen, am 16. Juni 1943 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert und am 9. Oktober 1944 auch weiter nach Auschwitz verschleppt und dort ums Leben gebracht.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer; /www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Wilhelmine Herzfeld, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Wilhelmine Herzfeld, Foto:B.Plewa

HIER WOHNTE
WILHELMINE
HERZFELD
GEB. KADISCH
JG. 1872
DEPORTIERT 28.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 29.9.1942
TREBLINKA

Wilhelmine Kadisch war die älteste Tochter des Kaufmanns Martin Michael Kadisch und seiner Frau Bertha, geb. Löwenstein. Sie wurde am 3. August 1872 in Danzig, in der dortigen Jopengasse 35 geboren. Martin Kadisch war Lederhändler, wenige Jahre nach Minnas Geburt wurde er Teilhaber der Firma „A.J.Weinberg, Lederhandlung en gros“. Wilhelmines Geschwister wurden im Jahresrhythmus geboren: John (*1874), Ernst (*1875), Adolf (*1876) und Gertrud (*1877), Nesthäkchen Hannah kam 1880 auf die Welt. Ernst starb bereits im Alter von 2 Monaten.

Wilhelmine wurde Minna genannt. Sie wuchs in Danzig bei ihren Eltern auf, die Familie war wohl recht wohlhabend – mehr ist über Minnas Kindheit und Jugend ncht bekannt. In ihrer Heiratsurkunde wird sie als „ohne Stand“ bezeichnet, was wohl bedeutet, dass sie keine Berufsausbildung hatte, was aber den Besuch einer höheren Töchterschule – wie damals üblich – nicht ausschließt. Sie heiratete am 30. November 1895 den elf Jahre älteren Kaufmann Meschullem Emanuel Herzfeld. Nicht lange nach der Hochzeit zog das Paar nach Berlin. Im Berliner Adressbuch ist Emanuel Herzfeld erstmalig 1898 erwähnt, wohnhaft in der Uhlandstraße 3 parterre. Einige Jahre später sind Minna und Emanuel in die Uhlandstraße 31, Gartenhaus 2. Stock, gezogen – beides keine sehr repräsentativen Wohnlagen, vielleicht ein Anzeichen, dass Emanuels Geschäfte nicht so gut liefen.

In welcher Branche Emanuel Herzfeld tätig war, bleibt zunächst unklar. 1909 zieht das Ehepaar – ob sie Kinder hatten bleibt im Dunkeln – in die Giesebrechtstraße 19, 4. Stock. Im Adressbuch bezeichnet sich Emanuel jetzt als „Vertreter auswärtiger Häuser für Maschinen und technische Bedarfsartikel“.

In der Giesebrechtstraße wohnte Minna auch noch 1928, ein besonders schweres Jahr für sie. Am 14. Januar starb Emanuel in der gemeinsamen Wohnung. Einen Monat später, am 13. Februar 1928, starb in Danzig die Mutter Bertha. Ihren Tod meldete Minnas Bruder John dem Standesamt, der offenbar bei der Mutter zu Besuch war, denn er lebte auch in Berlin, wo er einen Maschinenhandel betrieb. Minnas Vater Martin Michaelis war bereits 1915 gestorben.

Minna blieb auch als Witwe in der Giesebrechtstraße wohnen. Vermutlich hatte Emanuel Rücklagen hinterlassen. Jedenfalls bekam sie eine kleine Rente aufgrund von Reichsschuldanleihen. Sie wohnte noch dort am 17. Mai 1939, als bei der Volkszählung Juden in einer getrennten Kartei erfasst wurden. Aber zum 1. Oktober 1941 wurde sie gezwungen, ihre langjährige Wohnung zu räumen. Seit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933, vor allem aber nach den Pogromen vom November 1938 hatten zahlreiche antisemitische Verordnungen das Leben von Juden durch Diskriminierung und Ausgrenzung unerträglich gemacht. Dazu gehörte nach einem Plan von Generalbauinspektor Albert Speer auch, dass Juden zusammenrücken und so Wohnraum frei machen sollten. Dieser sollte Nichtjuden zugewiesen werden, deren Wohnungen im Rahmen der großangelegten „Neugestaltung“ der Hauptstadt „Germania“ im Stadtzentrum abgerissen werden sollten oder schon abgerissen waren. Minna Herzfeld musste zur Untermiete in ein Zimmer bei Kurt und Dorothea Schlochauer in der Nassauischen Straße 48 ziehen. Von ihrer Wohnungseinrichtung konnte sie lediglich eine Couch, zwei Stühle, zwei Sessel, einen Tisch, eine dreiteilige Rosshaarmatratze und ein Vertiko mitnehmen.

Am 20. August 1942 unterschrieb Minna – wahrscheinlich noch in der Nassauischen Straße – ihre „Vermögenserklärung“, das Dokument, das der Deportation vorausging und das der Oberfinanzdirektion erleichtern sollte, die (Rest-)Habe zu deportierender Juden „einzuziehen“, also zu rauben. Am 27. August wurde Minna die entsprechende Verfügung überreicht, da war sie schon in der Große Hamburger Straße 26, ein zum Sammellager missbrauchtes jüdisches Altersheim. Und gleich am Tag darauf, am 28. August 1942, wurde sie mit weiteren 99 Menschen in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dieses war praktisch ein Durchgangslager zu den Vernichtungslagern – für jene, die nicht schon vorher an den erbärmlichen Lebensumständen im Ghetto starben.

Minna Herzfeld wurde ein Monat nach ihrer Ankunft, am 29. September 1942 nach Treblinka weiterdeportiert und dort umgebracht. Auch ihre ehemalige Nachbarin aus der Giesebrechtstraße, Ida Fabian, war in diesem „Transport“, der allerdings 2000 Menschen umfasste. Sie wurde ebenfalls ermordet.

Wenige Tage vor Minna, am 15. August, waren ihre Vermieter, Kurt und Dorothea Schlochauer, bereits nach Riga deportiert worden.

Minna Schwester Hanna überlebte die Shoa. Sie emigrierte schon 1933 mit ihrem Mann Henry/Heinrich Feilchenfeld, nach Scheveningen in den Niederlanden, 1941 mussten sie nach Gorinchem übersiedeln. Zwei Jahre später wurden sie festgenommen, im Lager Westerbork interniert und 1944 nach Bergen-Belsen deportiert. Dort starb Heinrich im Januar 1945 an der Ruhr, Hannah wurde nach Wurznach verlegt, wo sie die Befreiung erlebte. Sie starb 1957 in den USA. Für Heinrich Feilchenfeld liegt ein Stolperstein vor der Oranienstraße 119.

Auch die anderen Geschwister Minnas überlebten. Gertrud, verheiratete Ginzburg wanderte über die USA nach Puerto Rico aus, John nach Brasilien. Adolfs Schicksal ist nicht genau bekannt. Aber auch er steht in keinem Gedenkbuch und wurde auch nicht bei der Volkszählung 1939 erfasst, sodass man annehmen kann, dass er rechtzeitig flüchten konnte und ebenfalls überlebte.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Adressbuch Danzig; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; https://www.joodsmonument.nl/nl/page/137413/heinrich-feilchenfeld; https://www.stolpersteine-berlin.de/de/oranienstr/119/heinrich-feilchenfeld

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Fritz Meyer, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Fritz Meyer

HIER WOHNTE
FRITZ MEYER
JG. 1896
DEPORTIERT 26.9.1942
ERMORDET IN
RAASIKU

Fritz Meyer kam am 16. Februar 1896 in Berlin zur Welt. Sein Vater war der Kaufmann Ludwig Meyer, die Mutter Elsa Meyer geb. Bendix. Ludwig Meyer war Mitinhaber der Firma „H. Meyer Schuhwaren Agentur und Commission“ zusammen mit Hermann und Carl Meyer, vermutlich sein Vater (Hermann) und ein Bruder. Fritz hatte mindestens noch eine Schwester, Lotte, 1897 geboren.

Über seine Kindheit und Jugend fanden sich keine Dokumente. Als Fritz im Dezember 1930 heiratete, wohnte er bei seiner Mutter in der Wilmersdorfer Straße 78. Dort war Elsa Meyer nachweislich seit 1918 angemeldet, vermutlich war sie kurz vorher verwitwet. In seiner Heiratsurkunde hatte Fritz als Beruf „Privatlehrer“ angegeben, also musste er eine entsprechende Ausbildung gemacht haben. Die Braut war Edith Irene Zimmermann, ihr Vater der Oberleutnant a.D. Karl Zimmermann. Die Ehe wurde allerdings im April 1932 schon wieder geschieden.

Fritz Meyers Spur findet sich erst wieder 1939 mit der Volkszählung vom 17. Mai. Er wurde in der Giesebrechtstraße 19 registriert, obwohl er nach eigenen Angaben erst ab 1. Juni dort wohnte. Seine Mutter, Elsa Meyer, hatte sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten genötigt gesehen, ihre langjährige Wohnung in der Wilmersdorfer Straße aufzugeben und zur Untermiete bei bei Moritz und Rosa Aschheim in die Leibnizstraße 62 zu ziehen. Dort wohnte sie auch zum Zeitpunkt der Volkszählung. Am 1. September 1941 zog sie dann zu Fritz in die Giesebrechtstraße. Da Fritz nur ein Zimmer hatte, das er sich auch noch mit jemand teilen musste, bleibt unklar, ob Elsa in derselben Wohnung unterkommen konnte oder bei jemand anderem im Haus.

In Anbetracht der inzwischen drastischen Einschränkungen des Berufs- und Alltagslebens von Juden und der staatlich geförderten Diskriminierung, mag es für Fritz und Elsa tröstlich gewesen sein, im selben Haus zu leben. Lange durfte Elsa jedoch nicht in der Giesebrechtstraße bleiben. Noch im Laufe des auf ihren Einzug folgenden Jahres musste sie abermals umziehen, sie wurde weit weg, in Prenzlauer Berg zur Untermiete in die Winsstraße 7 eingewiesen.

Fritz konnte in der Giesebrechtstraße bleiben. Er wurde möglicherweise nicht zur Zwangsarbeit herangezogen, in der „Vermögenserklärung“, die alle zur Deportation Bestimmten auszufüllen hatten, nannte er als Beruf weiterhin „Privatlehrer“ und erwähnte keine aktuelle Arbeitsstelle. Er gab auch an, dass er evangelischer Konfession – also getauft – sei und dass sein „Vermögen“ lediglich 165 RM in bar betrage. Unterschrieben hat er die Erklärung am 14. September 1942 – genau der Tag, an dem Elsa nach Theresienstadt deportiert wurde. Sicherlich wusste Fritz das. Wenige Tage darauf musste er selbst in die Levetzowstraße 7-8, eine von der Gestapo als Sammellager für die Deportationen missbrauchte Synagoge.

Am 26. September warteten Fritz Meyer und weitere 811 Juden in Güterwaggons auf dem Verladebahnhof Moabit darauf, dass aus Frankfurt/Main kommende Wagen mit weiteren 237 Juden an ihren Zug angekoppelt wurden. Die Fahrt ging anschließend über Riga nach Raasiku in Estland und dauerte fünf Tage. Dort wurden nur wenige Menschen zur Zwangsarbeit ausgesondert (60-80 Männer und 100-150 Frauen), vornehmlich für die Ölschiefergewinnung. Alle anderen wurden mit bereitstehenden Bussen in die Dünen von Kalevi-Liiva, nördlich des Dorfes Jägala gebracht. Dort wurden sie sämtlich von estnischen Polizisten unter deutscher Leitung erschossen und die Leichen mit Sand bedeckt. 1944 mussten jüdische Sonderkommandos – die anschließend selbst erschossen wurden – die Gruben wieder öffnen und die Leichen verbrennen.

Ob Fritz Meyer unter den zunächst „Selektierten“ war, wissen wir nicht. Nur 7 Frankfurter und 19 Berliner überlebten, nicht aber Fritz Meyer. Auch seine Mutter Elsa Meyer kam nicht aus Theresienstadt zurück. Fritz‘ Schwester Lotte, verheiratete Kauffmann, konnte nach London fliehen, vermutlich nachdem sich ihr Mann Fritz Kauffmann am 5. September 1940 das Leben genommen hatte.

Die Massengräber in Kalevi-Liiva wurden erst 1961 wiederentdeckt. Ein erster Gedenkstein wurde unter der Sowjetunion in den 60er- Jahren aufgestellt. 1995/96 wurde hier von der Estnischen Jüdischen Gemeinde eine neue Gedenkstätte errichtet. 2007 folgte ein zweites Denkmal für die hier ebenfalls ermordeten Sinti und Roma.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; /www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html; https://en.wikipedia.org/wiki/Kalevi-Liiva

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Karl Kauffmann, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Karl Kauffmann

HIER WOHNTE
KARL KAUFFMANN
JG. 1877
DEPORTIERT 19.1.1942
ERMORDET IN
RIGA

Karl Kauffmann wurde am 24. Juni 187 in Gollantsch (poln. Golancz), Landkreis Wongrowitz in Posen geboren. Sein Vater war Philipp Kauffmann, die Mutter dessen Ehefrau Henriette (Jette) geb. Horwitz. Karl hatte drei ältere Geschwister, Abraham (*1867), Ernestine (*1873) und Oskar, geboren 1875. Philipp Kauffmann war Handelsmann, es ist unbekannt, in welcher Branche er tätig war. Er starb 1880 mit 50 Jahren in Gollantsch, als Karl erst 3 Jahre alt war. Spätestens um die Jahrhundertwende zog seine verwitwete Mutter Jette Kauffmann nach Berlin, vermutlich waren ihre Kinder schon vorher in der Hauptstadt. 1900 ist sie erstmalig im Berliner Adressbuch verzeichnet. 1902 heiratete Karls Bruder Abraham (er nannte sich nun Adolf) Hedwig Lasch, 1905 heirateten Oskar und Hedwig Wiesner. Auch Ernestine heiratete, und zwar den Kaufmann Siegmund Rosenbaum – wann wissen wir nicht.

Karl blieb ledig. Dokumentiert ist nur, dass er sich im Januar 1902 als Commis, also Handelsgehilfe oder Kontorist, in Posen anmeldete, nach wenigen Wochen jedoch zurück nach Berlin ging. Vielleicht hatte er, nach einer kaufmännischen Ausbildung, in Posen ein Arbeitsangebot, das ihm dann jedoch nicht zusagte. Ob er in Berlin eine eigene Adresse hatte ist schwer feststellbar, da der Name häufiger vorkommt, möglicherweise wohnte er bei der Mutter in der Nürnberger Str. 49, später in der Neuen Königsstraße 82. Anfang Dezember 1914 starb auch Jette. Ob Karl, inzwischen 37 Jahre alt, am Ersten Weltkrieg teilnahm, bleibt ungewiss. Auch sein Aufenthalt und seine Tätigkeit nach dem Krieg waren nicht zu ermitteln.

Erst mit der Volkszählung vom 17. Mai 1939 gibt es gesicherte Daten zu Karl Kauffmann: Er wurde in der Giesebrechtstraße 19 als Untermieter der Witwe Minna Herzfeld erfasst. Minna wohnte hier seit 1909 und war seit 1928 Witwe. Bei dieser Volkszählung registrierten die NS-Behörden Juden in einer gesonderten Kartei – so hatten sie ihre Daten gebündelt zur Hand. Dies erleichterte wohl die Kontrolle der zahlreichen, seit Machtantritt der Nationalsozialisten erfolgten, antisemitischen Verordnungen, die die berufliche und soziale Ausgrenzung von Juden zum Ziel hatten. So war es Juden z.B. verboten, in Theater, Kinos oder Museen zu gehen, zu bestimmten Zeiten durften sie gar nicht mehr auf die Straße, durften nur von 16 bis 17 Uhr nachmittags einkaufen. Alle Wertgegenstände mussten sie abliefern, Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt, ihre Konten wurde zu „Sicherheitskonten“ erklärt, von denen sie nur durch „Sicherungsanordnung“ festgelegte Beträge für ein Existenzminimum abheben durften. Ab September 1939 hatten sie den Judenstern zu tragen, sie wurden auch zu Zwangsarbeit herangezogen.

Ob Karl Zwangsarbeit leisten musste ist eher unwahrscheinlich, da er über 60 Jahre alt war. In seiner 1941 ausgefüllten „Vermögenserklärung“ gab er als Beruf „Handlungsgehilfe“ an – dies dürfte seiner ursprünglichen Ausbildung entsprochen haben. Er war als Angestellter versichert. Beschäftigt war er aber in der Gemeinschaftsküche der jüdischen Gemeinde in der Pestalozzistraße.

1941 musste Minna Herzfeld ihre Wohnung räumen, um Platz für Nichtjuden zu schaffen. Karl Kauffmann zog am 15. Februar zu seiner Schwägerin Hedwig Kauffman geb. Lasch in die Sybelstraße 27. Sie war die Witwe von Karls Bruder Adolf (Abraham), der im Oktober 1938 im Jüdischen Krankenhaus laut Sterbeurkunde an Herz- und Kreislaufschwäche gestorben war. Adolf war Chefbuchhalter bei der A.-G. für chemische Produkte, vorm. H. Scheidemantel, gewesen.

Im Dezember 1941 mussten Karl und auch Hedwig die „Vermögenserklärung“ unterzeichnen, der Vorbote der Deportation. Ein nennenswertes Vermögen besaß Karl nicht mehr. 225 RM auf einem Sparbuch wurden von der Oberfinanzdirektion eingezogen, ansonsten nannte er noch 2 Koffer, 4 Anzüge, 3 Oberhemden, 3 Krawatten, 2 Paar Schuhe und 2 Frottiertücher sein eigen.

Im folgenden Januar dann hatten Karl und seine Schwägerin sich in der als Sammelstelle missbrauchten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 einzufinden, um am 19. Januar mit 1000 weiteren Menschen durch die ganze Stadt zum Bahnhof Grunewald gescheucht zu werden. Vom dortigen Gleis 17 aus wurden sie in gedeckten Güterwagen bei frostigen Temperaturen nach Riga deportiert und dort in das Ghetto eingewiesen – falls sie nicht schon während der fünftägigen Fahrt erfroren waren. Die Lebensbedingungen im Ghetto waren besonders erbärmlich. Zu sechst hatten sie sich 2 Zimmer zu teilen, überall sah man noch Spuren der Massenermordung der lettischen Juden, Ernährung und Hygiene waren katastrophal, es gab kein Wasser, da die Rohre eingefroren waren. Zudem wurden die Insassen zu harter Zwangsarbeit herangezogen. Es scheint unwahrscheinlich, dass Karl Kauffmann oder die zwei Jahre ältere Hedwig Kauffmann diese Umstände lange überlebten. Möglicherweise wurden sie auch Opfer der besonders perfiden „Aktion Dünamünde“, die von Februar bis April 1942 stattfand. Die NS-Schergen behaupteten, Arbeitskräfte würden in einer Fischfabrik in Dünamünde benötigt, wo die Arbeit leichter und die Arbeitsbedingungen besser seien. Sogar Freiwillige meldeten sich. „Dünamünde“ aber existierte nicht und die Fischfabrik auch nicht. Nicht oder nicht voll Arbeitsfähige, die dorthin sollten oder wollten, wurden auf einem nahen Gelände ermordet.

Von den ursprünglich 1002 Menschen dieser Deportation überlebten lediglich 19. Weder Karl noch Hedwig Kauffmann gehörten dazu.

Auch Karl Kauffmanns Geschwister wurden Opfer der Shoa. Adolf war 1938 gestorben, hatte aber bereits einen Großteil der Judenverfolgung erleben müssen. Ernestine Rosenbach, geb. Kauffmann, war mit dem ersten Deportationszug aus Berlin vom 18. Oktober 1941 in das Ghetto Lodz verbracht worden und kam dort um, ihr Mann Siegmund war um 1935 gestorben. Oskar und seine Frau Hedwig geborene Wiesner wurden am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und überlebten die menschenunwürdigen Lebensumstände dort nicht – Oskar starb am 8. Dezember 1942, Hedwig ein halbes Jahr später am 9. Juni 1943.

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Einwohnermeldekartei Posen (http://e-kartoteka.net/en/); /www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html

Stolperstein für Margarete Oppler, Foto:B.Plewa

Stolperstein für Margarete Oppler, Foto:B.Plewa

HIER WOHNTE
MARGARETE OPPLER
JG.1890
DEPORTIERT 30.9.1942
ERMORDET IN
TREBLINKA

Margarete Oppler kam am 22. Juni 1890 in Breslau zur Welt. Ihr Vater war der Kaufmann Stephan Oppler, die Mutter Martha, geb. Sachs. Die Familie Oppler war seit dem 18. Jahrhundert in Oppeln ansässig, Margaretes Großvater war dort Stadtrat gewesen. Dort wohnte die Familie auch noch, als zwei Jahre vor Margarete ihr Bruder Friedrich geboren wurde, der Vater war Zigarrenhändler. Drei Monate nach Friedrichs Geburt zog die Familie nach Breslau, dem Heimatort Marthas, und dort wechselte Stephan Oppler die Branche, er wurde Mitinhaber der Tuchhandlung Oppler & Oelscher. Vielleicht betrieb er auch den Zigarrenhandel daneben weiter. Offenbar hatte er aber bereits vor, nach Berlin umzuziehen, da er sich dort schon ab 1889 in das Adressbuch eintragen ließ, mit jährlich wechselnden Adressen und der Berufsbezeichnung „Stadtreisender“. 1896 siedelte die ganze Familie in die Hauptstadt über. Drei Jahre später war Stephan Oppler Mitinhaber der Knaben-Garderobenfabrik Oppler & Philipp, 1900 ihr alleiniger Inhaber. Die Fabrik war in der Neuen Friedrichstraße 70. Opplers wohnten zunächst in der Kirchstraße 16, später in der Markgrafenstraße 21. Nach einigen Jahren scheint sich Stephan Oppler wieder auf den Zigarrenhandel besonnen zu haben, er bezeichnete sich nun als Generalvertreter in Zigarren und wohnte in der Turmstraße 6. Dort blieb die Familie etwa 10 Jahre, bis sie 1914 nach Charlottenburg in die Sybelstraße 25 umzog.

Zu diesem Zeitpunkt war die ledig gebliebene Margarete, auch Marga genannt, 24 Jahre alt und lebte höchstwahrscheinlich noch im Elternhaus. Laut ihrem Bruder Friedrich war sie Schauspielerin, arbeitete auch als Sekretärin. Friedrich wurde im Krieg eingezogen, wohnte aber nach seiner Rückkehr wohl ebenfalls in der Sybelstraße. Er hatte Jura studiert und war bereits 1911 promoviert worden. Er arbeitete ab 1916 und auch nach dem Krieg beim Magistrat in Berlin, 1927 wurde er Amtsgerichtsrat, 1931 Landgerichtsrat.

1927 war auch das Jahr, in dem Stephan Oppler starb, seine Witwe wohnte weiter in der Sybelstraße 25 sowie auch Friedrich – mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls Margarete. Das Verhältnis von Margarete zu ihrem Bruder war laut Friedrich sehr eng. 1930 verstarb auch Martha Oppler, und ihr Sohn behielt die Wohnung. Noch 1933 verzeichnet das Adressbuch Friedrich in der Sybelstraße, in diesem Jahr heiratete er und zog nach Dahlem. Wo Margarete danach wohnte, ist nicht bekannt, da sie im Adressbuch nicht mit eigener Anschrift vermerkt ist.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich viel für Friedrich und vermutlich auch für Margarete. Friedrichs Schwiegereltern denunzierten ihn, weil er sich abfällig über die Nationalsozialisten geäußert hätte, er kam für einige Tage ins Gefängnis. Obwohl er zum Christentum übergetreten war, wurde er als Jude im November 1933 ohne Pension entlassen. Die Ehe wurde im August 1935 geschieden. Bei den Pogromen 1938 wurde Friedrich gleich am 11. November verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Nach 6 Wochen wurde er mit der Auflage entlassen, aus Deutschland auszuwandern. Mit seiner zweiten Frau Ilse geb. Landau, die er Ende 1936 geheiratet hatte, beantragte er umgehend Visa für Brasilien.

Margaretes Spur findet sich erst wieder anlässlich der Volkszählung vom 17. Mai 1939, bei der Juden in einer getrennten „Ergänzungskartei“ erfasst wurden. Margarete wohnte in der Giesebrechtstraße 19 zur Untermiete bei der Witwe Minna Herzfeld. Als Schauspielerin konnte sie sicherlich bestenfalls beim Kulturbund Deutscher Juden noch arbeiten, ob das der Fall war, konnte nicht ermittelt werden, vielleicht war sie auch dort als Sekretärin tätig. Laut ihrem Bruder war sie zuletzt arbeitslos. Was wir wissen ist, dass sie lungenkrank war und sich von Oktober 1940 bis Januar 1941 als Patientin in dem Rothschild-Sanatorium in Nordrach im Schwarzwald aufhielt.

Letzteres war ein 1905 von der Stiftung der Baronin Adelheid de Rothschild gegründetes Sanatorium für jüdische weibliche Lungenkranke. Es wurde streng orthodox geführt und sollte einen unentgeltlichen Aufenthalt für jüdische weibliche Lungenkranke aller Länder ermöglichen. 1939 ging die Lungenheilstätte in den Besitz der Reichsvereinigung der Juden über. Schon längst konnten keine Patientinnen aus dem Ausland mehr dorthin reisen. Und schon seit der Inflationszeit in den 20er Jahren mussten vermögendere Kranke auch einen Beitrag zahlen. Ob Margarete Oppler zu den Vermögenden zählte, darf bezweifelt werden, denn die bereits ab 1933 von der NS-Regierung durchgeführten antijüdischen Maßnahmen nahmen nach den Pogromen vom November 1938 erheblich zu. Dazu gehörte auch, dass Juden nicht mehr frei über ihr Vermögen verfügen konnten. Sie durften nur einen festgelegten Betrag für das Existenzminimum von einem Sperrkonto abheben.

Nach ihrer Rückkehr nach Berlin konnte Margarete nicht mehr lange oder überhaupt nicht mehr in der Giesebrechtstraße wohnen. Ihr wurde ein Zimmer zur Untermiete bei Herta Lehmann geb. Israelski in der Güntzelstraße 35 zugewiesen. Margaretes Vermieterin Minna Herzfeld musste ebenfalls ausziehen. Wie viele andere von Juden bewohnte Wohnungen sollte wohl auch die in der Giesebrechtstraße zwangsweise für Nichtjuden freigemacht werden.

 Rothschild Sanatorium Nordrach

Rothschild Sanatorium Nordrach

Im Spätsommer 1942 kam Margarete Oppler noch mal in die Rothschildsche Lungenheilanstalt, sie war dort im Haus 158 untergebracht. Sie war offenbar weiterhin krank. Vielleicht dachte sie auch, Nordrach sei ein sichererer Ort als Berlin, wo mittlerweile Juden massenhaft deportiert wurden. Wenn sie dieser Ansicht war, war dies leider ein Trugschluss. Am 24. September, kurz nach ihrer Ankunft, musste sie die Vermögenserklärung abliefern, die der Deportation vorausging. Fünf Tage darauf, am 29. September, wurde das Sanatorium aufgelöst, die verbliebenen Patienten, das Pflegepersonal und der Chefarzt Dr. Nehemias Wehl – insgesamt 26 Personen – wurden nach Darmstadt überführt und von dort zusammen mit rund 900 meist hessischen Juden am 30. September 1942 deportiert. Das Ziel der Deportation konnte bis heute nicht geklärt werden, Historiker vermuten, dass es Treblinka war. Von den Patienten aus Nordrach hat keiner überlebt.

Friedrich Oppler und seine Frau Ilse erhielten 1940 endlich ihre brasilianischen Visa und konnten im August des Jahres ausreisen. Wegen des Krieges mussten sie Brasilien ostwärts über Sibirien, Japan und Panama erreichen. 1952 kehrte Friedrich Oppler nach Berlin zurück und erstritt seine Wiedereinstellung in West-Berlin. Er wurde Oberlandesgerichtsdirektor und Vorsitzender einer Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Berlin. Er trauerte um seine „einzige Schwester Margarete, an der [er] sehr hing und die nicht hatte auswandern können“ und so in der Deportation ermordet worden war. Er starb 1966 in Berlin.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Arolsen Archives; Schellinger, Oswald, Hoferer: Deportiert aus Nordrach – Das Schicksal der letzten jüdischen Patientinnen und Angestellten des Rothschild-Sanatoriums, Hrsg. Historischer Verein für Mittelbaden – Mitgliedergruppe Nordrach, 2009; www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html;

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf