HIER WOHNTE
MARTHA HEIMANN
JG. 1881
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
CHELMNO / KULMHOF
ERMORDET 9.5.1942
Martha Heimann (lt. Geburtsurkunde Heymann) wurde am 30. September 1881 in Berlin geboren. Ihre Eltern waren Ludwig und Rosalie Heimann geb. Herrnstadt. Das Ehepaar heiratete 1868. Rosalie hatte drei ältere Geschwister: Der Bruder Paul kam am 25. Juni 1870 auf die Welt und Max am 19. Mai 1872. Die 1874 geborene Schwester Margarethe wurde nur knapp ein Jahr alt, sie starb am 3. Juli 1875. Nach 1870 war die Familie mehrfach innerhalb Kreuzbergs, Schönebergs und Moabits umgezogen.
Am 16. Februar 1897 starb Marthas Vater Ludwig im Alter von 62 Jahren. Der Tod wurde vor dem Standesbeamten von seinem Sohn Paul angezeigt, dessen Beruf mit „Berg Referendar“ angegeben wurde. Wenige Monate nach seinem Vater starb auch Paul. Die Todesursache ist nicht bekannt.
Rosalie Heimann blieb mit den beiden erwachsenen Kindern Max und Martha zurück. Rosalie wohnte um die Jahrhundertwende in der Claudiusstraße 7. Die Adressen von Max und Martha waren aufgrund der Namenshäufigkeit nicht zu ermitteln.
Max studierte Medizin und reiste 1920 als Arzt über Norwegen in die USA. Er stellte 1926 den Einbürgerungsantrag. Damals war er 54 Jahre alt und ledig. Er kehrte noch einmal nach Deutschland zurück und wanderte dann endgültig 1927 nach Amerika aus. Zwischenzeitlich hatte er geheiratet. Bis zu seinem Tod 1962 lebte und arbeitete er in New York.
Ludwig Heimann war Buchhändler und Zeitungsredakteur gewesen, offenbar hatte sich seine Liebe zum geschriebenen Wort auf Martha übertragen. Nach dem Schulabschluss besuchte sie die „Hottinger’sche Bibliothekarinnen Schule“ und ließ sich dort zur Bibliothekarin ausbilden. Diese Frauenhochschule war 1900 als erste Ausbildungsstätte des Bibliotheks-, Museums- und Zeitungswesens von Christlieb Gotthold Hottinger gegründet worden. Er war Herausgeber der illustrierten Wochenzeitschrift „Volksblatt“.
Dank ihrer qualifizierten Ausbildung erhielt Martha Heimann eine Anstellung in der Preußischen Staatsbibliothek.
Ab 1933 wurden Bibliothekare und Bibliothekarinnen aus „rassischen“ oder politischen Gründen aus ihrem Beruf gedrängt, entlassen, vertrieben oder deportiert. Die Preußische Staatsbibliothek verlor damals neben vielen Bibliotheksmitarbeitern und -arbeiterinnen ihre vier Spezialisten für jüdische und arabische Literatur sowie für den nahen Orient durch Entlassung „aus rassischen Gründen“.
Martha Heimanns Entlassung erfolgte 1936, obwohl sie damals schon nachweislich zum evangelischen Glauben übergetreten war.
Martha lebte seit 1936 als Hauptmieterin am Ludwigkirchplatz 9 (nicht Nr. 8, wie fälschlicherweise in der Minderheitenvolkszählung 1939 angegeben wurde) im Gartenhaus IV. Etage zusammen mit Dr. Herta Lichtenstein (*10. November 1905). Diese Angabe ist den Adressbüchern und den Melde- und Transportkarten beider Frauen zu entnehmen. Herta Lichtenstein war die Tochter von Marthas Tante Elise, der Schwester ihrer Mutter Rosalie. Herta stammte aus einer zum protestantischen Glauben konvertierten Familie. Sie war promovierte Volkswirtin, hatte in Berlin und Breslau studiert, wurde aber 1933 aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Sie arbeitete dann im „Büro Pfarrer Grüber“, einer Berliner Organisation, die rassisch verfolgte evangelische Christen unterstützte.
Am 18. Oktober 1941 holte die Gestapo die damals 60-jährige Martha Heimann und ihre 36-jährige Nichte Herta Lichtenstein aus der gemeinsamen Wohnung am Ludwigkirchplatz und deportierte sie in das Ghetto Łódź. In dem vom Bahnhof Grunewald abfahrenden Zug wurden 1000 jüdische Kinder, Frauen und Männer in das schon völlig überfüllte Ghetto gefahren. In einer der primitiven Unterkünfte in der Alexanderhofstraße 29, Wohnung 8 wurden Martha und Herta mit anderen Deportierten zusammengepfercht.
Am 9. Mai 1942 transportierte man sie mit weiteren hunderten Menschen nach Chełmno, von den Deutschen Kulmhof genannt. Dort angekommen, zwängte man die Menschen in sogenannte Gaswagen und ließ sie an den Abgasen, die mittels eines Verbindungsschlauchs ins Innere der Wagen geleitet wurden, grausam ersticken. Ihre Leichen wurden anschließend in den umliegenden Wäldern in Massengräbern verscharrt.
Für Dr. Herta Lichtenstein wurde ein „Denkstein“ vor dem Haus Ludwigkirchplatz 9 verlegt.Der Stolperstein für Martha Heimann liegt vor dem Haus Ludwigkirchplatz 8.
Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf
Quellen:
- Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
- Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
- Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
- Loose: „Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941 – 1944
- Yad Vashem – Opferdatenbank
- Arolsen Archives
- Ulrich Hohoff, Universitätsbibliothek Augsburg: „Wissenschaftliche Bibliothekarinnen und Bibliothekare als Opfer der NS-Diktatur. Eine Übersicht über 250 Lebensläufe seit dem Jahr 1933“ Teil 1: Die Entlassungen