Stolpersteine Ludwigkirchplatz 7

Hauseingang Ludwigkirchplatz 7

Hauseingang Ludwigkirchplatz 7, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012

Verlegt am 19.03.2011 und von Kirsten Kelleher, Elvira Perez, Sophie von Seidlein, alle Berlin, und Dietrich Seydel, Zell, gespendet.

Stolperstein Rebecca Jacobsohn

Stolperstein Rebecca Jacobsohn, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012

HIER WOHNTE
REBECCA
JACOBSOHN
GEB. SÄNGER
JG. 1870
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
TREBLINKA
ERMORDET 19.9.1942

Rosa Rebecca Sänger – häufig auch Rebekka oder Rebecka geschrieben – kam am 28. Januar 1870 in Czarnikau, polnisch Czarnkow/Posen auf die Welt. Über ihren familiären Hintergrund konnte nichts in Erfahrung gebracht werden, weder, wer ihre Eltern waren, noch, ob sie Geschwister hatte. Im Adressbuch von Czarnikau ist 1915 eine Anna Sänger, Rentiere, verzeichnet. Ebenfalls sind Georg Sänger *8. März 1902, ermordet 1944 in Auschwitz und Ernst Sänger *1903, ausgewandert nach Palästina bekannt, beide geboren in Czernikau. Es ist jedoch nicht nachzuweisen, ob diese Personen in einem familiären Zusammenhang mit Rebecca Sänger stehen.

Erst 1910 finden wir eine nachweisbare Spur von Rebecca. Sie heiratete den aus Bromberg stammenden, vermutlich verwitweten Kaufmann Hugo Jacobsohn (*1869). Dieser brachte zwei Kinder aus seiner ersten Ehe mit Anna Hirschfeld mit in die Ehe. Das Ehepaar Hugo und Anna Jacobsohn hatte 1897 geheiratet und am 10. März 1902 wurde der Sohn Walter Julian geboren. Seine Schwester Käthe kam am 13. Juli 1904 auf die Welt.

Rebecca hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Stiefkindern. In einem gemeinsamen Testament setzten sich Hugo und Rebecca nach dem Tod des jeweiligen Ehepartners als gegenseitige Erben ein. Nach dem Tod beider sollte der Nachlass zu gleichen Teilen an Julian und Käthe fallen. Die Kinder sprachen stets von Rebecca als Mutter – nicht als Stiefmutter. Die Familie zog nach Berlin Pankow, wo sie in der Kavalierstraße 6 wohnte. Erstmals 1923 ist Hugo Jacobsohn unter dieser Adresse als Kaufmann verzeichnet. Der inzwischen 21-jährige Julian dürfte zu diesem Zeitpunkt sein Jurastudium aufgenommen haben. Ob auch Käthe eine Berufsausbildung machte, ist nicht bekannt.

Hugo Jacobsohn starb am 6. August 1930 im Alter von 61 Jahren in seiner Pankower Wohnung. 1935 bezog Rebecca zusammen mit den nun erwachsenen Kindern eine 3-Zimmer Wohnung im Parterre am Ludwigkirchplatz 7. Die Wohnung war gut ausgestattet, hatte Bad und Balkon und dürfte für die drei Personen ausreichend gewesen sein.

Noch im Jahr des Einzugs in die Wohnung am Ludwigkirchplatz heiratete Julian, inzwischen Doktor der Rechte, am 3. September die Musiklehrerin Ilse Luise Alexander (*4. Oktober 1907 in Berlin). Aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ war Julian damals „Gerichtsassessor außer Dienst“, wie in der Heiratsurkunde stand. Jüdische Juristen waren aufgrund dieses Gesetzes von 1933 aus dem öffentlichen Dienst entlassen worden.
Das junge Paar blieb bis zu seiner Flucht in die USA im November 1939 bei Rebecca wohnen.
1946 erhielten Julian und Ilse die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie ließen sich in New York nieder. Julian konnte in den USA nicht in seinem Beruf als Jurist arbeiten, nach einer Umschulung wurde er Optiker.

In das frei gewordene Zimmer zog der Untermieter Julius Glaser ein.
Käthe Jacobsohn, die ebenfalls noch bei der Mutter wohnte, heiratete am 18. Januar 1940 den Zahntechniker Heimann Dienstag (*16. Februar 1902). Er hatte anfangs zusammen mit seiner Mutter Johanna in der Lietzenburger Straße 7 gewohnt, 1939 war er in der Flandernstraße 55 (heute Sültstraße) in Prenzlauer Berg gemeldet. Seine Mutter verbrachte ihre letzten Lebensjahre bis zu ihrer Deportation im Juni 1942 nach Theresienstadt im Jüdischen Altersheim in der Großen Hamburger Straße. Sein Vater, der Stadtkämmerer Raphael Dienstag, war schon 1921 verstorben.

Unglücklicherweise starb Käthe an ihrem 38. Geburtstag nach nur zwei Ehejahren am 13. Juli 1942 im Jüdischen Krankenhaus an den Folgen eines Darmverschlusses. Rebecca und ihr Schwiegersohn Heimann teilten sich noch kurze Zeit die Wohnung. Am 5. August 1942 unterschrieb Rebecca die obligatorische Vermögenserklärung, die kurz vor der Deportation in einem 16-seitigen Formular auszufüllen war. 12 Tage später, am 17. August, wurde sie mit dem „1. großen Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert und am 19. September weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt, wo sie vermutlich sofort nach Ankunft ermordet wurde.

Heimann Dienstag bat in einem Schreiben vom 5. Oktober 1942 an die Jüdische Kultusvereinigung um die Herausgabe von einigen persönlichen Dingen wie Kleinmöbel, Schmuck und Kleidungsstücke aus seinem und Käthes Besitz aus Rebeccas versiegelten Zimmern. Die Kultusvereinigung leitete das Begehren weiter an die Oberfinanzdirektion. Tatsächlich erhielt er diese Gegenstände mit Ausnahme der Möbelstücke zurück. Er blieb nach Rebeccas Deportation noch mit dem Untermieter Julius Glaser in der Wohnung, bis er selbst am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.

Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
  • Vermögensverwertungsakten aus dem Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de
  • Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Landesarchiv Berlin
  • Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • Arolsen Archives
  • Mapping The Lives
  • Deportationslisten
  • Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
  • Yad Vashem – Opferdatenbank
Stolperstein Max Rosenbaum

Stolperstein Max Rosenbaum, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012

HIER WOHNTE
MAX ROSENBAUM
JG. 1872
DEPORTIERT 25.6.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 19.3.1944

Max Rosenbaum wurde am 10. Mai 1872 im schlesischen Königshütte (polnisch Chorzow) Kreis Beuthen geboren. Sein Vater war Simon Salo Rosenbaum (1843 – 1913), seine Mutter hieß Johanna, geb. Wurm (1850 – 1917). Am 7. Juni 1870 hatte Salo die 20-jährige Johanna in Königshütte geheiratet, wo er als Braumeister tätig war.

Dem Ehepaar wurden vier Kinder geboren: Clara am 6. März 1871 (gest. 1925), Max am 10. Mai 1872, Anna im Jahr 1876 und Paul 1877.

1882 zog die Familie nach Kattowitz in Oberschlesien, wo Salo sich als Schankwirt niederließ.
In Berlin ist die Familie Rosenbaum erstmals 1892 unter der Adresse Wassergasse 39 gemeldet, ab 1900 wohnte sie in der Oranienburger Straße 31. Salo war bereits Rentner, als er am 5. September 1913 starb.

Max wurde Textilkaufmann und ging als solcher nach Moskau. Dort lernte er Adele Levy (*1. September 1883) kennen und heiratete sie. In Moskau wurden auch ihre zwei Kinder geboren, Therese Sophie am 23. Dezember 1904 und Waldemar am 20. August 1906. Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs muss die Familie über Schweden nach Deutschland zurückgekehrt sein. Max eröffnete 1911 in der Jerusalemer Straße 11/12 eine Handelsfirma für Textil und Bekleidung. Es war die Filiale der bekannten Samtfabrikation aus Hannover „Lindener Velvets“. Die Firma wurde 1939 liquidiert. Um 1919 gründete Max die „Ost-Compagnie für Handel und Industrie mbH“ unter der Geschäftsadresse Unter den Linden 14.
Nach Angaben eines Onkels war Max während des Krieges als Armierungssoldat eingesetzt worden.

Max Rosenbaum lebte mit seiner Familie zunächst in der Steglitzer Zimmermannstraße 3, ab 1921 in der Schloßstraße 67 in einer 6-Zimmer-Wohnung, die teilweise untervermietet war. Adele Rosenbaum arbeitete bei der Post als Dolmetscherin.

Therese war in erster Ehe mit Emanuel Kurt Aron verheiratet. Die Ehe wurde am 27. August 1925 geschlossen und 1928 geschieden. 1935 oder 1936 heiratete sie den polnischen Pelzhändler Abraham Szafran, wodurch sie die polnische Staatsbürgerschaft erhielt. Bis dahin lebte sie in der elterlichen Wohnung in der Schloßstraße. 1938 folgte das Ehepaar Thereses Bruder Waldemar nach Frankreich, sie ließen sich in Nizza nieder. Abraham wurde im Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert, Therese in Jahr später, am 17. Dezember 1943 über Drancy ebenfalls nach Auschwitz. Beide wurden ermordet.

Waldemar entging der Deportation aus Frankreich durch Flucht nach Spanien, wo er verhaftet wurde und ein Jahr im Gefängnis verbringen musste. Er hatte früh die Gefahr des heraufkommenden Nationalsozialismus erkannt und war schon 1933 nach Frankreich ausgewandert. Ein Jahr später, so berichtete er, seien seine Eltern Max und Adele nach Paris gereist, um ihn zu besuchen. Sie nutzten den Aufenthalt, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen, was aber misslang. Aus demselben Grund reisten sie nach Belgien und England, aber auch hier waren sie erfolglos. Da sie inzwischen ein Visum für die USA beantragt hatten, kehrten sie nach Berlin zurück.

Möglicherweise hatten sie zwischenzeitlich ihre Wohnung in der Schloßstraße auf den Namen eines Untermieters überschrieben und ihr Mobiliar verkauft, denn später wohnten sie nur noch möbliert und getrennt in zwei Wohnungen. Max Rosenbaum war zur Zeit der Volkszählung im Mai 1939 am Ludwigkirchplatz 7 gemeldet, vermutlich als Untermieter bei einem der jüdischen Hauptmieter des Hauses. Adele lebte in der Giesebrechtstraße 12 bei Rosenthal. Ab 1941 wurde sie zusammen als Untermieter bei dem jüdischen Ehepaar Julius und Bertha Pinner in der Spichernstraße 19 zwangseingewiesen.

Am 25. Juni 1942 wurde das Ehepaar Rosenbaum in das böhmische Ghetto Theresienstadt verschleppt. Es war der 10. Alterstransport, der insgesamt 50 Berliner Jüdinnen und Juden in das überfüllte Ghetto brachte. Max überlebte die katastrophalen Bedingungen knapp zwei Jahre, er starb am 19. März 1944. Adele war schon ein Jahr zuvor, am 17. April 1943 verstorben. Ihre Vermieter Julius und Bertha Pinner wurden am 14. August 1942 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert, wo sie nur wenige Monate nach Ankunft ums Leben gebracht wurden.
Waldemar Rosenbaum starb am 7. Juni 1977 in Nizza. Im Jahr 1957 beantragte er einen Erbschein und stellte einen Antrag auf Entschädigung für seine Eltern als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.

Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
  • Entschädigungsamt Berlin
  • Berlin – Brandenburgisches Landeshauptarchiv
  • Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Landesarchiv Berlin, Standesamtsunterlagen über Ancestry
  • Arolsen Archives
  • Mapping The Lives
  • Deportationslisten
  • Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
  • Loose: „Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941 – 1944
  • Yad Vashem – Opferdatenbank
  • Micaela Haas: Biografie Adele Rosenbaum

Adresse

Stolpersteine