Ein großer Zeitsprung führt nach Berlin. Der Hoffotograf Willi Ruf, spezialisiert auf Portraitfotos, hatte Anfang der 1. Dekade des 20. Jahrhunderts in in der Hobrechtstraße 1 in Berlin Halensee ein „Photographisches Atelier“. (Die Straße heißt heute Storkwinkel, das besagte Grundstück ist vom Rathenau-Platz überbaut.)
1915 trat Martha Löw als Nachfolgerin von Willi Ruf in das Fotoatelier ein und betrieb es bis 1918 in denselben Räumen. Dann verlegte sie Atelier und Wohnräume in das nicht weit entfernte Haus Kurfürstendamm 138. 1931 finden wir den letzten Eintrag in den Adressbüchern.
Zeitgleich mit dem Tod von Marthas Bruder Nathaniel am 16. März 1932 – er wohnte in der Elberfelder Straße 28 – taucht sowohl das Fotoatelier als auch die Wohnung von Martha Löw nicht mehr in den Adressbüchern auf.
Wir finden Martha Löw erst 1939 in der Sonderkartei für Juden, die im Rahmen der Volkszählung erstellt wurde, als jüdische Bewohnerin in der Pariser Straße 17 wieder. Da sie nicht mit eigenem Namen im Adressbuch verzeichnet ist, darf davon ausgegangen werden, dass sie bei einem der Mieter zur Untermiete wohnte.
Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt wurde Martha Löw zwangsumgesetzt. Sie kam mit ihren verbliebenen Sachen bei dem jungen Ehepaar Ludwig und Jeanette Cohn in der Augsburger Straße 46 in der Nähe des Kurfürstendamms unter. Offenbar war Martha Löw für einen der vom 1. bis 9. September stattfindenden Alterstransporte nach Theresienstadt vorgesehen. Angesichts der bevorstehenden Deportation entschied Martha Löw mit Hilfe einer Überdosis Schlaftabletten, sich das Leben zu nehmen. Sie wurde noch ins Jüdische Krankenhaus eingeliefert, wo am 1. September 1942 früh um 6 Uhr nur noch ihr Tod festgestellt werden konnte.
Ihre Vermieter Ludwig und Jeanette Cohn waren angesichts der drohenden Verschleppung damals bereits untergetaucht, sie wurden aber gefasst und im Juni 1943 zunächst nach Theresienstadt, später nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Martha Löw hatte das Formular der obligatorischen Vermögenserklärung, die wenige Tage vor der geplanten Deportation abgegeben werden musste, nicht mehr ausgefüllt. Am 27. November 1942 wurde Marthas Zimmer geräumt. Der Verwalter der Reichsfinanzverwaltung erstellte eine Liste des vorgefundenen Inventars und taxierte den Wert aller Gegenstände und Kleidungsstücke auf 274 RM. Allerdings fehlt in der Aufzählung ihres letzten Hab und Guts vom September 1942 eine Fotoausrüstung, die Geräte sind ihr sicherlich im Juni 1942 aufgrund der Anordnung über die Ablieferung von u. a. optischen Geräten abgenommen worden. Martha Löw besaß darüber hinaus noch eine größere Summe auf dem Konto der Deutschen Bank sowie ein kleines Vermögen an Aktien und Rentenpapieren.
Martha Löw wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee in der Grabstelle 19602 bestattet.
Recherche, Text: Karin Sievert, Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf
Quellen:
Gedenkbuch
Arolsen Archives
Adressbücher Berlin
Adressbücher Wien ab 1872
BLHA Vermögensakte Martha Löw
Mapping the Lives
„Österreich, Niederösterreich, Wien, Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde, 1784-1938”
FamilySearch (https://www.familysearch.org/ark:/61903/1:1:CSGW-S5W2 : Sun Mar 10 05:57:29 UTC 2024), Entry for Martha Löw and Hermann Löw, 3 Sep 1872.