Stolperstein Stuttgarter Platz 20

Der Stolperstein wurde am 19. März 2011 verlegt und vom Gasthaus LENTZ am Stuttgarter Platz, Berlin, gespendet.

Hinweis 2026: Dokumente, die zur Zeit der Stolpersteinverlegung nicht bekannt waren, belegen, dass Max Schneid glücklicherweise auch das KZ Buchenwald überlebte. Ein Austausch des Stolpersteins ist geplant.

Stolperstein für Max Schneid

Stolperstein für Max Schneid

HIER WOHNTE
MAX SCHNEID
JG. 1898
DEPORTIERT 19.4.1944
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
BUCHENWALD
ERMORDET 1944

Max (Mayer) Schneid, geboren am 09. Februar 1898 in Preußisch Stargard/Westpreußen, (heute Starogard Gdański in Polen) und nicht – wie in späteren Dokumenten oft steht – in Stargard/Pommern (Stargard Szczeciński), war der Sohn des Kaufmanns Hermann Schneid und dessen Ehefrau Selma geb. Fürst. Er hatte (mindestens) zwei Schwestern, Minna und Betty, vielleicht auch Brüder. Spätestens 1907, als Max neun Jahre alt war, zog die Familie nach Berlin. Im Adressbuch finden wir Hermann Schneid 1908 in der Chodowieckistraße 13 und zwei Jahre später in der Jablonskistraße. Ab 1915 wohnten Schneids in der Friedbergstraße 18 in Charlottenburg, Hermann Schneid bezeichnete sich als „Stadtreisender“, eine Art Handelsvertreter. Nachdem er 1920 gestorben war, zog seine Witwe in die Knesebeckstraße 74, in eine Wohnung im Gartenhaus.

Es ist gut möglich, dass Max, der die Mittelschule absolviert hatte und wohl auch eine Kaufmannslehre, bis 1920 bei den Eltern und vielleicht auch danach bei der Mutter wohnte. Einen eigenen Eintrag im Adressbuch hatte er nicht. Er war als selbständiger Kaufmann in der Papierbranche tätig, Papier- Schreib- und Bürowaren en gros.

Selma Schneid, die Mutter, starb 1933. Die letzten Jahre lebte sie nicht mehr in der Knesebeckstraße, gut möglich, dass sie bei einem ihrer Kinder oder bei Verwandten unterkam. Ab 1933 ist ein Wilhelm Schneid im Adressbuch in der Rosenthaler Straße 29a vertreten. Bei ihm wohnte Max im Jahr seiner Heirat, 1934, vielleicht war Wilhelm sein Bruder. Max heiratete Gertraud geborene Hagel, die am 8. März 1902 in Strasburg in Westpreußen (heute Brodnica) zur Welt gekommen war, und ebenfalls in der Rosenthaler Straße 29a wohnte. Die beiden hatten schon länger eine Beziehung, denn sie hatten bereits zwei Kinder: Peter am 22. Juni 1932 und Helga am 18. September 1933 geboren. Gertraud war vorher schon mit einem Herrn Doede verheiratet gewesen, möglicherweise mussten sie auf eine Scheidung dieser Ehe warten.

Die Familie lebte anschließend in Halensee, in der Joachim-Friedrich-Straße 21. Nach Zeugenaussagen hatten sie dort eine gediegen eingerichtete Wohnung. Im Adressbuch ist Max – allerdings mit Nachnamen Schneidt – von 1934 bis 1938 eingetragen. Im November dieses Jahres sollte Max Schneid verhaftet werden, „zwecks Deportation“, wie spätere Zeugen berichteten. Sehr wahrscheinlich geschah das im Rahmen der Novemberpogrome gegen Juden. Max habe sich der Verhaftung entziehen können und sei noch am gleichen Tag mit seiner Frau und den Kindern nach Krakau geflohen. „Seinen Besitz hinterließ er völlig“, so die Zeugen.

Unklar bleibt, ob Schneids zunächst in Krakau selbst lebten oder gleich in das 20 Kilometer entfernte Wieliczka zogen, das Max später wiederholt als seinen Wohnort angab. Wieliczka hatte eine fast die Hälfte der Bevölkerung umfassende jüdische Gemeinde und es ist gut denkbar, dass Max dort Bekannte oder Verwandte hatte.

Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939, bei der Juden gesondert erfasst wurden, war Max gerade wieder in Berlin und wurde am Stuttgarter Platz 20 registriert – nicht aber Gertraud und die Kinder, die offenbar in Krakau oder Wieliczka weilten. Möglicherweise wollte Max sehen, ob er noch was von seinen Sachen retten könnte.

Im Dezember 1940 beantragte Max Schneid in Krakau Kennkarten für sich und seine Familie, dabei gab er an, seit November 1938 in Krakau zu wohnen. Die Karten wurden am 7. April 1941 ausgegeben. Am 1. Mai darauf richteten die Deutschen – die seit Anfang September Südpolen besetzt hatten – in Wieliczka ein Ghetto ein, offenbar zusätzlich zu dem Ghetto in Krakau selbst, in Podgórze, einem Viertel im südlichen Teil der Stadt. Familie Schneid wurde in das Ghetto in Wielicza eingewiesen, im August 1942 wurde Max aber festgenommen und ins Gefängnis in Krakau verbracht, warum genau wissen wir nicht. Von dort gelang ihm am 23. Februar 1943 die Flucht, er wurde aber schon im März wieder verhaftet und im Zwangsarbeiterlager Plaszow, südöstlich von Krakau interniert. Auch Gertraud wurde nach Plaszow verbracht, wurde dabei von den Kindern getrennt, die sie im Ghetto zurücklassen musste.

Am 28. November konnte Max bei Außenarbeiten wieder flüchten und schlug sich nach Berlin durch. Hier war er natürlich genötigt, versteckt zu leben. Am 12. Dezember 1944 wurde er erneut verhaftet, möglicherweise durch eine Denunziation. Er wurde im Sammellager Große Hamburger Straße 26 – ehemals ein jüdisches Altenheim – festgehalten. Am folgenden 13. Januar wurde er auf Befehl der SS auf die Polizeistation eingeliefert, wo er bis zum 13. April blieb, der Tag an dem er in das Sammellager Schulstraße 78 überführt wurde, das war die ehemalige Pathologie des Jüdischen Krankenhauses, das ab März 1944 das Sammellager in der Großen Hamburger Straße ablöste. Dort unterschrieb er am 14. April die obligatorische „Vermögenserklärung“. Sie scheint von fremder Hand in Bleistift ausgefüllt zu sein und enthält keine Angaben über Einkünfte oder Vermögen. Als Wohnort gab Max „Wieliczka bei Krakau“ an „bis Anfang 43“, er lebe getrennt von seiner Frau und den zwei Kindern Peter und Helga, die in Krakau seien. Gertrud Schneid sei „Arierin“ und wohne in Krakau in der Reichsstraße 62. Die Frage nach der Kennkarte wird mit „ohne“ quittiert, die nach der Staatsangehörigkeit mit „ungeklärt“. Alles deutet darauf hin, dass Max nur unwillig dem Ausfüllenden Antwort gab. Fünf Tage später, am 19. April, wurde Max Schneid mit 49 weiteren Juden nach Theresienstadt deportiert.

Ob Gertraud tatsächlich Nichtjüdin war, konnte nicht festgestellt werden. Nach dem Krieg gab sie an, wegen des Glaubens ihres Ehemannes verfolgt worden zu sein. Andererseits scheint sie, wie Max, die ganze Kriegszeit im Ghetto und im Arbeitslager Plaszow verbracht und nicht in der Krakauer Reichsstraße (heute ul. Królewska) gewohnt zu haben. Vielleicht handelt es sich hier um Schutzbehauptungen von Max, um seine Frau zu schützen. Vielleicht ist Gertraud auch später zum jüdischen Glauben übergetreten, nach dem Krieg war sie Mitglied der Jüdischen Gemeinde in München

Ende September 1944 begann in Theresienstadt eine außerordentliche umfangreiche Transportwelle in das Vernichtungslager Auschwitz. Innerhalb vier Wochen wurden 18 402 Menschen in überfüllten Güterwagen nach Auschwitz verschleppt. Max Schneid kam mit dem zweiten, 1500 Menschen umfassenden dieser „Herbsttransporte“, nach eintägiger Zugfahrt, am 30. September in das Vernichtungslager, wurde dort als „arbeitsfähig“ befunden, aber ohne Registrierung in das Durchgangslager Birkenau eingewiesen. Hier hielt man Häftlinge, die bald darauf in andere Lager gebracht werden sollten. So wurde auch Max Schneid nach wenigen Wochen weiter nach Buchenwald geschickt.

Max Schneids Häftlingsakte aus Buchenwald ist erhalten, enthält aber unterschiedliche Angaben zu seiner Einlieferung. Während in mehreren Dokumenten als Überstellungsdatum der 15. bzw. 16. November 1944 registriert ist, steht bei einigen der 29. bzw. 30. Oktober, auf einem davon ist nachgetragen „29.10.44 Meuselwitz“, ein Außenlager von Buchenwald. Vielleicht kam er zwar dorthin, wurde aber erst Mitte November im Hauptlager registriert. Als Beruf wird „Kaufmann, später Bohrer“ genannt, evtl. ein Hinweis auf vorangegangene Zwangsarbeit. In Buchenwald gab Max als Wohnort die Knesebeckstraße 18 in Berlin an, möglicherweise die Adresse, bei der er verhaftet wurde. Seine Frau wohne in der Reichsstraße 62 in Krakau, sie sei Arierin, hieß es auch hier. Einweisungsgrund: politischer Jude, ohne Vorstrafen.

Max Schneid überlebte die KZ-Haft. Am 22. Dezember 1945 konnte er nach München ziehen, wo er zunächst in einem DP(Displaced Persons)-Lager unterkam. Irgendwie schaffte er es, dort mit Gertraud wieder zusammenzukommen. Die Kinder hingegen, Peter und Helga, waren seit der Trennung von Gertraud in Wielicza vermisst, sie mussten als umgekommen gelten. In ihrer Registrierung als DP wird Gertraud als deutsche Jüdin bezeichnet und Haft in Buchenwald-Meuselwitz erwähnt. Vielleicht konnte sie Max schon dort treffen. Im Mai 1946 werden beide im Transitlager für DPs in der Münchner Funkkaserne registriert, ab Mitte Oktober haben sie eine eigene Wohnung. Sie wechseln mehrfach die Adresse, 1950 ist es die Franz-Senn-Straße 26. Beide finden Arbeit im Sanatorium Gauting, einer ehemaligen Kaserne und Militärhospital, welche die Amerikaner als Krankenhaus für DPs, die an Tbc erkrankt waren, nutzten. Gertraud arbeitete als Sprechstundenhilfe beim Zahnarzt, Max als nicht weiter bezeichneter Angestellter. Schließlich konnten sie am 27. Juli 1950 von Bremen aus mit der MS General J.H. McRae in die USA auswandern. Sechs Jahre später wurden sie eingebürgert. 1971 konnte das Ehepaar auf Einladung des Berliner Senats noch einmal Berlin besuchen. Max Schneid starb 1979 in Los Angeles, Kalifornien, Gertraud Schneid 1986 in Orange, ebenfalls Kalifornien.

Peter und Helga Schneid wurden zum 9. Mai 1945 offiziell für tot erklärt. Max‘ verwitwete Schwester Betty Berger konnte rechtzeitig aus ihrem Wohnort Wien nach Palästina flüchten, die Schwester Minna gelangte mit ihrem Mann Hans Baeck über Shanghai in die USA.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Berliner Adressbücher
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)
  • https://www.geni.com/people
  • https://www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=6113600&ReferPersonId=6113601
  • Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005
  • Senatskanzlei Berlin – Abt. Internationales und Protokoll