Stolpersteine Mommsenstraße 52

Hauseingang Mommsenstr. 52, Foto: Bukschat&Flegel, 20.4.13

Hauseingang Mommsenstr. 52, Foto: Bukschat&Flegel, 20.4.13

Die Stolpersteine für Adi Birn, Mariem Birn und Simon Birn wurden am 28.10.2020 verlegt.

Die Stolpersteine für Dr. Friedrich Julius Freund und Hilde Elisabeth Freund wurden am 14.05.2010 verlegt.

Stolperstein Adi Birn

HIER WOHNTE
ADI BIRN
JG. 1930
FLUCHT 1938
URUGUAY

Adi Birn hat 96-jährig im Juli 2026 für die Stolperstein Initiative seine Familiengeschichte erzählt.

Adi Biran – (Adi Birn) wurde 1930 in Berlin geboren. Er war das einzige Kind von Shimon (Simon) und Miriam (Mariem) Biran, die beide im Jahr 1900 in der polnischen Stadt Nowy Sącz zur Welt gekommen waren. Sein Vater, der ursprünglich Friedhaber hieß, änderte später den Familiennamen in Biran. Shimon verließ Polen im Alter von sechzehn Jahren und ließ sich ein Jahr später in Berlin nieder. Er arbeitete als Handelsvertreter für Weingüter aus der Rheinregion und verkaufte deren Weine vorwiegend in Ostdeutschland. Miriam kam um 1928 nach Deutschland zu ihrer Schwester, in der Hoffnung, sich ein neues Leben aufzubauen und einen Ehemann zu finden.

Mutter Mariem und Adi Birn, 1934

Mutter Mariem und Adi Birn, 1934

Das Paar führte in Berlin ein komfortables Leben; sie sprachen zu Hause Deutsch, besaßen ein Auto und genossen einen gesicherten Lebensstandard der Mittelschicht. Miriam stammte aus einer großen Familie mit elf Geschwistern. Tragischerweise überlebten nur zwei Schwestern den Holocaust. Die eine, Molly Frisch, wanderte in die Vereinigten Staaten aus, während die andere nach Deutschland zog und später – anlässlich der Makkabiade 1935 – gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Palästina emigrierte. Adi besuchte einen jüdischen Kindergarten und später die jüdische Schule in der Fasanenstraße, während die Familie in der Mommsenstraße 52 wohnte. Seine Eltern waren traditionsbewusst und besuchten die Synagoge vor allem an jüdischen Feiertagen, genossen aber zugleich das rege kulturelle Leben Berlins. Sie besuchten Cafés, sein Vater spielte gerne Billard, und die Familie unternahm häufig Ausflüge mit dem eigenen Auto.

Adi Birn als Kind

Adi Birn als Kind

Der Aufstieg des NS-Regimes zerstörte dieses behütete Leben nach und nach. Im Jahr 1933 verkaufte die Familie ihr Haus samt Einrichtung mit der Absicht, nach Palästina auszuwandern. Da Shimon jedoch Mitglied der „Betar-Bewegung“ gewesen war, verweigerten ihm die britischen Mandatsbehörden die Einwanderungsgenehmigung. Infolgedessen verbrachten Adi und seine Mutter etwa ein Jahr bei Verwandten in Polen, während sein Vater in Deutschland blieb, um zu arbeiten und Geld zu sparen. 1937 war Shimon die Gewerbelizenz entzogen worden und er suchte verzweifelt nach einem Land, das bereit wäre, jüdische Einwanderer aufzunehmen. Er suchte unzählige Botschaften und Konsulate auf, fand jedoch überall verschlossene Türen vor. Als 1938 die Deportation polnischer Juden aus Berlin begann, warnten ihn Freunde vor seiner bevorstehenden Verhaftung. Am besagten Tag verbrachte er die gesamte Nacht damit, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen Berlin und Potsdam hin- und herzufahren, um sicherzustellen, dass man ihn nicht zu Hause antreffen würde. Tatsächlich erschienen die Behörden und hinterließen eine Anordnung, sich am nächsten Tag bei der Polizei zu melden. Kurz vor Ablauf dieser Frist gelang es Shimon, nach einer Zahlung an den paraguayischen Botschafter Visa für Paraguay zu erhalten.
Diese Visa beinhalteten auch die Durchreise durch Frankreich und Uruguay. Er weigerte sich, ein deutsches Schiff zu besteigen – eine Entscheidung, die sich später als außerordentlich weise erweisen sollte – und die Familie reiste mit dem Zug nach Marseille, von wo aus sie an Bord eines französischen Schiffes namens „El Sina“ ging. Sie verließen Berlin nur einen Tag, bevor Shimon sich bei der Polizei melden sollte. Am Morgen nach der Reichspogromnacht ging Adi wie gewohnt zur Schule und musste feststellen, dass sowohl seine Schule als auch die benachbarte Synagoge bis auf die Grundmauern niedergebrannt waren. Menschenmengen, darunter auch Mitglieder der Hitlerjugend, beobachteten die Zerstörung. Als er durch die Straßen Berlins irrte, sah er zerschlagene Schaufenster und bereits geplünderte jüdische Geschäfte. Während der Überfahrt nach Südamerika verkündete der Kapitän des Schiffes eine verheerende Nachricht: Die paraguayischen Visa waren gefälscht und für ungültig erklärt worden, die Einreise nach Paraguay wurde verweigert. Als das Schiff Montevideo in Uruguay erreichte, durften Adis Familie und etwa fünfzehn weitere jüdische Flüchtlinge von Bord gehen und wurden vorübergehend in einem Hotel untergebracht. Da sie sich die Miete nicht leisten konnten, mussten sie bald wieder ausziehen und sich ein Zimmer in einer bescheidenen Wohnung mieten. Die ersten Jahre in Uruguay waren äußerst schwierig. Shimon verkaufte die Krawatten, die er aus Deutschland mitgebracht hatte und begann später, ähnliche Krawatten vor Ort herzustellen und zu verkaufen. Miriam fand Arbeit in einer Näherei. Da Adi kein Spanisch sprach, wurde er in eine katholische Schule eingeschult, die von Priestern geleitet wurde und von der er immer wieder weglief. Schließlich erkannten seine Eltern, dass die Schule ihn zum Christentum bekehren wollte, und nahmen ihn von der Schule. Spanisch zu lernen wurde nicht nur für die Schule, sondern auch für das tägliche Überleben unerlässlich. Da beide Eltern lange arbeiteten, verbrachte Adi einen Teil seiner Kindheit in einem jüdischen Waisenhaus. Die Familie hielt eine Zeit lang Kontakt zu den Verwandten, die in Polen geblieben waren. Schließlich brach die Korrespondenz ab. Erst nach dem Krieg erfuhren sie, dass die gesamte jüdische Gemeinde ihrer Heimatstadt ermordet und in einem Massengrab beigesetzt worden war. Das Leben stabilisierte sich allmählich. Seine Eltern lernten fließend Spanisch, behielten aber ihren europäischen Akzent und blieben aktive Mitglieder der jüdischen Gemeinde.
Adi entwickelte jedoch eine eigenständigere Sichtweise. Im Alter von dreizehn Jahren, nach einem heftigen Streit mit seinen Eltern, erklärte er, dass er die Synagoge nicht mehr besuchen werde. Als Jugendlicher schloss sich Adi den Jugendbewegungen „Gordonia“ und „Maccabi Hatzair“ an. Zur Vorbereitung auf die Auswanderung nach Israel absolvierte er eine etwa einjährige landwirtschaftliche Ausbildung auf dem Hof der Bewegung in Argentinien. Obwohl er sich freiwillig für den israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 melden wollte, verlangte das uruguayische Gesetz für unverheiratete Männer unter zwanzig Jahren die Erlaubnis der Eltern, um das Land verlassen zu dürfen. Sein Vater verweigerte diese Zustimmung und bestand darauf, dass Adi zunächst einen Beruf erlernte. Adi respektierte den Wunsch seines Vaters und studierte Textiltechnik in Argentinien, bevor er seine landwirtschaftliche Ausbildung abschloss.

Adi Birn 2026

Adi Birn bei Biografieaufnahme 2022

Während seines Studiums in Buenos Aires lernte er Felisa – auf Hebräisch Aliza genannt – kennen, eine in Argentinien geborene junge Frau. Sie heirateten in Uruguay kurz vor ihrer Auswanderung nach Israel und erfüllten damit den Wunsch der Eltern, ihr neues Leben gemeinsam als Ehepaar zu beginnen. 1952 wanderte Adi als Teil einer Gruppe von acht Pionieren nach Israel aus. Zunächst wurden sie im Kibbuz Ginegar ausgebildet und zogen später in das heutige Kfar Tikva. Als sich der Großteil der Gruppe entschied, in den Kibbuz Or HaNer weiterzuziehen, schlug Adi einen anderen Weg ein. Da er das Kibbuzleben als nicht passend für sich empfand, ließen er und Aliza sich in Netanja nieder, wo er als Automechaniker arbeitete. Später zog das Paar in den Kibbuz Masada; dort arbeitete Adi als Lehrer, während sie als angestellte Bewohner vor Ort lebten. Nach etwa sieben Jahren zogen sie dauerhaft nach Shavei Zion. Adi und Aliza zogen drei Kinder groß: Amos, ihren ältesten Sohn, ihre Tochter Neta und ihren jüngsten Sohn Uzi.
Shimon Biran starb am 8. August 1964 im Alter von 64 Jahren und wurde auf dem Cementerio Israelita De La Paz in Montevideo/Uruguay beigesetzt. Während der Zeit der Familie in Uruguay war Adis jüngerer Bruder Elias am 10. Oktober 1943 zur Welt gekommen – dreizehn Jahre nach Adi. Adi Birans Leben spiegelt den Weg vieler jüdischer Überlebender seiner Generation wider: von einer behüteten Kindheit im Deutschland der Vorkriegszeit über Verfolgung, Exil und Ungewissheit bis hin zum entschlossenen, widerstandsfähigen und hoffnungsvollen Aufbau eines neuen Lebens in Israel.

Biografische Zusammenstellung nach Schilderungen von Adi Biran: Moshe Dvir

  • Engl. Biografie Adi Birn 2026

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Stolperstein Mariem Birn

HIER WOHNTE
MARIEM BIRN
GEB. FRISCH
JG. 1902
FLUCHT 1938
URUGUAY

Mariem (Miriam) Birn, geb. Frish (Frisch) war Tochter von Elish (Elias) Frish, gest. 1935 und Esther Frisch geb. Einhorn, (1867 – 1940).
Sie kam am 22. Oktober 1902, wie ihr Ehemann, in Nowy Sącz zur Welt.
Am 22. August 1929 heiratete sie in Berlin Simon Birn. In der Heiratsurkunde war als Beruf „Wirtschafterin“ eingetragen. Ihre gemeinsame Wohnung war bis 1932 in Berlin Mitte, Weinbergsweg 3, ab 1933 in der Mommsenstraße 52.
Der gemeinsame Sohn Adi wurde am 4. Juni 1930 in Berlin geboren.
Ein weiterer Sohn, Elias, kam am 10. Oktober 1943 im Exil in Uruguay auf die Welt.
Sie starb 1998 in Montevideo, Uruguay.

Stolperstein Simon Birn

HIER WOHNTE
SIMON BIRN
JG. 1900
FLUCHT 1938
URUGUAY

Simon (Shimon) Birn wurde als Simon Friedhaber am 2. August 1900 in Neu Sandez, heute Nowy Sącz in Westgalizien geboren.

Shimon Birn, 1926

Shimon Birn, 1926

Simon war der Sohn von Sholem und Hanna Friedhaber, geb. Blau. Hanna Friedhaber brachte innerhalb von 10 Jahren 6 Kinder zur Welt, von denen 4 in sehr frühem Alter starben: Juda (*1897), Abraham (*1898), Simon (*1900) Lea (*1903), Fradel (*1906) und Moses (*1907). Juda, Fradel und Moses starben im ersten Lebensjahr, Lea wurde nur 5 Jahre alt.
Simon Birn starb am 8. August 1964 im Alter von 64 Jahren und wurde auf dem Cementerio Israelita De La Paz in Montevideo/Uruguay beigesetzt.

Stolperstein Dr. Friedrich J. Freund, Foto: Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein Dr. Friedrich J. Freund, Foto: Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

HIER WOHNTE
DR. FRIEDRICH J.
FREUND
JG. 1898
DEPORTIERT 26.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Dr. Friedrich Julius Freund wurde am 4. Januar 1898 in Darmstadt geboren. Er war vom 9. November 1938 bis zum 14. Dezember 1938 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Am 26. Januar 1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert und von dort am 18. Mai 1944 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Verstummte Stimmen, Dr. Fritz Freund, Porträtskizze, Ansprache am 27. September 2009 von Elisabeth Krimmel zur Gedenkstunde am „Denkzeichen Güterbahnhof“ Darmstadt. Aus dem Nachlass Wolfgang Knoll:

„Nein, er war kein gefeierter Bühnenstar am Hessischen Landestheater in Darmstadt. Er gehörte auch nicht zu den Komponisten, die durch die nationalsozialistische Kulturpolitik aus dem hessischen Landestheater vertrieben und ermordet wurden.

Er war einer von vielen jüdischen Rechtsanwälten in Darmstadt, wegen seiner juristischen Schärfe gefürchtet und seiner rhetorischen Eleganz bewundert. Fritz Freund wurde am 4. Januar 1898 in der Elisabethenstraße 54 in Darmstadt geboren. Aufgewachsen ist er in der Landgraf-Philipps-Anlage 44, jenem mehrstöckigen Haus, in dem bis kurzem die Hessische Brandversicherungskammer residierte. Er besuchte das Alte Realgymnasium am Kapellplatz, dem Vorläufer der heutigen Georg-Büchner-Schule und ging gerne zur Schule, saugte alles Neue gierig auf, wollte immer mehr lernen. Deutsch und Geschichte, Französisch und Englisch waren seine Lieblingsfächer. Und Musik.

Früh wurde seine musikalische Begabung entdeckt. Schon mit 13 Jahren komponierte er eine Oper, spielte Orgel, Klavier und Violine. Musik half ihm, den frühen Tod der Mutter zu bewältigen. Musik blieb seine Leidenschaft.

Mit 17 Jahren reiste er nach Hannover und gab mit dem Schulorchester ein Konzert. Der Dirigent des Hannoveraner Orchesters war so begeistert von den musikalischen Fähigkeiten des Darmstädter Schülers, dass er ihn gleich dabehalten und weiter ausbilden wollte. Aber der Vater befahl dem Sohn, sofort nach Darmstadt zurückzukommen, die Geschichte mit den „brotlosen Künsten“ zu vergessen und sich auf einen sicheren Beruf vorzubereiten. Fritz fügte sich und machte 1916 sein Abitur.

Im Frühjahr 1917 wurde er ohne jede militärische Ausbildung dem Artillerie Regiment 25 zugeteilt und an die Westfront versetzt. Dort in den umkämpften flandrischen Mooren half der 19-Jährige tote und verletzte Soldaten zu bergen und militärisches Gerät aus dem Schlamm zu ziehen. Bei einer dieser Aktionen wurde er in den Rücken geschossen. Die Kugel konnte nicht entfernt werden. Schwer verletzt kehrte er im Herbst 1918 nach Darmstadt zurück. Man ehrte ihn mit dem Verwundetenabzeichen.

Fritz Freund immatrikulierte sich 1919 an der Großherzoglich Badischen Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, wechselte an die Universität Frankfurt und beschloss sein Studium in Gießen. Er promovierte mit einer Arbeit über „Das Wesen des Staates als Problem der Rechtswissenschaft“.

1924 wurde der 26-Jährige „Gerichtsassessor Dr. Friedrich Freund zur Rechtsanwaltschaft beim Landgericht der Provinz Starkenburg in Darmstadt“ zugelassen. Anfangs lebte er in der väterlichen Wohnung an der Landgraf-Philipps-Anlage. Im März 1927 erwarb er eine Stadtvilla mit Garten an der Bismarckstraße 37. Er wurde Mitglied der Starkenburg Loge der B’nai B’rith Bruderschaft, erwarb eine Dauermiete für Oper und Theater im Hessischen Landestheater, machte Weltreisen, war mit dem Maler Erich Colm-Bialla und dem Fotografen Hermann Collmann befreundet, lud zu Gesellschaftsabenden in sein Haus, machte sich als Anwalt für Ehescheidungen einen Namen und wurde in Darmstadt „Edelkommunist“ genannt.

Die erfolgreiche Laufbahn des Staranwalts erlebte ihren Einbruch durch die Machtübertragung an Adolf Hitler am 30. Januar 1933. Bei Demonstrationen mit Kommunisten und der SPD nahen „Eisernen Front“ wurde Fritz Freund von SA-Rotten brutal zusammengeschlagen und im sog. „Braunen Haus“ Ecke Landgraf-Philipps-Anlage/Rheinstraße 48 in Schutzhaft genommen. Erst nach Wochen kam er frei.

Nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 wurde Dr. Fritz Freund, zusammen mit den Rechtsanwälten Ebo Rothschild und Dr. Manfred Weinberg in der sog. „Abwaschaktion“ gezwungen, Wahlplakate und Wahlparolen von Linksparteien mit einer Zahnbürste zu entfernen. Herumstehende, gaffende Menschen protestierten nicht. Mit dem, am 23. März 1933 vom Deutschen Reichstag, entgegen den Stimmen von SPD und KPD, beschlossenen „Ermächtigungsgesetz“ wurde dem Rechtsanwalt Freund klar, dass er seinen Status als Persönlichkeit des Öffentlichen Rechtes verloren hatte. Das kurz darauf folgende „Gleichschaltungsgesetz“, das den Regierungen der Länder erlaubte, ohne Beschlussfassung der Landtage frühere Gesetze außer Kraft zu setzen und neue Gesetze nach Belieben zu erlassen, bewirkte, dass Fritz Freund auch als Privatmann rechtlos war. Schließlich verlor er durch das am 22. April 1933 erlassene Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ seine Zulassung am Landgericht der Provinz Starkenburg in Darmstadt.

Anfangs konnte er heimlich jüdische Landsleute beraten. 1936, nach dem Tode seines Vaters, gab er die Darmstädter Praxis auf und plante sein Leben neu: zuerst kümmerte er sich um die Rettung seiner Halbschwestern Hildegard und Hanna, betrieb ihre Emigration, die jedoch erst 1938 gelang: auf getrennten Wegen erreichten die beiden Palästina.

Fritz Freund verabschiedete sich mit einem Klavierkonzert von den Logenbrüdern der B’nai B’rith Bruderschaft, er heiratete die Radio-Therapeutin Hilde Nickelsburg aus Worms, ordnete das Vermögen seiner amerikanischen Tante Hanna, die seit 1935 in Berlin lebte, verkaufte sein Haus in der Bismarckstraße 37 und zog 1937 nach Berlin.

Vermutlich glaubte Fritz Freund in der Anonymität der Reichshauptstadt eher untertauchen zu können als im provinziellen Darmstadt, was sich als Irrtum herausstellen sollte. Er verdiente sich Geld als Klavierstimmer, knüpfte Fäden zu ehemaligen Kollegen in Kanada und Brasilien, zahlte die Reichsfluchtsteuer und betreute die gebrechliche Tante Hanna in der gemeinsamen Wohnung in der Mommsenstraße 52.

Die gewalttätigen Ereignisse der reichsweit organisierten Pogrome erlebte Fritz Freund hautnah. Er sah wie SA-Trupps am 9. und 10. November 1938 Synagogen in Brand steckten, wie Angehörige der Hitlerjugend jüdische Geschäfte demolierten und plünderten und er war einer von den 12.000 männlichen Juden, die in Berlin verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen-Oranienburg verschleppt wurden. Am 14. Dezember 1938 wurde er als Häftling Nummer 9.059 entlassen, weil er Soldat im Ersten Weltkrieg und für seinen patriotischen Fronteinsatz ausgezeichnet worden war.

Aber frei waren Fritz und Hilde Freund und Tante Hanna nun nicht mehr. Sie spürten die von den Nationalsozialisten verhängten Gesetze gegen Juden in allen elementaren Lebensbereichen: Sie mussten eine Sondersteuer zahlen als „Sühneleistung“ für die in der Pogromnacht entstandenen Schäden, sie mussten sich „Kennkarten“ ausstellen lassen, die Zwangsnamen Israel und Sara annehmen, sich für zehn Pfennig bei ihrer Gemeinde „Judensterne“ kaufen und sichtbar an ihrer Kleidung tragen, sie durften öffentliche Verkehrsmittel, Telefonzellen und Postkabinen nicht mehr benutzen und ihre Wohnung abends nicht mehr verlassen, sie erhielten keine Bezugsscheine mehr für Lebensmittel und Kleider, durften nicht mehr in Markthallen und auf Wochenmärkten einkaufen und mussten ihr Telefon und das Radio abgeben.

Noch war es möglich über das Internationale Rote Kreuz Brief- und Postkartenvordrucke nach Palästina zu schicken und so zu erfahren, wie es den Halbschwestern Hanna und Hildegard Freund erging. Aber auch diese umständliche und von der Gestapo kontrollierte Korrespondenz versiegte im Chaos der Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges.

So erfuhr Fritz Freund nicht mehr, dass seine Halbschwester Hanna in Palästina als Sergeant Higgins für den britischen Geheimdienst arbeitete und im April 1942 bei der kleinen BBC-Radiostation unter dem Decknamen George Turner den ungarischen „Meisterspion“ George Tabori kennen gelernt hatte. Die beiden heirateten am 12. September 1942 in Jerusalem.

Genauso wenig wusste Fritz Freund, dass Hildegard Freund sich nach ihren Erfahrungen im Jugenddorf „Ben Schemen“ auf abenteuerliche Weise als Kindermädchen, Putzfrau und französische Korrespondentin in Tel Aviv durchs Leben schlug, sich 1942 für den Dienst bei den britischen „Middle East Forces“ in Kairo anwerben ließ und im Büro der Indischen Armee den aus Ungarn geflohenen Cellisten und Rechtsanwalt Francis Shelton kennen lernte und 1948 in Mailand heiratete.

Hilde Freund fand eine Beschäftigung bei der Jüdischen Kultusvereinigung in der Rosenstraße. Fritz Freund wurde im Sommer 1940 als Zwangsarbeiter bei den Deuta-Werken G.m.b.H., Geschwindigkeitsmesser in der Dresdener Straße 34 eingesetzt und konnte die 72-jährige, kranke Tante Hanna in dem Jüdischen Altenheim an der Grossen Hamburger Straße unterbringen.

Am 15. Dezember 1941 wurden Hilde und Fritz Freund gezwungen, ihre Wohnung in der Mommsenstraße 52 zu verlassen und in die Levetzowstraße 7 abgeführt. Hier waren sie mit tausenden Juden in der zum Sammellager missbrauchten ehemaligen Synagoge interniert.

Als Fritz Freund erfuhr, dass auch das Jüdische Altenheim in der Grossen Hamburger Straße als Sammellager für die Deportationen benutzt wurde, holte er seine Tante, die immer noch ihren amerikanischen Pass hatte, aus dem Altenheim und brachte sie in das Jüdische Krankenhaus in der Iranischen Straße. Hier starb Hanna Kay, geb. Freund am 22. Februar 1943. Ihr Leichnam wurde am 1. März 1943 auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Am 26. Januar 1943 wurde Dr. Fritz Freund und am 2. Februar 1943 wurde Hilde Freund geb. Nickelsburg nach Theresienstadt „abgeschoben“. Die Transporte umfassten jeweils hundert Personen und fuhren mit einem normalen Zug vom Anhalter Bahnhof in das Getto-Lager Theresienstadt.

Bereits am 5. Februar 1943 berichtete die Gestapo dem Berliner Oberfinanzpräsidenten, dass das „Vermögen der Juden, die mit dem 85. Alterstransport nach Theresienstadt abgeschoben“ wurden, „durch Einziehung dem Reich“ verfallen sei.

Und am 15. März 1943 listete Obergerichtsvollzieher Becker in der Wohnung des „früheren Mieters Friedrich Freund“ 27 Gegenstände mit Schreibmaschine auf. Unter Nummer 21 verzeichnete er ein Steinway Klavier, zwei Notenschränke und einen Lampentisch, die er insgesamt mit 770 RM bewertete und einem Berliner Möbelhändler übergab.

Darüber, in welcher körperlichen und seelischen Verfassung Hilde und Fritz Freund sich befanden, als sie im Getto-Lager Theresienstadt ankamen und wie sie sich dort zurechtfanden, gibt es keine Notizen.

Dokumentiert ist, dass am 15., 16. und 18. Mai 1944 etwa 7.500 Juden und Jüdinnen von Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt wurden. Das RSHA und die Kommandantur erwartete zum 23. Juni 1944 Vertreter einer internationalen Kommission des Roten Kreuzes und „reduzierte“ den „Lagerbestand“, um den „Ort schöner und wohnlicher“ erscheinen zu lassen.
Das Ehepaar Freund wurde am 18. Mai 1944 mit dem 3. Transport, der die Theresienstädter Bezeichnung „Eb“ hatte, zusammen mit 1062 Männern und Knaben sowie 1437 Frauen und Mädchen verschleppt. In einer mit Schreibmaschine geschriebenen Transportliste ist das Ehepaar Freund als „680 Freund, Friedrich Israel 4.1.1898 Rechtsanw. 10639-1/86“ und „681 Freund, Hilde Elis. Sara 9.9.01. ohne Beruf 10888-1/89“ verzeichnet. Der Transport kam am 19. Mai 1944 in Auschwitz an.

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann Hildegard Shelton, geb. Freund nach ihrem Halbbruder Fritz zu suchen. Am 6. Juni 1946 erhielt sie aus Prag die Nachricht, dass „Herr Friedrich Israel Freund und seine Ehefrau Hilde Elisabeth Sara Freund, geb. Nickelsburg“ 1943 in Theresienstadt ankamen und am 18. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert wurden, ihr weiteres Schicksal jedoch unbekannt sei.

Biografische Zusammenstellung: Nachlass Wolfgang Knoll

Solperstein Hilde Freund, Foto: Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Solperstein Hilde Freund, Foto: Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

HIER WOHNTE
HILDE FREUND
GEB. NICKELSBURG
JG. 1901
DEPORTIERT 2.2.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Hilde Freund wurde als Hilde Elisabeth Nickelsburg am 9. September 1901 in Worms geboren. Für ihre Eltern, den praktischen Arzt Dr. med. Leopold Nickelsburg (*21. September 1868) und dessen aus Heilbronn stammende Ehefrau Rosa Nickelsburg geborene Victor (*1. Juni 1875), war sie das einzige Kind.

Vermutlich erhielt sie eine höhere Bildung und wurde Röntgenassistentin (Radio-Therapeutin) von Beruf. 1910 war ihr Vater im Wormser Adressbuch als praktischer Arzt und Spezialarzt für Haut-, Harn- und Geschlechtskrankheiten in der Renzstraße 34 in Worms zu finden. Als Hilde 18 Jahre alt war, starb ihre Mutter Rosa am 1. August 1920. Ihr Vater wurde mit 52 Jahren Witwer.

Wann und wo Hilde ihren späteren Ehemann, den aus Darmstadt stammenden Rechtsanwalt Dr. Friedrich Julius Freund (*4. Januar 1898), auch Fritz genannt, kennenlernte, ist nicht bekannt. Als sie am 24. Dezember 1936 in Darmstadt heirateten, war Hilde 35 und Friedrich 42 Jahre alt.

Gemeinsam planten sie von Darmstadt nach Berlin zu gehen, wo Hildes Vater in der Kaiserallee 21 in Berlin-Wilmersdorf wohnte. Seit 1935 lebte auch Friedrichs Tante Johanna (auch Hanna) Kay geborene Freund (*27. November 1867), eine amerikanische Staatsbürgerin, in Berlin. Friedrich und Hilde zogen 1937 zu ihr in die Mommsenstraße 52 in Berlin-Charlottenburg. Für die 3½ -Zimmer-Wohnung im Vorderhaus des 4. Stocks links, die sie zu dritt bewohnten, zahlten sie eine Miete von 160 RM.

Hildes Vater Leopold starb mit 69 Jahren am 28. September 1937 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Da Fritz seinen Beruf als Rechtsanwalt nicht ausüben durfte, arbeitete er in Berlin anfangs als Klavierstimmer. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde er von der Gestapo festgesetzt und bis zum 14. Dezember 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren die drei weiterhin in der Mommsenstraße 52 gemeldet.

Fritz leistete seit dem Sommer 1940 Zwangsarbeit bei der Deuta-Werke GmbH in der Oranienstraße 34 in Berlin-Kreuzberg. Da er aufgrund der Arbeit seine 72-jährige, kranke Tante Hanna nicht mehr betreuen konnte, brachte er sie im jüdischen Altenheim in der Großen Hamburger Straße unter. Hilde arbeitete als Bürogehilfin und ehrenamtliche Helferin bei der Jüdischen Kultusvereinigung (JKV) in der Rosenstraße.

Schon Mitte 1942 war die Angst groß, in den Osten abgeschoben zu werden. Fritz stand auf der Deportationsliste für den 15. Osttransport am 13. Juni 1942 in die Konzentrationslager Majdanek und Sobibor. Er wurde jedoch von der Liste gestrichen und entging diesem Transport, da er als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Front gedient hatte und mit dem Verwundetenabzeichen ausgezeichnet worden war. So bekam er noch einen Aufschub. Als er merkte, dass das Altenheim in der Großen Hamburger Straße auch als Sammellager genutzt wurde, brachte er seine Tante Hanna im jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße in Sicherheit.

Am 13. Januar 1943 wurde Fritz aufgefordert, seine Vermögenserklärung auszufüllen und im Sammellager in der Gerlachstraße 21 auf die Deportation zu warten. Mit dem 82. Alterstransport deportierte die Gestapo den 45-jährigen Dr. Friedrich Freund am 26. Januar in das Ghetto Theresienstadt. Hilde füllte am 25. Januar 1943 zwei Vermögenserklärungen aus. Die damals 41-Jährige wurde zusammen mit 22 weiteren unter 65-jährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der jüdischen Gemeinde mit dem 85. Alterstransport am 2. Februar 1943 nach Theresienstadt deportiert. Zwanzig Tage später, am 22. Februar 1943, starb die Tante und Mitbewohnerin der Mommsenstraße 52, Johanna Kay geborene Freund, mit 75 Jahren im jüdischen Krankenhaus. Sie wurde am 1. März 1943 auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Hilde und Dr. Friedrich Freund lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen im Ghetto Theresienstadt. Am 18. Mai 1944 erfolgte die Deportation nach Auschwitz, wo sie in den Gaskammern ermordet wurden. Hilde Elisabeth Freund geborene Nickelsburg starb mit 42 Jahren und Dr. Friedrich Julius Freund mit 45 Jahren aufgrund von Verschwörungstheorien und antisemitischem Rassenwahn.

Text und Recherche: Gundula Meiering, November 2025

Quellen:
  • Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
    Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Amtliche Fernsprechbücher Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung, Reg. 36A (II) 10009 Friedrich Freund

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