Stolpersteine Kurfürstendamm 187

Die Stolpersteine für Else und Bernhard Marcuse und Hedwig Camnitzer wurden am 27. September 2010 vor dem Haus Kurfürstendamm 187 verlegt.

Stolperstein für Bernhard Marcuse

Stolperstein für Bernhard Marcuse

HIER WOHNTE
BERNHARD MARCUSE
JG. 1857
DEPORTIERT 6.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 26.12.1943

Bernhard Marcuse wurde am 5. November 1857 in Wolmirstedt bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Heynemann (später Hermann) Marcuse (geb. 1825) und dessen Ehefrau Julie, geborene Wohlmuth (geb. 1830), war er das zweite von insgesamt neun Kindern. Sein Bruder Max (1856-1912) war ein Jahr älter als er. Nach Bernhard folgten Hugo (1859-1916), Minna (1860-1932), Gustav (1863-1864), Emil (1864-1939), Nanny (1866-1917), Ida (geb. 21. August 1870) und Emma (1867-1923).

Bernhard wurde Baumeister von Beruf. Aufgrund seines Könnens stieg er zum Königlichen Regierungs- und Baurat auf. Im April 1890 verlobte er sich mit Ida Martha Emma, genannt Martha Michaelis (geb. 1865) aus Berlin, Tochter von Hartwig Hirsch Michaelis (geb. 1839) und dessen Ehefrau Anna, geborene Altmann (1839-1907). Er selbst wohnte und arbeitete damals als Königlicher Regierungsbaumeister in Kreuzburg in Oberschlesien (Kluczbork, Polen). Im Sommer 1890 heirateten der 32-jährige Bernhard und die 25-jährige Martha in Berlin. Sie wurden Eltern von drei Söhnen. Der älteste Sohn Herbert wurde am 1. Juni 1892 in Lublinitz in Oberschlesien (Lubliniec, Polen) geboren. Zwei Jahre später, am 15. April 1894, kam der zweite Sohn Adolf in Charlottenburg bei Berlin zur Welt. Damals war Bernhard schon Königlicher Regierungsbaumeister. Als am 11. September 1907 ihr jüngster Sohn Hans Werner geboren wurde, wohnten sie in der Uhlandstraße 160 in Berlin-Wilmersdorf, wo Bernhard mehr als 30 Jahre seines Lebens verbrachte.

Sein jüngerer Bruder Hugo, der ebenfalls Königlicher Regierungs- und Baurat von Beruf war, heiratete am 7. September 1893 Marthas Schwester Betty Michaelis (1868-1925). Auch sie wurden Eltern von drei Kindern, Elisabeth (geb. 1894), Walter (1895-1916) und Erna (1897-1919).

Bernhards Vater Heynemann starb 1909 mit 84 Jahren. Seine Mutter Julie starb am 13. Januar 1915 im 86. Lebensjahr. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Alle drei Söhne genossen eine höhere Bildung. Herbert promovierte zum Dr. jur. an der Universität Rostock. 1920 erhielt er die Zulassung als Rechtsanwalt in Potsdam und heiratete Erna Boas (geb. 8. Januar 1899), die aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie stammte. Am 5. August 1921 wurden Herbert und Erna Eltern einer Tochter, die sie Rachel nannten. Bernhard und Martha wurden zum ersten Mal Großeltern. Zwei Jahre später, am 4. September 1923, wurde ihr Enkel Günther geboren.

Adolf studierte Medizin und promovierte zum Dr. med. Er heiratete die aus Letchin stammende Eva Marie Katchinsky (*1898). Am 11. August 1923 wurde ihr Sohn Henry Egon geboren.

Auch der jüngste Sohn Hans Werner promovierte zum Dr. jur. Am 16. Dezember 1932 starb Bernhards Ehefrau Martha mit 67 Jahren. Er wurde nach 42 Ehejahren mit 75 Jahren Witwer.

45 Tage später kamen am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht. Schon am 23. März 1933 verabschiedete der neu gewählte Reichstag in der Berliner Kroll-Oper das sogenannte „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“. Das Gesetz übertrug der Regierung mit dem Reichskanzler Adolf Hitler die gesetzgebende Gewalt. Die Reichsregierung konnte fortan Gesetze erlassen, ohne den Reichstag oder den Reichsrat beteiligen zu müssen. Noch im Frühjahr 1933 ging die NS-Regierung gegen jüdische Ärzte und Rechtsanwälte vor. Sie waren zahllosen Repressalien und Schikanen ausgesetzt. Bernhards ältestem Sohn Herbert wurde1935 Berufsverbot erteilt und der Familie damit jegliche Wirtschaftsgrundlage entzogen.

Adolf war der erste, der am 29. Mai 1936 nach New York reiste und nicht mehr zurückkam. Seine Ehefrau Eva Marie, geborene Katchinsky blieb vorerst bei ihrer kranken Mutter Franziska Katschinsky geborene Cohn, die am 30. Juni 1936 starb. Am 30. Oktober 1936 gelang auch ihr mit dem gemeinsamen Sohn Henry die Emigration in die USA nach New York.

Hans Werner heiratete am 21. Dezember 1937 Sonja Erna Reichert in der Synagoge Prinzregentenstraße in Berlin-Wilmersdorf. Damals wohnte der 31-Jährige noch bei seinem Vater in der Uhlandstraße 160. Am 3. Februar 1939 emigrierte auch Hans Werner mit seiner Ehefrau Erna mit Hilfe seines Bruders Adolf, der sich in den USA Peter A. nannte, nach New York, wo sie am 30. März 1939 ankamen.

Nach den Pogromen im November 1938 inhaftierte die Gestapo Bernhards ältesten Sohn Herbert im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg. Er plante mit seiner Familie die Ausreise über Gibraltar nach Uruguay. Da Herberts Entlassung aus dem Konzentrationslager mit einer Ausbürgerung aus dem Deutschen Reich verbunden war, flüchteten die Eheleute erst einmal nach England, wo Herbert dann nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 interniert wurde.

Bernhards Enkelin Rachel gelang die gefährliche Flucht nach Palästina. Sein Enkel Günther bereitete sich in dem jüdischen Auswanderungslehrgut Groß-Breesen in Niederschlesien rund 30 Kilometer nördlich von Breslau auf die Emigration nach Palästina vor.

Im Berliner Adressbuch war Bernhard Marcuse 1938 schon am Kurfürstendamm 187 zu finden. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war er zusammen mit Else Michaelis geborene Gottschalk (*10. Dezember 1877), der Witwe von Henry Michaelis, der ein Cousin seiner Ehefrau Martha Marcuse geborene Michaelis war, am Kurfürstendamm 187 gemeldet. Vermutlich kümmerte sich Else um ihn und führte ihm den Haushalt.

Als Anfang 1942 die Deportation des 84-Jährigen in das Altersghetto Theresienstadt drohte, heirateten Bernhard und Else. So konnte die 64-jährige Else ihn dorthin begleiten und versorgen. Am 30. Juni 1942 mussten sie ihre Wohnung am Kurfürstendamm 187 für einen durch den Generalbauinspekteur mit Mietberechtigungsbescheid zugewiesen Mieter räumen.

Sie lagerten ihre Möbel bei der Spedition Delle aus der Kantstraße 38 in Berlin-Charlottenburg ein und zogen in die Pension Fuchs in der Bleibtreustraße 17, die von Jenny Fuchs (*18. Juli 1880) betrieben wurde, ein. Für die Übernachtung mussten sie 7 RM am Tag zahlen.

Ende Juli bekamen sie den Deportationsbefehl. Im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 füllten sie am 27. Juli 1942 ihre Vermögenserklärungen aus. Bis zur Deportation mussten sie dort noch zehn Tage warten, bis sie am 6. August 1942 vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt transportiert wurden.

Elf Tage später, am 17. August 1942, wurde auch Bernhards Schwester Ida mit ihrem Ehemann Jakob Sulke (*7. September 1867) nach Theresienstadt deportiert.

Aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Ghetto starb Else Marcuse am 27. Dezember 1942 mit 65 Jahren an Darmkatarrh. Bernhard wurde zum zweiten Mal Witwer. Am 13. Februar 1943 starb auch sein Schwager Jakob Sulke mit 65 Jahren an den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto. Zurück blieben Bernhard, seine Schwester Ida und deren Tochter Lissi Freund geborene Sulke (*4. Dezember 1902), die am 30. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war.

Am 4. August 1943 traf auch Bernhards Nichte Dr. med. Elisabeth Eylenburg, Tochter seines Bruders Hugo, mit ihrem Ehemann dem Chirugen Dr. med. Ernst Eylenburg in Theresienstadt ein.

Bernhard überlebte das Ghetto mehr als ein Jahr und starb am 27. Dezember 1943 mit 86 Jahren. Seine Nichte Dr. Elisabeth Eylenburg, deren Ehemann Ernst und deren Sohn Walter (*1929) wurden noch mit einem der letzten Transporte am 19. Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert, wo alle drei ermordet wurden. Seine Schwester Ida und seine Nichte Lissi überlebten das Ghetto Theresienstadt und wurden am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit.

Bernhards Enkel Günther wurde nach der „Fabrikaktion” im Februar 1943 von Groß-Breesen nach Breslau und schließlich am 4. März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo er am 25. März 1944 ermordet wurde. Günther starb mit 20 Jahren. Für ihn wurde in Potsdam ein Stolperstein in der Hans-Thoma-Straße 4 (früher Roonstraße) verlegt.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • https://spurenimvest.de/2024/10/26/marcuse-guenther/
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 25413,
  • Bernhard Marcuse und Else Marcuse geborene Gottschalk verwitwete Michaelis
Stolperstein für Else Marcuse

Stolperstein für Else Marcuse

HIER WOHNTE
ELSE MARCUSE
GEB. GOTTSCHALK
JG. 1877
DEPORTIERT 6.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 27.12.1942

Else Marcuse wurde als Else Gottschalk am 10. Dezember 1877 in Märkisch Friedland im Kreis Deutsch Krone in Pommern (Mirosławiec, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Isaak Gottschalk (1836-1914) und dessen Ehefrau Caecilie geborene Hirschberg, (1844-1926) war sie die jüngere von zwei Töchtern. Ihre Schwester Lina (geb. 11. Januar 1868) war neun Jahre älter als sie.

1891 heiratete ihre Schwester Lina den Kaufmann Adolf Flatow (geb. 1848). Sie wurden in Dresden Eltern von zwei Söhnen, Erich (31. Mai 1892-1976) und Herbert Walter (30. Januar 1901-1944).

Wann und wo Else ihren späteren Ehemann, den aus Cammin in Pommern stammenden Kaufmann Henry Michaelis (geb. 25. Februar 1862) kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie verlobten sich Ostern 1899. Henry wohnte damals in der Jerusalemer Straße 15 in Berlin-Mitte. Seine Eltern waren der aus Gülzow im Kreis Gustrow in Mecklenburg stammende Philipp Michaelis (geb. 1823) und dessen aus Cammin in Pommern stammende Ehefrau Simerette, geborene Edel (geb. 1827). Die 21-jährige Else und der 37-jährige Henry heirateten am 5. Juli 1899 in Berlin. Sie wohnten zuerst in der Charlottenstraße 4 in Berlin-Mitte und später in der Spichernstraße 4 in Berlin-Wilmersdorf. Ihre Ehe blieb kinderlos.

Am 22. März 1909 starb Elses Schwager Adolf Flatow mit 51 Jahren. Ihre Schwester Lina wurde mit 41 Jahren Witwe. Ganz in Elses und Henrys Nähe wohnten in der Uhlandstraße 160 in Berlin-Wilmersdorf die Familie von Henrys Cousine Martha Marcuse geborene Michaelis, die Tochter von Henrys Onkels Hartwig Hirsch Michaelis (1837-1905), dem jüngeren Bruder seines Vaters Philipp, mit ihrem Ehemann Bernhard Marcuse (*5. November 1857).

Am 3. Februar 1922 starb Henry mit 59 Jahren. Else wurde mit 44 Jahren Witwe. Zehn Jahre später, 1932, starb auch Henrys Cousine Martha Marcuse. Ihr Ehemann, der Baurat außer Dienst Bernhard Marcuse, wurde mit 75 Jahren Witwer. Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, hatten seine Söhne schon sehr schnell durch Berufsverbot und anderen Schikanen darunter zu leiden.

1936 emigrierte die Familie von Bernhards mittleren Sohnes Adolf in die USA. Am 3. Februar 1939 emigrierte auch sein jüngster Sohn Hans Werner mit seiner Ehefrau Erna in die USA. Sein ältester Sohn Herbert gelang nach den Pogromen im November 1938 und einer anschließenden Inhaftierung im Konzentrationslager Sachsenhausen noch vor dem Zweiten Weltkrieg im Sommer 1939 die Flucht nach England. Von Bernhards acht Geschwistern lebte nur noch seine jüngere Schwester Ida Sulke geborene Marcuse in der Rosenthaler Straße 5 in Berlin-Mitte.

Im Berliner Adressbuch war Bernhard Marcuse 1938 schon am Kurfürstendamm 187 zu finden. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war er zusammen mit Else am Kurfürstendamm 187 gemeldet. Vermutlich kümmerte sich Else um ihn und führte ihm den Haushalt.

Als Anfang 1942 die Deportation des 84-Jährigen in das Altersghetto Theresienstadt drohte, heirateten Else und Bernhard. So konnte die 64-jährige Else ihn dorthin begleiten und versorgen. Am 30. Juni 1942 mussten sie ihre Wohnung am Kurfürstendamm 187 für einen durch den Generalbauinspekteur mit Mietberechtigungsbescheid zugewiesen Mieter räumen.

Sie lagerten ihre Möbel bei der Spedition Delle aus der Kantstraße 38 in Berlin-Charlottenburg ein und zogen in die Pension Fuchs in der Bleibtreustraße 17, die von Jenny Fuchs (geb. 18. Juli 1880) betrieben wurde, ein. Für die Übernachtung mussten sie 7 RM am Tag zahlen.

Ende Juli bekamen sie den Deportationsbefehl. Im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 füllten sie am 27. Juli 1942 ihre Vermögenserklärungen aus. Bis zur Deportation mussten sie dort noch zehn Tage warten, bis sie am 6. August 1942 vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt transportiert wurden.

Elf Tage später, am 17. August 1942, wurde auch Bernhards Schwester Ida mit ihrem Ehemann Jakob Sulke (geb. 7. September 1867) nach Theresienstadt deportiert.

Elses Schwester Lina Flatow deportierte die Gestapo am 14. September 1942 aus der Claudiusstraße 6 im Berliner Hansaviertel in das Altersghetto Theresienstadt. Fünfzehn Tage später deportierte die Gestapo sie in das Vernichtungslagers Treblinka, wo sie sie mit 74 Jahren ermordeten.

Aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Ghetto starb Else Marcuse am 27. Dezember 1942 mit 65 Jahren an Darmkatarrh. Bernhard wurde zum zweiten Mal Witwer. Er überlebte das Ghetto mehr als ein Jahr und starb am 27. Dezember 1943 mit 86 Jahren. Seine Schwester Ida überlebte das Ghetto und wurden am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 25413, Brernhard Markuse und Else Markuse geborene Gottschalk verwitwete Michaelis.
Stolperstein für Hedwig Camnitzer

Stolperstein für Hedwig Camnitzer

HIER WOHNTE
HEDWIG CAMNITZER
JG. 1897
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Hedwig Camnitzer wurde am 25. November 1897 in Bütow in der Provinz Pommern geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Jacob Camnitzer und dessen aus Kleingansen im Kreis Stolp stammende Ehefrau Elise, geborene Caspari (geb. 1866), war sie die Jüngste von drei Kindern. Ihr Bruder Erwin (geb. 20. Juli 1995) war zwei Jahre und ihre Schwester Emmi Rosa (geb. 1896) ein Jahr älter als sie.

Erwin wurde Kaufmann und Emmi Rosa Kontoristin von Beruf. Vermutlich ergriff auch Hedwig diesen Beruf. Am 11. November 1915 starb ihre Schwester Emmi Rosa mit 19 Jahren im Krankenhaus Friedrichshain in Berlin. Die Familie wohnte damals in der Chodowieckistraße 31 im Winsviertel in Berlin-Prenzlauer Berg. Im November 1920 starb der Vater und sieben Jahre später, am 10. Mai 1927, auch ihre Mutter. Sie starb mit 61 Jahren im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde. Im Jüdischen Adressbuch 1931/32 war Erwin Camnitzer in der Christburger Straße 20 in Berlin-Prenzlauer Berg gemeldet. Hedwig zog es vermutlich zu dem Zeitpunkt schon in den Westen der Stadt.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Hedwig 35 Jahre alt. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnte sie am Kurfürstendamm 187. Anfang 1940 wurde sie zur Zwangsarbeit herangezogen.

Wann sie und ihr älterer Bruder Erwin in die Uhlandstraße 188 zur Untermiete bei Ella Besser, geborene Wisniewski (geb. 5. August 1895) zogen, konnte nicht recherchiert werden. Hier erhielten sie Mitte Oktober 1942 den Deportationsbefehl in den Osten und hatten sich umgehend in der zum Sammellager umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße einzufinden. Ein von der Gestapo organisierter Sonderzug der Deutschen Reichsbahn fuhr am 19. Oktober 1942 vom Güterbahnhof Putlitzstraße in Berlin-Moabit mit 999 gelisteten Personen ab, darunter Hedwig und Erwin Camnitzer, sowie 60 Kindern zwischen zwei und 16 Jahren aus dem Waisenhaus „Baruch Auerbach“ und ihren Betreuern. Die Fahrt dauerte drei Tage. Der 21. Osttransport aus Berlin traf am 22. Oktober 1942 in Riga ein. Die überwiegende Mehrheit der Menschen wurde unmittelbar nach Ankunft des Zuges von deutschen und lettischen SS-Einheiten ermordet. Hedwig Camnitzer starb mit 44 Jahren. Ihr Bruder Erwin Camnitzer starb mit 47 Jahren.

Ihre Vermieterin Ella Besser lebte vom 7. Januar 1944 bis zum Kriegende im Untergrund. Sie wanderte nach dem Krieg in die USA aus.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage