HIER WOHNTE
BERNHARD MARCUSE
JG. 1857
DEPORTIERT 6.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 26.12.1943
Bernhard Marcuse wurde am 5. November 1857 in Wolmirstedt bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Heynemann (später Hermann) Marcuse (geb. 1825) und dessen Ehefrau Julie, geborene Wohlmuth (geb. 1830), war er das zweite von insgesamt neun Kindern. Sein Bruder Max (1856-1912) war ein Jahr älter als er. Nach Bernhard folgten Hugo (1859-1916), Minna (1860-1932), Gustav (1863-1864), Emil (1864-1939), Nanny (1866-1917), Ida (geb. 21. August 1870) und Emma (1867-1923).
Bernhard wurde Baumeister von Beruf. Aufgrund seines Könnens stieg er zum Königlichen Regierungs- und Baurat auf. Im April 1890 verlobte er sich mit Ida Martha Emma, genannt Martha Michaelis (geb. 1865) aus Berlin, Tochter von Hartwig Hirsch Michaelis (geb. 1839) und dessen Ehefrau Anna, geborene Altmann (1839-1907). Er selbst wohnte und arbeitete damals als Königlicher Regierungsbaumeister in Kreuzburg in Oberschlesien (Kluczbork, Polen). Im Sommer 1890 heirateten der 32-jährige Bernhard und die 25-jährige Martha in Berlin. Sie wurden Eltern von drei Söhnen. Der älteste Sohn Herbert wurde am 1. Juni 1892 in Lublinitz in Oberschlesien (Lubliniec, Polen) geboren. Zwei Jahre später, am 15. April 1894, kam der zweite Sohn Adolf in Charlottenburg bei Berlin zur Welt. Damals war Bernhard schon Königlicher Regierungsbaumeister. Als am 11. September 1907 ihr jüngster Sohn Hans Werner geboren wurde, wohnten sie in der Uhlandstraße 160 in Berlin-Wilmersdorf, wo Bernhard mehr als 30 Jahre
seines Lebens verbrachte.
Sein jüngerer Bruder Hugo, der ebenfalls Königlicher Regierungs- und Baurat von Beruf war, heiratete am 7. September 1893 Marthas Schwester Betty Michaelis (1868-1925). Auch sie wurden Eltern von drei Kindern, Elisabeth (geb. 1894), Walter (1895-1916) und Erna (1897-1919).
Bernhards Vater Heynemann starb 1909 mit 84 Jahren. Seine Mutter Julie starb am 13. Januar 1915 im 86. Lebensjahr. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.
Alle drei Söhne genossen eine höhere Bildung. Herbert promovierte zum Dr. jur. an der Universität Rostock. 1920 erhielt er die Zulassung als Rechtsanwalt in Potsdam und heiratete Erna Boas (geb. 8. Januar 1899), die aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie stammte. Am 5. August 1921 wurden Herbert und Erna Eltern einer Tochter, die sie Rachel nannten. Bernhard und Martha wurden zum ersten Mal Großeltern. Zwei Jahre später, am 4. September 1923, wurde ihr Enkel Günther geboren.
Adolf studierte Medizin und promovierte zum Dr. med. Er heiratete die aus Letchin stammende Eva Marie Katchinsky (*1898). Am 11. August 1923 wurde ihr Sohn Henry Egon geboren.
Auch der jüngste Sohn Hans Werner promovierte zum Dr. jur. Am 16. Dezember 1932 starb Bernhards Ehefrau Martha mit 67 Jahren. Er wurde nach 42 Ehejahren mit 75 Jahren Witwer.
45 Tage später kamen am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht. Schon am 23. März 1933 verabschiedete der neu gewählte Reichstag in der Berliner Kroll-Oper das sogenannte „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“. Das Gesetz übertrug der Regierung mit dem Reichskanzler Adolf Hitler die gesetzgebende Gewalt. Die Reichsregierung konnte fortan Gesetze erlassen, ohne den Reichstag oder den Reichsrat beteiligen zu müssen. Noch im Frühjahr 1933 ging die NS-Regierung gegen jüdische Ärzte und Rechtsanwälte vor. Sie waren zahllosen Repressalien und Schikanen ausgesetzt. Bernhards ältestem Sohn Herbert wurde1935 Berufsverbot erteilt und der Familie damit jegliche Wirtschaftsgrundlage entzogen.
Adolf war der erste, der am 29. Mai 1936 nach New York reiste und nicht mehr zurückkam. Seine Ehefrau Eva Marie, geborene Katchinsky blieb vorerst bei ihrer kranken Mutter Franziska Katschinsky geborene Cohn, die am 30. Juni 1936 starb. Am 30. Oktober 1936 gelang auch ihr mit dem gemeinsamen Sohn Henry die Emigration in die USA nach New York.
Hans Werner heiratete am 21. Dezember 1937 Sonja Erna Reichert in der Synagoge Prinzregentenstraße in Berlin-Wilmersdorf. Damals wohnte der 31-Jährige noch bei seinem Vater in der Uhlandstraße 160. Am 3. Februar 1939 emigrierte auch Hans Werner mit seiner Ehefrau Erna mit Hilfe seines Bruders Adolf, der sich in den USA Peter A. nannte, nach New York, wo sie am 30. März 1939 ankamen.
Nach den Pogromen im November 1938 inhaftierte die Gestapo Bernhards ältesten Sohn Herbert im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg. Er plante mit seiner Familie die Ausreise über Gibraltar nach Uruguay. Da Herberts Entlassung aus dem Konzentrationslager mit einer Ausbürgerung aus dem Deutschen Reich verbunden war, flüchteten die Eheleute erst einmal nach England, wo Herbert dann nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 interniert wurde.
Bernhards Enkelin Rachel gelang die gefährliche Flucht nach Palästina. Sein Enkel Günther bereitete sich in dem jüdischen Auswanderungslehrgut Groß-Breesen in Niederschlesien rund 30 Kilometer nördlich von Breslau auf die Emigration nach Palästina vor.
Im Berliner Adressbuch war Bernhard Marcuse 1938 schon am Kurfürstendamm 187 zu finden. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war er zusammen mit Else Michaelis geborene Gottschalk (*10. Dezember 1877), der Witwe von Henry Michaelis, der ein Cousin seiner Ehefrau Martha Marcuse geborene Michaelis war, am Kurfürstendamm 187 gemeldet. Vermutlich kümmerte sich Else um ihn und führte ihm den Haushalt.
Als Anfang 1942 die Deportation des 84-Jährigen in das Altersghetto Theresienstadt drohte, heirateten Bernhard und Else. So konnte die 64-jährige Else ihn dorthin begleiten und versorgen. Am 30. Juni 1942 mussten sie ihre Wohnung am Kurfürstendamm 187 für einen durch den Generalbauinspekteur mit Mietberechtigungsbescheid zugewiesen Mieter räumen.
Sie lagerten ihre Möbel bei der Spedition Delle aus der Kantstraße 38 in Berlin-Charlottenburg ein und zogen in die Pension Fuchs in der Bleibtreustraße 17, die von Jenny Fuchs (*18. Juli 1880) betrieben wurde, ein. Für die Übernachtung mussten sie 7 RM am Tag zahlen.
Ende Juli bekamen sie den Deportationsbefehl. Im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 füllten sie am 27. Juli 1942 ihre Vermögenserklärungen aus. Bis zur Deportation mussten sie dort noch zehn Tage warten, bis sie am 6. August 1942 vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt transportiert wurden.
Elf Tage später, am 17. August 1942, wurde auch Bernhards Schwester Ida mit ihrem Ehemann Jakob Sulke (*7. September 1867) nach Theresienstadt deportiert.
Aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Ghetto starb Else Marcuse am 27. Dezember 1942 mit 65 Jahren an Darmkatarrh. Bernhard wurde zum zweiten Mal Witwer. Am 13. Februar 1943 starb auch sein Schwager Jakob Sulke mit 65 Jahren an den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto. Zurück blieben Bernhard, seine Schwester Ida und deren Tochter Lissi Freund geborene Sulke (*4. Dezember 1902), die am 30. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war.
Am 4. August 1943 traf auch Bernhards Nichte Dr. med. Elisabeth Eylenburg, Tochter seines Bruders Hugo, mit ihrem Ehemann dem Chirugen Dr. med. Ernst Eylenburg in Theresienstadt ein.
Bernhard überlebte das Ghetto mehr als ein Jahr und starb am 27. Dezember 1943 mit 86 Jahren. Seine Nichte Dr. Elisabeth Eylenburg, deren Ehemann Ernst und deren Sohn Walter (*1929) wurden noch mit einem der letzten Transporte am 19. Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert, wo alle drei ermordet wurden. Seine Schwester Ida und seine Nichte Lissi überlebten das Ghetto Theresienstadt und wurden am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit.
Bernhards Enkel Günther wurde nach der „Fabrikaktion” im Februar 1943 von Groß-Breesen nach Breslau und schließlich am 4. März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo er am 25. März 1944 ermordet wurde. Günther starb mit 20 Jahren. Für ihn wurde in Potsdam ein Stolperstein in der Hans-Thoma-Straße 4 (früher Roonstraße) verlegt.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
- My Heritage
-
https://spurenimvest.de/2024/10/26/marcuse-guenther/
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 25413,
- Bernhard Marcuse und Else Marcuse geborene Gottschalk verwitwete Michaelis