Stolpersteine Kastanienallee 23

Bildvergrößerung: Hausansicht Kastanienallee 23
Hausansicht Kastanienallee 23
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

Die Stolpersteine für Dr. Elisabeth Charlotte und Erich Gloeden, Elisabeth Kuznitzky, Adele und Hedwig Schiff wurden am 4.10.2010 vor dem Haus Kastanienallee 23 verlegt.

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Stolperstein Erich Gloeden
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
ERICH GLOEDEN
JG. 1888
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 3.9.1944
HINGERICHTET 30.11.1944
GEFÄNGNIS PLÖTZENSEE

Bildvergrößerung: Stolperstein Dr. Elisabeth Charlotte Gloeden
Stolperstein Dr. Elisabeth Charlotte Gloeden
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
DR. ELISABETH
CHARLOTTE GLOEDEN
GEB. KUZNITZY
JG. 1903
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 3.9.1944
HINGERICHTET 30.11.1944
GEFÄNGNIS PLÖTZENSEE

Bildvergrößerung: Stolperstein Elisabeth Kuznitzky
Stolperstein Elisabeth Kuznitzky
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
ELISABETH
KUZNITZKY
GEB. LILIENCRON
JG. 1878
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 3.9.1944
HINGERICHTET 30.11.1944
GEFÄNGNIS PLÖTZENSEE

Erich Gloeden, der eigentlich Erich Loevy hieß, seine Frau Elisabeth Gloeden geb. Kuznitzky und seine Schwiegermutter Elisabeth Kuznitzky geb. Liliencron lebten im Berliner Westend in der Kastanienallee 23. Ihre Wohnung im ersten Stock war Anlaufstelle für Menschen auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Alle drei waren am aktiven Widerstand gegen die Nazi-Diktatur beteiligt.

Der Vater Erich Gloedens war Siegfried Loevy (1859 bis 1936), der mit seinem Bruder Albert Loevy (1826 bis 1925) die größte und bekannteste Kunst- und Bronzegießerei der Stadt führte. Der Handwerksbetrieb S.A. Loevy war von Samuel Abraham Loevy, einem Roth- und Gelbgießer aus Schneidemühl bei Posen, 1855 gegründet worden. Seine Söhne und sein Enkel führten das Familienunternehmen fort. Siegfried Gloeden war der künstlerisch Verantwortliche in der Gießerei, sein Bruder Albert war für das Kaufmännische zuständig. Das Firmengelände an der Gartenstraße 158 (heute: 96) musste auf Druck der Nationalsozialisten an die Deutsche Reichsbahn verkauft werden und der Betrieb 1939 wurde schließlich eingestellt.

Inschrift über dem Westportal des Reichstagsgebäudes in Berlin
Inschrift über dem Westportal des Reichstagsgebäudes in Berlin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

Eines der berühmtesten Werke aus der Loevy-Werkstatt ist der Schriftzug DEM DEUTSCHEN VOLKE, der 1916 am Giebel des Reichstagsgebäudes angebraucht wurde, in dem seit 1999 der Deutsche Bundestag tagt. Die Buchstaben sind 60 Zentimeter hoch, der gesamte Schriftzug ist 16 Meter lang.

Siegfried Loevy hatte zwei Kinder: Erich und Ursula. Beide waren getauft, beide waren christlich erzogen. Assimilierung und Anpassung sollten ihnen Antisemitismus ersparen und das Leben retten. Siegried Loevy ging sogar so weit, seine beiden Kinder von einem befreundeten Lehrer Freund namens Bernhard Gloeden adoptieren zu lassen. Nichts sollte mehr an die jüdischen Wurzeln erinnern.

Erich Gloeden wurde am 23. August 1888 in Berlin geboren. Er studierte Architektur und promovierte 1915 an der TH Dresden mit dem Thema „Die Grundlagen zum Schaffen Carl Friedrich Schinkels“. 1938 heiratete Erich die Juristin Elisabeth Charlotte Kuznitzky. Zeitweise war er groteskerweise Mitglied der Nazi-Organisation Todt und ließ sich in Uniform fotografieren, erkannte aber seinen Fehler und gestand den Irrtum ein.

Elisabeth Charlotte Gloeden, genannt Lilo, wurde am 9. Dezember 1903 in Köln geboren. Sie war promovierte Juristin und Gerichtsreferendarin.

Elisabeth Kuznitzky geb. Liliencron ist am 22. Januar 1878 geboren. Sie war mit dem Sanitätsrat Kuznitzky verheiratet gewesen und wohnte in Berlin mit ihrer Tochter Elisabeth („Lilo“) Charlotte und ihrem Schwiegersohn Erich Gloeden zusammen.

Einer, den Gloedens versteckten, war der der fahnenflüchtige Artillerie-General Fritz Lindemann. Auf seine Ergreifung waren eine Million Reichsmark ausgesetzt. Sein Versteck wurde verraten. Josepha von Koskull, eine enge Freundin der Familie, hat in ihren Erinnerungen beschrieben, was am Sonntag, dem 20. August 1944, geschah, als die Geheime Staatspolizei Gestapo die Wohnung im Westend stürmte.

„Ein Mann in Zivil stürmte mit einem Revolver in der Hand ins Wohnzimmer. Schüsse fielen. Der General hatte versucht, aus einem hinteren Fenster der Wohnung vom ersten Stock in den Hof zu springen.
Die Gestapo trieb alle in der Diele der Wohnung zusammen. Da stand der General, aus einer Brustwunde stark blutend, aber aufrecht und gefasst. Die Hände wurden ihm auf dem Rücken zusammengeschlossen, ebenso bei Herrn Gloeden, dessen Gesicht blutig geschlagen war.“

Erich Gloeden, Elisabeth Gloeden und Elisabeth Kuznitzky wurde der Prozess vor dem Volksgerichtshof unter Vorsitz des grausamen Blutrichters Roland Freisler gemacht. Am 27. November 1944 wurden die drei Angeklagten zum Tod verurteilt. Am 30. September wurden sie zwischen 11.02 Uhr und 11.06 Uhr enthauptet.

In der Nähe der Hinrichtungsstätte Plötzensee wurde 1963 der Gloedenpfad nach ihnen benannt. Am Platz der Republik in Berlin wurde eine Gedenktafel für die Schöpfer der Inschrift angebracht

Dieser Text enthält zahlreiche Passagen aus dem Artikel „Die Menschen vor der Schrift“ von Bernd Oertwig, erschienen in Gegen Vergessen – Für Demokratie, Mitgliederzeitschrift Heft 73, Berlin, September 2012, S. 4-7. Einige biografische Angaben wurden aus verschiedenen Veröffentlichungen und Daten des Bundesarchivs ergänzt von Helmut Lölhöffel.

Literatur: Internationales Auschwitz-Komitee: „Die Menschen vor der Schrift“ von Bernd Oertwig, Berlin 2012; Erlebnisbericht von Josepha von Koskull über die Verhaftung der Familie Gloeden beim Deutschen Historischen Museum; Bengt von zur Mühlen (Hrsg.): Die Angeklagten des 20. Juli vor dem Volksgerichtshof. Chronos Film GmbH, Berlin 2001; Helmuth F. Braun, Michael Dorrmann: „Dem Deutschen Volke“. Die Geschichte des Berliner Bronzegießer Loevy. Dumont, 2003 (zu einer Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin); Bernd Oertwig: Die Vollender des Reichstags. In: Das Parlament, Nr. 6/7, 4. Februar 2013.

Bildvergrößerung: Stolperstein für Adele Schiff
Stolperstein für Adele Schiff
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ADELE SCHIFF
GEB. WERTHEIMER
JG. 1865
DEPORTIERT 23.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 9.11.1942

Adele Schiff wurde am 09.Juni 1864 in Wien als Adele Wertheimer geboren.

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Stolperstein für Hedwig Schiff
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
HEDWIG SCHIFF
JG. 1890
DEPORTIERT 26.9.1942
RAASIKU
ERMORDET

Hedwig Schiff wurde am 3. Dezember 1890 in Berlin geboren.