HIER WOHNTE
ADELE SCHIFF
GEB. WERTHEIMER
JG. 1864
DEPORTIERT 23.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 9.11.1942
Adele Schiff wurde als Adele Wertheimer am 9. Juni 1864 in Wien geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Samuel Wertheimer (*1834) und dessen Ehefrau Katharina Wertheimer geborene Weiss (*1843), war sie das älteste von insgesamt drei Kindern. Ihr Bruder Felix (*25. Oktober 1871) war sieben Jahre und Paul (*4. Februar 1874) zehn Jahre jünger als sie. Wie damals üblich, erlernte Adele keinen Beruf. Ihr Bruder Felix wurde Ingenieur und Paul Rechtsanwalt.
Wann und wo Adele ihren späteren Ehemann, den aus Raudnitz an der Elbe in Böhmen (Roudnice nad Labem, Tschechien) stammenden Doktor der Medizin, Schriftsteller und Journalisten Samuel Emil Schiff (*30. Mai 1849) kennenlernte, ist unbekannt. Die 22-jährige Adele und der 37-jährige Samuel heirateten am 7. Oktober 1886 im Friedenstempel in Wien und zogen nach der Hochzeit in die deutsche Reichshauptstadt Berlin. Ihre erste Tochter Mathilde Editha Malkah wurde am 20. Dezember 1887 in Berlin geboren. Sie starb mit vier Monaten am 12. April 1888. Zwei Jahre später, am 23. Februar 1889, wurden sie Eltern ihres Sohnes Friedrich, den sie Fritz nannten. Ihr drittes Kind, Hedwig, die sie Hedi riefen, kam am 3. Dezember 1890 zur Welt.
Adeles Ehemann, ein aufgeklärter Arzt und Journalist, war mit Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus, befreundet. Als Herzl 1895 nach der Niederschrift seiner Gedanken zum „Judenstaat“ eine Unterredung bei Albert Rothschild mit Hilfe des Wiener Oberrabbiners Moritz Güdemann plante, riet ihm sein Freund Samuel Emil Schiff davon ab, da er der Auffassung war, dass der Rabbiner ihn, Herzl, dann für geistesgestört halten und dieses unverzüglich seinen Eltern berichten würde. Herzl stürzte daraufhin in eine tiefe Krise. Erst ein Jahr später veröffentlichte Theodor Herzl „Der Judenstaat“. Wie Adeles jüngster Bruder Paul, arbeitete Herzl anschließend bei der Neuen Freien Presse in Wien.
Als Fritz neun Jahre und Hedi acht Jahre alt waren, starb ihr Vater Samuel Emil Schiff am 25. Januar 1899 mit 49 Jahren. Adele wurde mit 34 Jahren Witwe. Sie wohnten damals in der Wilhelmstraße 94/96 in Berlin-Mitte. Fritz wurde wie sein Vater Arzt von Beruf.
1918 war Frau Dr. Adele Schiff im amtlichen Telefonbuch am Kurfürstendamm 185 in Charlottenburg zu finden. Wann sie dort hingezogen ist, konnte nicht recherchiert werden. Ihr Sohn, der Privatdozent und Doktor der Medizin Friedrich Schiff, heiratete am 30. Juli 1920 Hildegard Leonie Caro, genannt Hilde. Sie wurden in Greifswald Eltern von drei Söhnen, Hans Wolfgang (*15. Juli 1921), Reinhard (*22. Mai 1926) und Helmut (*8. Juli 1929). Adeles jüngste Tochter Hedi blieb ledig und kinderlos.
Im jüdischen Adressbuch 1931/32 wohnten Adele und Hedi weiterhin am Kurfürstendamm 185. Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Adele 68 Jahre und Hedi 42 Jahre alt. Fritz Schiff emigrierte mit seiner Familie 1936 in die USA. Als Bakteriologe bekam er eine Anstellung im Beth Israel Hospital in New Rochelle, Westchester, New York.
Am 19. März 1937 starb Adeles jüngster Bruder Dr. Paul Wertheimer, Redakteur der „Neuen Freien Presse“ und Rechtsanwalt, im Alter von 63 Jahren in Wien. Er wurde auf dem Zentralfriedhof neben seinem Vater, der 1908, und seiner Mutter, die 1914 gestorben war, beerdigt.
Am 7. Juli 1938 übernahmen Adele und Hedwig den Mietvertrag der am 22. Juni 1938 verstorbenen Witwe Frau Justizrat Dr. Agnes Stadthagen geborene Jacobi (*4. Juni 1864), die seit 1935 in der Kastanienallee 23 gewohnt hatte. Adele und Hedwig zogen in Agnes Steinhagens Drei-Zimmer-Wohnung im 1. Stock des Gartenhauses rechts. Die monatliche Miete betrug 123,50 RM. Im Juli 1940 bekamen sie die Nachricht, dass Fritz in New York gestorben sei.
Adeles Bruder Felix starb am 26. Juni 1942 im Spital in Wien. Er wurde am 2. Juli 1942 auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.
Vermutlich wurde Adele Mitte September 1942 von der Gestapo in der Kastanienallee 23 abgeholt. In der Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße 26 unterschrieb sie am 19. September 1942 ihre Vermögenserklärung. Ihre Tochter Hedwig wurde in die zur Sammelstelle umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße 7 gebracht.
Am 23. September 1942 wurde Adele Schiff vom Anhalter Bahnhof in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto starb sie am 9. November 1942 mit 78 Jahren. Ihre Tochter Hedwig, die die Gestapo am 26. September 1942 nach Rassiku deportiert hatte, war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon tot.
Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 33731, Adele Schiff