Stolpersteine Güntzelstraße 60

Bildvergrößerung: Stolpersteine vor dem Haus in der Güntzelstr. 60
Stolpersteine vor dem Haus in der Güntzelstr. 60
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Wolfgamg Knoll

Die Stolpersteine für Max und Gertrud Nova wurden am 29.9.2010 verlegt.

Der Stolperstein für Max Meier wurde am 15.4.2014 verlegt.

Der Stolperstein für Lilli Gronau wurde auf Wunsch ihres Neffen Michael Gronau (Haifa, Israel) am 14.11.2015 verlegt.

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Stolperstein Dr. Max Noa Nova
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
DR. MAX NOA NOVA
JG. 1881
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Max Noa Nova wurde am 16. Mai 1881 in Posen (Poznan) geboren. Seine Eltern hießen Louis und Clara. Er studierte Architektur in München und Berlin, wo er mit dem Thema „Die Stadttore der Mark Brandenburg im Mittelalter“ 1909 promovierte.

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Max Nova
Bild: Privatarchiv von Uri Leshem

Nova war der erste Architekt an der TH Berlin, der den Titel Dr.-Ing. erlangte. Zusammen mit Johannes Greifenhagen baute er ein 1892/93 erbautes Wohnhaus 1911/12 in Charlottenburg in einen Lichtspielsaal um.

Max Nova arbeitete in der Verwaltung des Häuserbesitzers Arnulf Gelfmann, den er seit 1922 kannte. „Er hat damals für mich den Kauf meines ersten Hauses vermittelt“, schrieb Gelfmann 1957 aus New York an die Nachkommen. Nova war Architekt Gelfmanns, der mehrere seiner Häuser aus- und umbaute. Außerdem war Nova Architekt für die Warenhauskette „Feder“ und hatte zahlreiche andere Kunden.

Bildvergrößerung: Max Nova, erste Seiter der Dissertation,TH Berlin 1909
Max Nova
Bild: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde Max Nova wie viele Juden verhaftet und im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt. Gelfmann bemühte sich 1939 um Novas Freilassung, die auch gelang. Jede Hausverwaltertätigkeit wurde ihm allerdings untersagt. „Ich habe ihn bis 1939 gekannt … im Jahre 1939 habe ich dann Deutschland verlassen“, schrieb Gelfmann.
Ein Antrag auf Mitgliedschaft in der Reichskammer der Bildenden Künste war abgelehnt worden, weil Nova Jude war. Da er stolz auf seine Teilnahme am Ernst Weltkrieg und auf sein Eisernes Kreuz war, dachte er dennoch, sich der Verfolgung entziehen zu können und beharrte darauf, in Berlin zu bleiben. Anfang der 1940er Jahre wurde seine Ehe geschieden. Am 3. März 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert.

Verheiratet war Max Nova in erster Ehe mit Ella, geb. Roer (1889-1975), sie hatten zwei Kinder: Vera (1913-1961) und Fritz (1915-1995). Ella Nova konnte sich zunächst nach London retten und starb in Tel Aviv. Vera flüchtete 1933 nach Palästina. Fritz Nova entkam zunächst nach Italien, trat zum Christentum über und gelangte schließlich nach Pennsylvania/USA. Familie Nova wohnte zunächst in Schöneberg Am Park 20, dann in der Haberlandstraße 5 (ein Stockwerk unter Albert Einstein) und schließlich in Wilmersdorf in der Güntzelstraße 60.

Max Nova hatte neun Enkelkinder, 2015 lebten zwei in Israel, fünf in den USA.

Text: Helmut Lölhöffel mit Hilfe eines der Enkelsöhne von Max Nova., Uri Leshem (Israel).
Quelle: Myra Wahrhaftig: Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933. 500 Biografien. Berlin 2005.

Bildvergrößerung: Stolperstein Gertrud Nova
Stolperstein Gertrud Nova
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
GERTRUD NOVA
JG. 1882
DEPORTIERT 2.4.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET

Gertrud Nova, geboren am 10. August 1882 in Posen (Poznan) war die Tochter von Louis und Clara Nova und die jüngere Schwester des Architekten und Hausverwalters Max Noa Nova, geboren am 16. Mai 1881 ebenfalls in Posen. Die in Israel und USA lebenden Enkel wissen über sie und über das Leben der unverheirateten Frau so gut wie nichts. Von der Familie wurde sie liebevoll „Trude“ genannt. Gertrud Nova musste in das Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße 7-8 und wurde am 2. April 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert. Unterschiedliche Angaben gibt es über ihren Todesort. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem nennt Trawniki, aber auch Lublin. Ihr Bruder Max, bei dem sie in der Güntzelstraße 60 wohnte, wurde in Auschwitz ermordet.

Text: Helmut Lölhöffel mit Hilfe eines der Enkelsöhne von Max Nova., Uri Leshem (Israel).
Quelle: Myra Wahrhaftig: Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933. 500 Biografien. Berlin 2005.

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Stolperstein Max Meier
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MAX MEIER
JG. 1885
FLUCHT 1938 FRANKREICH
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 3.2.1944
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Max Meier wurde am 12. Februar 1885 in Berlin geboren. Er war Bauunternehmer und Gesellschafter einer Berliner Baugesellschaft. Seine Mitgesellschafter schlossen ihn 1938 aus, weil er Jude sei. Das Reichsgericht, damals das höchste deutsche Gericht, bestätigte mit Urteil vom 13. August 1942, dass dieser Ausschluss rechtens sei, obwohl ein Ausschluss von Gesellschaftern weder gesetzlich noch im Gesellschaftsvertrag vorgesehen war (Aktenzeichen: II 67/41, RGZ 169, 330, 332 ff.). Da dies der erste Fall war, in welchem ein Gesellschafter mit gerichtlicher Billigung „aus wichtigem Grund“ aus einer GmbH ausgeschlossen wurde, wird dieses Reichsgerichtsurteil bis heute in der juristischen Literatur ohne Hinweis auf die antisemitische Verfolgung Max Meiers zustimmend zitiert (exemplarisch Rowedder/Schmidt-Leithoff/Görner, Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Kommentar, 5. Auflage 2013, § 34 Randnummer 79).

1938 gelang es dem damals 53jährigen Max Meier, der in der Güntzelstraße 60 wohnte, zunächst, gemeinsam mit seiner Ehefrau Martha Meier, geb. Wolter, geboren am 12. Januar 1889 in Panzerin (Pęczerzyno/Pommern) , vor der Judenverfolgung in Deutschland nach Paris zu flüchten. Als auch Frankreich von deutschen Soldaten besetzt war, wurde er allerdings am 22. Januar 1944 verhaftet.

Seine Deportationsunterlagen tragen das Geburtsjahr 1883. Dies kann ein Schreibfehler sein. Möglicherweise hat Max Meier aber auch vergeblich versucht, durch falsche Angaben der drohenden Deportation zu entgehen. Der Pariser Gestapo-Chef Heinz Röthke hatte angeordnet, dass Personen, die mehr als 60 Jahre alt und mit nichtjüdischen Ehepartnern verheiratet waren, verschont bleiben sollten. Ältere jüdische Männer, die wie Max Meier mit nichtjüdischen Ehefrauen verheiratet waren, sollten also von dem Verhaftungsbefehl nicht erfasst werden. Gleichwohl wurde er verhaftet.

Max Meier wurde in das Lager Drancy gebracht und von dort aus am 3. Februar 1944 nach Auschwitz deportiert, wo er am 8. Februar 1944 ermordet wurde.
Max Meiers Witwe hat den Zweiten Weltkrieg überlebt und kehrte nach Berlin-Wilmersdorf zurück.

Recherchen: Prof. Dr. Jan Thiessen (Tübingen)

Bildvergrößerung: Stolperstein Lilli Gronau
Stolperstein Lilli Gronau
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LILLI GRONAU
JG. 1899
DEPORTIERT 29.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Lilli Gronau wurde am 9. September 1899 in Neugeldern bei Kolberg in Pommern geboren. Sie war Englischlehrerin und unverheiratet. Ihren Beruf durfte sie als Jüdin während der nationalsozialistischen Zeit nicht an öffentlichen Schulen ausüben. Als Mieterin der Güntzelstraße 60 war sie im Adressbuch bis 1940 als Lehrerin eingetragen.

In dieser Wohnung hatten auch ihre Eltern, Paul und Doris Gronau, gelebt. Beide starben vor dem Zweiten Weltkrieg. Zeitweise, vor allem an den Wochenenden lebte auch ihr Neffe Kurt Friedlaender, geb. 1924, bei ihr in der Güntzelstraße. Er war Vollwaise. Seine Eltern – Johanna, die Tochter von Paul Gronaus Bruder Carl und demnach Lillis Kusine und Hans Friedlaender – starben sehr früh, 1930 der Vater und 1936 die Mutter. Kurt lebte in einem Waisenhaus. Lilli betreute ihn und unterrichtete ihn in der englischen Sprache.Kurt machte eine Schriftsetzer – Lehre, wurde dann als junger Mann nach Auschwitz-Monowitz deportiert. Er überlebte die Konzentrationslager Groß Rosen/Langenbielau und den Todesmarsch in das KZ Dachau und emigrierte mit seiner Frau nach Australien, wo er in hohem Alter verstarb. Seine drei Geschwister Ilse, Fritz und Karl konnten ebenfalls ihre Leben im Ausland retten.

Lillis Schwester Susi Gronau starb am 21. Mai 1943. Ihr Bruder Julius war schon 1933 nach Palästina emigriert.

1938 besuchte Lilli Gronau mit ihrer Schwester Susi ihren Bruder Julius in Palästina und kehrte nach Berlin zurück, was ihr zum Unglück wurde. Von September bis Dezember 1941 war sie als Zwangsarbeiterin bei den Siemens-Schuckert-Werken beschäftigt, wo Rüstungsgüter hergestellt wurden. Am 29. Januar 1943 ist sie von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet und in die Sammelstelle an der Großen Hamburger Straße gebracht worden. Vom Güterbahnhof Moabit wurde sie mit 1044 Menschen nach Auschwitz deportiert.

Michael Gronau, der Sohn von Julius Gronau, der 1940 in Palästina geboren wurde, weiß nur wenig über das Leben seiner Tante Lilli Gronau. Denn im Bestreben, Kummer von ihnen fernzuhalten, erwähnte der Vater gegenüber den Kindern ihr Schicksal nicht.

Lillis Kusinen Erna und Käthe, die Schwestern von Johanna, die in der Knesebeckstraße 32 gelebt hatten, wurden am 14. Dezember 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.
Text: Helmut Lölhöffel mit Informationen des Neffen Michael Gronau und Bertha Gronaus Großnichte Renate Rosenau.