Stolpersteine Gieselerstraße 12

Die Stolpersteine für Regina Edel, Dr. Kurt, Liesbeth und Hans-Adolf Jacobsohn, Hugo und Flora Philips, Selma Schnee wurden am 1.Oktober 2010 verlegt.

Der Stolperstein für Anna le Coutre wurde am 11. April 2024 in Anwesenheit von Familienangehörigen verlegt und von Familie le Coutre gespendet.

Stolperstein für Regina Edel

Stolperstein für Regina Edel

HIER WOHNTE
REGINA EDEL
GEB. LICHTENSTEIN
JG. 1875
DEPORTIERT 17.12.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 23.2.1943

Regina Edel geb. Lichtenstein wurde am 23. Dezember 1875 in Bromberg (polnisch Bydgoszcz) geboren. Sie kam als das zweite Kind der Eheleute Adolf und Berta Lichtenstein zu Welt und hatte einen älteren Bruder Siegfried (*1859- gest. 1914 in Berlin) und den jüngeren Bruder Berthold (*1892- ermordet 1944 Auschwitz).

Über ihr Aufwachsen in Bromberg, den Zeitpunkt ihres Umzugs nach Berlin und ihre Heirat mit dem kaufmännischen Vertreter Hugo Edel (*1878 Flatow, polnisch Złotów – gest. 1938 Berlin) ist nichts bekannt. Doch im Jahre 1922 war erstmals Hugo Edel im Adressbuch von Berlin mit der Wohnadresse Gieselerstraße 12 verzeichnet. Das Ehepaar blieb kinderlos und wohnte bis zum Tod von Hugo Edel 1938 in derselben Wohnung. Er starb am 6. September 1938 an einer natürlichen Todesursache und wurde zwei Tage später auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. Für Regina Edel musste der Tod ihres Ehemannes ein gravierender Einschnitt in ihrem Leben dargestellt haben, denn offenbar konnte sie die Wohnung nicht mehr halten und zog im selben Jahr an eine unbekannte Adresse.

Erst vier Jahre später wurden in Vorbereitung ihrer Deportation nach Theresienstadt im Oktober 1942 ihre Vermögenswerte erfasst und zu diesem Zeitpunkt lebte sie im „Judenhaus“ in der Aschaffenburger Straße 22. Wann Regina Edel in die Aschaffenburger Straße einzog, ist nicht zu rekonstruieren. Dort teilte sie im Gartenhaus bei der Witwe E. Leibholz ein Zimmer mit Sara Levy und entrichtete für diese Wohnsituation eine Monatsmiete von 25 RM.

Am 17. Dezember 1942 wurde Regina Edel mit dem 78. Alterstransport in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie nur zwei Monate überlebte. Am 23. Februar 1943 starb Regina Edel mit 67 Jahren, offiziell an einem Herzfehler.

Recherche und Text: Brigitte Jacob

Quellen:
Adressbücher Berlin 1922-1938 (Zentrale Landesbibliothek Berlin)
Archiv des Centrum Judaicum, Berlin
Arolsen Archives, Bad Arolsen
Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam
https://www.geni.com/people/Regina-Edel/6000000057255162063
https://www.geni.com/people/Hugo-Edel/6000000057253062863
https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/95510-edel-regina-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/

Stolperstein Anna le Coutre

ANNA LE COUTRE
GEB. JACOBSOHN
JG. 1893
EINGEWIESEN 1938
LANDESANSTALT NEURUPPIN
‘VERLEGT’ 22.4.1940
HEILANSTALT BERLIN-BUCH
22.7.1940
BRANDENBURG/HAVEL
ERMORDET 22.7.1940
AKTION T4

English-Version

Anna Amalie le Coutre wurde am 1. November 1893 in Deutsch-Eylau als Tochter des jüdischen Kaufmanns Adolf Jacobsohn und seiner Frau Henriette Jacobsohn, geb. Lindemann, geboren. Ihr jüngerer Bruder war der Rechtsanwalt Dr. jur. Kurt Alexander Jacobsohn, geb. 2. September 1897 in Deutsch-Eylau, der zusammen mit seiner Frau Liesbeth Jacobsohn, geb. Guthmann, und ihrem gemeinsamen Sohn Hans Jacobsohn am 15. Mai 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Ihre jüngere Schwester war Regina Pfeiffer-Horn, geb. Jacobsohn (geb. 30. März 1895 in Deutsch-Eylau). Regina Pfeiffer-Horn flüchtete in die USA. In erster Ehe war sie mit Alfred Horn verheiratet und nach dessen Tod mit Dr. Alfred Pfeiffer.
Am 27. März 1916 heiratete Anna Amalie Jacobsohn den Arzt Dr. Paul Bruno Richard le Coutre (geb. 31. März 1888, gest. 19. März 1941) in Deutsch-Eylau. Da Paul le Coutre protestantisch war, konvertierte Anna le Coutre vom Judentum zum Protestantismus. Anna und Paul le Coutre hatten die zwei Kinder Charlotte Louise le Coutre (geb. 26. Dezember 1916 in Wartenburg, gest. 28. Oktober 1991 in Portland, Maine, USA) und Joachim le Coutre (geb. 11. Februar 1918 in Wartenburg, gest. 26. Juni 2010 in Göttingen).
Die Ehe von Anna und Paul le Coutre wurde am 19. Februar 1923 geschieden. Nach der Scheidung ihrer Eltern blieben Charlotte und Joachim le Coutre bei ihrem Vater Paul le Coutre, der 1926 in zweiter Ehe Ruth Stöckert (geb. 2. Oktober 1902, gest. 14. März 1989) heiratete. Das Paar bekam die vier Kinder Eberhard (geb. 7. März 1928, gest. 19. Januar 2014), Jutta (geb. 21. März 1931, gest. 13. April 2017), Leberecht (geb. 22. Mai 1934) und Christian (geb. 27. Januar 1939, gest. 1. Januar 2022). Die Familie mit nun sechs Kindern lebte in Rügenwalde. Charlotte und Joachim le Coutre hielten den Kontakt zu ihrer Mutter aufrecht und trafen sie regelmäßig. Paul le Coutre starb 1941 eines natürlichen Todes. Gegen Ende des Krieges floh Ruth le Coutre mit ihren jüngeren Kindern nach Husum.
Der Lebensweg von Anna le Coutre nach der Scheidung von Paul le Coutre im Jahr 1923 ist nur unvollständig bekannt. Wahrscheinlich lebte sie zumindest zeitweise in Berlin. Es ist nicht bekannt wo und wie Anna le Coutre in Berlin lebte, bevor sie erfasst und verschleppt wurde. Aber sie war immer wieder in Kontakt mit ihrem in Berlin lebenden Bruder Dr. Kurt Jacobsen. Aus diesem Grund wurde der Stolperstein zu ihrem Gedenken an der Adresse ihres Bruders in der Gieselerstrasse 12 in Wilmersdorf verlegt.
Leberecht le Coutre, hielt die Erinnerung an Anna in privaten Familienarchiven über Jahrzehnte aufrecht, aber aufgrund fehlender Dokumente und sich widersprechender Erzählungen konnte keine präzise Biographie erstellt werden. Erst 2021 ließen sich wenige Details über Anna le Coutres letzte Jahre anhand von öffentlich zugänglichen Archiven in Deutschland rekonstruieren.

Anna Amalie le Coutre um 1916

Anna Amalie le Coutre um 1916

Vermutlich wurde Anna le Coutre nach der Machtübernahme durch die Nazis als psychisch krank eingestuft und in einer entsprechenden Institution aufgenommen. Es ist dokumentiert, dass sie 1938 von den Wittenauer Heilstätten in die Landesanstalt Neuruppin verbracht wurde. Am 18. Juli 1940 wurde sie von dort in die Heil- und Pflegeanstalt Berlin-Buch transferiert und zwei Tage später von dort in die Tötungsanstalt Brandenburg gebracht, wo sie am 22. Juli 1940 ermordet wurde. Anna le Coutre wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und ihrer angeblichen geistigen Störung im Rahmen des berüchtigten T4-Euthanasie-Programmes ermordet.
Annas Tochter Charlotte le Coutre floh 1938 nach New York und heiratete Harry Stass (geboren 24. Juni 1906 gestorben 12. Juli 2000 in New York) mit dem sie die Kinder Peter Stass (geb. März 1940, verstorben Sommer 1945), George Stass (geb. 8. April 1941), Irene Sarnelli (geb. 21. Juli 1942), Mary Rokosz (geb. 18. Dezember 1943), Nancy le Coutre (geb. 2. November 1948) und Simone le Coutre (geb. 16. September 1952) hatte. Sie zog auch John Stass auf, den ersten Sohn ihres Ehemanns aus erster Ehe.
Annas Sohn Joachim le Coutre blieb bei seinem Vater und seiner Stiefmutter, verbrachte einige Zeit in Brasilien und kehrte nach Deutschland zurück, wo er trotz seiner jüdischen Herkunft in die Wehrmacht eingezogen wurde, bis er entlassen wurde. Er ist der Vater von Thomas le Coutre und Dr. Christine Gross, geb. le Coutre.
Anna le Coutre hatte 8 Enkel und 16 Großenkel, die entweder in den USA oder in Deutschland leben. Wahrscheinlich wusste Anna le Coutre zu Lebzeiten nicht, dass sie bereits ein Enkelkind hatte.

Recherche und Text: Philipp le Coutre, Nancy le Coutre und Simone le Coutre

(In einigen Quellen wird der Name Anna le Coutres fälschlicherweise als le Coutke oder le Contre angegeben):
- Leberecht le Coutre: Private Dokumentationen und Familienunterlagen
- Gedenkort T4: https://www.gedenkort-t4.eu/sites/default/files/media/file/18_0110_opferdatenbank_berlin_buch_dietmar_schulze.pdf
- Gedenkbuch des Bundesarchivs: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de910109
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv,Bestand Rep. 55C Landesanstalt Neuruppin, Signatur A 8
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akte Rep. 55C Landesanstalt Neuruppin Nr. 34
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep. 4A Kammergericht Berlin Personalia Nr. 7950: Personalakte von Dr. Kurt Jacobsohn als Rechtsanwalt bzw. Konsulent,1924-1935
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep. 36A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (II) Vermögensverwertungsstelle Nr. 17056 (u. a. Vermögenserklärung von Kurt Jacobsohn, seiner Ehefrau und seines Sohnes) 1944-1961

Stolperstein für Liesbeth Jacobsohn

HIER WOHNTE
LIESBETH
JACOBSOHN
GEB. GUTMANN
JG. 1910
DEPORTIERT 23.2.1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Stolperstein für Hans Adolf Jacobsohn

Stolperstein für Hans Adolf Jacobsohn

HIER WOHNTE
HANS ADOLF
JACOBSOHN
JG. 1936
DEPORTIERT 23.2.1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Stolperstein für Dr. Kurt Jacobsohn

Stolperstein für Dr. Kurt Jacobsohn

HIER WOHNTE
DR.KURT
JACOBSOHN
JG. 1897
DEPORTIERT 23.2.1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Kurt Alexander Jacobsohn wurde am 2. September 1897 als drittes und jüngstes Kind des jüdischen Kaufmanns Adolf Jacobsohn und seiner Frau Henriette, geb. Lindemann in Deutsch-Eylau / Iława (ehemals Westpreußen) geboren. Zur Familie gehörten die vier Jahre ältere Schwester Anna Amalia (geb. 1. November 1893, ermordet am 22. Juli 1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg) sowie die zwei Jahre ältere Schwester Regina Henriette (geb. 30. März 1895, gest. 1967 in Glenn Head/Nassau/USA).

Es ist naheliegend, dass Kurt Jacobsohn in einem bürgerlichen und wohlhabenden Elternhaus aufwuchs, das für ihn eine solide Ausbildung vorsah und ermöglichte, denn er begann ein Jurastudium an der Universität Breslau und nahm in dieser Zeit auch als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg teil. Mit wenigen, kurzen Unterbrechungen war Jacobsohn über die gesamte vierjährige Kriegszeit, von August 1914 bis Anfang Dezember 1918 als Soldat eingesetzt und erlitt dabei eine „Rauch- und Gasvergiftung“. Auf Grund dieser Verwundung sollte 1938 sein Antrag auf Zulassung als jüdischer Konsulent positiv entschieden werden.

Nach Kriegsende nahm er sein Studium wieder auf und wurde nach dessen Abschluss 1920, im Alter von 23 Jahren an der Universität Königsberg zum Doktor der Rechte promoviert. Im Sommer 1921 legte er als Jurist seine erste Staatsprüfung in Königsberg ab und übersiedelte anschließend nach Berlin. Dort begann er im Juli 1921 sein Referendariat, das er im Winter 1924 mit der zweiten Staatsprüfung erfolgreich abschloss.

Kurt Alexander Jacobsohn

Kurt Alexander Jacobsohn

Ab Januar 1925 arbeitete er als Rechtsanwalt bei einem Kollegen in der Gneisenaustraße 16, bei dem er schon als Referendar tätig war, beantragte beim Landgericht seine Aufnahme in die Rechtsanwaltsliste und bezog eine Wohnung im 4. Obergeschoss in der Kantstraße 129 in Charlottenburg. In kurzer Zeit etablierte sich Jacobsohn in Berlin und es ist davon auszugehen, dass seine Berufstätigkeit sich erfolgreich und positiv entwickelte, denn er bereitete seine Selbstständigkeit in eigenen Büroräumen vor. Zuvor wechselte er noch einmal in die Jüdenstraße, doch schon im August 1925 ließ Jacobsohn vermerken: „…dass ich am 1. August d.J. mein Büro von der Jüdenstraße verlegt habe. Ich übe meine Praxis nunmehr allein aus. Mein Büro befindet sich …in der Stralauer Straße 39 (am Molkenmarkt d.A.).“

Am 1. Juni 1926 heiratete er Marie Freudenthal geb. Riess (geb. 25. November 1887 in Groß-Wittenberg, gest. 1934 Berlin), mit der er insgesamt acht Jahre zusammenlebte. Nachdem Kurt Jacobsohn im Oktober 1931 als Notar zugelassen worden war, bedeutete dies für seine berufliche Tätigkeit im Milieu des mondänen westlichen Charlottenburg einen weiteren Karriereschritt. Im Oktober 1931 zog das Ehepaar von der Kantstraße schließlich in ein großbürgerliches Wohnhaus am Kurfürstendamm 37 um, in dem Kurt Jacobsohn als Rechtsanwalt und Notar auch seine Kanzlei betrieb.

Mit der sogenannten „Machtübernahme“ 1933 änderten sich jedoch die Lebensbedingungen für die jüdische Bevölkerung rasant. Neben den systematischen Diskriminierungen und Schikanen erlebte Kurt Jacobsohn in seinem Privatleben einen tiefen Einschnitt, denn seine Ehefrau Marie verstarb am 8. Januar 1934. In seiner beruflichen Situation vollzog sich im November 1935 eine folgenschwere Zäsur, denn ihm wurde das Notariat entzogen. Nun schien für Kurt Jacobsohn sein Leben am Kurfürstendamm allein nicht mehr möglich und er beauftragte im September 1935 das Auktionshaus Adolf Herold mit der Versteigerung seines Büro- und Wohnungsinventars. Im Versteigerungsauftrag nannte er als Grund für die Maßnahme „Verkleinerung“ und zog nach Abwicklung dieser Auktion an den Kurfürstendamm 51. Dorthin verlegte er auch seine Büroräume.

Drei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Kurt Jacobsohn 1937 die Volontärin Liesbeth Guthman (geb. 15. Februar 1910 in Worms, deportiert von Theresienstadt nach Auschwitz am 15. Mai 1944, dort ermordet). Am 16. Juni 1938 wurde ihr Sohn Hans-Adolf geboren. Die Familie zog vor der Geburt von Hans im Laufe des April 1938 vom Kurfürstendamm 51 in eine 5-Zimmer-Wohnung in der Gieselerstraße 12, wo Kurt Jacobsohn noch mit der Berufsbezeichnung Rechtsanwalt unter dieser Anschrift im Adressbuch 1939 aufgeführt ist.

Da er im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft und eine schwere Verwundung erlitten hatte, durfte er ab November 1938 als Jurist weiterarbeiten (sog. „Frontkämpferprivileg“) und war damit von dem generellen Berufsverbot ausgenommen. Trotzdem bedeutete die Verdrängung der jüdischen Bevölkerung aus Gesellschaft und Berufsleben auch für die Familie Jacobsohn eine massive Veränderung. Denn Kurt Jacobsohn war lediglich als jüdischer Konsulent zugelassen: ein Rechtsberater, der ausschließlich jüdische Mandanten in wenigen verbliebenen Angelegenheiten vertreten oder beraten, das Anwaltszimmer im Gericht nicht betreten und keine Robe tragen durfte.
Ausgrenzung und antisemitischer Terror entluden sich schließlich in den Pogromen vom 9. November 1938, in dessen Folge Kurt Jacobsohn festgenommen und im KZ Sachsenhausen bis Anfang Dezember 1938 interniert war.

Es ist anzunehmen, dass die gefährlichen und bedrohlichen Lebensumstände in Berlin die Familie schließlich bewogen, die Stadt zeitweise zu verlassen. Sie verbrachten im Jahre 1940/41 einige Monate bei den Eltern von Liesbeth Jacobsohn in Worms und lebten dort im Wohnhaus von Isidor Kiefer in der Kriemhildenstraße 20. Das vormalige Wohnhaus des bereits 1933 in die USA emigrierten Fabrikanten und jüdischen Gemeindevorstehers Kiefer diente in Worms vielen jüdischen Familien als temporäre Unterkunft.

Wann die Familie Jacobsohn zurück nach Berlin zog, ist zeitlich nicht fassbar. In den Adressbüchern ab 1941 ist Kurt Jacobsohn nicht mehr aufgeführt. Ab 1942 war er im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 als „Stammordner“ und beim „Abholdienst“ eingesetzt. Am 24. August 1943 zog die Familie schließlich mit einigen Möbeln in die Große Hamburger Straße um und war dort bis zu ihrer Deportation interniert. Die Wohnung in der Gieselerstraße wurde versiegelt. Drei Tage vor ihrem Abtransport nach Theresienstadt erstellte Kurt Jacobsohn seine Vermögenserklärung und am 23. Februar 1944 wurde die Familie mit dem Transport 102 vom Anhalter Bahnhof ins Ghetto nach Theresienstadt deportiert. Dieser Transport mit 73 Menschen war der letzte des Sammellagers Große Hamburger Straße. Knapp drei Monate später, am 15. Mai 1944 wurde Kurt Jacobsohn mit seiner Frau und seinem Sohn nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Mitte der 1950er-Jahre leitete die ältere Schwester von Kurt Jacobsohn, Regina Pfeiffer-Horn, die 1947 in die USA emigriert war, einen Rückerstattungsantrag für ihren Bruder und seine Familie ein. Die Kinder der ältesten Schwester Anna Amalia wurden einige Zeit später als Antragsteller mitaufgenommen, so dass diese drei Überlebenden als Erbengemeinschaft im Verfahren beim Wiedergutmachungsamt Berlin auftraten. Erst 1968 wurde das Verfahren positiv entschieden, 13 Jahre nach Antragstellung und entwürdigenden Verzögerungen von Seiten der Behörden.

Recherche und Text: Brigitte Jacob

Quellen:
Stolperstein für Hugo Philips

Stolperstein für Hugo Philips

HIER WOHNTE
HUGO PHILIPS
JG. 1884
DEPORTIERT 4.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Stolperstein für Flora Philips

Stolperstein für Flora Philips

HIER WOHNTE
FLORA PHILIPS
GEB. WALLACH
JG. 1896
DEPORTIERT 2.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Stolperstein für Selma Schnee

Stolperstein für Selma Schnee

HIER WOHNTE
SELMA SCHNEE
JG. 1880
DEPORTIERT 12.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Anfang Dezember 1880 wird von der Hebamme Johanna Elias beim Standesamt die Geburt von Selma Regina Schnee angezeigt, die am 1. Dezember des Jahres in der Mulackstraße 33 bei den Eheleuten Samuel Boor Schnee und seiner Frau Serl Barthe Schnee geb. Felix zuhause zur Welt gekommen ist. Selma ist ihr erstes und bleibt ihr einziges Kind. Der Vater Samuel arbeitet als Destillator. Das Scheunenviertel gilt in dieser Zeit als sozialer Brennpunkt und man kann vermuten, dass die Familie eher zur ärmeren Bevölkerung zählt.

Über das Aufwachsen und die Ausbildung von Selma Schnee ist nichts bekannt, doch sorgt sie als erwachsene Frau selbst für ihren Lebensunterhalt. Sie bleibt ledig und kinderlos und arbeitete im Unternehmen des pharmazeutischen Betriebes J.D. Riedel in Grünau. Sie ist als Arbeiterin beschäftigt und verdient 16 RM wöchentlich. Wann sie in die Gieselerstraße eine Wohnung oder ein Zimmer bezogen hat, ist nicht rekonstruierbar. Das Unternehmen Riedel aber zieht 1912 nach Britz und auch Selma Schnee arbeitet an diesem neuen Standort.

Die immer bedrohlicher werdende Lebenssituation der jüdischen Menschen nach 1933 hat auch für Selma Schnees Alltag drastische Konsequenzen, sodass sie gezwungen wird, in die Katharinenstraße 4 nach Halensee in ein „Judenhaus“ umzuziehen. Der Zeitpunkt dieses Umzuges bleibt unbekannt, doch 1942 – im Vorgriff auf ihre Deportation – bewohnt sie als Untermieterin bei Julius Rosen im Parterre des Gartenhauses für 32 RM monatlich ein spärlichst eingerichtetes Zimmer. Einen Tag vor ihrem Abtransport schließlich muss sich Selma Schnee im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 einfinden. Von dort wird sie von Moabit aus am 12. Januar 1943 mit dem 26. Osttransport, zusammen mit 1196 Menschen nach Auschwitz deportiert. Einen Tag später erreicht der Transport das Vernichtungslager, wo Selma Schnee ermordet wird.

Recherche und Text: Brigitte Jacob

Quellen:
Arolsen Archives, Bad Arolsen
Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam
Landesarchiv Berlin; Berlin, Deutschland; Personenstandsregister Geburtsregister

Adresse

Stolpersteine