HIER WOHNTE
ALICE FRÄNKEL
GEB. WILLDORFF
JG. 1882
DEPORTIERT 19.1.1942
GHETTO RIGA
ERMORDET
Alice Fränkel geb. Willdorff wurde am 15. November 1882 als Tochter von Isidor Willdorff und Ernstine Emma geborene Neuweck in ihrem Haus in Danzig in der Heiligengeist Gasse 72 geboren.
Am 30. März 1912 heiratete sie den Kaufmann Martin Fränkel in Berlin. Sie lebten seit mindestens 1935 in Wilmersdorf in der Regensburger Straße 28 im Gartenhaus, 2. Etage. Sie hatten keine Kinder. Alice’ Ehemann wurde bereits am 16. Juni 1938 verhaftet und im KZ Buchenwald inhaftiert, wo er am 9. Juli 1938 angeblich an Herzasthma verstarb. Offenbar hat sie von seinem Tod erfahren, denn bei ihrer Deportation bezeichnete sie sich als Witwe. Aufgrund des „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden” vom 30. April 1939 machten die Nationalsozialisten aus dem Haus Regensburger Straße 28 ein sogenanntes „Judenhaus” – heute als „Zwangsräume” bezeichnet, um die Sprache der Nazis nicht zu übernehmen. Jüdische Menschen, die aus ihren angestammten Wohnungen ausgewiesen worden waren, wurden zwangsweise in Häuser jüdischer Eigentümer eingesiedelt. Auch Alice Fränkel musste zwei Damen als Untermieterinnen in ihre 3-Zimmerwohnung aufnehmen. Laut
Volkszählung vom 17. Mai 1939 wurden mindestens 15 Menschen aus diesem Haus deportiert und ermordet. Wie viele vorher geflohen waren oder später hier wohnen mussten und deportiert wurden, ist nicht bekannt.
Am 22. Dezember 1941 unterzeichnete Alice Fränkel die „Vermögenserklärung”, die alle jüdischen Menschen vor der Deportation abzugeben hatten. Daraus geht hervor, dass sie über das Wohnungsinventar hinaus keinerlei Wertgegenstände besaß. Möglicherweise hatte sie einiges verkauft, um überleben zu können, denn sie erhielt nach dem Tod ihres Mannes eine monatliche Witwenrente von lediglich 44,40 RM. Damit konnte sie nicht einmal die Miete bezahlen.
Im Januar 1942 musste Alice Fränkel sich in der von den Nationalsozialisten als „Sammellager” missbrauchten Synagoge an der Levetzowstraße 7/8 einfinden. Sie wurde am 19. Januar 1942 mit dem sogenannten „9. Osttransport” mit über 1000 weiteren Leidensgenossen vom Gleis 17 des Güterbahnhofs Grunewald in das Ghetto in Riga, Lettland, deportiert und wahrscheinlich unmittelbar nach der Ankunft des Zuges am 23. Januar 1942 ermordet.
Recherche und Text: Daniel Zehren und Gisela Morel-Tiemann
Quellen:
- Volkszählung v. 17.5.1939
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Akte 36A (II) 9514
- Zwangsräume Kontext