Stolperstein Lietzenburger Str. 78

Der Stolperstein für Gertrud Luise Borck wurde am 12.04.2010 verlegt.
Der Stolperstein für Elisabeth Feiler wurde am 23.4.2013 verlegt.

Stolperstein für Gertrud Luise Borck

Stolperstein für Gertrud Luise Borck

HIER WOHNTE
GERTRUD LUISE
BORCK
GEB. HADRA
JG. 1862
DEPORTIERT 21.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 9.2.1943

Gertrud Luise Borck, auch unter den Namen Börck oder Borok zu finden, wurde als Gertrud Luise Hadra am 2. März 1862 in Berlin geboren. Für ihre Eltern, den aus Tost (Toszek, Polen) bei Gleiwitz in Oberschlesien stammenden Kaufmann und Bankier Leopold Lippmann (Lippra) Hadra (*16. September 1827) und dessen aus Prenzlau in der Uckermark stammende Ehefrau Franziska Hadra geborene Lesser (*7. November 1835), war sie das fünfte von insgesamt zehn Kindern. Leopold und Franziska hatten am 18. Mai 1855 in Berlin geheiratet. Gertruds Mutter war bei der Heirat 19 Jahre alt.

Salomon Ignatz, genannt Sally (*24. Februar 1856), Doris Regina (*18. Februar 1857), Bernhard David (*4. September 1858) und Alice Rosa (*23. Oktober 1860) waren vor Gertrud geboren worden. Bernhard David starb am 9. Dezember 1862 mit 4 Jahren. 1863, ein Jahr nach Gertruds Geburt, kam ein sechstes Kind zur Welt, welches schon als Baby starb.

Katharina Amalia, genannt Käthe (*26. Mai 1866), Bernhard Barthold (*9. Juni 1867), Arthur August Henry (*13. Januar 1869) und Edmund Georg (*17. September 1877) wurden nach ihr geboren.

Der Vater Leopold Hadra war Eisen-Großhändler von Beruf. Durch Schienenlieferungen für die Eisenbahn war er zu einem beträchtlichen Vermögen gekommen. Für seine Familie kaufte er ein Mietshaus in der Oranienburger Straße 73 in Berlin-Mitte. Die Familie wohnte in der Beletage in einer großen, herrschaftlichen Wohnung.

Als das Schienengeschäft nicht mehr florierte, verdiente Leopold sein Geld als Bankier. Er und seine Frau waren fromme Juden und hielten die rituellen Gebräuche ein. Fünf ihrer Kinder ließen sich später evangelisch taufen. Gertrud blieb der jüdischen Religion treu.

Der älteste Bruder Sally studierte in Straßburg Medizin und wurde Arzt und Chirurg von Beruf. Er betrieb eine eigene Klinik in der Königgrätzer Straße 94, wo er nach dem Auszug aus der Leipziger Straße 100 auch privat lebte. Er blieb ledig.

Die Schwestern besuchten Höhere Mädchenschulen. Gertrud war künstlerisch begabt. Sie lernte Cello spielen und sang im „Ochs´schen Philharmonischen Chor“. Sie malte Majolika (Keramikbemalung) und Miniaturen und sammelte später Antiquitäten.

Der jüngere Bruder Bernhard brach die Schule nach dem „Einjährigen“ ab und absolvierte eine Lehre. Er wurde später Bergwerksdirektor auf der Friedenshütte in Tarnowitz. Er heiratete die Nicht-Jüdin Charlotte Agnes Emma Elise Lehnert (*27. August 1874-1942). Sie wurden Eltern von fünf Kindern, Hans (*1905-1927), Thea (*1906), Erika Rosemarie (*1908-1910), Ursula (*1914) und Barbara (*1916).

Der Bruder Arthur August Henry studierte Jura und wurde Rechtsanwalt, Notar und später Justizrat. Er heiratete Henriette, genannt Hetty, Gerstmann (*11. August 1867). Sie wurden Eltern von zwei Töchtern, Senta Caroline (*23. Februar 1896), die schon mit 11 Jahren am 15. Juli 1907 starb und Kitty Elisabeth (*6. April 1897).

Gertruds jüngster Bruder Edmund, der zur Welt kam, als die Mutter schon 42 Jahre alt war, studierte später ebenfalls Medizin und wurde Gynäkologe von Beruf. Er heiratete Elsie Frieda Loewenthal. Am 13. Juli 1910 wurde ihre Tochter Ellinor Sophie Charlotte in Berlin geboren. Edmund nahm am Ersten Weltkrieg teil und wurde mit dem „Kreuz der Ritter des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern“ ausgezeichnet. Nach dem Krieg ging er mit seiner Familie nach Schwerin, wo er eine Frauenarztpraxis betrieb.

Die älteste Schwester Doris Regina heiratete am 14. Oktober 1882 den Amtsgerichtsrat Karl Plessner (*9. September 1846) aus Kempen (Kępno, Polen). Sie bekamen zwei Kinder, Helene (*24. Juni 1884) und Erich Emil Eduard (*7. Mai 1887).

Alice Rosa heiratete am 2. Februar 1884 den aus Glogau (Głogów, Polen) stammenden Bankier Richard Kempner (*9. Oktober 1848). Sie wurden Eltern von zwei Kindern, Elsa (*18. Dezember 1884) und Hildegard (*12. April 1887) und wohnten in Glogau.

Gertruds Vater Leopold Hadra starb am 6. Februar 1888 mit 60 Jahren an einer Herzerkrankung, einen Monat vor Gertruds 26. Geburtstag. Die Mutter wurde mit 53 Jahren Witwe. Die Beisetzung von Leopold Hadra erfolgte auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin – Weißensee.

Wo und wann Gertrud ihren späteren Ehemann, den aus Posen stammenden Kaufmann Mune Lippmann Benjamin, genannt Ben, Borck (*27. April 1841) kennenlernte, ist unbekannt.

Ben Borck war als junger Mann nach Amerika gegangen, um dort Geschäfte zu machen. Er kam nach vielen Jahren vermögend zurück nach Deutschland und gründete in Berlin ein erfolgreiches Hutgeschäft in der Spandauer Straße 17, welches er am 21. November 1877 zusammen mit seinem Neffen Louis Lesser (*24. August 1846) zu einem Großhandel für Hüte, andere Kopfbedeckungen und Schirme ausbaute. Er brachte es zu beträchtlichen Reichtum.

Der 48-jährige Ben und die 27-jährige Gertrud verlobten sich 1889 und heirateten am 3. April 1890 in Berlin. Sie wohnten in der Potsdamer Straße.

Die jüngste Schwester Katharina Amalia, genannt Käthe, heiratete am 19. Dezember 1894 den Chemiker Dr. Georg Carl Bernhold Kofahl (*25. Oktober 1849). Da er der evangelischen Konfession angehörte, konvertierte auch Käthe zum Christentum. Am 8. Oktober 1895 wurde ihre Tochter Lilly geboren und ebenfalls evangelisch getauft. Schon kurze Zeit später bekam ihr Ehemann eine schwere Krankheit und wurde zum Pflegefall. Er starb am 5. September 1904. In zweiter Ehe heiratete Käthe am 21. September 1905 einen pensionierten preußischen Oberst aus einer alten adligen Offiziers – und Beamtenfamilie, Hans Kurt Carl Valesco von Oesfeld (*10. September 1849).

Gertruds Mutter, die Witwe Franziska Hadra, wurde nach dem Tod ihres Ehemannes eine erfolgreiche Kali-Industrielle in Thüringen. Von dem von ihr erwirtschafteten Geld kaufte sie ein Mietshaus in der Nürnberger Straße 20 in Charlottenburg. Ihre Tochter Alice und deren Ehemann Richard Kempner zogen im Ruhestand zu ihr. Richard Kempner starb hier am 2. September 1912 mit 63 Jahren. Gertrud meldete seinen Tod beim Standesamt. Alice wurde mit 51 Jahren Witwe. Im 79. Lebensjahr, am 14. März 1914, starb die Mutter Franziska Hadra. Schon sechs Jahre vor ihr, am 20. Mai 1908, war der älteste Sohn Sally mit 47 Jahren an Blasenkrebs gestorben.

Alice starb mit 60 Jahren am 18. April 1921 in Dresden bei ihrer ältesten Tochter Elsa von Maltitz. Ihre beiden Töchter hatten Adelige geheiratet.

Gertruds Ehe war glücklich, blieb aber kinderlos. Sie hielt 37 Jahre bis zum Tod ihres Ehemannes Ben Borck am 2. April 1927. Er wurde neben Gertruds ältestem Bruder Sally auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin – Weißensee beigesetzt. Gertrud wurde mit 65 Jahren Witwe. Damals wohnte sie in der Stübbenstraße 11 in Berlin-Schöneberg.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Gertrud im 70. Lebensjahr. Ihre Brüder starben in den 1930er- Jahren, Berthold 1933 und Arthur 1938. Ihre älteste Schwester Doris war noch 1930 in der Nestorstraße 7 in Berlin-Charlottenburg gemeldet. Vermutlich starb auch sie Anfang der 1930er- Jahre. Doris’ Sohn Erich Emil Eduard war bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 in der Heilanstalt St. Joseph gemeldet. Ein Jahr später wurde er in die Tötungsanstalt in Brandenburg an der Havel eingeliefert und wegen seiner psychischen Krankheit ermordet.

Gertrud war bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 zusammen mit ihrem jüngsten Bruder, dem Gynäkologen Dr. Edmund Hadra, in der Lietzenburger Straße 8 (heute 78) gemeldet. Sie wohnten im dritten Stock des Vorderhauses in einer 7 ½ Zimmer-Wohnung. Hier bot Edmund Sprechstunden für jüdische Patientinnen an – als sogenannter „Krankenbehandler”, wie jüdische Ärzte nun diskriminierend bezeichnet wurden. Seine Tochter Ellinor, die in Rostock und Hamburg Medizin studiert hatte, war schon 1936 in die USA emigriert. Am 13. Februar 1939 ließ sich Edmund von seiner Ehefrau Elsie scheiden. Sie emigrierte kurz darauf in die USA.

Edmund fühlte sich trotz der einschränkenden Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung, aufgrund seiner Auszeichnungen im Ersten Weltkrieg noch einigermaßen sicher in Deutschland.

Die konvertierte Schwester Käthe hatte den Kontakt zu ihren jüdischen Geschwistern Gertrud und Edmund abgebrochen, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Obwohl ihr Ehemann, der Generalmayor, schon 1935 gestorben war, blieb sie unbehelligt. Sie starb mit 79 Jahren am 15. Januar 1945 an Herzmuskelentartung bei ihrer Tochter Lilly am Südwestkorso in Berlin-Friedenau.

Arthurs Witwe Heddy Hadra starb am 22. Dezember 1941. Ihre Tochter Kitty wurde am 28. März 1942 aus der Wielandstraße 29 in Berlin-Charlottenburg nach Piaski deportiert und ermordet.

Schon im Juni 1942 kam die Aufforderung ins Haus, dass Gertrud eine Vermögenserklärung auszufüllen habe. Zu diesem Zeitpunkt konnte Edmund Gertruds Deportation nach Theresienstadt noch abwehren, indem er beteuerte, dass seine Schwester in seiner „Krankenbehandler”-Praxis unentbehrlich sei.

Am 10. Juli 1942 stand die Gestapo vor der Tür und forderte Edmund auf, sich für die Deportation nach Polen (11. Juli 1942 Warschau) im Sammellager in der Levetzowstraße einzufinden. Im Sammellager wurde er aufgrund seiner Auszeichnungen im Ersten Weltkrieg zurückgestellt und in die Große Hamburger Straße 26 gebracht, wo er mehrere Wochen interniert wurde. Am 3. August 1942 setzte Gertrud ihr Testament auf, in dem sie ihren Bruder Edmund zum alleinigen Erben machte. Als Gertrud erfuhr, dass er nach Theresienstadt deportiert werden sollte, meldete sie sich freiwillig für denselben Transport.

Zusammen mit 98 weiteren Menschen wurden sie am 21. August 1942 mit dem 47. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Aufgrund der unhygienischen Bedingungen im Lager erkrankten beide immer wieder. Am 3. Oktober 1942 trafen auch ihre Nichte Helene Ehrmann, Tochter ihrer Schwester Doris, und deren Ehemann Dr. Benno Ehrmann in Theresienstadt ein. Aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Ghetto starb er am 29. November und sie am 21. Dezember 1942. Zwei ihrer drei Söhne überlebten in Palästina und einer in New York. 2017 wurden in der Badstraße 64 in Berlin-Wedding auch für Helene und Benno Ehrmann Stolpersteine verlegt.

Auch Gertrud wurde im Laufe der Zeit immer schwächer. Aufgrund ihrer Bescheidenheit und ihrer ruhigen Art wirkte sie auf Menschen in ihrer Umgebung wohltuend und tröstend. Sie sei „wie ein Licht erloschen”, berichtete ihre Cousine Alice Reichenberger.

Gertrud Borck geborene Hadra starb am 9. Februar 1943, kurz vor ihrem 81. Geburtstag.

Ihr Bruder Edmund überlebte das Ghetto Theresienstadt und ging nach der Befreiung im Juli 1945 zuerst nach Ostberlin, wo er als Leiter der Mütter- und Schwangerschaftsstelle in Pankow – Niederschönhausen arbeitete. 1947 emigrierte er zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Josefa Hadra geborene Ruben (25. April 1897-10. März 1882), die er am 23. Mai 1943 im Ghetto geheiratet hatte, zuerst nach Bolivien und ein Jahr später in die USA.
Bis ins hohe Alter praktizierte er noch als Arzt. Er starb 1971 mit 94 Jahren in New York.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Oktober 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the Lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über Ancestry; My Heritage; Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II), 3995 Gertrud Borck und Edmund Hadra; Leo Baeck Institut und Center for Jewish History, New York, Kennung AR 1249, Edmund Hadra C

Stolperstein Elisabeth Feiler

Stolperstein Elisabeth Feiler

HIER WOHNTE
ELISABETH FEILER
GEB. LEUCHTAG
JG. 1884
DEPORTIERT 13.6.1942
SOBIBOR
ERMORDET

Elisabeth (oder Elisabet) Feiler kam am 1. Dezember 1884 als Tochter des Kaufmanns Richard Guttmann Leuchtag und dessen Ehefrau Erna (Esther) Leuchtag, geborene Sieradzki, in Breslau (Wrocław) zur Welt. Sie war das mittlere von sechs Kindern, drei Mädchen und drei Jungen. Zusammen mit einem Sozius besaß ihr Vater eine Damenmantelfabrik sowie ein großes Damenkonfektionshaus in der Breslauer Innenstadt, Nikolaistraße 8. Er war auch Aufsichtsratsmitglied in verschiedenen anderen Unternehmen und engagierte sich karitativ, etwa in führender Position in dem österreich-ungarischen Hilfeverein Austria zu Breslau. Vielleicht aufgrund dieser Tätigkeit war ihm das kaiserlich-österreichische goldene Verdienstkreuz mit Krone verliehen worden.

Vor 1908 heiratete Elisabeth in Berlin den aus Stettin (Szczecin) gebürtigen Kaufmann Hermann Feiler (*1877). Er stammte aus kleineren Verhältnissen als sie, hatte sich jedoch gemeinsam mit seinem älteren Bruder Max zum Besitzer einer der führenden Pelzhandlungen der Stadt emporgearbeitet, „Gebrüder Feiler“ am Spittelmarkt. Bei der Gründung 1897 war Hermann gerade einmal zwanzig Jahre alt. Er reiste viel und besuchte Kunden, Bruder Max kümmerte sich um den Einkauf und die Verwaltung. Ihr Pelzhaus war eines der ersten deutschen Unternehmen, das direkt in Amerika Rohfelle einkaufte.

Das Ehepaar Feiler bekam drei Kinder, Leonie (*5. März1908), Helmut (*27. Juni 1911) und Stefanie (Steffi) (*10. Juli 1916). Elisabeths Eltern starben 1913, die Mutter nur wenige Monate nach dem Vater. Beide scheinen zu dem Zeitpunkt schon lange krank gewesen zu sein. Sie wurden auf dem israelitischen Friedhof Cosel/Breslau beigesetzt.
1916 fiel Elisabeths kleiner Bruder Martin im Ersten Weltkrieg. Er war Doktor der Jurisprudenz und zu diesem Zeitpunkt Rechtsreferendar.
Auch Elisabeths Mann Hermann war an der Front. Im letzten Kriegsjahr erkrankte er, wurde ausgemustert und in Ehren entlassen. Er kehrte zu seiner Familie zurück, die damals am Kaiserdamm in Charlottenburg lebte, und in sein Kontor am Spittelmarkt. Am 8. Oktober 1918 starb er dort, am Schreibtisch sitzend, an einem massiven Herzinfarkt. Er war 41 Jahre alt.
Elisabeth Feiler hatte ihren Mann sehr geliebt und verehrt. Für sein Begräbnis auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee ließ sie ihm ein Mausoleum bauen, das wie ein Kriegerdenkmal aussah, mit Säulen, gekreuzten Schwertern und einem griechischen Helm – und ohne jedes Zeichen seines jüdischen Glaubens. Tochter Leonie, die damals zehn Jahre alt war, erzählte später ihren Kindern, dass ihre Mutter auf einen Schlag alle jüdischen Gebräuche in der Familie abgeschafft habe, weil sie keinem Gott dienen wollte, der ihr mit 33 Jahren den Mann wegnahm.

Zusammen mit ihrem Schwager Max führte sie sehr resolut die Pelzwarenhandlung weiter. Dann überwarf sie sich jedoch mit Max, woraufhin dieser Berlin verließ und in Leipzig ein eigenes Unternehmen gründete. Er starb bereits 1924. Der dritte Bruder, Josef Feiler, sprang ein. Unter dessen und Elisabeths Leitung florierte „Gebrüder Feiler“ noch einmal. Die Pelzhandlung zog in die Leipziger Straße 110 um, in dasselbe Gebäude, in dem früher das bekannte Berliner Billig-Textilkaufhaus „Goldene 110“ war. 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, wurde „Gebrüder Feiler“ liquidiert.
Elisabeth überwarf sich auch mit ihrer Tochter. Leonie Feiler ließ sich mit 16 Jahren emanzipieren, zog aus der Wohnung am Kaiserdamm aus und wechselte mit ihrer Mutter jahrelang kein Wort mehr. Nach ihrem Abitur 1927 studierte sie Romanistik, Germanistik und Philosophie. Sie promovierte 1931 mit einer linguistischen Wortfeldstudie, „Die Bezeichnung für den Waschtrog im Galloromanischen“.

Im Studium hatte sich Leonie in ihren Kommilitonen Georg Sachs verliebt, den sie heiratete, und mit dem sie gleich nach der Machtergreifung 1933 nach Spanien emigrierte. 1937 zwang der spanische Bürgerkrieg das Ehepaar mit zwei kleinen Söhnen nach Frankreich zu fliehen. Von dort aus emigrierten sie in die USA. Leonie Sachs machte eine akademische Karriere, unter anderem als Dozentin am Hunter College in New York. Sie starb am 8. Dezember 1991.
Auch Elisabeths jüngere Kinder Helmut und Steffi überlebten. Helmut, der in einer Bank gearbeitet und geheiratet hatte, gelang es in letzter Minute, mit seiner Frau nach Bolivien zu fliehen. Steffi emigrierte 1939 über Großbritannien in die USA. Helmut starb 1994, Steffi mit fast hundert Jahren 2015.

Elisabeth Feiler - Lietzenburger Straße 78

Elisabeth, die nach Leonies Emigration wieder zaghaft mit ihrer Tochter korrespondierte, wollte von Flucht nichts wissen. Als Witwe eines dekorierten Veteranen, als Schwester eines Helden, der fürs Vaterland gefallen war, würde man nicht wagen, ihr etwas anzutun. Sie war vom Kaiserdamm in eine winzige Wohnung in der Lietzenburger Straße 78 gezogen. Die energische, verbitterte Frau lebte dort verarmt und zurückgezogen. In der Zimmerecke stand ihr gepackter Koffer. Sie hatte eine nichtjüdische Freundin, Anna Blank. Blank war die Witwe eines Kriegskameraden von Hermann Feiler. Anna Blank brachte Elisabeth manchmal Essen vorbei und schien ihr sogar angeboten zu haben, sie aufzunehmen und zu verstecken. Elisabeth lehnte alles ab. Sie wolle ihre Ruhe haben, und eines Tages ihre Kinder wiedersehen, sie benötige keine Hilfe. Anna Blank musste ins Krankenhaus und als sie entlassen wurde und nach ihrer Freundin suchte, wohnten schon andere Leute in deren Wohnung und niemand wollte gesehen haben, wie man sie abholte.

Am 13. Juli 1942 – andere Quellen sagen 2. Juli – wurde Elisabeth Feiler deportiert, wahrscheinlich zuerst in das Ghetto von Lubin und von dort in das Vernichtungslager Sobibór, wo sie ermordet wurde. Ihr Todesdatum ist unbekannt. Sie starb vor ihrem 60. Geburtstag.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch
Schlesische Zeitung
Berliner Adressbücher
Klockhaus’ kaufmännisches Handels- und Gewerbe-Adressbuch 1892
„Die Jüdischen Gefallenen des dt. Heeres“ (1932)
Philipp Manes, “Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940” (über Wikipedia)
Daniel Sachs, “Through Turmoil to Tranquility”, USA 2004 (Lebenserinnerungen von Elisabeth Feilers Enkel)

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