HIER WOHNTE
HEDWIG HESSE
GEB. BACHUR
JG. 1880
DEPORTIERT 19.1.1942
RIGA
ERMORDET AUG.1942
Hedwig Hesse wurde als Hedwig Bachur am 8. Mai 1880 in der Dennewitzstraße 14 in Berlin geboren. Für ihre Eltern, den aus Fraustadt in Schlesien (Wschowa, Polen) stammenden Maurermeister und Architekt Siegfried Bachur (*1847) und dessen Ehefrau, die aus Guhrau in Niederschlesien (Góra, Polen) stammende Fanny, genannt Wanda, geborene Levy (*14. August 1857), war sie das zweite von insgesamt vier Kindern. Ihre Schwester Sophia (8. Mai 1879) war genau ein Jahr älter und Dora (*30. November 1881) ein Jahr jünger als sie. Ihr Bruder Eugen Alexander kam am 9. Juni 1884 zur Welt und war vier Jahre jünger als sie. Über Hedwigs Kindheit und Jugend konnte nichts recherchiert werden.
Ihre ältere Schwester Sophia heiratete mit 22 Jahren am 23. August 1901 den praktischen Arzt Dr. med. Israel David Saenger (*30. November 1874). Sie wohnten in der Hauptstraße 115 in Berlin-Schöneberg.
Hedwig lernte ihren späteren Ehemann, den in Leipzig geborenen Kaufmann Max Guido Hesse (*30. Juli 1880) vermutlich über ihren Bruder, der wie Max bei der Hamburg-Armerika-Linie arbeitete, kennen. Hedwigs Eltern zeigten am 4. September 1904 die Verlobung ihrer Tochter Hedwig mit Max Hesse an. Die Familie Bachur wohnte damals in der Neuen Winterfeldstraße 23 in Schöneberg. Die Verlobten gaben am 11. September 1904 einen Empfang. Die Hochzeit fand dann am 1. April 1905 statt. Hedwigs Vater Siegfried und Max Mutter Bertha Hesse geborene Stargardt waren als Trauzeugen anwesend. Max Vater, der Kaufmann Gustav Hesse war schon 1899 gestorben. Max wohnte vor der Hochzeit mit seiner Familie in der Wartenburgstraße 11 in Berlin-Kreuzberg.
Mit 26 Jahren wurde Hedwig zum ersten Mal Mutter. In der Wartenburgstraße 15 kam ihr erster Sohn Walter Gustav (*7. Februar 1906) zur Welt. Ihre Schwester Dora heiratete am 5. August 1907 den Kaufmann Willi Wasser (*1879) aus Bochum. Ihr Sohn Fritz Martin Wasser wurde am 23. Oktober 1910 geboren.
Max und Hedwigs zweites Kind, ihre Tochter Susi, wurde am 3. Mai 1908 in Kairo in Ägypten geboren. Ihr jüngster Sohn Peter Fritz kam am 8. Januar 1910 zur Welt. Damals wohnte die Familie in der Leibnizstraße 43 in Charlottenburg.
Kurze Zeit nach der Geburt des jüngsten Sohnes, am 1. Februar 1910, musste ihr Ehemann geschäftlich wieder nach New York. Als Hausfrau hatte sich Hedwig um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Ihr außerfamiliäres Interesse galt der Literatur. Sie liebte Bücher und kennzeichnete diese mit ihrem eigenen Exlibris „Aus meiner Bücherei Hedwig Hesse“, welches von Adolf Behrmann (1906-1933), einem Berliner Künstler, gestaltet worden war.
1927 gründete ihr Ehemann Max die Firma „Max Hesse Verlag für Industriedruck“ in der Köpenicker Straße 110-113 in Berlin-Kreuzberg.
Die Liebe zur Literatur gab sie besonders an ihren ältesten Sohn Walter weiter. Er studierte Germanistik und klassische Philologie in Berlin, Breslau und Heidelberg und promovierte 1929 in Germanistik bei Merker in Breslau. Nach der Promotion war er in der väterlichen Druckerei tätig. Walter Gustav beschäftigte sich vor allem mit Fotografie, publizierte aber auch journalistisch im Feuilleton.
Hedwigs Bruder Eugen Alexander Bachur, der Zahlmeister-Assistent bei der Hamburg-Amerika-Linie war, heiratete am 5. Dezember 1912 die Haustochter Henriette Johanne Marie Paula Hunger (*1861). Die Ehe wurde am 2. Oktober 1929 geschieden.
Am 15. Februar 1927 starb Hedwigs Vater Siegfried Baruch mit 80 Jahren in der Schwäbischen Straße 7 in Berlin-Schöneberg. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.
Ihre Tochter Susi heiratete am 3. Dezember 1932 den Rechtsanwalt Adolph Rubin.
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Hedwig 52 Jahre alt. Sie wohnten damals in der Kurfürstenstraße 88 in Berlin-Schöneberg. Im Berliner Adressbuch 1933 war Max Hesse mit seiner Druckerei weiterhin in der Köpenicker Straße 113 und mit „Max Hesse‘s Verlag“ und „Berliner Buchhandlung“ in der Hauptstraße 38 in Berlin-Schöneberg zu finden. Am 23. November 1933 heiratete ihr jüngster Sohn Peter Fritz mit 23 Jahren die 21-jährige nicht-jüdische Erna Lilli Schiemann. Auf der Heiratsurkunde gab es den Hinweis, dass 1930, drei Jahre vor ihrer Hochzeit, schon ein Sohn in Berlin-Friedenau geboren war. Sie nannten ihn Hans Siegfried (*21. November 1930).
1936 zogen Hedwig und Max in eine 6-Zimmer-Wohnung im Vorderhaus Parterre rechts in die Helmstedter Straße 5 in Berlin-Wilmersdorf. Die Miete betrug 180 RM monatlich.
Max und Hedwigs ältester Sohn Walter Gustav flüchtete aufgrund der rassischen Verfolgung 1936 nach Südafrika. Der jüngste Sohn Peter Fritz folgte ihm. In Abwesenheit wurde seine Ehe mit Erna Lilli im Dezember 1939 geschieden. Hans Siegfried kam in ein Kinderheim, da auch Erna Lilli sich nicht um den Sohn kümmerte. Hedwig und Max Hesse sahen diesen Enkel als ihr „Mündel“ an.
Als Hedwigs Schwager Dr. Israel David Saenger am 15. Mai 1937 starb, wurde ihre Schwester Sophia mit 58 Jahre Witwe. Sie flüchtete im Juni 1938 mit der Familie ihrer Tochter Eva Rosemeyer geborene Saenger (*24. Januar 1908) nach Argentinien.
Vermutlich musste Max Hesse zwischen 1936 und 1938 seine Druckerei an einen „arischen“ Inhaber verkaufen. Ernst Siegfried Bernhardt übernahm die Firma. Bis wann er den Verlag und die Buchhandlung führen konnte, ist ungewiss.
Ihre Schwester Dora und deren Ehemann Willi waren bei der „Minderheiten-Volkszählung“ nicht mehr in Berlin gemeldet. Sie emigrierten vermutlich am 20. Januar 1939 über Prag nach New York in den USA.
Hedwigs Mutter, die Witwe Wanda Bachur geborene Levy, starb mit 82 Jahren am 25. Juni 1940 in der Bamberger Straße 38 in Berlin-Wilmersdorf. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof, in der Nähe der Begräbnisstätte ihres Ehemannes beigesetzt.
Diverse Briefe aus dem Jahr 1941 von Hedwig und Max Hesse an Gerda Eder, bezeugen ihre Not, Hoffnungslosigkeit und Verantwortungsgefühl für ihren Enkel und ihre Mitmenschen. So schreibt Max Hesse: „Denn wenn wir jetzt noch nicht von selbst Schluss machen, so ist es bestimmt nicht Feigheit oder gar Wunsch, noch länger hier Theater zu spielen, sondern zum größten Teil nur die Verantwortung, die wir anderen Dritten, unter anderem auch Ihnen gegenüber, zum Teil mitfühlen und der wir uns nicht ohne äußerste Not entziehen wollen. Vorläufig hat unser Enkel, das aufgeweckte gute Kind von 11 Jahren, noch einen Anspruch darauf, dass wir die Zähne zusammenbeißen und ein paar Jahre für ihn durchhalten, bis er seinen Weg selbst findet. Im Augenblick wäre es für das Kind so ziemlich das Letzte, was ihm noch zusammenbrechen könnte, nachdem der Vater weg ist und die Mutter ihn verstoßen hat und ihm nur noch die Liebe der Großeltern geblieben ist. Und dann sind da auch noch ein paar andere, sehr
wenig beneidenswerte Zeitgenossen, denen wir immer noch etwas ihr schweres Dasein erleichtern können.“
Zum 31. Dezember 1941 ließen sich Hedwig und Max ihre Lebensversicherung frühzeitig auszahlen. Das Rückkaufs-Guthaben in Höhe von 4.834,19 RM überwies die Versicherung mit schriftlicher Zustimmung der Gestapo, welche durch die Jüdische Gemeinde vorgelegt wurde, am 4. Februar 1942 auf das Konto des Inhabers des Kinderheims in Berlin-Zehlendorf, Berlepschstraße 65, Herrn Erich Bröse, der Vormund für Hans Siegfried Hesse war.
Ende Dezember 1941 bekamen auch Hedwig und Max Hesse die Vermögenserklärung mit dem Befehl diese auszufüllen. Am Silvesterabend 1941 unterschrieben sie ihre Erklärungen. Am 11. Januar 1942 verließen sie das Haus in der Helmstedter Straße 5. Ob die Gestapo sie abholte oder sie sich im Sammellager in der umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße 7 einzufinden hatten, ist nicht bekannt.
Zusammen mit 1.004 Leidensgenossinnen und -genossen deportierte sie die Gestapo mit dem 9. Osttransport am 19. Januar 1942 nach Riga in Lettland, wo sie im Ghetto von Riga unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert wurden. Der Name von Hedwig Hesse fand sich auf einer Namensliste vom 15. Juli 1943. Demnach hatten die Frauen auf der Namensliste morgens um 8.00 Uhr anzutreten. Zur gleichen Zeit entstand das Konzentrationslager Riga-Kaiserwald, in dem acht Baracken für Häftlinge vorgesehen waren. Vermutlich sollten die Frauen dorthin geschafft werden. Für die Häftlinge bedeutete das die Trennung von den Angehörigen. Die Häftlingskleidung, das Abscheren der Haare und der Verlust der Privatsphäre wirkten wie ein Schock für die Frauen. Hedwig Hesse geborene Baruch und Max Hesse starben zu einem unbekannten Zeitpunkt. Sie kehrten nie zurück.
Ihrer Tochter Susi Rubin gelang mit ihrem Ehemann noch am 3. Dezember 1942 die Flucht in die Schweiz, wo der Rechtsanwalt Adolph Rubin als Instrumentenbauer arbeitete. Nach dem Krieg emigrierten sie in die USA.
Auch Hedwigs jüngster Bruder Eugen Alexander Bachur gelang die Flucht nach New York, wo er im Oktober 1948 starb. Ihr Enkel Hans Siegfried emigrierte nach dem Krieg vermutlich mit dem Geld aus der Lebensversicherung seiner Großeltern, zu seinem Vater Peter Fritz nach Kapstadt in Südafrika.
Seit 2013 konnten 42 Bücher und drei lose Exlibris aus der Bibliothek von Hedwig Hesse an die Nachkommen von ihr zurückgegeben werden. Die restituierten Bücher stammten zum größten Teil aus einem 1943 getätigten Ankauf von ca. 40.000 Büchern aus dem Eigentum von deportierten Juden der Stadtbibliothek Berlin, die in der Städtischen Pfandleihanstalt lagerten.
Text und Recherche: Gundula Meiering, April 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
- My Heritage
- Jüdisches Museum Berlin: Briefe von Max und Hedwig Hesse an Gerda Elter und Namensliste von Frauen im Rigaer Ghetto (Inventar-Nr. 2000/87/5)
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 15015 Max Hesse und Hedwig Hesse geborene Bachur