HIER WOHNTE
ALBERT MEYER
JG. 1863
DEPORTIERT 10.1.1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 25.1.1944
Albert Meyer, geboren am 22. Juli 1863 in Breslau, wurde am 10. Januar 1944 nach Theresienstadt deportiert und dort am 25. Januar 1944 ermordet.
Am 22. Juli 1863 wurde in Breslau Albert Meyer geboren, als erster Sohn des Kaufmannes Martin August Meyer und seiner Ehefrau Bertha geb. Ehrlich. Zwei Geschwister wurden auch in Breslau geboren, Rosa (*1865) und Arthur (*1867). Die Familie zog bald nach Leipzig, wo 1896 die Schwester Olga zur Welt kam. Alberts Vater war wahrscheinlich schon in Breslau an dem Familienunternehmen Mayer’s Möbel-Transport-Geschäft beteiligt, das mit der Zeit Filialen in Breslau, Leipzig, Berlin, Frankfurt a.M. und Hamburg hatte. In Leipzig führte er allerdings erst ein Fleischwarengeschäft, 1876 galt Bertha als Geschäftsinhaberin, Martin August war „Meßspediteur“ und Inhaber eines „Meubles-Transport-Geschäft“, vermutlich eine Filiale des Breslauer Unternehmens. Ein Jahr drauf war die Fleischerei aufgegeben und das „Meubles“-Geschäft war auf Berthas Namen eingetragen, Martin August war Geschäftsführer. Die Familie lebte in der Nikolaistraße 41. Seit Anfang der 80er- Jahre
hatte die Transportfirma eine Filiale in Berlin in der Dorotheenstraße 67. Mitte der 80er zieht dann auch Martin August mit Bertha nach Berlin, er wird jetzt in den Adressbüchern als Inhaber des Geschäfts benannt. In Berlin ist jetzt das Haupthaus, die Filiale befindet sich in Leipzig. Dort führt Albert sie zusammen mit Ludwig Meyer, vielleicht ein weiterer Bruder. Albert wohnt in der Langestraße 46. Es entstehen noch Filialen in Frankfurt am Main und Hamburg.
Nach Martin Augusts Tod 1891 führt seine Witwe Berta das Unternehmen weiter – möglicherweise mit Unterstützung durch ihren Sohn Arthur, der auch in Berlin wohnt – bis auch sie 1905 stirbt. Inhaber des Geschäfts sind danach laut Adressbuch die Meyer‘schen Erben.
In Leipzig ist Albert inzwischen in die Georgenstraße 3 gezogen. Am 15. Juli 1907 heiratet er die 27jährige Irene Hedwig Valentine Kehrt. Die Hochzeit findet in Berlin statt, obwohl beide in Leipzig wohnen. Valentine stammt aus Magdeburg, beide Eltern sind jedoch verstorben. Heiratszeugen sind Max und Lylli Kehrt, Verwandte der Braut. Wann Albert und Valentine sich kennenlernten, ist unklar, aber sie hatten wohl schon länger eine Beziehung, denn eine Anmerkung in der Heiratsurkunde besagt, dass Albert Valentines 1902 geborenen Sohn Albert Ferdinand als sein Kind anerkennt. Auch das nächste Kind ist wohl schon unterwegs, denn die Tochter Berta kommt bereits am 7. Dezember des gleichen Jahres 1907 in Leipzig auf die Welt.
Albert zieht mit Frau und Kindern nach Reudnitz, einen Stadtteil von Leipzig, in die Kohlgartenstraße 17 und später in den Stadtteil Gohlis, Lothringer Straße 97. In Berlin wird Meyer‘s Möbeltransport Geschäft bald nicht mehr von den Meyer‘schen Erben betrieben, sondern von „Albert Meyer (Leipzig) und Arthur Meyer“ – so das Adressbuch. Arthur stirb jedoch 1915 in Berlin. Dies war vermutlich der Anlass für Albert, nach Berlin zu ziehen. Die Familie wohnt zunächst in der Dankelmannstraße 11. Albert ist jetzt der Inhaber des Unternehmens, die Filiale in Leipzig führt Ludwig allein. Als in Berlin das Kontor der Firma in die Thomasiusstraße 1 verlegt wird, wird das auch die Wohnadresse der Meyers. Wenige Jahre später lautet die Adresse für Kontor und Wohnung Alt-Moabit 136.
Anfang der 30er- Jahre werden die Anzeigen kleiner, die Firma zieht mehrmals um, in die Otawistraße, in die Afrikanische Straße, schließlich 1934 in die Niebuhrstraße 33. Möglicherweise haben Inflation, Weltwirtschaftskrise und schließlich die Judendiskriminierung nach Machtübernahme der Nationalsozialisten das Geschäft merklich schrumpfen lassen. Albert bezeichnet sich als Spediteur, sein Sohn Albert Ferdinand wohnt bei den Eltern und ist Expedient in der Firma, d.h., er ist für die Abwicklung der Transportgeschäfte verantwortlich.
Im Juli 1930 heiratet Alberts Tochter Berta den Kaufmann Siegfried Feuer aus Wien. Wie sein Schwiegervater zu Valentine scheint auch er schon länger eine Beziehung zu Berta zu haben, denn er wohnt, wie die Braut, auch in der Otawistraße 21 und schon sechs Monate später kommt der Sohn Peter zur Welt. Das Paar wohnt 2-3 Jahre in der Togostraße, 1935 sind sie auch in der Niebuhrstraße 63 gemeldet, sehr wahrscheinlich in einer eigenen Wohnung. Aber schon 1937 flüchtete Siegfried Feuer, sicherlich unter dem Druck der zunehmenden Judenmarginalisierung und -verfolgung, nach Frankreich. Sehr wahrscheinlich hatte er vor, Frau und Kind nachzuholen. Berta blieb zunächst in der Niebuhrstraße wohnen.
In der Niebuhrstraße 63 war am 31. Dezember 1934 Alberts Ehefrau Valentine gestorben. Vielleicht ist Albert daraufhin in die Wohnung seiner Tochter gezogen, vielleicht aber ist auch Berta, nach Siegfrieds Ausreise zu ihm gezogen. 1939, bei der Volkszählung vom 17. Mai, in der Juden in einer getrennten Sonderkartei erfasst wurden, wurde Albert „bei Feuer“ registriert. Laut einer Nachkriegskartei habe er „beim Sohn“ gewohnt, also bei Albert Ferdinand, mit dem er weiterhin das Transportgeschäft betrieb – bis dieses 1939 aus den Adressbüchern verschwand, vielleicht eines der vielen Opfer der Pogrome vom November 1938.
Auch eine Zeitlang nach Valentines Tod scheint Albert durch seine „Mischehe“ vor einigen Verfolgungsmaßnahmen geschützt gewesen zu sein. So war er z.B. von der ab September 1941 geltenden Pflicht, einen sog. Judenstern zu tragen, befreit. Er musste aber erleben, wie im Januar 1943 seine Tochter und sein Enkel von der Gestapo abgeholt und „nach Osten“ deportiert wurden. Vermutlich kannte er das eigentliche Ziel – Auschwitz – nicht und hörte auch nichts mehr von ihnen. Ein Jahr später ereilte auch ihn ein ähnliches Schicksal: nun sollten bisher verschonte jüdische Ehegatten nicht-jüdischer Frauen ebenfalls deportiert werden. Am 10. Januar 1944 wurde Albert Meyer mit 351 weiteren Opfern nach Theresienstadt verschleppt. 213 von ihnen überlebten, Albert Meyer gehörte nicht dazu. Die Fahrt in ungeheizten Waggons – der Winter 1944/45 war besonders kalt – und Hunger, Kälte, Raumnot und gänzlich fehlende Hygiene im Ghetto überstand er nur wenige Tage. Am 24.
Januar 1944 starb er, einen Tag später wurde sein Leichnam im Krematorium Theresienstadt zu Asche.
Alberts Sohn Albert Ferdinand überlebte den Krieg. Noch Anfang der 70er- Jahre wohnte er in der Niebuhrstraße 63. Er stellte einen Entschädigungsantrag und bekam einen eher bescheidenen Betrag für den „Freiheitsentzug“ seines Vaters, nicht aber für dessen Ermordung.
Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf
Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006;
Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995;
Adressbuch Breslau;
Adressbuch Leipzig;
Berliner Adressbücher;
Landesarchiv Berlin über Ancestry;
Arolsen Archives;
Entschädigungsamt Berlin;
Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/) ;
Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005