Stolpersteine Niebuhrstr. 63

Hauseingang Niebuhrstr. 63, Foto: Bukschat&Flegel, 20.4.13

Hauseingang Niebuhrstr. 63, Foto: Bukschat&Flegel, 20.4.13

Die Stolpersteine für Albert Meyer, Berta und Peter Feuer, Recha Jacoby wurden am 27. Oktober 2009 verlegt.

Der Stolperstein für Milly Jacoby wurde am 7. April 2010 verlegt.

Der Stolperstein für Walter Ruttin wurde am 29. Oktober 2013 verlegt.
Der Stolperstein für Lotte Ruttin wurde am 1. April 2014 verlegt.

Stolperstein für Albert Meyer

Stolperstein für Albert Meyer

HIER WOHNTE
ALBERT MEYER
JG. 1863
DEPORTIERT 10.1.1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 25.1.1944

Albert Meyer, geboren am 22. Juli 1863 in Breslau, wurde am 10. Januar 1944 nach Theresienstadt deportiert und dort am 25. Januar 1944 ermordet.

Am 22. Juli 1863 wurde in Breslau Albert Meyer geboren, als erster Sohn des Kaufmannes Martin August Meyer und seiner Ehefrau Bertha geb. Ehrlich. Zwei Geschwister wurden auch in Breslau geboren, Rosa (*1865) und Arthur (*1867). Die Familie zog bald nach Leipzig, wo 1896 die Schwester Olga zur Welt kam. Alberts Vater war wahrscheinlich schon in Breslau an dem Familienunternehmen Mayer’s Möbel-Transport-Geschäft beteiligt, das mit der Zeit Filialen in Breslau, Leipzig, Berlin, Frankfurt a.M. und Hamburg hatte. In Leipzig führte er allerdings erst ein Fleischwarengeschäft, 1876 galt Bertha als Geschäftsinhaberin, Martin August war „Meßspediteur“ und Inhaber eines „Meubles-Transport-Geschäft“, vermutlich eine Filiale des Breslauer Unternehmens. Ein Jahr drauf war die Fleischerei aufgegeben und das „Meubles“-Geschäft war auf Berthas Namen eingetragen, Martin August war Geschäftsführer. Die Familie lebte in der Nikolaistraße 41. Seit Anfang der 80er- Jahre hatte die Transportfirma eine Filiale in Berlin in der Dorotheenstraße 67. Mitte der 80er zieht dann auch Martin August mit Bertha nach Berlin, er wird jetzt in den Adressbüchern als Inhaber des Geschäfts benannt. In Berlin ist jetzt das Haupthaus, die Filiale befindet sich in Leipzig. Dort führt Albert sie zusammen mit Ludwig Meyer, vielleicht ein weiterer Bruder. Albert wohnt in der Langestraße 46. Es entstehen noch Filialen in Frankfurt am Main und Hamburg.

Nach Martin Augusts Tod 1891 führt seine Witwe Berta das Unternehmen weiter – möglicherweise mit Unterstützung durch ihren Sohn Arthur, der auch in Berlin wohnt – bis auch sie 1905 stirbt. Inhaber des Geschäfts sind danach laut Adressbuch die Meyer‘schen Erben.

In Leipzig ist Albert inzwischen in die Georgenstraße 3 gezogen. Am 15. Juli 1907 heiratet er die 27jährige Irene Hedwig Valentine Kehrt. Die Hochzeit findet in Berlin statt, obwohl beide in Leipzig wohnen. Valentine stammt aus Magdeburg, beide Eltern sind jedoch verstorben. Heiratszeugen sind Max und Lylli Kehrt, Verwandte der Braut. Wann Albert und Valentine sich kennenlernten, ist unklar, aber sie hatten wohl schon länger eine Beziehung, denn eine Anmerkung in der Heiratsurkunde besagt, dass Albert Valentines 1902 geborenen Sohn Albert Ferdinand als sein Kind anerkennt. Auch das nächste Kind ist wohl schon unterwegs, denn die Tochter Berta kommt bereits am 7. Dezember des gleichen Jahres 1907 in Leipzig auf die Welt.
Albert zieht mit Frau und Kindern nach Reudnitz, einen Stadtteil von Leipzig, in die Kohlgartenstraße 17 und später in den Stadtteil Gohlis, Lothringer Straße 97. In Berlin wird Meyer‘s Möbeltransport Geschäft bald nicht mehr von den Meyer‘schen Erben betrieben, sondern von „Albert Meyer (Leipzig) und Arthur Meyer“ – so das Adressbuch. Arthur stirb jedoch 1915 in Berlin. Dies war vermutlich der Anlass für Albert, nach Berlin zu ziehen. Die Familie wohnt zunächst in der Dankelmannstraße 11. Albert ist jetzt der Inhaber des Unternehmens, die Filiale in Leipzig führt Ludwig allein. Als in Berlin das Kontor der Firma in die Thomasiusstraße 1 verlegt wird, wird das auch die Wohnadresse der Meyers. Wenige Jahre später lautet die Adresse für Kontor und Wohnung Alt-Moabit 136.

Anfang der 30er- Jahre werden die Anzeigen kleiner, die Firma zieht mehrmals um, in die Otawistraße, in die Afrikanische Straße, schließlich 1934 in die Niebuhrstraße 33. Möglicherweise haben Inflation, Weltwirtschaftskrise und schließlich die Judendiskriminierung nach Machtübernahme der Nationalsozialisten das Geschäft merklich schrumpfen lassen. Albert bezeichnet sich als Spediteur, sein Sohn Albert Ferdinand wohnt bei den Eltern und ist Expedient in der Firma, d.h., er ist für die Abwicklung der Transportgeschäfte verantwortlich.

Im Juli 1930 heiratet Alberts Tochter Berta den Kaufmann Siegfried Feuer aus Wien. Wie sein Schwiegervater zu Valentine scheint auch er schon länger eine Beziehung zu Berta zu haben, denn er wohnt, wie die Braut, auch in der Otawistraße 21 und schon sechs Monate später kommt der Sohn Peter zur Welt. Das Paar wohnt 2-3 Jahre in der Togostraße, 1935 sind sie auch in der Niebuhrstraße 63 gemeldet, sehr wahrscheinlich in einer eigenen Wohnung. Aber schon 1937 flüchtete Siegfried Feuer, sicherlich unter dem Druck der zunehmenden Judenmarginalisierung und -verfolgung, nach Frankreich. Sehr wahrscheinlich hatte er vor, Frau und Kind nachzuholen. Berta blieb zunächst in der Niebuhrstraße wohnen.

In der Niebuhrstraße 63 war am 31. Dezember 1934 Alberts Ehefrau Valentine gestorben. Vielleicht ist Albert daraufhin in die Wohnung seiner Tochter gezogen, vielleicht aber ist auch Berta, nach Siegfrieds Ausreise zu ihm gezogen. 1939, bei der Volkszählung vom 17. Mai, in der Juden in einer getrennten Sonderkartei erfasst wurden, wurde Albert „bei Feuer“ registriert. Laut einer Nachkriegskartei habe er „beim Sohn“ gewohnt, also bei Albert Ferdinand, mit dem er weiterhin das Transportgeschäft betrieb – bis dieses 1939 aus den Adressbüchern verschwand, vielleicht eines der vielen Opfer der Pogrome vom November 1938.

Auch eine Zeitlang nach Valentines Tod scheint Albert durch seine „Mischehe“ vor einigen Verfolgungsmaßnahmen geschützt gewesen zu sein. So war er z.B. von der ab September 1941 geltenden Pflicht, einen sog. Judenstern zu tragen, befreit. Er musste aber erleben, wie im Januar 1943 seine Tochter und sein Enkel von der Gestapo abgeholt und „nach Osten“ deportiert wurden. Vermutlich kannte er das eigentliche Ziel – Auschwitz – nicht und hörte auch nichts mehr von ihnen. Ein Jahr später ereilte auch ihn ein ähnliches Schicksal: nun sollten bisher verschonte jüdische Ehegatten nicht-jüdischer Frauen ebenfalls deportiert werden. Am 10. Januar 1944 wurde Albert Meyer mit 351 weiteren Opfern nach Theresienstadt verschleppt. 213 von ihnen überlebten, Albert Meyer gehörte nicht dazu. Die Fahrt in ungeheizten Waggons – der Winter 1944/45 war besonders kalt – und Hunger, Kälte, Raumnot und gänzlich fehlende Hygiene im Ghetto überstand er nur wenige Tage. Am 24. Januar 1944 starb er, einen Tag später wurde sein Leichnam im Krematorium Theresienstadt zu Asche.
Alberts Sohn Albert Ferdinand überlebte den Krieg. Noch Anfang der 70er- Jahre wohnte er in der Niebuhrstraße 63. Er stellte einen Entschädigungsantrag und bekam einen eher bescheidenen Betrag für den „Freiheitsentzug“ seines Vaters, nicht aber für dessen Ermordung.
Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006;
Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995;
Adressbuch Breslau;
Adressbuch Leipzig;
Berliner Adressbücher;
Landesarchiv Berlin über Ancestry;
Arolsen Archives;
Entschädigungsamt Berlin;
Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/) ;
Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

  • Einträge aus dem Berliner Adressbuch, Meyers Möbeltransportgeschäft
Stolperstein für Berta Feuer

Stolperstein für Berta Feuer

HIER WOHNTE
BERTA FEUER
GEB. MEYER
JG. 1907
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Berta Feuer geb. Meyer, am 07.12.1907 in Leipzig und Peter Feuer, geboren am 11.12.1930 in Berlin, wurden am 12.1.1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Berta Meyer kam am 7. Dezember 1907 in Leipzig zur Welt. Ihr Vater Albert Meyer betrieb ein Möbeltransport-Geschäft, das weitere Filialen in Breslau, Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg hatte. Die Mutter war Valentine, geb. Kehrt, sie war nicht – jüdischen Glaubens. Berta hatte einen älteren Bruder, Albert Ferdinand. Als Berta 8 oder 9 Jahre alt war, zog die Familie nach Berlin, wo ihr Vater – nach dem Tod von Bertas Onkel Arthur Meyer – den Berliner Zweig des Unternehmens übernahm. Nach der Anzahl der Filialen und den Anzeigen im Adressbuch kann man annehmen, dass die Firma florierte und Berta in wohlhabender Umgebung aufwuchs. In Berlin wohnte die Familie nach Ende des Ersten Weltkrieges in der Thomasiusstraße 1, wenig später in Alt-Moabit 136. Berta wurde Verkäuferin.

Ende der 20er- Jahre scheint es der väterlichen Firma nicht mehr so gut zu gehen, Meyers sind ins Afrikanische Viertel umgezogen, in die Otawistraße 21. Als Berta am 11. Juli 1930 den Wiener Kaufmann Siegfried Feuer heiratet, wohnt dieser auch in der Otawistraße 21. Beide bekommen bald – am 11. Dezember 1930 – einen Sohn, den sie Peter nennen, und ziehen wenig später in die nahe Togostraße 49. 1934 sind Albert, Valentine und Bertas Bruder Albert Ferdinand in die Niebuhrstraße 63 gezogen, und betreiben von hier aus das Möbeltransportunternehmen. Noch Ende 1934 stirbt Bertas Mutter Valentine. Etwa ein Jahr später beziehen auch Siegfried und Berta eine Wohnung in dem Haus. Siegfried, der möglicherweise im Betrieb seines Schwiegervaters arbeitet, erkennt, dass die Bedingungen für Juden in Deutschland unter den Nationalsozialisten immer schwieriger werden und beschließt auszuwandern. Er geht, zunächst allein, nach Paris und hofft vermutlich, seine Familie nachholen zu können. Vielleicht plante er von Anfang an, von Frankreich aus die Emigration in die USA zu organisieren, was ihm erst 1940 gelingt. In seinem Einbürgerungsantrag erwähnt er auch Frau und Kind.

Wie Berta in Berlin inzwischen über die Runden kommt, wissen wir nicht. Vielleicht fühlte sie sich geschützt, da sie eine nicht-jüdische Mutter hatte. Aber Peter, der im April 1937 eingeschult wurde, war bereits der Besuch einer öffentlichen Schule verwehrt. Er besuchte die Joseph-Lehmann-Schule der Jüdischen Reformgemeinde in der Joachimsthaler Straße 13, ein Haus, das einst der jüdischen Loge B‘nai B‘rith gehörte und 1935 von der Jüdischen Gemeinde gekauft worden war. Wahrscheinlich weil der Vater ausgewandert ist, bekommt Peter laut Schulkarte einen Pfleger zugewiesen mit dem Kürzel „F-18-122“. Erreichbar ist Berta über die Telefonnummer des Möbeltransportgeschäfts. Ob sie auch in die Wohnung von ihrem Vater und ihrem Bruder gezogen ist oder Albert zu ihr, bleibt unklar. Laut der Volkszählung vom 17. Mai 1939, bei der Juden in einer gesonderten „Ergänzungskartei“ erfasst wurden, wohnte Albert „bei Feuer“, in einer späteren Kartei der Jüdischen Gemeinde lebte er „beim Sohn“, also bei Albert Ferdinand.

Im Mai 1939 lebte in der Niebuhrstraße 63 auch die 1897 in Wien geborene Bertha Feuer, wahrscheinlich eine Schwester Siegfried Feuers. Im Unterschied zu Berta und Peter, gelingt ihr 1941 die Auswanderung in die USA. Inwieweit sie das ihrem Bruder zu verdanken hat, ist nicht bekannt. Siegfried selbst bekam erst im Mai 1945 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Da waren seine Frau Berta und sein Sohn Peter schon über zwei Jahre tot. Am 12. Januar 1943 waren Berta und Peter Feuer von dem zur Sammelstelle umfunktionierten jüdischen Altersheim in der Großen Hamburger Straße 26 zum Güterbahnhof Moabit gebracht und von da aus nach Auschwitz deportiert worden. Von den 1196 Insassen des Zuges wurden dort lediglich 127 Männer zur Zwangsarbeit „selektiert“, alle anderen, also auch Berta Feuer und ihr 12-jähriger Sohn Peter, in den Gaskammern von Birkenau ermordet.

Fast auf den Tag genau ein Jahr später, am 10. Januar 1944, wurde Bertas Vater Albert Meyer nach Theresienstadt verschleppt, wo er nach nur zwei Wochen den Strapazen der winterlichen Reise und den desaströsen Lebensbedingungen im Ghetto am 24. Januar 1944 erlag. Bertas Bruder Albert Ferdinand überlebte den Krieg in Berlin. Ihr Mann Siegfried Feuer konnte am 12. Februar 1940 von Le Havre aus mit der „SS De Grasse“ nach New York gelangen. Im Juni des gleichen Jahres stellte er einen Einbürgerungsantrag, dem erst nach Kriegsende, im Mai 1945 stattgegeben wurde. Inwieweit er versuchte, Berta und Peter nachzuholen, bleibt unbekannt. Seine Schwester – Bertas Schwägerin – Bertha Feuer konnte jedoch im Oktober 1941 in die USA auswandern. 1949 heiratete sie dort Chaim Zylberberg. In Berlin hatte sie zuletzt in einer Pension im Grunewald, Gneiststraße 8 gewohnt.

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006;
Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995;
Adressbuch Leipzig;
Berliner Adressbücher;
Landesarchiv Berlin über Ancestry; Arolsen Archives;
Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/);
Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Stolperstein für Peter Feuer

Stolperstein für Peter Feuer

HIER WOHNTE
PETER FEUER
JG. 1930
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein für Milly Jacoby

Stolperstein für Milly Jakoby

HIER WOHNTE
MILLY JACOBY
JG. 1884
DEPORTIERT 15.8.1924
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Spätestens ab 1936 wohnten die Schwestern Milly und Recha Jacoby in der Niebuhrstraße 63. Milly (auch Milli) kam am16. Oktober 1884 zur Welt, Recha am 6. Dezember 1886, beide in Belgard in Pommern (heute Białogard). Die Stadt liegt an der Einmündung der Leitnitz in die Persante, in der Nähe von Kolberg und Köslin. Seit dem 18. Jahrhundert lebten hier Juden, 1889 waren es 216 von etwas über 7.000 Einwohnern.

Stolperstein für Recha Jakoby

Stolperstein für Recha Jacoby

HIER WOHNTE
RECHA JACOBY
JG. 1886
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Leider war nicht herauszufinden, wer Millys und Rechas Eltern waren und ob sie weitere Geschwister hatten. Wir wissen auch nichts über ihre Kindheit und Jugend, nicht, wann sie nach Berlin kamen, nicht wovon sie ihren Lebensunterhalt bestritten und wo sie vor 1936 wohnten. In den Berliner Adressbüchern sind sie nicht namentlich eingetragen, sondern als „Geschwister Jacoby“. Diese Bezeichnung gibt es jedoch häufiger. Ihre Vornamen kennen wir durch die Volkszählung vom 17. Mai 1939, in der Jüdinnen und Juden gesondert erfasst wurden sowie von der Deportationsliste. Die Bezeichnung „Geschw.“ im Adressbuch ist für uns ein Beweis dafür, dass Milly und Recha Schwestern waren.

Aus den beiden genannten Dokumenten geht hervor, dass Milly und Recha (von mindestens 1936 an) bis zuletzt in der Niebuhrstraße 63 gewohnt haben. Es ist anzunehmen, dass sie vor 1936 eine andere, vielleicht größere Wohnung in Berlin hatten, jedoch lassen sich entsprechende Eintragungen in den Adressbüchern nicht eindeutig Milly und Recha zuweisen.

Die Volkszählung fand wenige Monate nach den Pogromen vom 9./10. November 1938 statt, nach denen die Ausgrenzungs- und Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden – die bereits 1933 begonnen hatten – sprunghaft zunahmen. Milly und Recha durften nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen, nicht in Theater, Konzerte, Kinos usw. gehen. Zu bestimmten Zeiten durften sie gar nicht mehr auf die Straße, durften nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags einkaufen. Alle Wertgegenstände mussten sie abliefern, Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt, ihre Konten wurde zu „Sicherheitskonten“ erklärt, von denen sie nur durch „Sicherungsanordnung“ festgelegte Beträge für ein Existenzminimum abheben durften. Ab September 1941 hatten sie in der Öffentlichkeit „gut sichtbar“ einen Judenstern zu tragen.

Im August 1942 wurden die Schwestern in eine sogenannte Sammelstelle gebracht, sehr wahrscheinlich die auf Geheiß der Gestapo umfunktionierte Synagoge in der Levtzowstraße 7 – 8. Von dort mussten sie am 18. August 1942 zum Güterbahnhof Moabit, um mit über hundert weiteren Menschen „nach Osten“ deportiert zu werden. Ziel der Fahrt war angeblich das Ghetto in Riga, dorthin gelangte jedoch nur das Gepäck der Deportierten. Es war garnicht mehr vorgesehen, die Menschen – wie bei den Deportationen Anfang des Jahres – in das Ghetto zu bringen. Sämtliche Insassen des Zuges, bis auf eine Frau, die Krankenschwester war, wurden kurz nach der Ankunft am 18. August am Bahnhof Riga-Skirotava in den umliegenden Wäldern von Rumbula und Bikernieki ermordet. Der 18. August 1942 wurde auch der Todestag von Milly und Recha Jacoby.

Das Gedenkbuch des Bundesarchivs listet mehrere in Belgard geborene Opfer mit dem Namen Jacoby auf. Inwieweit sie mit Milly und Recha verwandt sind, konnte nicht festgestellt werden.

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006;
Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995;
Berliner Adressbücher;
www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html;
Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Stolperstein für Walter Ruttin

Stolperstein für Walter Ruttin

HIER WOHNTE
WALTER RUTTIN
JG. 1897
DEPORTIERT 1.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 29.5.1943

Walter Ruttin wurde am 15. Juli1897 in Bielitz-Biala (Bielsko-Biala), damals in Schlesien, geboren. Im Jüdischen Adressbuch von 1931 Walter Ruttin stand mit der Anschrift Krumme Straße 62. Er hatte eine 1934 gegründete Tabakwarengroßhandlung, die 1939 liquidiert wurde, um die Ecke in der Sesenheimer Straße 7, dann in der Schillerstraße 34. Er war am 17.5.1939 (Volkszählung) in der Wilmersdorfer Straße 60/61 als Untermieter bei Serafine Gärtner gemeldet. Später wohnte er in der 200 Meter entfernten Niebuhrstraße 63, wo auch Lotte Ruttin wohnte, die allerdings im Adressbuch nicht eingetragen war. Dass beide am selben Tag deportiert wurden, lässt darauf schließen, dass sie zusammen gewohnt haben. Da im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam nur eine Karteikarte, aber keine Akten vorhanden sind, ist Näheres nicht mehr herauszufinden.

Auch ob Walter Ruttin der Vater oder der Ehemann von Lotte Ruttin war, ist nicht sicher. Die 22 Jahre Altersunterschied deuten darauf hin, dass sie die Tochter war. Im Berliner Adressbuch 1939 war eine Gertrud Ruttin mit einer Zigarrenhandlung in der Nürnberger Straße 77 verzeichnet – möglicherweise war sie seine Frau. Sie ist in den Deportationslisten allerdings nicht zu finden. Eine weitere Zigarrenhandlung führte Ernst Ruttin in der Kamminer Straße 31 – er könnte Walter Ruttins Bruder gewesen sein. Zur Familie gehörte wahrscheinlich auch Josef Ruttin, geboren am 14. Juli 1860 in Bielitz-Biala, von Dresden nach Theresienstadt deportiert und dort am 4. September 1942 umgebracht, und der Mediziner Erich Ruttin, 1880 ebenfalls in Bielitz-Biala geboren und 1940 in Wien gestorben.

Walter Ruttins zeitweilige Vermieterin Serafine Gärtner, die am 30. Mai 1904 in Czernowitz geboren wurde, ist am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert worden.

Adressbucheintrag von 1931

Adressbucheintrag von 1931

Auch ob Walter Ruttin der Vater oder der Ehemann von Lotte Ruttin war, ist nicht sicher. Die 22 Jahre Altersunterschied deuten darauf hin, dass sie die Tochter war. Im Berliner Adressbuch 1939 war eine Gertrud Ruttin mit einer Zigarrenhandlung in der Nürnberger Straße 77 verzeichnet – möglicherweise war sie seine Frau. Sie ist in den Deportationslisten allerdings nicht zu finden. Eine weitere Zigarrenhandlung führte Ernst Ruttin in der Kamminer Straße 31 – er könnte Walter Ruttins Bruder gewesen sein. Zur Familie gehörte wahrscheinlich auch Josef Ruttin, geboren am 14. Juli 1860 in Bielitz-Biala, von Dresden nach Theresienstadt deportiert und dort am 4. September 1942 umgebracht, und der Mediziner Erich Ruttin, 1880 ebenfalls in Bielitz-Biala geboren und 1940 in Wien gestorben.

Walter Ruttins zeitweilige Vermieterin Serafine Gärtner, die am 30. Mai 1904 in Czernowitz geboren wurde, ist am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert worden.

Stolperstein für Lotte Ruttin

Stolperstein für Lotte Ruttin

HIER WOHNTE
LOTTE RUTTIN
GEB. LEVY
JG. 1919
DEPORTIERT 1.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Lotte Ruttin geb. Levy wurde am 19. Dezember 1919 in Driesen in Brandenburg geboren. In der CentralVereins-Zeitung (CVZ), Blätter für Deutschtum und Judentum, am 9.6.1938 war Lotte Ruttin als Gesangsschülerin bei einem Konzert des Jüdischen Kulturbundes erwähnt.

CentralVereins-Zeitung (CVZ), Blätter für Deutschtum und Judentum, am 9.6.1938

CentralVereins-Zeitung (CVZ), Blätter für Deutschtum und Judentum, am 9.6.1938

Walter und Lotte Ruttin haben zum Zeitpunkt ihrer Deportation wohl gemeinsam in der Niebuhrstraße 63 gelebt. Sie sind am 1. März 1943 beide vom Bahnhof Grunewald nach Auschwitz deportiert worden. Walter Ruttins Todestag war der 29. Mai 1943. Das Datum, wann Lotte Ruttin ermordet wurde, ist unbekannt.

Recherchen: Judith Kessler

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