HIER WOHNTE
PERA SANDBERGER
JG. 1885
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942
Pera Sandberger wurde am 19. November 1885 in Czempin im Kreis Kosten (Czempiń, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Abraham, genannt Adolf, Sandberger (*25. April 1853) und dessen Ehefrau Mathilde geborene Hammel (*29. November 1852), war sie das vierte von insgesamt sechs Kindern. Ihre älteste Schwester Valeska, genannt Wally (*4. September 1878), war sieben Jahre, Jenny (*17. Dezember 1879) sechs Jahre und Recha (*2. Mai 1881) vier Jahre älter als sie. Ihre jüngere Schwester Natalie (*2. August 1889) kam vier Jahre nach ihr auch noch in Czempin zur Welt, während ihr kleiner Bruder Siegfried (1891-1981) schon in Berlin geboren wurde, wohin die Familie 1890 umgezogen war. Pera war damals fünf Jahre alt.
Als sie Ostern 1892 eingeschult wurde, wohnte die Familie in der Goltzstraße 33 in Schöneberg. Ihr Vater besaß damals einen Papiergroßhandel und eine Tütenfabrik in der Markgrafenstraße 89 in Berlin-Kreuzberg.
Peras älteste Schwester Wally heiratete am 28. Dezember 1903 den Buchbindermeister Adolf Hammel (*2. August 1877). Am 19. Januar 1905 wurden sie Eltern einer kleinen Tochter, die sie Margot nannten. Die Familie Sandberger wohnte zu der Zeit in der Neuenburgerstraße 30 in Berlin-Kreuzberg.
Ihre Schwester Jenny, die Lageristin von Beruf war, verlobte sich im März 1910 und heiratete am 7. Dezember 1910 den aus Ungarn stammenden, fünf Jahre jüngeren Kaufmann Julius Goldberger (*3. August 1884). Sie wurden am 10. Februar 1912 Eltern einer Tochter, die sie Alice nannten.
Am 30. November 1911 heiratete ihre Schwester Recha den aus Hamburg stammenden Kaufmann Albert Rosenbaum (*8. November 1881). Recha war Prokuristin von Beruf. Zu der Zeit wohnte die Familie Sandberger in der Neuenburgerstraße 8 in Berlin-Kreuzberg.
Ihre jüngere Schwester Natalie heiratete am 8. Mai 1913 den aus Bromberg (Bydgoszcz, Polen) stammenden Kaufmann Siegfried Lichtenstaedt.
1914 begann der Erste Weltkrieg, in dem Peras Schwager, der Gefreite Adolf Hammel, Ehemann ihrer ältesten Schwester Wally, mit 38 Jahren am 17. September 1915 starb. Wally wurde mit 36 Jahre Witwe und ihre Tochter Margot mit 10 Jahren Halbwaise.
Pera blieb ledig und arbeitete vermutlich als Lageristin im Betrieb ihres Vaters. Ihr Bruder Siegfried wurde wie sein Vater Kaufmann von Beruf. Am 21. Juli 1926 starb die Mutter Mathilde mit 73 Jahren. Ihr Vater wurde mit 73 Jahren Witwer. Siegfried heiratete 1928 die evangelische Buchhalterin Herta Hilda Walter (*19. November 1903). Sie zogen in die Alarichstraße 7 in Berlin-Tempelhof. Im Jüdischen Adressbuch 1931/32 gab es einen Eintrag für Pera am Kaiserkorso 151 und einen für ihren Vater Adolf am gleichen Ort.
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Pera 47 Jahre alt. Sie lebte damals mit ihrem inzwischen 79 Jahre alten Vater am Kaiserkorso 151. Vermutlich 1934 zog Pera zusammen mit ihrem Vater zu der jüngsten Schwester Natalie und ihrem Mann Siegfried Lichtenstaedt in die Mainzer Straße 16a in Wilmersdorf. Hier starb der Vater am 19. Januar 1936 mit 82 Jahren.
Am 9. Februar 1936 starb auch ihr Schwager Julius Goldberger, der Ehemann ihrer älteren Schwester Jenny, im Jüdischen Krankenhaus mit 51 Jahren. Jenny war noch 1937 in der Michaelkirchstraße 19 gemeldet, danach verlieren sich ihre Spuren und die ihrer Tochter Alice.
Die 31-jährige Agentin Margot Hammel, Peras älteste Nichte, die Tochter ihrer ältesten Schwester Wally, heiratete am 14. März 1936 den 35-jährigen Kaufmann und Pianofabrikbesitzer Max Stein (*5. November 1900). Schon vier Monate später wurde ihr Sohn Rolf (*6. Juli 1936) geboren. Sie wohnten in der Jablonskistraße 31 in Berlin-Prenzlauer Berg.
Am 13. September 1937 starb auch Peras Schwager Albert Rosenbaum, der Ehemann ihrer älteren Schwester Recha. Albert wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Pera zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Natalie und deren Ehemann Siegfried Lichtenstaedt in der Mainzer Straße 16a gemeldet.
Ihre Schwester Recha Rosenbaum geborene Sandberger starb am 22. Januar 1941 mit 60 Jahren eines natürlichen Todes in ihrer Wohnung in der Manfred-von-Richthofen Straße 11 in Berlin-Tempelhof. Anfang November bekamen ihre jüngere Schwester Natalie und deren Ehemann Siegfried Lichtenstaedt als erste aus der Familie Sandberger den Deportationsbefehl. Am 14. November 1941 wurden sie in das Ghetto von Minsk deportiert und ermordet.
Pera Sandberger musste die Mainzer Straße 16a verlassen und wohnte zuletzt zur Untermiete bei der Familie von Gustav Mayer in der Motzstraße 94 in Berlin-Wilmersdorf. Hier erhielt sie Mitte Juni 1942 den Deportationsbefehl in den Osten. Ihre Vermögenserklärung unterschrieb sie am 19. Juni 1942. Erst Anfang August 1942 hatte sie sich in der zum Sammellager umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße einzufinden. Ein von der Gestapo organisierter Sonderzug mit der Transportnummer „Da 401“ der Deutschen Reichsbahn fuhr am 15. August 1942 vom Bahnhof Grunewald mit über 1.000 gelisteten Personen, darunter auch Pera Sandberger, ab. Die Fahrt dauerte drei Tage. Der 18. Osttransport aus Berlin traf am 18. August 1942 im besetzten Riga ein. Die überwiegende Mehrheit der Deportierten wurde unmittelbar nach Ankunft des Zuges von deutschen und lettischen SS-Einheiten ermordet. Pera Sandberger starb mit 56 Jahren.
Ihre älteste Schwester Wally setzte ihrem Leben am 16. September 1942 in der Wohnung ihrer Tochter Margot Stein geborener Hammel in der Jablonskistraße 31 selbst ein Ende. Vermutlich wollte sie so der Deportation mit dem 20. Osttransport am 26. September 1942 nach Raasiku entkommen. Wallys Tochter Margot, deren Ehemann Max Stein und der 6-jährige Sohn Rolf deportierte die Gestapo am 26. Februar 1943 nach Auschwitz, wo sie sie im Oktober 1943 ermordeten.
Peras jüngster Bruder Siegfried Sandberger wohnte bei der „Minderheiten-Volkszählung“ 1939 zusammen mit seiner nicht-jüdischen Ehefrau in der Geisenheimerstraße 6 in Berlin-Wilmersdorf. Durch die sogenannte „Mischehe“ einer „arischen Ehefrau“ und einem „jüdischen Ehemann“ war er vor der Deportation geschützt. Er überlebte den Holocaust.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Juni 2026
Quellen:
• Bundesarchiv – Gedenkbuch
• Mapping the Lives
• Berliner Adressbücher
• Arolsen Archives – Deportationslisten
• Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
• My Heritage
• Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 33249, Pera Sandberger