HIER WOHNTE
THEKLA COHN
GEB. OPPENHEIM
DEPORTIERT 1.11.1941
LODZ
ERMORDET 8.5.1942
KULMHOF
Thekla Cohn wurde als Thekla Oppenheim am 12. August 1873 in Posen (Poznań, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den aus Wollstein (Wolsutyn, Polen) stammenden Kaufmann Moritz Oppenheim (*ca. 1839) und dessen Ehefrau Bertha Oppenheim geborene Asch (*ca. 1843), war sie das vierte von insgesamt fünf Kindern. Ihr Bruder Max (*19. Februar 1868) war fünf Jahre, ihre Schwester Gertrud (*15. Februar 1870) drei Jahre und Balbina Bianka (*13. November 1871) zwei Jahre älter als sie. Ihr Bruder Alfried (*21. April 1875) war zwei Jahre jünger als sie.
Als ihre Mutter am 16. Oktober 1899 mit 56 Jahren starb, wohnte die Familie schon in Berlin. Sechs Jahre später starb auch ihr Vater mit 66 Jahren am 23. Januar 1905. Die Familie wohnte damals in der Blankenfelder Straße 16 in Berlin-Pankow.
Wann und wo Thekla ihren späteren Ehemann, den Kaufmann Louis Cohn (*8. Oktober 1867) kennenlernte, ist nicht bekannt. Der 40-jährige Louis und die 34-jährige Thekla heirateten am 26. März 1908 in Berlin. Theklas Onkel Isidor Oppenheim und ihr Bruder Max waren als Trauzeugen anwesend. Am 13. August 1909 wurden Louis und Thekla Eltern ihrer Tochter Ruth, die noch am Tag ihrer Geburt starb, was für die Eltern ein großer Schicksalsschlag gewesen sein muss. Sie wohnten damals in der Suarezstraße 24/25 in Charlottenburg, wo ihr Bruder Alfried schon zum Zeitpunkt ihrer Heirat wohnte.
Ihre älteste Schwester, die 42-jährige Gertrud, heiratete am 12. März 1912 den 37-jährigen Hermann Sgaller (*19. August 1865). Ihr jüngster Bruder, der Kaufmann Alfried, heiratete am 8. Oktober 1912 die Buchhalterin Emma Soldin (*4. Juni 1869) und ihr ältester Bruder, der 45-jährige Kaufmann Max Oppenheim, heiratete am 30. September 1913 die 30-jährige Kassiererin Marie Luise Hänel (*6. Februar 1883). Ihre Schwester Balbina Bianka blieb ledig.
Im März 1913 zogen Thekla und Louis, sowie ihr ältester Bruder Max, in eine große 5-Zimmer-Wohnung in der Hektorstraße 9/10 in Wilmersdorf. 1914 begann der Erste Weltkrieg, in dem Theklas jüngster Bruder Alfried am 29. Juli 1917 an der Front fiel.
Nach 21 Jahren Ehe starb Louis mit 61 Jahren am 13. Juni 1929. Thekla wurde mit 55 Jahren Witwe. Vermutlich zog ihre ältere ledige 57-jährige Schwester Balbina in dieser Zeit zu ihr. Ihre Schwester Gertrud starb nur zwei Monate nach ihrem Ehemann am 30. August 1934. Ein halbes Jahr später starb am 2. April 1935 auch ihr ältester Bruder Max. Nun waren die beiden Schwestern in schwierigen Zeiten allein. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren Thekla und Balbina in der Wohnung gemeldet. Ob damals schon Untermieter bei ihr wohnten, konnte nicht recherchiert werden.
Ab 1940 wurde die gesamte deutsche Industrie auf Kriegswirtschaft umgestellt. Bei der Zeiss Ikon AG Goerswerk in Berlin-Zehlendorf gab es eine 400 Zwangsarbeiter starke jüdische Abteilung, zu der auch Thekla Cohn gehörte.
Die „Halbjüdin“ Margarete Weinlaub (*27. Januar 1869), die bei der „Minderheiten-Volkszählung“ noch in der Paulsborner Straße 93 gemeldet war, zog am 1. April 1940 zur Untermiete bei Thekla Cohn ein. Auch die „Halbjüdin“ Gertrud Hirschberg (*28. September 1893) war bei der „Minderheiten-Volkszählung“ nicht in der Hektorstraße 9/10, sondern noch in der Dahlmannstraße 16 in Berlin-Charlottenburg gemeldet. Wann sie einzog, ist nicht bekannt.
Aus dem Haus Hektorstraße 9/10 erhielten im Oktober 1941 nicht nur Thekla Cohn und ihre Schwester Balbina Oppenheim Deportationsbefehle, sondern auch ihre drei Untermieterinnen, wovon nur Margarete Weinlaub und Gertrud Hirschberg recherchiert werden konnten, sowie die Hauptmieterin einer anderen Zwangswohnung, die Witwe Elisabeth Bonnem und ihr 17-jähriger Sohn Heinz Bonnem, sowie deren Untermieterin Fanny Bachenheimer. Nachdem sie ihre Vermögenserklärungen ausgefüllt hatten, mussten sie sich in der Sammelstelle in der umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße einfinden. Am 1. November 1941 deportierte die Gestapo sie vom Güterbahnhof Moabit an der Putlitzstraße. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten
sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurden Thekla Cohn und ihre Schwester Balbina Oppenheim in die Wohnung 37 im Alexanderhof 39 einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten sie hier den Winter. Theklas ältere Schwester Balbina starb im Ghettokrankenhaus am 24. Februar 1942 mit 71 Jahren an Altersschwäche.
Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chełmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielt auch Thekla einen „Ausreisebefehl“ für den 6. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurde sie am 8. Mai 1942 in einem Gaswagen ermordet. Thekla Cohn geborene Oppenheim musste aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien mit 70 Jahren sterben.
Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 6606, Thekla Cohn