Stolpersteine Rudolstädter Straße 120

Hausansicht Rudolstädter Str. 120

Hausansicht Rudolstädter Str. 120

Die Stolpersteine für Erich, Mathilde und Herbert Cohn sind am 12.06.2009 verlegt worden.

Die Stolpersteine für Ilse Rath und Franziska Hinrichs sind von Carola-Angelika Wille aus dem Nachbarhaus gespendet und am 18.10.2014 verlegt worden.

Der Stolperstein für Anneliese Hirsch wurde am 6.10.2016 verlegt und von Carola-Angelika Wille gespendet.

Stolperstein Erich Cohn

HIER WOHNTE
ERICH COHN
JG. 1891
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 17.11.1943

Erich Cohn wurde am 29. August 1891 in Chodziez (heute Chodzież, Polen), zwischen 1878 und 1920 Kolmar genannt, im Regierungsbezirk Bromberg, Provinz Posen im Deutschen Reich geboren. Für seine Eltern, den Rechtsanwalt und Notar Moritz Cohn (*15. Juli 1855) und seine aus Preußisch Stargard, Westpreußen stammende Ehefrau Fanny Cohn geborene Brann (*4. Januar 1864), war er der einzige Sohn.

Während der Jahre 1913/14 und 1916/17 studierte Erich Cohn Architektur an der Technischen Hochschule in Berlin und wurde Architekt und Diplomingenieur von Beruf. Er nahm am Ersten Weltkrieg teil, wo er als Offizier mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse (E K II) ausgezeichnet wurde.

Wann und wo er seine spätere Ehefrau Mathilde Baehr (*19. Mai 1892) aus Köln kennenlernte, ist nicht bekannt. Als sie 1923 heirateten, war Erich 32 und Mathilde 31 Jahre alt. Ihr erster Sohn Hans wurde am 23. Juni 1925 geboren. Drei Jahre nach ihm kam ihr zweiter Sohn Werner am 17. März 1928 zur Welt. Hans wurde nur vier Jahre alt und starb am 2. Dezember 1929. Zwei Tage später, am 4. Dezember 1929, starb mit 74 Jahren auch Erichs Vater Moritz Cohn. Seine Mutter wurde mit 65 Jahren Witwe. Damals wohnte Erichs Familie schon in der Rudolstädter Straße 120. Als Werner 1934 sechs Jahre alt war, bekam er einen kleinen Bruder, Herbert (*11. August 1934).

Vermutlich konnte Erich noch bis 1936 seinen Beruf als Architekt ausüben. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde er im amtlichen Fernsprechbuch unter der Bezeichnung Architekt geführt. In der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 wurde er von der Gestapo festgesetzt und bis zum 14. Dezember 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war die 4-köpfige Familie weiterhin in der Rudolstädter Straße 120 gemeldet. Einen Monat später schickten sie ihren 11-jährigen Sohn Werner mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit. Sie sollten einander nie wieder sehen. Der 4-jährige Herbert blieb bei den Eltern.

Ab 1940 wurde Erich für 45 RM wöchentlich zur Zwangsarbeit in der Berliner Färberei und Druckerei R. Wolff KG in der Köpenicker Str. 18-20 in Berlin-Kreuzberg verpflichtet.
Die Wohnung in der Rudolstädter Straße 120 wurde ihnen gekündigt. Da seine Mutter Fanny am 17. März 1940 mit 76 Jahren starb, zogen sie in deren Wohnung in der Nauheimer Straße 27. Ihre bzw. die Wohnungseinrichtung und Hausrat der Mutter packten sie in 9 Kisten und lagerten diese in den Verschlag einer Speditionsfirma ein.

Am Samstag, den 27. Februar 1943 verließ Erich seine Wohnung, um wie gewohnt zur Arbeit zu gehen, ohne zu wissen, dass er niemals wieder zurückkehren würde. Bei der Arbeit setzte ihn die Gestapo, wie viele anderen Juden und Jüdinnen, im Rahmen der sogenannten „Fabrikaktion“ fest und brachte ihn höchstwahrscheinlich in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte.

Seine Ehefrau Mathilde, die auch bei der Arbeit festgesetzt wurde, musste noch am gleichen Tag die 16-seitige Vermögenserklärung ausfüllen, um danach ihren 9-jährigen Sohn Herbert in das Sammellager zu holen. Er unterschrieb seine Vermögenserklärung am 28. Februar 1943. Die drei Cohns waren für den 33. Osttransport nach Auschwitz am 3. März 1943 vorgesehen, aber im letzten Augenblick noch von der Liste gestrichen worden.

Bei der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 war beschlossen worden, dass neben alten Juden auch kriegsversehrte Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen in das Ghetto nach Theresienstadt deportiert werden sollten. Diesen Juden wurden Heimeinkaufsverträge angeboten, in denen ihnen angemessene Unterbringung, Verpflegung und ärztliche Versorgung zugesichert wurden. Durch diese falsche Zusage gelangte die NSDAP auf vorgeblich legalem Weg in den Besitz des Vermögens der Deportierten.

Erich Cohn stand als ehemaligem Frontkämpfer mit Auszeichnung ein Heimplatz im Ghetto Theresienstadt zu. Am 8. März 1943 unterschrieben Erich und Mathilde gegen Zahlung von 6.480 RM einen solchen Heimeinkaufsvertrag. Ihr gesamtes Vermögen und Erlöse aus Versicherungen gingen damit an das Deutsche Reich über. Mit dem 4. großen Alterstransport wurden Erich, Mathilde und Herbert zusammen mit 1.200 Leidensgenossen am 17. März 1943 nach Theresienstadt deportiert. Auf der Deportationsliste war hinter ihren Namen “Offizier E K II, Ehemann Offizier und Vater Offizier” vermerkt. Am 24. März, als die Familie schon längst im Ghetto war, wurde der Vertrag von dem Vorsitzenden der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Moritz Israel Henschel, und Dr. Israel Braun unterzeichnet. Erich Cohn überlebte das Ghetto aufgrund der unmenschlichen Bedingungen nur ein halbes Jahr. Er starb am 14. November 1943 mit 52 Jahren.

Aus Angst vor Aufständen im Ghetto begann die Gestapo am 28. September 1944 mit der Deportation von rund 18.500 Juden aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz. Auf einem der letzten Transporte am 9. Oktober 1944 befanden sich auch Mathilde Cohn und ihr Sohn Herbert. Kurz nach der Ankunft in dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurden sie in den Gaskammern ermordet. Mathilde Cohn geborene Baehr starb mit 52 Jahren. Ihr Sohn Herbert wurde nur 10 Jahre alt.

Text und Recherche: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationsliste, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage; Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 6042 Erich Cohn u.a.

Stolperstein Mathilde Cohn

HIER WOHNTE
MATHILDE COHN
GEB. BAEHR
JG. 1892
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHIWTZ
ERMORDET 12.10.1944

Mathilde Cohn wurde als Mathilde Baehr am 19. Mai 1892 in Köln geboren. Für ihre Eltern Carl Baehr (*1854) und Sibylla Baehr geborene Kahn (*1862) war sie das einzige Kind.
Wann und wo sie ihren späteren Ehemann Erich Cohn (*29. August 1891) aus Kolmar in Oberschlesien kennenlernte, ist nicht bekannt. Als sie 1923 heirateten, war Mathilde 31 und Erich 32 Jahre alt. Ihr erster Sohn Hans wurde am 23. Juni 1925 geboren. Drei Jahre nach ihm kam ihr zweiter Sohn Werner am 17. März 1928 zur Welt. Hans wurde nur vier Jahre alt und starb am 2. Dezember 1929. Damals wohnte die Familie schon in der Rudolstädter Straße 120. Als Werner 1934 sechs Jahre alt war, bekam er seinen kleinen Bruder Harry Herbert (*11. August 1934). Im gleichen Jahr starben Mathildes Eltern.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war die 4-köpfige Familie weiterhin in der Rudolstädter Straße 120 gemeldet. Einen Monat später schickten sie ihren 11-jährigen Sohn Werner mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit. Sie sollten einander nie wieder sehen. Der 4-jährige Herbert blieb bei den Eltern.

Ab 1941 wurde Mathilde für 20 RM wöchentlich zur Zwangsarbeit in der Berliner Kartonagenfabrik Walter Keil in der Köpenicker Str. 39 in Berlin-Mitte verpflichtet.
Die Wohnung in der Rudolstädter Straße 120 wurde ihnen gekündigt. Am 17. März 1940 starb mit 76 Jahren ihre Schwiegermutter Fanny Cohn, woraufhin sie in deren Wohnung in der Nauheimer Straße 27 zogen. Ihre eigene bzw. die Wohnungseinrichtung und den Hausrat ihrer Schwiegermutter packten sie in 9 Kisten und lagerten diese in den Verschlag einer Speditionsfirma ein. Als Herbert am 1. April 1940 in eine private jüdische Schule eingeschult wurde, wohnten sie schon in der Nauheimer Straße 27.

Im Rahmen der sogenannten „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 wurde Mathilde Cohn an ihrem Arbeitsplatz von der Gestapo festgesetzt und in ein Sammellager gebracht. Dort musste sie noch am gleichen Tag die 16-seitige Vermögenserklärung ausfüllen. Vermutlich holte sie danach ihren 9-jährigen Sohn Herbert in das Sammellager. Er unterschrieb seine Vermögenserklärung am 28. Februar 1943. Die drei Cohns waren für den 33. Osttransport nach Auschwitz am 3. März 1943 vorgesehen, aber im letzten Augenblick noch von der Liste gestrichen worden.

Stolperstein Herbert Cohn

HIER WOHNTE
HERBERT COHN
JG. 1934
DEPORTIERT 17.03.1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET 12.10.1944

Ihrem Ehemann Erich Cohn stand als ehemaligem Frontkämpfer mit Auszeichnung ein Heimplatz im Ghetto Theresienstadt zu. Am 8. März 1943 unterschrieben Erich und Mathilde gegen Zahlung von 6.480 RM einen solchen Heimeinkaufsvertrag. Ihr gesamtes Vermögen und Erlöse aus Versicherungen gingen damit an das Deutsche Reich über. Mit dem 4. großen Alterstransport wurden Erich, Mathilde und Herbert zusammen mit 1.200 Leidensgenossen am 17. März 1943 nach Theresienstadt deportiert. Auf der Deportationsliste war hinter ihren Namen “Offizier E K II, Ehemann Offizier und Vater Offizier” vermerkt. Am 24. März, als die Familie schon längst im Ghetto war, wurde der Vertrag von dem Vorsitzenden der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland Moritz Israel Henschel und Dr. Israel Braun unterzeichnet. Aufgrund der unmenschlichen Bedingungen im Ghetto mussten Mathilde und Herbert nach einem halben Jahr mit ansehen, wie Mathildes Ehemann und Herberts Vater, Erich, am 14. November 1943 mit 52 Jahren starb.

Aus Angst vor Aufständen im Ghetto begann die Gestapo am 28. September 1944 mit der Deportation von rund 18.500 Juden aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz. In einem der letzten Transporte am 9. Oktober 1944 befanden sich auch Mathilde Cohn und ihr Sohn Herbert. Kurz nach der Ankunft in dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurden sie in den Gaskammern ermordet. Mathilde Cohn geborene Baehr starb mit 52 Jahren. Ihr Sohn Herbert wurde nur 10 Jahre alt.

Text und Recherche: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationsliste, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage; Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 6042 Erich Cohn u.a.

Stolperstein Ilse Rath

HIER WOHNTE
ILSE RATH
JG. 1912
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 18.1.1944
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET 6.7.1944

Ilse Rath wurde am 24. März 1912 in Iserlohn als einziges Kind von Julius Rath, geboren am 25. März 1879 in Geldern, und Erna Rath, geborene Schönenberg, geboren am 28. Juni 1886 in Herford, geboren. Die Familie lebte zu dieser Zeit in der Wermingser Straße 7 in Iserlohn.
Am 08.04.1926 zogen sie in die Wermingser Straße 1 um, wo Ilse Raths Vater ein Geschäft für Herren-, Knaben- und Arbeiter- Bekleidung unterhielt.

Ilse Rath hatte den Beruf der Putzmacherin erlernt. Vielleicht war sie deshalb als 20jährige Frau vom 14.3. bis 14.12.1933 in die Stadt der Mode nach Paris gegangen. Nach ihrer Zeit in Paris ist sie wieder zu ihren Eltern nach Iserlohn zurückgekehrt.

Nachdem Hitler in Deutschland die Macht übernommen harte, begann der Strom der Einwanderer nach Holland zu fließen. Holland wurde als ein Asylland angesehen, weil die Niederlande zu den wenigen europäischen Ländern gehörten, die ohne besondere Erlaubnis den Fremden gestatteten, Arbeit anzunehmen.

Möglicherweise ist auch Ilse Rath aus diesem Grund am 29.5.1934 erstmals nach Utrecht in Holland ausgewandert. Jedoch schon nach 10 Monaten zog es sie wieder zurück zu den Eltern nach Iserlohn. Nach gut eineinhalb Jahren ist Ilse Rath dann am 10.10.1936 nach Berlin in die Kleiststraße 11/12 gezogen. Von Berlin-Schöneberg zog sie nach Berlin-Wilmersdorf in die Rudolstädter Straße 120, wo sie bis 11./12.6.1939 lebte. Nach den Meldedaten der Stadt Iserlohn kehrte Ilse Rath noch einmal für ein paar Wochen zu ihren Eltern nach Iserlohn in die Wermingser Straße 1 zurück, um dann am 24.7.1939 endgültig nach Holland auszuwandern. Ob sie ihre Eltern noch vor ihrer Auswanderung nach Holland ein letztes Mal gesehen hat, ist jedoch ungewiss, da sie bereits ab 11.6.1939 beim Einwohnermeldeamt in Amsterdam eingetragen war.

In Amsterdam wohnte Ilse Rath eine Zeit lang in der Tintorettostraat 4 I und zuletzt an der Nieuwe Amstellaan 32.

In der Nacht vom 9. zum 10. Mai 1940 fielen die Deutschen in Holland ein. Den Spitzen der einmarschierenden Truppen folgten die Geheime Staatspolizei sowie die Beamten der Zollfahndungsstelle und des Devisenschutzkommandos.

Die deutsche Besatzungsmacht errichtete in Amsterdam zwischen Februar 1941 und September 1943 den „Judenrat Amsterdam” (niederländisch Joodsche Raad voor Amsterdam) . Die Mitglieder des Judenrates wurden zur Beteiligung an der Verfolgung und Unterdrückung jüdischer Mitbürger und sich in den Niederlanden aufhaltenden ausländischen (überwiegend deutschen) Juden gezwungen. Jede Zuwiderhandlung gegen die Befehle der deutschen Besatzungsmacht und Unterlassung des Judenrates oder seiner Angestellten wurde als Sabotage angesehen, jede Vorbereitungshandlung und jeder Versuch mit dem Tode bestraft. Die Angestellten des Judenrates befanden sich im Arbeitseinsatz, jedes Verlassen des Arbeitsplatzes war gleichfalls Sabotage und wurde mit dem Tode bestraft. Der Judenrat war auch gezwungenermaßen Kooperationspartner und zentraler Ansprechpartner der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam. Begriffe wie Aus- oder Umsiedlung dienten als Tarnbegriffe für den Massenmord.

Zur Betreuung der von den Deportationen Betroffenen war vom Judenrat eine besondere Organisation, die „Hilfe für Abreisende” eingerichtet worden, die Werkstätten zur Anfertigung von Ruck- und Brotsäcken unterhielt, durch Sammlung die notwendigen Decken und Kleidungsstücke beschaffte und in Stand setzte sowie die erforderliche Wäsche anfertigen ließ.

Ilse Rath arbeitete als Näherin für die „Hilfe für Abreisende“ des Judenrats. Da ihre Arbeitskraft noch von der deutschen Besatzungsmacht gebraucht wurde, war sie deshalb zunächst für die Deportation gesperrt und ist erst ziemlich spät ins Lager Westerbork gebracht worden.

Anfang Mai 1943 wurde dem Judenrat aufgegeben, Listen einzureichen mit den Namen derjenigen, die mit Rücksicht darauf für die Deportation zu sperren seien, dass die Anzahl der jüdischen Einwohner in der Provinz und Amsterdam stark reduziert sei und daher der Apparat des Judenrates zu groß sei. Die jetzt Entsperrten, deren Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wurde, hatten sich ohne Aufforderung nach Westerbork zu begeben. In der Nacht vom 26. zum 27. Mai wurde durch vier Polizeibataillone das gesamte Zentrum abgesperrt und mit wenigen Ausnahmen alle jüdischen Bewohner mit und ohne Sperrstempel mitgenommen und nach Westerbork abtransportiert.

Ilse Rath gehörte zu denen, die am 26. Mai 1943 ins Lager Westerbork gebracht worden sind. In Westerbork war sie der Baracke 55 zugeteilt.

Was genau sie im Lager gemacht hat, kann heute nicht mehr festgestellt werden. Das Lager Westerbork war in 12 Dienstbereiche unterteilt. Dienstbereich 8 überwachte die Reparaturen, die so genannten Werkstätten II, die Schneiderei, die Nähmaschinenmontage und die „Heizgruppe“. Vorstellbar ist, dass Ilse Rath auch im Lager Westerbork als Näherin in der Schneiderei gearbeitet hat. Sie stand auf der Transportliste vom 18. Januar 1944 mit dem Vermerk „Juden die sich um den Aufbau und den Lagerbetrieb Westerbork verdient gemacht haben nebst ihren Angehörigen (Mündliche Zusage von Obersturmbannführer Eichmann anlässlich seiner Anwesenheit in Den Haag)“ und ist zunächst mit 870 Menschen nach Theresienstadt deportiert worden. Am 18. Mai 1944 wurde sie von dort nach Auschwitz weitrerdeportiert und dort am 6. Juli 1944 für tot erklärt.

Ilse Rath war nicht verheiratet und hatte keine Kinder.

Ihre Eltern, Julius und Erna Rath, teilten das Schicksal ihrer Tochter. Sie wurden bereits am 30. April 1942 vom Sammellager der Turnhalle des Sportvereins Eintracht Dortmund in der Heinz-Habenicht-Straße 56 zum Abgangsbahnhof des Bahnhofs Dortmund-Süd gebracht. Von Dortmund wurden sie zusammen mit insgesamt 800 Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg ins Ghetto nach Zamosc in Polen deportiert. Am 3. Mai 1942 kamen sie dort an. Die meisten jener, die wie Ilse Raths Eltern in den 1870er und frühen 1880er Jahren geboren waren, sowie die jungen Kinder und ihre Mütter wurden einen Monat später, nachdem sie sich in der Eintracht-Turnhalle in Dortmund einfinden mussten, nach Sobibor deportiert. Auf Grundlage der genannten Zahlen liegt es nahe, dass wohl wenigstens ein Drittel der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg am 27. Mai 1942 in Sobibor ermordet wurde.

In der Wermingser Straße 1 in Iserlohn, in der Ilse Rath viele Jahre als junges Mädchen lebte und ihr Vater sein Herrenbekleidungsgeschäft unterhielt, befindet sich heute in dem Ladenlokal eine Filiale des Fisch-Spezialgeschäfts „Nordsee“.

Recherchen und Text: Carola-Angelika Wille
Quellen: Herinneringscentrum Kamp Westerbork, Auskunft vom 9.9.2014; Stadtarchiv Iserlohn, Auskünfte und Unterlagen vom 23.9.2014; Anna Hájková, „Das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork“; Die Ausrottung der Juden im besetzten Holland. Ein Tatsachenberiucht von Jacob Harari. 1944 Irgun Olej Merkat Europa / Tel Aviv; Joods Monument – Ilse Rath; Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945; Ralf Piorr/Peter Witte: Ohne Rückkehr. Die Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamosc im April 1942; Marcus Kiel: Ein temporäres Denkmal zur Erinnerung an Jüdisches Leben in Iserlohn. Ausstellung vom 20.8.-17.9.2000 Alter Rathausplatz Iserlohn

Stolperstein Franziska Hinrichs

HIER WOHNTE
FRANZISKA HINRICHS
GEB. REISNER
JG. 1876
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
ERMORDET 30.11.1941

Franziska Hinrichs wurde als Franziska Karoline Reisner am 27. September 1876 in Breslau (Wrocław) geboren. Für ihre Eltern, den Fabrikbesitzer Hugo Reisner (*1837-1884) und seine Ehefrau Marie Reisner geborene Bielschowsky (*8. Juni 1848), war Franziska das einzige Kind. Ihre Mutter starb am 24. Juni 1880, als Franziska gut drei Jahre alt war. Vier Jahre später (1884) starb auch ihr Vater. Franziska wurde mit 8 Jahren Waise.
Sie erhielt eine höhere Schulbildung und wurde in Dresden Lehrerin von Beruf.
Wann und wo sie ihren späteren Ehemann, den aus Nakel (Nakło) in Oberschlesien stammenden Fabrikbesitzer Berthold Hirsch (*Februar 1865), kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten und bekamen in Berlin am 29. Mai 1902 ihre erste Tochter Annemarie Julie und zwei Jahre später ihre zweite Tochter Anneliese Hedwig (*19. Juni 1904). Sie wohnten 1914 am Kurfürstendamm 111 in Charlottenburg.
Ihr Ehemann und Vater ihrer Töchter Berthold Hirsch, starb mit 49 Jahren am 14. November 1914 in der Privatheilanstalt Waldhaus in Zehlendorf. Franziska wurde mit 38 Jahren Witwe und musste alleine für die damals 12-jährige Annemarie und die 10-jährige Anneliese sorgen.
Am 6. August 1918 heiratete sie mit 41 Jahren in zweiter Ehe Dr. phil. Willy Hinrichs. Diese Ehe hielt ca. 15 Jahre. Das Berliner Adressbuch führte Franziska Hinrichs 1934 erstmals als alleinstehende Frau am Hohenzollerndamm 34. Auch 1935 wohnte sie dort. In der Rudolstädter Straße 120 führte sie das Berliner Adressbuch seit 1936.
Die Ehe mit Willy Hinrichs wurde am 14. April 1939 geschieden. Es ist anzunehmen, dass der evangelische Dr. Willy Hinrichs dem Druck, mit einer jüdischen Frau verheiratet zu sein, nicht mehr standhalten konnte.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Franziska Hinrichs zusammen mit ihrer 35-jährigen Tochter in der Rudolstädter Straße 120 gemeldet. Wie auch der Familie Cohn im selben Haus wurde ihnen 1940 die Wohnung gekündigt. Daraufhin zogen die beiden Frauen zur Untermiete zwangsweise bei der Familie Waghalter in der Brandenburgischen Straße 43 in Berlin-Wilmersdorf ein.
Hier erschien im November 1941 die Gestapo mit einem Deportationsbefehl für Franziska und ihre jüngste Tochter. Noch am gleichen Tag wurden sie in die als Sammellager umfunktionierte Synagoge in der Levetzowstraße in Berlin-Moabit gebracht. Von hier aus mussten sie am 27. November 1941 zu Fuß zum Bahnhof Grunewald gehen. Der mit über 1.000 Leidensgenossen überfüllte Zug erreichte am 30. November 1941 den Bahnhof Skirotava in Riga, der Hauptstadt Lettlands. Alle Deportierten wurden noch am selben Tag im Wald von Rumbula ermordet. Franziska Hinrichs geborene Reisner verwitwete Hirsch starb mit 65 Jahren, ihre Tochter Anneliese Hirsch starb mit 37 Jahren.

Franziskas älteste Tochter Annemarie, überlebte den Holocaust in verschiedenen Verstecken. Ihr sehr lesenswerter Lebenslauf findet sich auf der Website des Martin-Niemöller-Haus-Berlin-Dahlem. https://www.niemoeller-haus-berlin.de/hirsch/

Text und Recherche: Gundula Meiering, März 2025
Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationsliste, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage; Website des Martin-Niemöller-Haus-Berlin-Dahlem, Lebenslauf von Annemarie Hirsch. https://www.niemoeller-haus-berlin.de/hirsch/

Stolperstein Anneliese Hirsch

HIER WOHNTE
ANNELIESE HIRSCH
JG. 1904
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
MASSENERSCHIESSUNG
30.11.1941
RIGA-RUMBULA

Anneliese Hedwig Hirsch wurde am 19. Juni 1904 in Berlin geboren. Für ihre Eltern, den aus Nakel (Nakło), Oberschlesien stammenden Fabrikbesitzer Berthold Hirsch (*Februar 1865) und seine Ehefrau Franziska Karoline Hirsch geborene Reisner (*27. September 1876) aus Breslau, war Anneliese die zweite Tochter. Zwei Jahre vorher, am 29. Mai 1902, war die erste Tochter Annemarie zur Welt gekommen. Die Familie wohnte 1914 am Kurfürstendamm 111 in Charlottenburg.
Als Anneliese 10 Jahre alt war, starb ihr Vater Berthold Hirsch mit 49 Jahren am 14. November 1914 in der Privatheilanstalt Waldhaus in Zehlendorf. Ihre Mutter wurde mit 38 Jahren Witwe und musste fortan alleine für die beiden Töchter sorgen.
Am 6. August 1918 heiratete ihre Mutter mit 41 Jahren in zweiter Ehe Dr. phil. Willy Hinrichs.
Ihre ältere Schwester Annemarie legte Ostern 1924 das Diplom-Examen für den bibliothekarischen Dienst ab und war bis 1927 in der Stadtbibliothek Berlin-Wilmersdorf tätig. Danach arbeitete sie beim Verband Deutscher Volksbibliothekare. Dort wurde ihr aufgrund ihrer „nichtarischen“ Abstammung 1933 gekündigt. Vermutlich trat Anneliese in die Fußstapfen ihrer Schwester, denn auch ihr Name fand sich im Handbuch der Deutschen Volksbüchereien von 1926.
Ihre Mutter trennte sich vermutlich 1933 von ihrem zweiten, evangelischen Ehemann. Das Berliner Adressbuch führte Franziska Hinrichs 1934 erstmals als alleinstehende Frau am Hohenzollerndamm 34. Auch 1935 wohnte sie dort. In der Rudolstädter Straße 120 führte sie das Berliner Adressbuch seit 1936.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Anneliese Hirsch zusammen mit ihrer 62-jährigen Mutter in der Rudolstädter Straße 120 gemeldet. Wie auch der Familie Cohn im selben Haus wurde ihnen 1940 die Wohnung gekündigt. Daraufhin zogen die beiden Frauen zur Untermiete zwangsweise bei der Familie Waghalter in der Brandenburgischen Straße 43 in Berlin-Wilmersdorf ein.
Wie ihre Schwester Annemarie, wurde auch Anneliese zur Zwangsarbeit herangezogen.
In der Brandenburgischen Straße erschien im November 1941 die Gestapo mit einem Deportationsbefehl für Anneliese Hirsch und ihre Mutter. Noch am gleichen Tag wurden sie in die als Sammellager umfunktionierte Synagoge in der Levetzowstraße in Berlin-Moabit gebracht. Von hier aus mussten sie am 27. November 1941 zu Fuß zum Bahnhof Grunewald gehen. Der mit über 1.000 Leidensgenossen überfüllte Zug erreichte am 30. November 1941 den Bahnhof Skirotava in Riga, der Hauptstadt Lettlands. Alle Deportierten wurden noch am selben Tag im Wald von Rumbula ermordet. Anneliese Hirsch starb mit 37 Jahren. Ihre Mutter Franziska Hinrichs geborene Reisner verwitwete Hirsch starb mit 65 Jahren.

Annelieses ältere Schwester Annemarie überlebte den Holocaust in verschiedenen Verstecken. Ihr sehr lesenswerter Lebenslauf findet sich auf der Website des Martin-Niemöller-Haus-Berlin-Dahlem. https://www.niemoeller-haus-berlin.de/hirsch/
Text und Recherche: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationsliste, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage; Website des Martin-Niemöller-Haus-Berlin-Dahlem, Lebenslauf von Annemarie Hirsch: https://www.niemoeller-haus-berlin.de/hirsch/

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