Stolpersteine Rudolstädter Straße 127

Bildvergrößerung: Hausansicht Rudolstädter Str. 127
Hausansicht Rudolstädter Str. 127
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Dieser Stolperstein wurde am 13.09.2008 verlegt.

Link zu: Stolperstein für Dr. Margarete Kahn
Stolperstein für Dr. Margarete Kahn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
DR. MARGARETE KAHN
JG. 1880
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

Margarete Kahn wurde am 27. August 1880 in Eschwege als Tochter des jüdischen Kaufmanns und Fabrikanten (Flanellwaren) Albert Kahn (1853 -1905) und dessen Ehefrau Johanne geb. Plaut (1857-1882) geboren. Sie hatte einen älteren Bruder Otto (geboren 1879) und eine jüngere Halbschwester Martha (geboren 1888), da Albert nach dem frühen Tod seiner ersten Frau 1887 deren jüngere Schwester Julie (1860-1934) geheiratet hatte. Die Familie lebte zu der Zeit im Haus am Stad 29, später auch in der Friedrich-Wilhelm-Straße, an den Anlagen und zuletzt in der Bahnhofstraße 17.

Grete Kahn besuchte 1887 zunächst die Volksschule und dann von 1889 bis 1896 die Höhere Töchterschule. Weil es finanziell möglich war, konnte zwischen 1901 und 1904 zusätzlich Privatunterricht erteilt werden. Am Königlichen Gymnasium (jetzt Konrad-Duden-Schule) in Bad Hersfeld, damals noch eine reine Jungenschule, legte sie 1904 als Externe die Reifeprüfung ab. Im selben Jahr nahm sie in Berlin ihr Studium der Mathematik, Physik und Philosophie auf. Hier lernte sie auch ihre langjährige Freundin Klara Löbenstein (geboren 1883) aus Hildesheim kennen, die mit ihr Fächerwahl und Studienverlauf teilt.

Nach drei Semestern wechselte sie für ein Semester nach Göttingen, ging aber wieder nach Berlin und beschloss jedoch nach einem Semester, für die letzten vier Semester nach Göttingen zurückzukehren. Vermutlich waren die dortigen Angebote und Möglichkeiten bei den bekannten Professoren Felix Klein und David Hilbert überzeugender, da gerade diese beiden Professoren den Ambitionen von weiblichen Studierenden aufgeschlossen und wohlwollend gegenüber standen und sie stets förderten. Denn nachdem sich an deutschen Universitäten die Tore für Frauen geöffnet hatten, wählten diese bevorzugt Mathematik und Naturwissenschaften und erwarben in diesen Fächern auch die ersten Doktortitel. Grete Kahn schrieb ihre Dissertation zum Thema „Eine allgemeine Methode zur Untersuchung der Gestalten algebraischer Kurven“ und konnte damit einen Beitrag zur Lösung der von Hilbert aufgeworfenen Fragestellungen leisten. Die Mathematik war damals noch Teil der philosophischen Fakultät und es bedurfte nicht weniger Anstrengungen, um die Arbeiten Kahns und ihrer Freundin Klara durchzusetzen. Ihre mündlichen Prüfungen legten die Freundinnen am 30. Juni 1909 ab.

An die Fortsetzung einer wissenschaftlichen Karriere an der Universität war aber gar nicht zu denken, da sich Frauen in Deutschland erst ab 1920 habilitieren konnten. Deshalb war nur eine schulische Laufbahn möglich. Dazu legte Kahn dann am 22. Juli 1910 auch noch die staatliche Prüfung für das höhere Lehramt ab. Eine erste Anstellung fand sie 1912 in Kattowitz, 1914 wechselte sie nach Dortmund und blieb dort bis 1929, weil eine Anstellung am Lyzeum in Eschwege 1915 nicht zustande kam. Schließlich ergab sich im April 1929 zu Beginn des Schuljahres ein weiterer Wechsel nach Berlin-Tegel. Ab 1933 musste Grete Kahn dann das Schicksal aller von der NS-Regierung Verfolgten teilen. Während sie zunächst nur in den Zwangsurlaub geschickt wurde, da sie schon vor dem Ersten Weltkrieg Lehrerin gewesen war, erhielt sie zum 1.Januar 1936 doch ihre Entlassung aus dem preußischen Schuldienst. Später musste sie in der Firma „Nordland Schneeketten“ Zwangsarbeit leisten und wurde schließlich am 28. März 1942 von der Motzstraße 75 über das Sammellager Synagoge Levetzowstr. 7-8 ins östliche Polen nach Piaski deportiert. Dort ist sie umgebracht worden. Ihre Schwester Martha., verheiratete Ursell, war ebenfalls auf diesem Transport in den Tod dabei. Keine Nachrichten gibt es bisher über den Verbleib von Bruder und Schwager.

Text: DFG Research Center Matheon – Internationale Mathematiker Vereinigung – Grötschel, Prof. Grötschel, Deuflhard, Prof. Mielke und Prof. Ziegler