Stolpersteine Wilhelmsaue 132

Wilhelmsaue 132, 13.3.2013

Wilhelmsaue 132, 13.3.2013

Die Stolpersteine wurden am am 30.07.2005 verlegt.

Stolperstein für Clara Boas

Stolperstein für Clara Boas

HIER WOHNTE
CLARA BOAS
GEB. HULTSCHINSKI
JG. 1873
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
RIGA

Clara (Klara) Boas kam am 12. April 1873 als Clara Hedwig Huldschinsky im oberschlesischen Königshütte (Chorzów/Polen) auf die Welt. Sie war die Tochter von Siegfried Huldschinsky (1832–1932) und seiner Ehefrau Bertha, geb. Ring (ca.1845–?), die 1865 in Zabrze geheiratet hatten. Ihre Eltern hatten bereits drei Kinder (ein viertes war ein Jahr nach seiner Geburt gestorben): Bruno war 1866 in Kattowitz geboren, Flora 1867 und Max 1871 in Königshütte. Ihr Vater stammte aus einer großen und bekannten oberschlesischen Familie, die in der dortigen Eisen- und Schwerindustrie eine bedeutende Rolle spielte, sein Onkel Salomon Huldschinsky (1819–1877) hatte die Firma S. Huldschinsky & Söhne gegründet, ursprünglich eine „Rohr-Fabrik“ in Gleiwitz (Gliwice).
1891 findet sich ihr Vater Siegfried Huldschinsky als Kaufmann im Adressbuch von Gleiwitz. Er war Hüttenverwalter der Huldschinsky-Werke in Gleiwitz, „Platzhalter“, wie es 1920 in einem Nachruf stand. – Sein Bruder Edwin (1837 Oels – 1913 Berlin) war mit dem Vetter Oscar Huldschinsky (1846–1931) Besitzer von S. Huldschinsky & Söhne, er gehörte um 1900 zu den deutschen Millionären.
Clara Boas lernte keinen Beruf und wohnte bei den Eltern, nach dem Tod ihrer Mutter bei dem verwitweten Vater in der Neudorferstraße. Der Vater lebte später viele Jahre in der Kronprinzenstraße, in der sich auch Gebäude des Werkes befanden.
Am 17. September 1903 heiratete Clara Huldschinsky in Berlin den 1859 in Breslau geborenen Fabrikdirektor Albert Boas. Trauzeugen waren der Bankdirektor und Charlottenburger Stadtrat Louis Ring, ein Verwandter ihrer Mutter, und ihr Schwager Michaelis Brock, Ehemann von Martha Albert Boas.
Ihr Ehemann wohnte zum Zeitpunkt der Hochzeit in Ratibor (Racibórz/Polen)) Seine Eltern waren bereits tot. Das Ehepaar wohnte anfangs in der Hohenstaufenstraße 51 in (Berlin-)Schöneberg.
Am 15. April 1905 wurde der Sohn Frank Bernhart Ewart geboren, der 1907 offiziell den Vornamen Günther bekam. Clara und Albert Boas waren kaum fünf Jahre verheiratet: Am 18. August 1908 starb Albert Boas in einer Privatklinik im Charlottenburger Westend. Er muss schon längere Zeit krank gewesen sein. Die verwitwete Clara Boas zog mit ihrem Sohn in eine Wohnung im dritten Stock des Hauses Berchtesgardener Straße 15 im Bayerischen Viertel. Dort lebten sie bis 1930.
1920 starb ihr Vater Siegfried Huldschinsky in Gleiwitz und wurde dort auf dem Jüdischen Friedhof beerdigt. – Wie der Kontakt zu ihren zahlreichen Verwandten in Berlin aussah, lässt sich leider nicht mehr feststellen.
Vom Bayerischen Viertel zog Clara Boas in die Wilhelmsaue 132 in Berlin-Wilmersdorf. 1937 heiratete ihr Sohn Günther die 1914 geborene Marietta (Charlotte Melanie) Feinberg und emigrierte mit ihr ein Jahr später nach Neuseeland. Clara Boas’ Untermieter wurde während des Zweiten Weltkriegs der 1876 geborene ledige Kaufmann Jakob Munter, der aus Neidenburg in Ostpreußen stammte, wo er während der Volkszählung im Mai 1939 noch gelebt hatte. Jakob Munter wurde am 13. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet. An ihn erinnert ebenfalls ein Stolperstein vor dem Haus Wilhelmsaue 132.
Clara Boas wurde knapp zwei Wochen später, am 25. Januar 1942, mit dem „10. Osttransport“ vom Güterbahnhof Moabit nach Riga verschleppt. 1000 Personen gehörten zu diesem Transport. Der Zug kam am 30. Januar 1942 in Riga an, auf der langen Fahrt in großer Kälte waren bereits viele Menschen erfroren. Von den am Leben Gebliebenen überlebten nur dreizehn den Krieg. Clara Boas wurde ermordet.
Ihre Schwiegertochter Marietta starb 1978, ihr Sohn Günther Boas 1987. Sie hatten mehrere Kinder.

Quellen:
Adressbuch für die Stadt Gleiwitz
Arolsen Archives
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/30, 1931/32
LABO Entschädigungsbehörde
Landesarchiv Berlin, WGA
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
https://www.mappingthelives.org/
https://www.geni.com/people/
https://www.juedische-gemeinden.de
https://www.statistik-des-holocaust.de

Vorrecherchen aus dem Nachlass von Wolfgang Knoll

Stolperstein für Jacob Munter

Stolperstein für Jacob Munter

HIER WOHNTE
JAKOB MUNTER
JG. 1876
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
RIGA

Jakob Munter (Yaakov Monter), am 21. September 1876 in Neidenburg (Ostpreußen) geboren, war ledig. Der Geschäftsmann wohnte in Berlin in der in der Wilhelmsaue 132, er wurde am 13. Januar 1942 nach Riga deportiert und in der Nähe der lettischen Hauptstadt ermordet. Ebenso sind zahlreiche Familienmitglieder von den deutschen Nationalsozialisten umgebracht worden.

Eine gleichnamige Verwandte, genauer gesagt: die Cousine des Vaters, Marga Munter, reichte 1998 aus La Paz (Bolivien) beim Holocaust-Museum in Jerusalem mehrere Gedenkblätter ein. Auch für den Schreiber Georg Munter, geboren am 14. November 1872, ermordet in Trawniki, die Ladenbesitzrin Minna Munter, geboren am 6. April 1869 und am 9. November 1942 nach Theresienstadt deportiert, die am 24. Januar 1876 geborene Geschäftsinhaberin Margarete Munter, die 1942 nach Theresienstadt verschleppt wurde, die Kindergartenerzieherin Frieda Munter, die am 5. November 1904 zur Welt kam und am 1. März 1943 nach Auschwitz transportiert wurde, die Kunstmalerin Henni Munter, geboren am 15. Februar 1905, deportiert am 26. Februar 1943 nach Auschwitz, sowie deren Eltern Arnold Munter und Pauline geb. Markus.

Bei der Volkszählung am 17.5.1939 war in diesem Haus auch Hedwig Less geb. Rothschild, am 17. September 1889 in Kirchhain im Bezirk Kassel geboren, gemeldet. Sie beging am 1. Februar 1940 Selbstmord.

Texte: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf