HIER WOHNTE
FRIEDRICH RAHMER
JG. 1879
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET
Friedrich Siegfried Rahmer wurde am 18. August 1879 in Beuthen in Oberschlesien (Bytom, Polen) geboren. Für seine Eltern, den 46-jährigen Witwer Herrmann Herschel Rahmer (*14. November 1832) und die 39-jährige, aus Breslau stammende Witwe Friedericke Weißstein (*30. September 1840), die am 20. Mai 1878 in Breslau geheiratet hatten, war es das einzige gemeinsame Kind.
Für beide war es die zweite Ehe. Als 19-jährige heiratete Friedrichs Mutter am 22. März 1860 in Hirschberg (Jelenia Góra), Niederschlesien den 29-jährigen Bernhard Cohn (*1831). Sie hatten insgesamt sechs Kinder: Hermann (27. März 1862-1942), Georg (20. Juni 1863-1906), Elise (31. August 1866-1942), Paul (26. März 1869-1923) und Bella Leontine Margarethe (1. Juli 1870-1921). Neun Monate nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes im August 1873 wurde am 12. Mai 1874 noch Ernst Bernhard geboren. Friedericke war mit 33 Jahren Witwe geworden.
Friedrichs Vater hatte in erster Ehe am 13. März 1858 mit 25 Jahren die 8 Jahre ältere Pauline Beuthner (*1820) in Beuthen geheiratet. Sie hatten zwei Töchter, Friedericke (1. November 1857-1924) und Henriette (*22. Februar 1859). Nach 17 Jahren Ehe starb seine Frau Pauline am 19. September 1875 mit 54 Jahren. Hirschel Herrmann wurde mit 43 Jahren Witwer.
Friedrichs Mutter Friedericke starb, als Friedrich 15 Jahre alt war, am 14. April 1895 in Beuthen. Sein Vater Herrmann Hirschel starb 14 Jahre später, am 31. März 1909, im Alter von 76 Jahren.
Friedrich Rahmer wurde Ingenieur von Beruf und gründete die Firma Friedrich Rahmer, Armaturen- und Apparatebau in der Prinzenstraße 86 in Berlin-Kreuzberg.
Wann und wo Friedrich seine spätere Ehefrau, die aus Glatz in Schlesien (Kłodzki, Polen) stammende Else Henriette Rahmer (*19. Januar 1889) kennenlernte, ist nicht bekannt. Elses Familie war nach dem Tod des Vaters von Glatz nach Berlin umgezogen. Sie wohnte 1912 in der Kuhnstraße 6.
Der 33-jährige Friedrich Rahmer und die 23-jährige Else heirateten am 5. August 1912 und bezogen ihre erste gemeinsame Wohnung in der Nassauischen Straße 53 in Wilmersdorf.
Am 21. November 1915 wurden Friedrich und Else Rahmer Eltern ihrer einzigen Tochter
Mathilde Friedericke Cecilie. Sie muss musisch sehr begabt gewesen sein.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Mathilde 17 Jahre alt. 1934 zog die Familie von der Nr. 53 in die Nr. 54 der Nassauischen Straße. Um Musik studieren zu können, wanderte Mathilde am 6. Dezember 1937 nach Palästina aus und schrieb sich am „Palestine Conservatoire of Music” in Jerusalem ein. Am 26. Dezember 1939 ließ sie sich in Palästina einbürgern.
Friedrich Rahmer musste aufgrund der nationalsozialistischen Gesetzgebung seine Fabrik, die Firma Friedrich Rahmer, Armaturen- und Apparatebau in Berlin-Kreuzberg in der Prinzenstr. 86, für wenig Geld verkaufen. Als Jude durfte er keine Firma mehr führen.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren der 59-jährige Friedrich und seine 50-jährige Ehefrau Else weiterhin in der Nassauischen Straße 54 gemeldet. Seit dem 1. Januar 1939 mussten sie die Zwangsnamen Israel und Sara tragen. Auch ihre Wertsachen wie Schmuck, Gold und Silber mussten sie Anfang 1939 in der Jägerstraße abgeben. Nach Kriegsbeginn waren sie verpflichtet, auch ihre Radiogeräte abzuliefern.
Ob Friedrich und Else Rahmer Anfang 1941 zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, konnte nicht recherchiert werden. Ab September 1941 mussten sie den gelben Stern tragen. Im Oktober 1941 erfolgten die ersten Deportationen von Juden in den Osten. Ein Jahr später, Anfang Oktober 1942, bekamen auch Friedrich und Else Rahmer den Deportationsbefehl. Sie hatten sich im Sammellager Levetzowstraße einzufinden. Friedrich kam dem Befehl nach, nicht aber Else. So trennten sich die Wege von Friedrich und Else Rahmer nach 30 Jahren Ehe. Else wählte den Freitod und starb an einer Überdosis Schlafmittel. Sie wurde am 16. Oktober 1942 um 18 Uhr tot in ihrer Wohnung in der Nassauischen Straße 54/55 aufgefunden. Sie starb mir 53 Jahren.
Friedrich Rahmer verließ Berlin am 19. Oktober 1942 mit dem 21. Osttransport vom Güterbahnhof Moabit (Putlitzstraße). Am 22. Oktober 1942 erreichte der Zug mit insgesamt 963 Personen, darunter 140 Kinder, Riga. Im Wald von Rumbula in der Nähe von Riga wurden sie ermordet. Friedrich Rahmer starb mit 63 Jahren, wenige Tage nach seiner Frau.
Ihre Tochter Mathilde überlebte den Holocaust in Palästina. Sie emigrierte später nach Großbritannien, wo sie eine Familie gründete. Mathilde Corkhill geborene Rahmer starb mit 94 Jahren am 5. Januar 2010.
Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025
Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten;
Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage