Stolpersteine Nassauische Straße 54

Hauseingang Nassauische Str. 54

Hauseingang Nassauische Str. 54

Diese Stolpersteine wurden am 21. Mai 2008 verlegt.

Stolperstein für Eugen Herzberg

Stolperstein für Eugen Herzberg

HIER WOHNTE
EUGEN HERZBERG
JG. 1870
DEPORTIERT 24.8.1942
THERESIENSTADT
TODESTAG 1.3.1943

Eugen Herzberg wurde am 29. Mai 1870 in Mehlsack (dem heutigen Pieniężno) in Ostpreußen geboren. Er heiratete die am 21. September 1870 in Deutsch-Krone, Pommern, (heute Wałcz) geborene Irma Anna Jaffe. Das Paar muss schon in jungen Jahren nach Berlin gekommen sein, denn hier wurde am 13. März 1895 ihre Tochter Ilse geboren. Zwei Jahre später starb Irma Herzberg. Eugen Herzberg heiratete wieder, die Braut war die ein Jahr jüngere Kläre Gattel aus Spandau. Am 26. Juli 1901 wurde ihr Sohn Gerhard geboren. Herzbergs wohnten erst im heutigen Hansaviertel, nach 1900 zogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße).

Seit mindestens 1895 verdiente Eugen Herzberg sein Brot als Agent für Textilien, 1904 ließ er seine „Agentur für Tuche“ in das Handelsregister eintragen. Laut seinem Sohn Gerhard, der 1924 Mitinhaber der Firma wurde, vertraten sie „nur allerbeste deutsche und ausländische Tuchfabriken“. Der Sitz der Firma war zunächst in der Kaiser-Friedrich-Straße, dann am Hausvogteiplatz und schließlich in der Mohrenstraße. Eugen Herzberg wurde Handelsgerichtsrat und war auch Vizevorsitzender des Vereins Deutscher Handelsvertreter.

Ende der 1920er Jahre, vermutlich als beide Kinder verheiratet und aus dem Haus waren, bezog Eugen Herzberg mit seiner Frau eine Wohnung in der Neuen Bayreuther Straße 20. Etwa 1934 zogen sie dann in die Nassauische Straße 54/55. Um diese Zeit begann auch die Firma schlechter zu laufen, da aufgrund der Diskriminierungen und Boykottmaßnahmen der NS-Regierung die Kundschaft wegblieb. 1938 kamen die Geschäfte praktisch zum Erliegen. Im Oktober dieses Jahres verwitwete Eugen Herzberg nochmals. Kurz vorher war sein Sohn Gerhard mit Frau und zwei Kindern nach England ausgewandert.

Eugen Herzberg, inzwischen von den zahlreichen antisemitischen Verordnungen der Regierung betroffen und weitgehend verarmt, wurde von der Handelskammer aufgefordert, seine Firma zu löschen. Im Oktober 1939 beantragte er die Löschung von Amts wegen, da sowohl er wie sein Sohn in England mittellos seien. Um die sogenannte „Sühneabgabe“ zu zahlen, die Juden nach den Pogromen vom November 1938 auferlegt wurde, sah er sich genötigt, seine Lebensversicherung zu verkaufen.

Ende 1939 war er auch gezwungen, eine sicherlich kleinere Wohnung in der Jenaer Straße 22 zu nehmen. Es sollte nicht sein letzter Umzug sein. Als er im August 1942 „abgeholt“ wurde, da er für die „Umsiedlung“ in das „Altersghetto“ Theresienstadt vorgesehen sei, wohnte er, wohl nicht freiwillig, zur Untermiete bei Valerian Wechsler in der Prager Straße 35. Er kam zunächst in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26, ein von der Gestapo umfunktioniertes jüdisches Altersheim, und wurde am 24. August des Jahres nach Theresienstadt deportiert.

In Theresienstadt angekommen musste er feststellen, dass das „Altersghetto“ nichts anderes als ein Konzentrationslager war, in dem die Menschen unter erbärmlichen Umständen untergebracht waren. Raumnot, Hunger, Kälte, katastrophale Hygiene verursachten viele Krankheiten, die ein Großteil der Insassen nicht überlebte. Auch der 72-jährige Eugen Herzberg nicht. Laut der dort ausgestellten „Todesfallanzeige“ erkrankte er an Darmkatarr und starb am 1. März 1943 an „Inanition (völlige Erschöpfung und Abmagerung)“. Es ist wohl kein Zufall, das solch eine unüblich realistisch vermerkte Todesursache – für gewöhnlich wurden keine Hinweise auf die lebensbedrohlichen Bedingungen im Lager gegeben – von einem jüdischen Totenbeschauer eingetragen wurden: Dr. Ernst H. „Israel“ Steiner.

Eugen Herzbergs Tochter Ilse wurde am 1. März 1943, dem Todestag ihres Vaters und einen Tag vor ihrem Mann Walter Weile, nach Auschwitz deportiert. Beide wurden dort ermordet. Für sie liegen zwei Stolpersteine vor dem Haus Wielandstraße 17.

Text: Micaela Haas
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer; Datenbank Theresienstadt

Stolperstein für Friedrich Rahmer

Stolperstein für Friedrich Rahmer

HIER WOHNTE
FRIEDRICH RAHMER
JG. 1879
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET

Friedrich Siegfried Rahmer wurde am 18. August 1879 in Beuthen in Oberschlesien (Bytom, Polen) geboren. Für seine Eltern, den 46-jährigen Witwer Herrmann Herschel Rahmer (*14. November 1832) und die 39-jährige, aus Breslau stammende Witwe Friedericke Weißstein (*30. September 1840), die am 20. Mai 1878 in Breslau geheiratet hatten, war es das einzige gemeinsame Kind.

Für beide war es die zweite Ehe. Als 19-jährige heiratete Friedrichs Mutter am 22. März 1860 in Hirschberg (Jelenia Góra), Niederschlesien den 29-jährigen Bernhard Cohn (*1831). Sie hatten insgesamt sechs Kinder: Hermann (27. März 1862-1942), Georg (20. Juni 1863-1906), Elise (31. August 1866-1942), Paul (26. März 1869-1923) und Bella Leontine Margarethe (1. Juli 1870-1921). Neun Monate nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes im August 1873 wurde am 12. Mai 1874 noch Ernst Bernhard geboren. Friedericke war mit 33 Jahren Witwe geworden.

Friedrichs Vater hatte in erster Ehe am 13. März 1858 mit 25 Jahren die 8 Jahre ältere Pauline Beuthner (*1820) in Beuthen geheiratet. Sie hatten zwei Töchter, Friedericke (1. November 1857-1924) und Henriette (*22. Februar 1859). Nach 17 Jahren Ehe starb seine Frau Pauline am 19. September 1875 mit 54 Jahren. Hirschel Herrmann wurde mit 43 Jahren Witwer.

Friedrichs Mutter Friedericke starb, als Friedrich 15 Jahre alt war, am 14. April 1895 in Beuthen. Sein Vater Herrmann Hirschel starb 14 Jahre später, am 31. März 1909, im Alter von 76 Jahren.

Friedrich Rahmer wurde Ingenieur von Beruf und gründete die Firma Friedrich Rahmer, Armaturen- und Apparatebau in der Prinzenstraße 86 in Berlin-Kreuzberg.

Wann und wo Friedrich seine spätere Ehefrau, die aus Glatz in Schlesien (Kłodzki, Polen) stammende Else Henriette Rahmer (*19. Januar 1889) kennenlernte, ist nicht bekannt. Elses Familie war nach dem Tod des Vaters von Glatz nach Berlin umgezogen. Sie wohnte 1912 in der Kuhnstraße 6.

Der 33-jährige Friedrich Rahmer und die 23-jährige Else heirateten am 5. August 1912 und bezogen ihre erste gemeinsame Wohnung in der Nassauischen Straße 53 in Wilmersdorf.

Am 21. November 1915 wurden Friedrich und Else Rahmer Eltern ihrer einzigen Tochter
Mathilde Friedericke Cecilie. Sie muss musisch sehr begabt gewesen sein.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Mathilde 17 Jahre alt. 1934 zog die Familie von der Nr. 53 in die Nr. 54 der Nassauischen Straße. Um Musik studieren zu können, wanderte Mathilde am 6. Dezember 1937 nach Palästina aus und schrieb sich am „Palestine Conservatoire of Music” in Jerusalem ein. Am 26. Dezember 1939 ließ sie sich in Palästina einbürgern.

Friedrich Rahmer musste aufgrund der nationalsozialistischen Gesetzgebung seine Fabrik, die Firma Friedrich Rahmer, Armaturen- und Apparatebau in Berlin-Kreuzberg in der Prinzenstr. 86, für wenig Geld verkaufen. Als Jude durfte er keine Firma mehr führen.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren der 59-jährige Friedrich und seine 50-jährige Ehefrau Else weiterhin in der Nassauischen Straße 54 gemeldet. Seit dem 1. Januar 1939 mussten sie die Zwangsnamen Israel und Sara tragen. Auch ihre Wertsachen wie Schmuck, Gold und Silber mussten sie Anfang 1939 in der Jägerstraße abgeben. Nach Kriegsbeginn waren sie verpflichtet, auch ihre Radiogeräte abzuliefern.

Ob Friedrich und Else Rahmer Anfang 1941 zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, konnte nicht recherchiert werden. Ab September 1941 mussten sie den gelben Stern tragen. Im Oktober 1941 erfolgten die ersten Deportationen von Juden in den Osten. Ein Jahr später, Anfang Oktober 1942, bekamen auch Friedrich und Else Rahmer den Deportationsbefehl. Sie hatten sich im Sammellager Levetzowstraße einzufinden. Friedrich kam dem Befehl nach, nicht aber Else. So trennten sich die Wege von Friedrich und Else Rahmer nach 30 Jahren Ehe. Else wählte den Freitod und starb an einer Überdosis Schlafmittel. Sie wurde am 16. Oktober 1942 um 18 Uhr tot in ihrer Wohnung in der Nassauischen Straße 54/55 aufgefunden. Sie starb mir 53 Jahren.

Friedrich Rahmer verließ Berlin am 19. Oktober 1942 mit dem 21. Osttransport vom Güterbahnhof Moabit (Putlitzstraße). Am 22. Oktober 1942 erreichte der Zug mit insgesamt 963 Personen, darunter 140 Kinder, Riga. Im Wald von Rumbula in der Nähe von Riga wurden sie ermordet. Friedrich Rahmer starb mit 63 Jahren, wenige Tage nach seiner Frau.

Ihre Tochter Mathilde überlebte den Holocaust in Palästina. Sie emigrierte später nach Großbritannien, wo sie eine Familie gründete. Mathilde Corkhill geborene Rahmer starb mit 94 Jahren am 5. Januar 2010.

Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten;
Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage

Stolperstein für Else Rahmer

Stolperstein für Else Rahmer

HIER WOHNTE
ELSE RAHMER
GEB. RAHMER
JG. 1889
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
16.10.1942

Else Henriette Rahmer wurde am 19. Januar 1889 in Glatz (Kłodzki, Polen) im Regierungsbezirk Breslau in Niederschlesien geboren. Ihre Eltern, der Kaufmann Ferdinand Rahmer (*28. Juni 1852) und dessen Frau Cäcilie geborene Lustig (*26. Juni 1851), hatten am 20. März 1884 in Glatz geheiratet.

Elses Mutter Cäcilie Lustig kam aus Ratibor (Racibórz, Polen) und war in erster Ehe mit dem Kaufmann Salo Elguther (*1846) verheiratet gewesen. Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor. Der erste Sohn Loebel Elguther (*1876) wurde nur 9 Jahre alt. Der zweite Sohn Georg kam 1878 zur Welt. Zwei Jahre später, am 1. August 1880, starb ihr Ehemann Salo mit 34 Jahren, als sie hochschwanger mit ihrem dritten Sohn Salo Eugen (*12. September 1880) war. Cäcilie wurde mit 29 Jahren Witwe. Salo Eugen überlebte nur 29 Tage. Drei Jahre später wurde sie wieder schwanger, Alfred Isidor kam am 7. Januar 1884 zur Welt. Daraufhin heiratete sie den Vater dieses Sohnes, Ferdinand Rahmer. Im Jahr 1886 folgte Kurt und 1888 Willi Heinrich, der nur 3 Monate alt wurde. Nach sechs Söhnen war die Freude vermutlich groß, endlich am 19. Januar 1889 eine Tochter zu bekommen. Drei Jahre nach Else wurde am 16. Juli 1892 Gerhard geboren. Zehn Jahre später, am 1. Oktober 1902, starb ihr Vater, der Kaufmann Ferdinand Rahmer in Glatz. Ihre Mutter wurde mit 51 Jahren ein zweites Mal Witwe. Else war damals 13 Jahre alt. Ihre Familie zog von Glatz nach Berlin. Sie wohnte 1912 in der Kuhnstraße 6.

Wann und wo Else ihren späteren Ehemann, den aus Beuthen (Bytom, Polen) stammenden Kaufmann und Fabrikanten Friedrich Rahmer (*18. August 1879), kennenlernte, ist nicht bekannt. Die 23-jährige Else und der 33-jährige Friedrich Rahmer heirateten am 5. August 1912 und bezogen ihre erste gemeinsame Wohnung in der Nassauischen Straße 52 (später 53/54) in Wilmersdorf. Trauzeuge war Elses 25-jähriger Bruder Kurt. Ihre Mutter Cäcilie, die 1913 als Rentiere in der Bahnstraße 10 in Berlin-Schöneberg gemeldet war, starb ein Jahr nach der Hochzeit, am 16. Mai 1913, mit 61 Jahren. Elses ältester Bruder, der 29-jährige Kaufmann Alfred Rahmer aus der Bahnstraße 38, meldete den Tod beim Standesamt.

Am 21. November 1915 wurden Else und Friedrich Rahmer Eltern ihrer einzigen Tochter Mathilde Friedericke Cecilie. Sie muss musisch sehr begabt gewesen sein.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Mathilde 17 Jahre alt. 1934 zog die Familie von der Nr. 53 in die Nr. 54 der Nassauischen Straße. Um Musik studieren zu können, wanderte Mathilde am 6. Dezember 1937 nach Palästina aus und schrieb sich am „Palestine Conservatoire of Music” in Jerusalem ein. Am 26. Dezember 1939 ließ sie sich in Palästina einbürgern.

Friedrich Rahmer musste aufgrund der nationalsozialistischen Gesetzgebung seine Fabrik, die Firma Friedrich Rahmer, Armaturen- und Apparatebau in Berlin-Kreuzberg in der Prinzenstraße 86, für wenig Geld verkaufen. Als Jude durfte er keine Firma mehr führen.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren der 59-jährige Friedrich und seine 50-jährige Ehefrau Else weiterhin in der Nassauischen Straße 54 gemeldet. Seit dem 1. Januar 1939 mussten sie die Zwangsnamen Israel und Sara tragen. Auch ihre Wertsachen wie Schmuck, Gold und Silber mussten sie Anfang 1939 in der Jägerstraße abgeben. Nach Kriegsbeginn waren sie verpflichtet, auch ihre Radiogeräte abzuliefern.

Ob Friedrich und Else Rahmer Anfang 1941 zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, konnte nicht recherchiert werden. Ab September 1941 mussten sie den gelben Stern tragen. Im Oktober 1941 erfolgten die ersten Deportationen von Juden in den Osten. Ein Jahr später, Anfang Oktober 1942, bekamen auch Else und Friedrich Rahmer den Deportationsbefehl. Sie hatten sich im Sammellager Levetzowstraße einzufinden. Friedrich kam dem Befehl nach, nicht aber Else. So trennten sich die Wege der Eheleute nach 30 Jahren Ehe.

Else entzog sich der Deportation, indem sie eine Überdosis Veronal nahm. Sie wurde am 16. Oktober 1942 um 18 Uhr tot in ihrer Wohnung in der Nassauischen Straße 54/55 aufgefunden. Sie starb mit 53 Jahren.

Friedrich Rahmer verließ Berlin am 19. Oktober 1942 mit dem 21. Osttransport vom Güterbahnhof Moabit (Putlitzstraße). Am 22. Oktober 1942 erreichte der Zug mit insgesamt 963 Personen, darunter 140 Kindern, Riga. Im Wald von Rumbula in der Nähe von Riga wurden sie ermordet. Friedrich Rahmer starb mit 63 Jahren, wenige Tage nach seiner Frau.

Ihre Tochter Mathilde überlebte den Holocaust in Palästina. Sie emigrierte später nach Großbritannien, wo sie eine Familie gründete. Mathilde Corkhill geborene Rahmer starb mit 94 Jahren am 5. Januar 2010.

Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten;
Personenstandsunterlagen / über Ancestry;
My Heritage

Stolperstein für Friederike Cornelius

Stolperstein für Friederike Cornelius

HIER WOHNTE
FRIEDERIKE
CORNELIUS
GEB. ROSENTHAL
JG. 1886
DEPORTIERT 13.6.1942
SOBIBOR
ERMORDET

Friederike – oder Frieda – Rosenthal wurde am 18. März 1886 in Neustadt in Westpreußen (heute Wejherowo in Polen) geboren. Ihr Vater war der Kaufmann Isidor Rosenthal, die Mutter hieß Amalie, geborene Michalowitz. Friederike hatte mindestens sieben Geschwister.
Die Rosenthals zogen um die Jahrhundertwende nach Berlin und wohnten dort in der Kulmbacher Straße in Wilmersdorf. 1912 heiratete Friederike den zehn Jahre älteren Kaufmann Martin Reissner und zog mit ihm nach Cottbus. Martin war an dem sehr erfolgreichen Getreide- und Futtermittel-Großhandel seiner Familie beteiligt. Am 17. Mai 1914 bekamen Friederike und Martin in Cottbus einen Sohn, Arthur Joachim. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt ließ sich das Ehepaar scheiden.

1925, mit 39 Jahren, heiratete Friederike in zweiter Ehe den 23 Jahre älteren Münchener Philosophen Hans Cornelius (1863-1947), der zu diesem Zeitpunkt Ordinarius für Philosophie an der Universität in Frankfurt am Main war. Für Professor Cornelius war es die dritte Ehe, er war bereits einmal geschieden und einmal verwitwet. Sein Vater, der Historiker Carl Adolph Cornelius, war Mitglied der altkatholischen Kirche in München. Es ist anzunehmen, dass Friederike und Hans Cornelius zusammen in Frankfurt am Main lebten. Sie hatten keine Kinder. Cornelius’ wissenschaftliche Arbeit ist weitgehend in Vergessenheit geraten; man kennt ihn heute vor allem als Lehrer von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

1928 wurde er emeritiert, hielt aber weiterhin Vorlesungen in Frankfurt. 1937 wurde ihm wegen seiner Ehe mit Friederike als „jüdisch versippt” die Lehrerlaubnis entzogen. Bald darauf wurde die Ehe geschieden. Hans Cornelius ließ nicht viel Zeit vergehen, bis er 1939 zum vierten Mal heiratete; Friederike zog zurück nach Berlin, wo noch Familienmitglieder lebten, darunter ihre ältere Schwester Paula mit ihrem Mann.

Am 2. Juli 1942 wurde Friederike Rosenthal mit dem „14. Berliner Osttransport” deportiert. Ziel war mit größter Wahrscheinlichkeit das Vernichtungslager Sobibor, wo die 56-jährige Frau ermordet wurde. Ihre Schwester Paula, verheiratete Meyer, und ihr Mann Isidor wurden 1944 in Theresienstadt ermordet.
Auch ihr Ex-Mann Max Reissner, der in Cottbus wieder geheiratet hatte, und dessen zweite Frau Friederike, geborene Cohn, wurden im Holocaust getötet. Hier ist die Datenlage nicht eindeutig; sie starben zwischen 1942 und 1944 entweder im Warschauer Ghetto oder im Lager Piaski.
Friederikes Sohn aus erster Ehe, Arthur Joachim Reissner (17. Mai 1914 – 27. März 2003), hatte Deutschland schon 1936 verlassen und an der Universität Basel Jura studiert. Er emigrierte dann nach Peru und später in die Vereinigten Staaten, heiratete eine Amerikanerin und war in Kalifornien als Rechtsanwalt tätig. Er wurde 88 Jahre alt.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:

Gedenkbuch
Yad Vashem
Myheritage, JewishGen
Geschichte der jüdischen Gemeinde in Cottbus/ jüdische Studien der Universität Potsdam
Stolpersteine Cottbus
tracesofwar.com
Hans Cornelius in Wikipedia und Neue Deutsche Biographie

Stolperstein für Julian Clavier

Stolperstein für Julian Clavier

HIER WOHNTE
JULIAN CLAVIER
JG. 1845
DEPORTIERT 28.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 30.1.1943

Julian Jacob Clavier wurde am 19. Juni 1845 in Posen (heute Poznań) geboren. Sein Vater, der Lederhändler Neumann Clavier (*1814), war bei seiner Geburt 31 Jahre und seine Mutter Johanna, genannt Hannchen, Clavier geborene Namm (*1824) 21 Jahre alt.
Julian bekam noch zwei Brüder, Josef (*1853) und Louis (*1858), und drei Schwestern, Caroline (*1849), Rosa (*1852) und Jenny (*1861).

Seinen Beruf als Kaufmann übte Julian Clavier in Stettin aus.

Wann und wo er seine spätere Ehefrau, die aus Beeskow in Brandenburg stammende Helene Nachmann (*26. Juli 1856), kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie verlobten sich am 8. Mai 1880 in Berlin, wo Helene als Waise bei der Familie ihrer Schwester Rosalie David geborene Nachmann wohnte. Julian lebte und arbeitete zu der Zeit in Stettin. Sie heirateten drei Monate später am 17. Oktober 1880. Am 5. Dezember 1883 wurde ihr Sohn Kurt Paul in Stettin geboren. Ihre Tochter Eva Henriette kam am 12. Dezember 1889 ebenfalls in Stettin zur Welt. Sie wurde nur einen Tag alt. Mit 37 Jahren starb am 17. Oktober 1893 Julians Ehefrau Helene Clavier geborene Nachmann im Bergmannklinikum in Berlin. Julian wurde mit 48 Jahren Witwer. Kurt Paul war damals 9 Jahre alt.

Fünf Jahre später, am 23. März 1898, heiratete Julian mit 52 Jahren in zweiter Ehe die aus Liegnitz stammende 42-jährige Witwe Ida Landsberg geborene Gerschel (*9. Juni 1856). Trauzeuge war sein Bruder Josef, der damals schon in Berlin in der Oranienburger Straße 45 wohnte.

Anfang des Jahrhunderts zogen Julians Eltern von Posen nach Berlin. Seine Mutter starb mit 80 Jahren am 31. Oktober 1905 und sein Vater am 15. Dezember 1908 mit 94 Jahren. 1912 heiratete Julians Sohn Kurt Paul Clavier mit 29 Jahren das erste Mal in London. 1927 und 1934 folgten die Ehen zwei und drei.

Seit 1915 wohnte Julian mit seiner Ehefrau Ida laut Berliner Adressbuch in der Georg-Wilhelm-Straße 12 in Berlin-Halensee. Sein jüngster Bruder Louis wohnte mit seiner Familie in der gleichen Straße Nr. 6 und sein Bruder Josef ganz in der Nähe am Kurfürstendamm 200. Julian war damals 70 Jahre alt und nannte sich Rentier und Privatier.

Nach 32 Jahren Ehe wurde Julian am 12. März 1930 durch den Tod seiner Ehefrau Ida Clavier mit 85 Jahren abermals Witwer. Vermutlich suchte er sich in den 30er Jahren eine kleinere Wohnung. Wann genau er in die Nassauische Str. 54/55 gezogen ist, konnte nicht recherchiert werden, da sein Name nach 1930 in den Berliner Adressbüchern nicht mehr zu finden war.

Sein jüngster Bruder Louis zog 1933 mit seiner Ehefrau und Sohn Alfred in eine Drei-Zimmer-Wohnung in die Holsteinische Straße 2, vermutlich zog Julian daraufhin um die Ecke in die Nassauische Straße 54/55.

Sein Bruder Louis und dessen Frau starben 1938 kurz hintereinander. Ein Jahr später starb auch sein Bruder Josef mit 86 Jahren. Um Julian wurde es stiller. Sein Sohn flüchtete nach Kapstadt in Südafrika. Seine Neffen Hans und Alfred Clavier, die Söhne seines jüngsten Bruders Louis, wohnten weiterhin in seiner Nähe in der Holsteinischen Str. 2. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war er in der Nassauische Straße 54/55 gemeldet. Danach wohnte er zur Untermiete bei Dr. Max Meyer in der Passauer Str. 8/9.

Von hier aus schrieb er seinem Sohn in Südafrika zum letzten Mal.

Im Oktober 1942 holte ihn die Gestapo ab und brachte ihn zwangsweise in das sogenannte „Siechenheim“ in die Elsässer Straße 85 (heute Torstraße 146) in Berlin-Mitte. Hier war bis zur NS-Zwangsauflösung 1941 der Standort des orthodox-jüdischen Krankenhauses der Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel. In seiner Vermögenserklärung, die Julian Clavier vor seiner Deportation am 9. Januar 1943 ausfüllen musste, gab er an, dass er für monatlich 50 RM im „Hospital“ wohne.

Die Zustellungsurkunde wurde ihm am 25. Januar 1943 im Sammellager in der Gerlacherstr. 21 übergeben. Von hier aus transportierte ihn die Gestapo am 28. Januar 1943 mit dem 87. Alterstransport in das Ghetto Theresienstadt. Nach nur zwei Tagen starb Julian Clavier am 30. Januar 1943 mit 97 Jahren.

Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung,
Reg.36A (II) 5812 Julian Clavier

Stolperstein für Jenny Helmrich

Stolperstein für Jenny Helmrich

HIER WOHNTE
JENNY HELMRICH
GEB. TURBINSKI
JG. 1896
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Jenny Helmrich wurde als Jenny Tobinsky am 31. Juli 1896 in Königsberg (Kaliningrad), Ostpreußen geboren. Der Name Tobinsky wurde auf dem Stolperstein fälschlicherweise als Turbinski angegeben. Ihr Vater war der Handelsmann Eugen Tobinsky und ihre Mutter hieß Bertha Tobinsky geborene Silberstein. Drei Brüder waren vor ihr geboren: Simon (*30. September 1888) war acht und Karl (*1894) zwei Jahre älter als sie. Heymann (*1891) starb schon mit eineinhalb Jahren. Nach Jenny wurden noch Jacob (*22. März 1899), Lina (*12. Februar 1901) und Martha (*31. Mai 1904) geboren.

1904 wanderte ihr Bruder Simon als 16-jähriger nach Kanada aus, ihr Bruder Karl 1918 nach Amerika. Ihr Bruder Jacob heiratete am 7. Mai 1920 Anna Margarethe Emilie Gilbrich (*15. Januar 1899) in Berlin-Weißensee. Auch Jenny und ihre Schwester Lina gingen nach Berlin.

Wann und wo Jenny ihren späteren Ehemann, den aus Mühlhausen (Thüringen) stammenden Kaufmann Franz Hermann Konstantin Helmrich (*3. April 1895), kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am 23. Dezember 1924 in Berlin. Trauzeugen waren der Verlagsbuchhändler Elias Spiro (*1865) und seine Ehefrau Alice Spiro geborene Saling (*1870). Jenny wohnte bei ihnen in der Sybelstraße 58 in Berlin-Charlottenburg, was vermuten lässt, dass sie bei ihnen in der Verlagsbuchhandlung oder im Haushalt gearbeitet hat.

Nach 13 Jahren wurde die Ehe von Jenny und Franz Helmrich am 25. April 1938 geschieden. Ab dem 1. Januar 1939 musste sie den Zwangsnamen „Sara“ als offiziellen Namensteil annehmen. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnte Jenny Helmrich in der Nassauischen Straße 54/55. Ihre Schwester Lina arbeitete im Altersheim der Jüdischen Gemeinde in der Berkaer Straße 32-35 in Berlin-Schmargendorf. Ihr gelang am 8. Juli 1939 noch rechtzeitig die Flucht nach Großbritannien. Ihre jüngste Schwester Martha war bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 in der Heil-und Pflegeanstalt Tapiau in Ostpreußen (Gwardeisk, Russland) gemeldet. Ob sie dort arbeitete oder Patientin war, konnte nicht recherchiert werden.

Seit 1941 war Jenny Helmrich zur Zwangsarbeit als Werkstattschreiberin bei den Norddeutschen Kabelwerken in Berlin-Neukölln verpflichtet. Die Wohnung in der Nassauischen Straße 54/55 wurde ihr gekündigt. Zwangsweise wies ihr die Wohnungsberatungsstelle der jüdischen Gemeinde in Berlin ein möbliertes Zimmer zur Untermiete in der Bayreuther Straße 2 bei Kurt „Israel“ Riess zu. Kurt Riess lebte in Mischehe mit seiner „arischen“ Ehefrau Johanette Riess und konnte deshalb weiterhin Hauptmieter der Wohnung sein.

Am 27. Februar 1943 verließ Jenny das Haus ohne zu wissen, dass sie niemals zurückkehren würde. An ihrem Arbeitsplatz wurde sie von der Gestapo im Rahmen der „Fabrikaktion“ festgesetzt und anschließend in ein Sammellager gebracht. Hier unterschrieb sie am 28. Februar 1943 ihre Vermögenserklärung, in der sie als Vermögen 0 RM angab. Mit dem 33. Ostransport wurde sie am 3. März 1943 zusammen mit 1.885 Leidensgenossen und -genossinnen in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet. Jenny Helmrich geborene Tobinsky wurde Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland und starb mit 47 Jahren.

Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung,
Reg.36A (II) 14457 Jenny Helmrich

Stolperstein für Betty Wolff

Stolperstein für Betty Wolff

HIER WOHNTE
BETTY WOLFF
JG. 1885
DEPORTIERT 19.1.1942
RIGA
ERMORDET

Betty Wolff wurde am 12. April 1885 in Preußisch Eylau in Ostpreußen (heute Bagrationowsk, Russland) geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Adolf Wolff (*1846) und seine Ehefrau Johanna Wolff geborene Wolff (*1849). Betty war das jüngste von insgesamt sechs Kindern. Sie hatte zwei Brüder, Jacob (*1868) und Georg (*1876), und drei Schwestern, Edith Fanny (*1877), Lisbeth Rahel (*1879) und Meta Miryam (*1881). Als Betty sechs Jahre alt war, starb ihre Mutter mit 41 Jahren am 17. Mai 1891 in Berlin. 1894 heiratete Adolph Wolff in zweiter Ehe Johanna Wolff geb. Rosenstein (*1851) in Breslau. Betty bekam mit 9 Jahren eine Stiefmutter.

Am 28. Juni 1903 beehrten sich die Eltern, die Verlobung ihrer ältesten Tochter Edith Fanny mit dem aus Königsberg stammenden Jacques Wolff (*5. November 1867) anzuzeigen. Damals wohnten sie in der Barnimstraße 13 in Berlin-Prenzlauer Berg. Am 26. September 1903 fand die Hochzeit statt. Ein Jahr später, am 5. November 1904, heiratete ihre Schwester Lisbeth Rahel den aus Oppeln stammenden Kaufmann Richard Rosenstein (*11. März 1875). Ihre Schwester Meta heiratete am 15. Juli 1909 den aus Breslau stammenden Kaufmann Paul Kassel. Betty blieb ledig. Sie wurde Sekretärin von Beruf.

Ihr Bruder Georg starb 1925, ihre Schwester Lisbeth 1931 und Edith 1936. Ihre Schwester Meta wurde 1935 Witwe. Jacob Wolff, der schon 1888 in die USA ausgewandert war, starb 1938 in New York.

Das Berliner Adressbuch führte Betty seit 1934 in der Nassauischen Straße 54/55 in Berlin-Wilmersdorf. Hier wohnte auch Klara Maria Wolff, die Schwägerin ihrer Schwester Edith, im Gartenhaus im I. Stock links. Bis 1936 war bei Betty der Zusatz „Fräulein“ und von 1937 bis 1939 der Zusatz “Privatsekretärin” angegeben. Ein „T“ zeigte an, dass sie einen Telefonanschluss besaß.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war ihre Schwester Meta noch in der Landshuter Straße 28 in Berlin-Schöneberg gemeldet. Noch 1939 zog sie in eine Vier-Zimmer-Wohnung im II. Stock des Vorderhauses in die Eisenacher Straße 69 in Berlin-Schöneberg. Besitzer des Hauses war Felix „Israel“ Schlesinger. Obwohl das Berliner Adressbuch Betty auch 1940 ein letztes Mal mit dem Zusatz „Fräulein“, aber ohne den Zwangsnamen „Sara“ führte, ist anzunehmen, dass auch sie schon 1939 bei ihrer Schwester Meta eingezogen war.

Anfang Januar 1942 musste sich Betty Wolff in der von den Nationalsozialisten ab 1941 als “Sammellager” missbrauchten Synagoge in der Levetzowstraße 7 einfinden. Am 19. Januar 1942 deportierte die Gestapo die 57-jährige Betty Wolff und 1.008 weitere Berlinerinnen und Berliner mit dem sogenannten “IX. Osttransport” vom Güterbahnhof Grunewald in das Ghetto Riga in Lettland. Sie konnte nicht ahnen, welche menschenverachtenden Lebensbedingungen sie dort erwarteten. Betty Wolff kehrte nicht zurück und wurde am 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Ihre Schwester Meta Kassel geborene Wolff wurde am 14. Dezember 1942 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung,
Reg.36A (II) 18657 Meta Kassel geborene Wolff

Stolperstein für Rosalie Löwenstein

Stolperstein für Rosalie Löwenstein

HIER WOHNTE
ROSALIE LÖWENSTEIN
GEB. LICHTENSTEIN
JG. 1862
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 8.10.1942

Rosalie Löwenstein wurde als Rosalie Marie Lichtenstein am 23. August 1862 in Königsberg, Ostpreußen (Kaliningrad, Russland) geboren. Für ihre Eltern, den aus Dirschau in Pommern stammenden Kaufmann Hermann Lichtenstein (*1822) und seine Ehefrau Henriette geborene Aron (*1839), war sie das dritte von insgesamt vier Kindern. Susanne Marie Friedericke (*16. April 1858) war vier und Paul Jacob (14. April 1859) drei Jahre älter als Rosalie. Ihr jüngster Bruder Walter Conrad kam am 12. März 1868 zur Welt.

Ihre älteste Schwester Susanne heiratete am 29. Oktober 1878 mit 20 Jahren den Professor Dr. phil. Theodor Wichert (*1846). Da ihr Ehemann evangelisch getauft war, ließ auch sie sich vier Jahre später evangelisch taufen.

Wo und wann Rosalie ihren späteren Ehemann, den aus Elbing stammenden Kaufmann Julius Löwenstein (*18. August 1849), kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am
16. Mai 1881 in Königsberg, als Rosalie 18 Jahre alt war. Zwei Jahre später, am 26. Juni 1883, wurde ihr Sohn Robert und am 5. September 1884 ihre Tochter Marie Frieda Julie geboren.

Als ihre Tochter Marie am 15. Juli 1905 den aus Leipzig stammenden Musiker Ludwig Rudolf Wachtel (*16. Juni 1880) in Schöneberg heiratete, war Rosalie Trauzeugin, weil ihr Ehemann zu diesem Zeitpunkt schon verstorben war. Die Berliner Adressbücher führten sie schon seit 1903 als Rentiere in der Kulmbacher Straße 5 in Berlin-Schöneberg. Demnach war sie mit ca. 40 Jahren Witwe geworden.

Rosalies älterer Bruder Paul Jacob starb 1906 mit 47 Jahren. Ihr jüngster Bruder, der Fabrikbesitzer Walter Lichtenstein aus Braunsberg in Ostpreußen (Braniew, Polen), meldete seinen Tod. Als Rosalie 60 Jahre alt war, starb ihre Mutter Henriette Lichtenstein am 20. Januar 1923 mit 83 Jahren in Eberswalde, Barnim.

Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war Rosalie Löwenstein das letzte Mal im Berliner Adressbuch in der Mommsenstraße 64 als Privatiere zu finden. Wann genau sie in die Nassauische Straße 54/55 gezogen ist, konnte nicht recherchiert werden. Sie lebte dort zur Untermiete und war dort auch bei der “Minderheiten-Volkszählung” 1939 gemeldet.

Ihr Sohn Dr. Robert Löwenstein flüchtete mit seiner Frau Eugenie (*1882) und seinem Sohn Werner (*7. März 1911) am 17. März 1939 über London nach Kobe in Japan.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren Rosalies Tochter Marie und ihr Ehemann, der sich mittlerweile auch Rolf Tell nannte, noch in Charlottenburg gemeldet. Ihnen gelang am 29. September 1939 die Flucht nach London in Großbritannien. Damals war Rosalie bereits 77 Jahre alt. Sie blieb allein zurück.

Zwei Jahre später, am 31. Dezember 1941, musste sie aus der Nassauischen Straße 54/55 in die Wittelsbacher Straße 22 umziehen. Bei dem Sanitätsrat Dr. Max Edel und seiner Ehefrau Eva wohnte sie zunächst zwangsweise zwei Monate zur Untermiete. Am 1. März 1942 musste sie erneut umziehen. Ihr wurde ein Zimmer zur Untermiete bei Alfons Schönlak in der Düsseldorfer Straße 70 zugewiesen, für das sie 50 RM zahlen musste. Nachdem die Gestapo Alfons Schönlak am 11. August 1942 nach Theresienstadt deportierte, blieb sie einen Monat allein in der Wohnung, bis auch sie von der Gestapo abgeholt und in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 gebracht wurde. Hier unterschrieb sie am 10. September 1942 ihre Vermögenserklärung. Am 14. September 1942 wurde Rosa Löwenstein zusammen mit über 1.000 Leidensgenossen und -genossinnen nach Theresienstadt deportiert. Dieser „2. große Alterstransport“ bestand mehrheitlich aus älteren Menschen über 65 Jahren aus unterschiedlichen Berliner Stadtteilen, die nicht in Heimen, sondern zuletzt in Wohnungen gelebt hatten.

In Theresienstadt wurde ihr ein Zimmer im Dachboden eines Hauses zugewiesen. Nach ca. einem Monat, am 8. Oktober 1942, starb Rosalie Löwenstein geborene Lichtenstein mit 80 Jahren, laut Todesfallanzeige an Darmkatarrh, aufgrund der unmenschlichen Bedingungen im Ghetto.

Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung,
Reg. 36A (II) 24190 Rosalie Löwenstein

Stolperstein für Ottilie Baer

Stolperstein für Ottilie Baer

HIER WOHNTE
OTTILIE BAER
JG. 1871
DEPORTIERT 4.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 2.12.1942

Ottilie Baer wurde als Odile Baer am 26. November 1871 in Colmar geboren. Colmar war nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges Teil des neugebildeten Deutschen Reiches. Ihr Vater, der aus Gnesen (Gniezno), Posen stammende Kaufmann Max Marcus Baer (*1842), war bei ihrer Geburt 29 Jahre und ihre aus Posen stammende Mutter Ida Baer geborene Schott (*1847) 24 Jahre alt.

Vier Jahre später, am 17. September 1875, kam Ottilies kleine Schwester Lucie in der Berliner Barnimstraße 39 zur Welt, wo die Familie mittlerweile wohnte. Acht Jahre später 1883 kam ihre jüngste Schwester Lea Leoni zur Welt.

Ottilie erlernte den Beruf einer Buchhalterin.

Ihre Schwester Lucie war das einzige der drei Mädchen, das heiratete. Die Ehe mit dem Kaufmann Marcus Max Silberstein, die sie am 10. Juli 1900 schloss, wurde am 15. Juni 1910 wieder geschieden. Keinen Monat später, am 6. Juli 1910, heiratete sie in zweiter Ehe den Kaufmann Josef Otto Holzhauser. Dreißig Jahre später ließ sie auf ihrer Heiratsurkunde vermerken, dass sie am 24. Juni 1940 aus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ausgetreten war. Wie ihr Ehemann gehörte sie nun der katholischen Kirche an.

Ottilie und Lea Leoni, die Bürogehilfin war, lebten weiterhin bei ihren Eltern, die 1916 als Privatiers in der Kaiserallee 170 (heute Bundesallee) wohnten. Im ersten Weltkrieg arbeitete Ottilie bei der Deutschen Bank am Potsdamer Platz. 1925 muss ein sehr belastendes Jahr für Ottilie gewesen sein. Am 3. April 1925 starb zuerst ihre erst 42-jährige Schwester Lea Leoni und ein halbes Jahr später ihre 79-jährige Mutter, die Witwe Ida Baer geborene Schott.

Wann genau Ottilie in die Nassauische Straße 54/55 zog, ist nicht bekannt. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie als Untermieterin bei Klara Maria Wolff (*7. Juni 1866) im Hinterhaus I. Stock links gemeldet. Das Berliner Adressbuch führte Klara Wolff hier seit mindestens 1933 als medizinisch-wissenschaftliche Hilfsarbeiterin. Ottilie bezog eine Reichsversicherungsrente in Höhe von 45,70 RM und zahlte 20 RM für die Miete.

Klara Wolff starb am 26. August 1942 mit 76 Jahren im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße in Berlin an Herzmuskelschwäche. Diese Todesursache wurde auch oft angegeben, um einen Suizid zu vertuschen. Vermutlich wurde Klara Wolff wie auch Ottilie Baer im August aufgerufen, sich für die Deportation “in den Osten” in der Sammelstelle einzufinden.

Am 31. August 1942 unterschrieb Ottilie Baer ihre Vermögenserklärung. Die Zustellungsurkunde wurde ihr am 3. September im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 ausgehändigt. Von dort wurde sie am 4. September nach Theresienstadt deportiert. Aufgrund der unmenschlichen Bedingungen im Ghetto starb Ottilie Baer am 2. Dezember 1942, sechs Tage nach ihrem 71. Geburtstag.

Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung,
Reg.36A (II) 1535, Ottilie Baer

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