Stolperstein Galvanistr. 15

Stolpersteine Galvanistr. 15

Hauseingang Galvanistr. 15, Foto: Bukschat & Flegel

Hauseingang Galvanistr. 15, Foto: Bukschat & Flegel

Der Stolperstein für Pauline Feibusch wurde am 29. März 2008 verlegt.
Der Stolperstein für Max Charmak wurde am 17. April 2012 verlegt.

Stolperstein für Pauline Freibusch

Stolperstein für Pauline Freibusch

HIER WOHNTE
PAULINE FEIBUSCH
JG. 1876
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Pauline Feibusch wurde am 3. Januar 1876 in Triong, einem Gutsort im Kreis Mogilno in der Provinz Posen (Trląg, Polen), geboren. Für ihre Eltern Friedrich Feibusch und Charlotte Feibusch geborene Arndt war sie das zweite von insgesamt drei Kindern. Ihre Schwester Cäcilie (geb. 1871) war fünf Jahre älter als sie. Ihr Bruder Isidor (geb. 18. Juli 1885) war neun Jahre jünger als sie.

Die älteste Schwester Cäcilie heiratete am 5. Juli 1898 den Klempnermeister Isidor Charmak (geb. 1862). Sie wurden Eltern von fünf Söhnen. Felix (geb. 1899), Max (geb. 25. April 1900), Ernst (geb. 1902) und Robert (geb. 1905) wurden in Inowrazlaw in der Provinz Posen (Inowrocław, Polen) geboren.

Als Paulines Vater starb, zogen ihre Mutter, ihr Bruder Isidor und sie selbst zu der Familie ihrer Schwester Cäcilie, die jede helfende Hand gebrauchen konnte. Vermutlich starb ihre Mutter vor 1910, bevor die Familie Charmak und die Geschwister Feibusch nach Berlin zogen, wo Cäcilies jüngster Sohn Ludwig am 12. April 1911 in der Schillerstraße 8 in Charlottenburg zur Welt kam.

Paulines Neffen Felix und Max wurden wie ihr Vater Klempner von Beruf und arbeiteten im Betrieb ihres Vaters in der Schillerstraße 8. Als Paulines Schwager Isidor Charmak 1918 an der „Spanischen Grippe“ starb, zog ihre Schwester Cäcilie mit ihren Söhnen in die Friedbergstraße 39. Isidor und Pauline, die beide ledig blieben, wohnten in der Bismarckstraße 22a.

Der älteste Sohn Felix übernahm den Betrieb des Vaters. 1922 heiratete Felix zum ersten Mal. Sein Onkel, der Sattler Isidor Feibusch, war als Trauzeuge anwesend. Am 31. Januar 1927 heiratete der Elektromonteur Ernst Charmak die Registratorin Lydia Methner. Noch im gleichen Jahr, im August 1927, starb Paulines Schwester Cäcilie mit 56 Jahren. Deren jüngster Sohn Ludwig wurde mit 16 Jahren Vollwaise. Vermutlich kümmerten sich Pauline und Isidor um ihn.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Pauline 57 Jahre alt. Sie wohnte seit 1938 mit Isidor in der Galvanistraße 15. Hier hatte die Rentenempfängerin Pauline Feibusch eine Wohnung im 1. Stock des Vorderhauses gemietet. Ihr jüngerer Bruder Isidor starb dort am 28. September 1938 mit 53 Jahren an Herzschwäche. Zwei Monate später, am 31. Dezember 1938, heiratete Paulines jüngster Neffe, der Schneider Ludwig Charmak, die Hausangestellte Zerlina Kugelmann.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnte Pauline zusammen mit ihren Neffen Max und Ludwig und Ludwigs Ehefrau Zerlina in der Galvanistraße 15.
Ernst Charmak war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in Berlin. Vermutlich flüchtete er mit seiner Familie nach Shanghai. Sie lebten später in den USA.

Am 27. August 1942 musste Pauline ihre Wohnung in der Galvanistraße 15 aufgeben. Es wurde ihr eine 2½-Zimmer-Wohnung in der Kruppstraße 6 in Berlin-Tiergarten zugewiesen. Um die Instandsetzungskosten in der Galvanistraße 15 bezahlen zu können, bat sie die Jüdische Kultusvereinigung um einen Kredit in Höhe von 800 RM, dafür übereignete sie ihre Möbel, die ihr aber leihweise weiter zur Verfügung gestellt wurden. Paulines Haushalt bestand im August 1942 aus fünf Personen: Pauline, ihre Neffen Felix, Max und Ludwig sowie Ludwigs Ehefrau Zerlina, die Zwangsarbeit in der Dampfwäscherei Schneeweiß in der Jungfernheide leistete.

Nur einen Monat nach dem Einzug in die Kruppstraße 6 bekam Pauline die Aufforderung, sich für den Transport in das Altersghetto Theresienstadt bereitzuhalten. Am 29. September 1942 unterschrieb sie ihre Vermögenserklärung. In der Sammelstelle in der Gerlachstraße 19-22 verbrachte sie die Zeit bis zur Deportation am 3. Oktober 1942 vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt. Trotz der unmenschlichen Bedingungen im Ghetto überlebte sie dort fast zwei Jahre. Am 16. Mai 1944 wurde sie weiter nach Auschwitz deportiert. Vermutlich wurde sie kurz nach der Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet. Pauline Feibusch starb mit 68 Jahren.

Auch ihr Neffe Max, der am 28. Juni 1943 nach Auschwitz deportiert wurde, verlor dort sein Leben. Ihr Neffe Robert, der sich vermutlich vor der Gestapo versteckte, starb am 1. Januar 1945 in Berlin, seine Ehefrau Elisabeth Anne Marie Schulz überlebte die Shoa.

Paulines jüngster Neffe Ludwig und seine Ehefrau Zerlina gelang noch sehr spät die Flucht nach Schweden, obwohl die Ausreise aus dem deutschen Reich schon seit Oktober 1941 verboten war. Vermutlich tauchten die beiden nach der „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 unter. Es ist bekannt, dass die Schwedische Kirchengemeinde in der Landhausstraße in Berlin-Wilmersdorf verfolgten Menschen Unterschlupf bot und sie mit Lebensmittelkarten und Papiere versorgte, damit sie flüchten konnten.

Paulines ältester Neffe, der Klempnermeister Felix Charmak, überlebte mit Hilfe seiner späteren zweiten Ehefrau Martha Alisch (geb. 28. Februar 1900) im Versteck. Sie heirateten am 16. Juni 1945 in Berlin-Mitte.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 8830,
  • Pauline Feibusch
Stolperstein Max Charmak, Foto: Bukschat & Flegel

Stolperstein Max Charmak, Foto: Bukschat & Flegel

HIER WOHNTE
MAX CHARMAK
JG. 1900
DEPORTIERT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Max Charmak kam am 25. April 1900 in Inowrazlaw in der Provinz Posen (heute Inowrocław/Polen) als Sohn des jüdischen Klempnermeisters Isidor Charmak (1862–1918) und dessen Ehefrau Caecilie, geb. Feibusch (1871/72–1927) auf die Welt. Die ersten Lebensjahre verbrachte er in seinem Geburtsort am Fluss Netze (Noteć) südöstlich von Bromberg (heute:Bydgoszcz/Polen). Dort und in den kleinen Städten und Dörfern der Umgebung wohnten die Familien Charmak und Feibusch. Max Charmaks Vater stammte aus Labischin (Łabiszyn/Polen), ebenfalls an der Netze gelegen, und hatte dort bereits als Klempner gearbeitet. Und auch die Eltern der Mutter, Friedrich und Charlotte Feibusch, lebten nicht allzu weit entfernt in dem Dorf Trlong (Seehorst). – Verwandte aus beiden Familien sollten später in Berlin leben. Ein besonders enges Verhältnis scheinen Max Charmak und seine Geschwister zu ihrer Tante Pauline Feibusch (*1876) und dem Onkel Isidor Feibusch (*1885) gehabt zu haben.

Zum Zeitpunkt der Geburt von Max Charmak wohnte seine Familie mit der verwitweten Großmutter Charlotte Feibusch in der Heiligegeiststraße in Inowrazlaw. Max Charmak hatte vier Brüder, drei wurden in Inowrazlaw geboren: Felix (*1899), Ernst (*1902) und Robert (*1905).

Einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zog die Familie Charmak nach Berlin. Dort kam der jüngste Bruder Ludwig 1911 zur Welt. Von 1910 bis 1918 lebte die Familie in der Schillerstraße in Charlottenburg. Der Vater von Max Charmak besaß als Klempnermeister einen eigenen Betrieb. In der Schillerstraße Nr. 8/Ecke Grolmanstraße wurde Max Charmak erwachsen. Er wurde ebenfalls Klempner, wie sein älterer Bruder Felix. – Bei wem er seine Lehre absolviert hat, bei wem er angestellt war und ob er später in seinem Beruf tätig war, bleibt bis jetzt unklar.

1918 starb Vater Isidor Charmak an Grippe und Unterernährung. (Die weltweit grassierende „Spanische Grippe“ hatte auch Berlin erreicht.) Er wurde in seiner Heimat Labischin begraben. Seine Witwe zog kurze Zeit später in die Friedbergstraße 39, wiederum in Charlottenburg. Sohn Ludwig war noch ein Kind (Er sollte später Schneider werden.) Die Firma des Vaters übernahm der ältere Bruder Felix Charmak, der 1922 eine erste Ehe schloss und nicht mehr in Charlottenburg lebte.

Max Charmak blieb ohne Meisterabschluss und ledig. Er wohnte, wie seine Brüder Ernst (von Beruf Elektromonteur) und Robert (ein Automobilschlosser), bei der Mutter in der Friedbergstraße. Im Januar 1927 heiratete Bruder Ernst und zog aus. Anfang August 1927 starb die Mutter. Max Charmak teilte sich für kurze Zeit die Wohnung in der Friedbergstraße mit seinem Bruder Robert. Dann trennten sich ihre Wege: Max Charmak zog in die Pascalstraße im Charlottenburger „Spreebogen“, sein Bruder, der 1933 heiratete, in die Galvanistraße 15 auf der anderen Seite der Spree.

In die Galvanistraße 15 waren auch Tante Pauline Feibusch und Onkel Isidor Feibusch gezogen. Beide waren unverheiratet geblieben.

Die Wohnung in der Galvanistraße wurde während der NS-Diktatur zu einem letzten „sicheren Ort“ für die Verwandten. Hier wohnten außer Robert und seiner Ehefrau zeitweise auch Ludwig Charmak mit seiner Ehefrau, ebenso Max Charmak. Onkel Isidor Feibusch starb dort 1938. – Der Bruder Ernst Charmak war emigriert.

Die Kruppstraße 6 im Bezirk Tiergarten wurde die letzte Anschrift für Max Charmak und seine Tante Pauline Feibusch. (Das Mietshaus gehörte Julius Rosner, dem jüdischen Besitzer eines Kaufhauses in Schwedt, der 1938 nach Berlin in sein Mietshaus gezogen war. Er, seine Ehefrau und die beiden erwachsenen Töchter wurden deportiert und ermordet. In Schwedt erinnern vier Stolpersteine an die Familie.) Die Tante Pauline Feibusch wurde am 3. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und verlor dort ihr Leben.

Als „Illegaler“ kam der älteste Bruder Felix Charmak in die Kruppstraße 6. Er war bis 1933 SPD-Mitglied gewesen und hatte viele Jahre im heutigen Berliner Stadtteil Friedrichshain einen Klempnerbetrieb besessen. Seit 1931 geschieden, war er wegen „Rassenschande“ mit seiner späteren zweiten Ehefrau in Gestapohaft gewesen, hatte 1940 seine Firma verloren und war 1941 in die Illegalität gegangen, denunziert worden und 1943 aus der Gestapohaft geflohen.

Max Charmak wurde am 28. Juni 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert. 314 Menschen wurden mit diesem „39. Osttransport“ in das Vernichtungslager verschleppt. 117 Männer und 93 Frauen wurden als Arbeitssklaven in das Lager „selektiert“, die anderen wurden sofort ermordet. Max Charmak hat Auschwitz nicht überlebt. Er ist zum 1. Januar 1944 für tot erklärt worden. (Von seinem Leben wissen wir noch viel zu wenig.)

Sein Bruder Robert Charmak starb am 1. Januar 1945 in Berlin. Felix, Ernst und Ludwig Charmak überlebten die NS-Diktatur.

Quellen:

Adresse

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