Spandauer Damm 62 (früher Spandauer Straße 19)

Hauseingang Spandauer Damm 62

Hauseingang Spandauer Damm 62

Der Stolperstein für Flora Weger wurde am 11. Dezember 2007 verlegt.

Stolperstein für Flora Weger

Stolperstein für Flora Weger

HIER WOHNTE
FLORA WEGER
GEB. HIRSCHBERG
JG. 1864
DEPORTIERT 4.8.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 6.2.1944

Flora Rahel Martha Hirschberg ist am 18. Oktober 1864 in Königsberg/Ostpreußen (heute Kaliningrad) geboren worden. Ihr Vater Moritz Hirschberg betrieb eine „Saffian-, Leder- und Leimfabrik“ in Hinter-Tragheim 34, die Wohnadresse war Hinter-Tragheim 27a. Die Mutter Bertha war eine geborene Theodor. Flora hatte vier ältere Brüder, Louis, 1857 geboren, Ernst, Jahrgang 1859, Paul (*1860) und Robert (*1862). Am bekanntesten wurde Ernst, er sollte später Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Berlin werden.

Kurz vor oder nach Floras Geburt starb ihr Vater, im Königsberger Adressbuch 1865 ist ihre Mutter Bertha bereits als Witwe eingetragen. Flora wuchs also in Königsberg auf und lebte dort bis mindestens Mitte der 80er-Jahre. Nach 1887 ging ihre Mutter nach Berlin, vermutlich zu ihrem Sohn Ernst, und Flora mit ihr. Ernst hatte 1883 in Königsberg promoviert und war dann in die Hauptstadt gegangen.
Am 26. Juli 1890 heiratete Flora den promovierten Chemiker Felix Viktor Heinrich Weger in Berlin. Zu dem Zeitpunkt wohnte sie bei ihrem Bruder Ernst in der Alvenslebener Straße 8a. Felix Weger war der gleiche Jahrgang wie Ernst Hirschberg und auch aus Königsberg stammend. Man kann annehmen, dass Flora und Felix sich schon in Königsberg kennengelernt hatten. Für die Heiratsurkunde konnte Flora einen Taufschein vorweisen und ist mit evangelischer Religion eingetragen, vermutlich wurde sie schon als Kind getauft. Felix‘ Religion war evangelisch-reformiert, möglicherweise hatte er keine jüdischen Vorfahren.

Das Paar zog in eine Wohnung im 3. Stock am Luisen-Ufer 13. Felix Weger war Inhaber einer Fabrik für chemisch technische Präparate im Parterre desselben Hauses, registriert unter dem Namen eines Vorbesitzers, J.H. Fehr. Im November 1893 bekamen sie einen Sohn, den sie Otto Paul Hermann nannten, Hermann sollte der Rufname werden. Ein zweiter Sohn, Hans Jakob Lorentz, kam am 17. Mai 1898 zur Welt.

1903 wurde ein schweres Schicksalsjahr für Flora. Am 17. Mai starb ihr Mann Felix Weger im Alter von nur 43 Jahren. Die 39-jährige Flora blieb mit zwei Kindern und der Verantwortung für die Fabrik zurück. Am 23. Oktober desselben Jahres kam der zweite schwere Schlag: mit nur 5 Jahren starb der Sohn Hans Jakob. Ein Jahr später zog sie mit Hermann, in die Goethestraße 69. Ins Adressbuch ließ sie sich – wie damals oft üblich – mit dem akademischen Titel ihres Mannes eintragen: Weger, Flora geb. Hirschberg vw. [verwitwete] Dr. phil. Die Fabrik führte sie mit Hilfe ihres Sohnes, verkaufte sie aber bald. Stattdessen richtete sie in der Goethestraße ein Pensionat ein.

Auch den zweiten Sohn sollte sie verlieren. Hermann zog als Fliegeroffizier in den Ersten Weltkrieg und fiel am 30. Juli 1918. Das Pensionat hatte Flora inzwischen aufgegeben und wohnte ab 1916 in der Berchtesgadener Straße 33 im Bayerischen Viertel in Schöneberg. 1927 zog sie ins das Wilhelm-Stift, ein 1867 eingeweihtes Heim, in dem mehr als 160 ältere begüterte Damen ihren Lebensabend verbringen konnten. Im Berliner Adressbuch ließ sie jetzt eintragen: Weger Flora, Stiftsdame, Charlottenbg, Spandauer Straße 19. (heute Spandauer Damm 62). Sie bewohnte dort 1,5 Zimmer und Küche. Der Aufenthalt kostete ein Eintrittsgeld – für Flora 900.-RM – , dafür konnten die Stiftsdamen, unter ihnen waren viele adelige und Beamtenwitwen, hier mietfrei wohnen. Noch heute besteht das Wilhelm-Stift als Seniorendomizil.

Im Juli 1943 musste Flora Weger die 16-seitige „Vermögenserklärung“ ausfüllen, Vorbote der Deportation. Dass sie evangelisch getauft war, nützte ihr nichts. In der Erklärung gab die 78-Jährige unter „Beruf“ an: „Soziale Arbeit, Inspizientin“. Offenbar hatte sie innerhalb des Stifts Aufgaben übernommen. Die Erklärung ist am 26. Juli unterschrieben, vielleicht befand sich Flora da schon in dem von der Gestapo zum Sammellager umfunktionierten jüdischen Altersheim in der Großen Hamburger Straße 26. Mit Sicherheit war sie dort zwei Tage vor ihrer Deportation nach Theresienstadt mit 69 anderen Menschen am 4. August 1943. Die dortigen katastrophalen Lebensbedingungen des offiziell und zynischerweise als „Altersghetto“ für einen ruhigen Altersabend gepriesenen Lagers überlebte Flora Weger ein halbes Jahr. Überbelegung, Kälte, Hunger und Krankheiten, daran sollten nach Willen der Nazis die Menschen im Ghetto zerbrechen. Am 6. Februar 1944 erlag auch Flora Weger diesen Lebensumständen.

Flora Wegers Besitz wurde von der Oberfinanzdirektion vereinnahmt. Obwohl Flora in der Vermögenserklärung angegeben hatte, dass die Wohnungseinrichtung als Besitz des Stiftes „notariell festgelegt“ sei, wurde ihr Wert geschätzt und ein (ausgebombter) Pastor Eger zahlte 799.- RM dafür und noch 387.- dazu für zwei Bilder, die getrennt versteigert wurden. Ein Sparkassenguthaben Floras und den Rückkaufwert ihrer Feuerbestattungsversicherung ließ sich die Oberfinanzdirektion ebenfalls überweisen. Im Ganzen kassierte sie 1822,11 RM.

Floras Brüder Ernst und Ludwig starben schon 1906 bzw. 1920. Ernsts Sohn Paul fiel – wie Hermann – im Ersten Weltkrieg, die Tochter Gertrud (verheiratete Münz) überlebte zwar die Nazizeit, sie und ihr Mann Erwin Münz starben aber bald nach Kriegsende in Königsberg in „den Nachkriegswirren“, wie es in einer Todesanzeige heißt. Ludwigs Töchter hingegen fielen – außer Paula – der Shoa zum Opfer: Else und Margot wurden in Auschwitz ermordet, Bertha in Theresienstadt – kurz bevor Flora im Ghetto eintraf. Paula starb1939 in Leipzig. Für die drei ermordeten Schwestern liegen Stolpersteine in Rostock, für Else Hirschberg außerdem einer in Hamburg. Über Floras Brüder Paul und Robert war wenig herauszufinden. Paul blieb ledig und starb bereits 1888, Robert zu einem nicht bekannten Zeitpunkt nach 1920. Es ist nicht bekannt, ob er Kinder hatte.

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995;
Adressbücher Königsberg;
Berliner Adressbücher;
Landesarchiv Berlin über Ancestry;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion;
Arolsen Archives;
Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/);
Hinweise von Rainer Münz zur Familie Hirschberg: https://www.qualifiedgenealogists.org/ojs/index.php/JGFH/article/view/31/23 ;
Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

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