Stolpersteine Mommsenstr. 6

Hauseingang Mommsenstr. 6, Foto: H-J. Hupka, 2014

Hauseingang Mommsenstr. 6.

Der Stolperstein zum Gedenken an Clara Lehmann wurde am 11. Dezember 2007 verlegt.

Die anderen fünf wurden am 24. April 2014 verlegt, Spender waren die Wohnungseigentümergemeinschaft und das Immobilien Management Dr. Hintze.

Weitere 14 Stolpersteine wurden am 20. Mai 2022 verlegt und von der Hausgemeinschaft gespendet.

Das 1903 erbaute Bürgerhaus mit Innengarten an der Mommsenstraße 6 ist von dem Baumeister Albert Gessner entworfen worden. Eigentümerin war Ende der 1930er/Anfang 1940er Jahre die Allianz und Stuttgarter Lebensversicherungs-Bank.

Details zum Haus und den Lebenswegen aller Bewohner und Bewohnerinnen – sowohl der jüdischen Opfer der Nazidiktatur als auch der Täter und Mitläufer – finden sich in:
Wolf-Rüdiger Baumann, Claudia Saam. Ein Haus schreibt Geschichte – Berlin, Mommsenstraße 6, Transit-Verlag, 2024

Stolperstein Clara Lehmann

Stolperstein Clara Lehmann

HIER WOHNTE
CLARA LEHMANN
GEB. MEYER
JG. 1865
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
TREBLINKA

Clara Lehmann wurde als Clara Meyer am 24. Mai 1865 in Oerlinghausen (Lippe) als Tochter von Lina Meyer, geb. Hirschfeld, und des Leinenfabrikanten Abraham Meyer-Sternberg geboren. Ihre jüngere Schwester Selma kam am 7. Mai 1868 zur Welt. 1890 zog die Familie nach Bielefeld um.

1890 heiratete Clara in Brüssel Jules Lehmann, doch wurde die Ehe nach drei Jahren geschieden. 1911 zog sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Selma Wechsler in die Mommsenstraße 6, Vorderhaus, II. Stock rechts. Sie lebte also 30 Jahre in diesem Haus bevor die Nationalsozialisten sie von hier vertrieben. Nach dem Tod ihrer Mutter ist sie ab 1926 im Berliner Adressbuch erstmals als Hauptmieterin nachweisbar. Ihre Mutter war also in einem der Jahre davor gestorben. Obwohl die Schwestern bereits 1909 zum evangelischen Glauben konvertiert und aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten waren, was auf der “Kennkarte” korrekt vermerkt ist, wurden sie als jüdisch gekennzeichnet. Am 16. Juni 1942 mussten sie aus der großzügigen 5-Zimmer-Wohnung zwangsweise in die Leistikowstraße 2 in ein sogenanntes „Judenhaus” einziehen. Dort teilten sie sich ein spärlich möbliertes Zimmer, für 50 RM Miete monatlich.

Claras Schwester Selma hatte mit ihrem Mann Theodor Wechsler zeitweilig in Argentinien gelebt und besaß die argentinische Staatsbürgerschaft. Sie tauchte 1942 unter, wurde aber im Januar 1944 entdeckt, als sogenannte “Austauschjüdin” kategorisiert und in einem Transitlager in Berlin, später in einem DP-Lager in Liebenau, Baden-Württemberg interniert. Sie konnte überleben.

Clara Lehmann hingegen musste sich in dem von den Nationalsozialisten ab 1942 als “Sammelstelle” missbrauchten Gemeindehaus der Gemeinde Adass Jisroel in der Artilleriestraße 31 einfinden. Ihre “Vermögenserklärung”, die sie vor der Deportation auszufüllen hatte, weist eine nicht unerhebliche Summe, u.a. die Erbschaft von ihrem Vater, aus. Die “Zustellungsurkunde”, mit der die Einziehung aller Werte “zugunsten des Deutschen Reiches” verfügt wurde, konnte die Gestapo ihr nicht mehr aushändigen, da sie “abgewandert” bzw. “evakuiert” sei. Mit diesen Worten wurde der Abtransport in den Tod verschleiert.

Clara Lehmann wurde am 17. August 1942 mit dem sogenannten “1. Großen
Alterstransport” nach Theresienstadt deportiert. Am 21. September 1942 wurde sie in das Vernichtungslager Treblinka weiterverschleppt und dort sofort nach ihrer Ankunft ermordet.

Recherche und Text: Helmut Lölhöffel (†), ergänzt von Gisela Morel-Tiemann

Quellen:
  • Volkszählung vom 17.5.1939
  • Gedenkbuch des Bundesarchivs
  • Deportationsliste: GAT1-32.jpg (1285×880) Nr. 739
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA) Akte Nr. 35 A (II) 21566
  • Vernichtungslager Treblinka – Wikipedia
Stolperstein Selma Wechsler

Stolperstein Selma Wechsler

HIER WOHNTE
SELMA WECHSLER
GEB. MEYER
JG. 1868
SEIT 1942
VERSTECKT GELEBT
INTERNIERT NOV. 1944
LAGER LIEBENAU
ÜBERLEBT

Selma Wechsler, genannt Sidy, wurde am 7. Mai 1868 als zweite Tochter von Lina Meyer, geb. Hirschfeld und des Leinenfabrikanten Abraham Meyer-Sternberg in Oerlinghausen (Lippe, Westfalen) geboren. 1890 zog die Familie nach Bielefeld um. Selma genoss eine private Schulbildung und blieb auch nach dem Abschluss auf Gymnasialniveau ohne weitere berufliche Ausbildung bei ihren Eltern.

1897 heiratete sie den aus Rumänien stammenden Arzt und Linguisten Dr. Theophil Wechsler. Sie lebte mit ihm einige Jahre in Argentinien. Nach der Trennung von ihm zog Selma 1911 mit ihrer Mutter und der drei Jahre älteren und geschiedenen Schwester Clara Lehmann in die Mommsenstraße 6, Vorderhaus, II. Stock rechts. Sie lebte also 30 Jahre in diesem Haus, bevor die Nationalsozialisten sie von hier vertrieben.

Bei der Volkszählung von 1939 wurde die Familie als jüdisch gekennzeichnet, obwohl die Schwestern bereits 1909 zum evangelischen Glauben konvertiert und aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten waren. Als Hauptmieterin war Lina Meyer eingetragen, nach ihrem Tod ab 1926 Selmas Schwester Clara. Eine Nichte hat ihre Tanten Selma Wechsler und Clara Lehmann in der Mommsenstraße 6 besucht. Sie erinnerte sich später an den „Judenstern“, der neben der Wohnungstür angebracht worden war.

"Fiche individuelle" Wechsler, Selma. Dokument 69671204

Im Juni 1942 wurden die Schwestern zwangsweise in die Leistikowstraße 2 in ein sogenanntes „Judenhaus” umgesiedelt. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Clara, die am 17. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, einen Monat später nach Treblinka weiterverschleppt und dort ermordet wurde, konnte Selma Wechsler überleben. Sie war eine gebildete polyglotte Frau und besaß aufgrund ihres zeitweiligen Lebens in Buenos Aires die argentinische Staatsbürgerschaft. So war sie vor der unmittelbaren Deportation geschützt.

Zunächst tauchte Selma Wechsler 1942 unter. Wie und wo sie von 1942 bis 1944 versteckt lebte, ist nicht bekannt. Ihrem Lebenslauf ist zu entnehmen, dass sie ab Januar 1944 in einem Transitlager in Berlin interniert war. Nähere Angaben hat sie nicht gemacht. Wir wissen nicht, wie viele Transitlager es in Berlin zur Internierung deutscher Juden und Jüdinnen mit ausländischem Pass gab. Ab November 1944 war sie als „Austauschjüdin“ im Lager Liebenau in Württemberg interniert und ab Juli 1945 schließlich als sog. “Displaced Person” im D.P. Camp Jordanbad, nahe Biberach/Riss, in der französischen Zone, bestimmt für Juden mit deutschen und österreichischen Wurzeln, die im Besitz von Pässen oder sogenannten “Promesas” von südamerikanischen Staaten waren. Dort war sie als Witwe registriert.
ITS Arolsen, Dokument 69671204

Um 1950 wurde Selma Wechsler in einem streng katholisch geführten Caritas-Heim für behinderte und unheilbar kranke Menschen in Wolfegg bei Ravensburg untergebracht. Dagegen protestierte sie vehement und forderte, in einem ihrem sozialen Status angemessenen Altersheim aufgenommen zu werden, zumal sie evangelisch und weder physisch noch intellektuell eingeschränkt sei. Über verschiedene weitere Stationen konnte sie schließlich eine Wohnung der Diakonie in der Cronstettenstraße 57 in Frankfurt am Main beziehen, die ihre Großnichte, die Pfarrerin Dietgard Meyer, für sie organisieren konnte. Sie starb am 21. April 1961 in dieser Wohnung.

Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam

Quellen:
  • Baumann/Saam: Ein Haus schreibt Geschichte. Berlin Mommsenstraße 6. Transit Verlag, 2024
  • Barch, Residentenliste, Barch R 1509 VZ, Ergänzungskarten, Beleg 27939
  • BLHA, OFP /II), Bestand Rep. 36 A, Akte Nr. 21566
  • LABO Berlin, BEG-Akte Reg.-Nr. 29 418
  • Volkszählung vom 17.5.1939
  • Gedenkbuch des Bundesarchivs
  • ITS Arolsen: Akte Selma Wechsler: DocID: 79905476 (SELMA WECHSLER)
  • Vorzugsjude – Wikipedia
Stolperstein Abraham Isaacsohn, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Abraham Isaacsohn

HIER WOHNTE
ABRAHAM
ISAACSON
JG.1866
DEPORTIERT 17.08.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 25.9.1942

Abraham Isaacsohn wurde am 30. Oktober 1866 in Brietzig (Pommern) geboren. Mindestens seit 1930 wohnte er mit seiner Frau Anna Isaacsohn geb. Ranschoff in der Mommsenstraße 6, in den Adressbüchern war Isaacsohn zeitweise als Rechtsanwalt und Notar, zeitweise als Justizrat eingetragen. Bevor das Ehepaar am 17. August 1942 zum Deportationsbahnhof Grunewald getrieben wurde, mussten sie sich im Sammellager an der Großen Hamburger Straße registrieren lassen und wurden dann mit 1003 Menschen nach Theresienstadt gefahren. Am 25. September 1942 ist er dort umgebracht worden, im Todesdokument heißt es, er sei an „Altersschwäche und Herzschwäche“ gestorben. In Wahrheit waren es sicherlich die entsetzlichen medizinischen und hygienischen Zustände im Ghetto, die der 75jährige nicht überlebte.

Stolperstein Anna Fanny Isaacsohn, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Anna Fanny Isaacsohn

HIER WOHNTE
ANNA FANNY
ISAACSOHN
GEB.RANSCHOFF
JG.1875
DEPORTIERT 17.08.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 6.11.1942

Anna Fanny Isaacsohn geb.Ranschoff ist am 4. Dezember 1875 in Hannover geboren. Mit ihrem Mann Abraham lebte sie seit mindestens 1930 in dem prächtigen Wohnhaus an der Mommsenstraße 6. Vom Sammellager Große Hamburger Straße, einem ehemaligen jüdischen Altersheim, wurden sie und ihr Mann am 17. August 1942 vom Bahnhof Grunewald mit 1003 Menschen nach Theresienstadt deportiert. Am 6. November 1942 ist sie dort umgekommen – elf Tage nach ihrem neun Jahre älteren Ehemann.

Stolperstein Margarete Bayer, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Margarete Bayer

HIER WOHNTE
MARGARETE BAYER
JG. 1878
DEPORTIERT 1941
MINSK
ERMORDET

Margarete Bayer wurde am 18. Juli 1878 in Krotoschin (Krotoszyn/Polen) geboren. In der Mommsenstraße 6 war sie Untermieterin des Ehepaares Abraham und Anna Isaacsohn. Sie wurde 1941 ins Ghetto Minsk deportiert – mit welchem Zug, ist nicht einwandfrei rekonstruierbar, das Bundesarchiv und die Yadvashem-Opferdatei machen hierzu keine Angabe. In Minsk ist sie jedenfalls sicherlich bald nach ihrer Ankunft ermordet worden.

Stolperstein Antonie Bie

Stolperstein Antonie Bie

HIER WOHNTE
ANTONIE BIE
GEB. HERRNSTADT
JG. 1875
DEPORTIERT 30.7.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Antonie Bie, genannt Toni, kam am 31. August 1875 als Tochter des Kaufmanns Fabian Herrnstadt und seiner Ehefrau Anna, geb. Jacobi, in Hirschberg i. Riesengebirge (heute: Jelenia Góra) zur Welt. Über ihre Ausbildung ist nichts überliefert.

Sie war in erster Ehe mit dem Zahnarzt Georg Milchner verheiratet und hatte mit ihm den Sohn Rudolf Milchner. Nach dem Tod ihres Ehemannes heiratete sie am 8. Januar 1936 in zweiter Ehe den ebenfalls verwitweten Musik- und Kunstkritiker sowie Schriftsteller Oscar Bie, langjähriger Herausgeber der Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“. Mit seiner ersten Ehefrau Margarete (Grete) Bie, geb. Guttmann, die ebenfalls aus Hirschberg stammte und mit der er seit 1890 verheiratet war, war Bie 1910 in die Mommsenstraße 6 gezogen, wo sie in der I. Etage des Gartenhauses wohnten.

Zwei Tage nach dem Tod ihres Mannes – das Ehepaar wohnte nun in der Charlottenburger Straße 6 in Schmargendorf – schrieb Toni am 21. April 1938 an Gerhart Hauptmann: „Sehr geehrter Herr Doktor, ich habe die traurige Pflicht, Sie vom Ableben meines guten Mannes in Kenntnis zu setzen. Sein Ende war für ihn eine Erlösung von schwerem Leiden. Ihre Toni Bie“.

Am 30. Juli 1942 wurde Antonie Bie mit dem sogenannten „33. Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert. Aus der Transportliste geht hervor, dass sie zuletzt zwangsweise in der Knesebeckstraße 86 wohnte. Ihr Sohn aus erster Ehe, Rudolf Milchner, der nach Campinas, Staat Sao Paulo, Brasilien, emigriert war, verfügte 1952, dass von den aufgrund des Entschädigungsantrages zur Auszahlung kommenden Beträgen 1.000 DM an die verwitwete Frau Irene Lebbin, geb. Jahn, Berlin, Uhlandstraße 28 abzutreten seien, mit folgender Begründung: „Frau Lebbin [hat] in der Zeit der Hitler-Herrschaft meine damals in Deutschland lebende Mutter, Antonie Bie, die Volljüdin war, mit Hilfeleistungen, Lebensmitteln und in sonstiger Weise unterstützt […], sie im übrigen bis zu dem Zeitpunkt, wo sie von der Gestapo abgeholt wurde, betreut und sich ihrer angenommen“.

Nur wenige Wochen blieb Antonie Bie in Theresienstadt. Am 26. September 1942 wurde sie in das Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo sich ihre Lebensspur verliert. Sie wurde für tot erklärt und als Todesdatum der 31. Dezember 1942 festgelegt

Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam

Quellen:
  • Baumann/Saam: Ein Haus schreibt Geschichte. Berlin Mommsenstraße 6. Transit Verlag, 2024
  • Barch, Residentenliste
  • StaBi Berlin, Handschriftenabteilung, Nachl. Gerhart Hauptmann, Sign. GH Br NL A: Bie, Antonie
  • Transportliste, 33. Alterstransport vom 30.7.1942
  • Entschädigungsbehörde in Berlin
Stolperstein Henny Lappe

Stolperstein Henny Lappe

HIER WOHNTE
HENNY LAPPE
GEB. TAUSK
JG. 1885
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
MASSENERSCHIESSUNG
30.11. 1941
RIGA-RUMBULA

Henny Lappe kam als Tochter des Ehepaares Tausk am 28. Juli 1885 in Berlin zur Welt. Sie heiratete Georg Lappe. 1912 zog das Ehepaar in das Haus Mommsenstraße 6. Ihr Mann nahm sich an Hennys Geburtstag 1926 in der gemeinsamen Wohnung das Leben.

Stolperstein Henry Lappe

Stolperstein Henry Lappe

HIER WOHNTE
HENRY LAPPE
JG. 1929
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
MASSENERSCHIESSUNG
30.11. 1941
RIGA-RUMBULA

Henry Lappe wurde am 17. November 1929 in Nizza geboren. Über den Vater gibt es keine Informationen. Henny Lappe kam mit ihrem Sohn zurück nach Berlin, wo er 1936 in der Joseph-Lehmann-Schule der Jüdischen Reformgemeinde in der Joachimsthaler Straße 13 eingeschult wurde. Auf der Karteikarte der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ ist der November 1941 als „Tag des Austritts“ aus der Schule vermerkt. Unter der Rubrik „Neue Schule“ steht darunter, dick mit Rotstift unterstrichen: „abgewandert!“. Henry war bei seiner Deportation erst 11 Jahre alt.

Henny Lappe und ihr Sohn Henry wurden vermutlich Anfang 1939 zwangsweise von den Nazis in eine sog. „Judenwohnung” in die Bennigsenstraße 17 in Berlin-Schöneberg „umgesiedelt”, von wo aus sie gemeinsam am 27. November 1941 mit dem Zug DA 31, dem sog. „7. Osttransport“, vom Güterbahnhof Grunewald aus zunächst Richtung Minsk deportiert wurden. Da das Ghetto Minsk überfüllt war, wurde der Zug nach Riga umgeleitet.

Das Ghetto Riga war ebenfalls vollkommen überfüllt, sodass „Reichsführer SS” Heinrich Himmler befahl „Platz zu schaffen”. Am 30. November 1941, dem sog. „Rigaer Blutsonntag”, wurden ca. 15.000 dort eingepferchte einheimische Juden und Jüdinnen in den umliegenden Wäldern in ausgehobenen Gruben von SS-Männern, 300 deutschen Polizeikräften und 500 lettischen Hilfspolizisten erschossen.

Dennoch wurden die aus Deutschland mit diesem Transport nach Riga Deportierten nicht in das Ghetto gebracht. Direkt nach der Ankunft des Zuges am 30. November 1941 auf dem Rangierbahnhof Šķirotava am südlichen Stadtrand von Riga wurden sie in den Wald von Rumbula, ein Kiefernwäldchen im gleichnamigen Stadtteil, getrieben und erschossen. Nicht einer der mit diesem Transport deportierten 1053 Menschen überlebte.

Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam

Quellen:
  • Gedenkbuch des Bundesarchivs
  • Berliner Gedenkbuch
  • Alfred Gottwald, Diana Schulte: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, eine kommentierte Chronologie. marixverlag, Wiesbaden 2005
Stolperstein Samuel Neumann

Stolperstein Samuel Neumann

HIER WOHNTE
SAMUEL NEUMANN
JG. 1864
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
TOT 16.11.1942

Samuel Neumann wurde am 16. Januar 1864 in Schlochau in Pommern (heute Człuchów in der Woiwodschaft Pommern, Województwo Pomorskie) geboren. Seine Frau Anna, geb. Rosenberg, war früh verstorben. Er war Börsenmakler und betrieb in der Mommsenstraße 67 ein 1905 gegründetes Bankkommissionsgeschäft, das er 1933 übernommen hatte.

Samuel Neumann
Bankkommissionsgeschäft (Banken und Versicherungen)
Gegründet 1905 , Übernahme 1933 , Liq.: 1938
Mommsenstrasse 67 (Charlottenburg)

Bereits 1933 sagte der Börsendirektor einer Bank zu Samuel Neumann: „Nur noch hinter einer Säule des Börsensaales“ möchte er mit ihm sprechen, denn er sei Parteimitglied und wolle sich nicht öffentlich mit ihm zeigen. Spätestens aufgrund der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben” vom 12.11.1938 hatte Samuel Neumann seine Börsenkarte abgeben müssen und sein Geschäft wurde von den Nationalsozialisten liquidiert.

Der angesehene und wohlhabende Börsenmakler Samuel Neumann zog 1936/37 mit seinem Sohn Peter und dessen Frau Margot in die Mommsenstraße 6. Bis 1938 wurde er hier im Adressbuch als Bewohner mit der Bezeichnung „Bankkommissionär”,1939 nur noch als „Kaufmann” und 1940 als „Privatier” geführt. 1939 wurde er aus seiner Wohnung geworfen. Er lebte dann bei seinen Schwestern – der verwitweten Zippora Rosenberg, der ledigen Selma Neumann sowie dem Neffen Curt – in der Badenallee 25. Die Schwestern wurden am 14.9.1942, der Neffe am 13.1.1943 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Samuel Neumanns Sohn Peter, dem die Flucht nach England gelungen war, bemühte sich um die Emigration seines Vaters. Doch nachdem die deutschen Grenzen für Juden geschlossen waren, gelang dies nicht. Samuel Neumann muss im November 1942 die Ankündigung seiner Deportation bekommen haben, denn er starb kurz vor seiner geplanten Deportation am 16. November 1942 im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße 2, das zu diesem Zeitpunkt von den Nationalsozialisten als „Sammellager” für jüdische Menschen, die „nach Osten” deportiert werden sollten, missbraucht wurde. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee, Grab-Nr. 110222, beerdigt.

Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam

Quellen:
  • Volkszählung vom 17.5.1939
  • Gedenkbuch des Bundesarchivs
  • Berliner Adressbücher
  • Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1933-1945. Humboldt-Universität
Stolperstein Berthold Magner, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Berthold Magner

HIER WOHNTE
BERTHOLD MAGNER
JG. 1909
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
12.4.1940

Berthold Magner kam am 31. Juli 1909 in Jankowo, Landkreis Wongrowitz, Posen (heute: Wacrowiec, Polen) als Sohn von Harry (Hirsch) Magner und dessen Ehefrau Rosa Magner, geb. Marcus, zur Welt. Er war der jüngere Bruder von Margot Neumann, geb. Magner, die1901, ebenfalls in Wongrowitz, geboren wurde.

Magner war kaufmännischer Angestellter und wohnte nach der historischen Einwohnermeldekartei in der Friedelstraße 44 in Neukölln. Am Tag der Volkszählung vom 17. Mai 1939 war er in der Mommsenstraße 6 registriert und gehörte zum Haushalt seiner Schwester Margot und deren Ehemann Peter Neumann. Dort lebten auch Peters Vater Samuel Neumann und der bei ihnen einquartierte Sally Putschinski.

Nachdem Peter und Margot Neumann bereits Anfang 1939 nach London geflohen waren und Samuel Neumann aus dem Haus ausgewiesen wurde, stand Berthold Magner alleine da und nahm sich – vermutlich um der bevorstehenden Deportation zu entgehen – am 12. April 1940 im Alter von 30 Jahren das Leben.

Bestellerin für seine Beerdigung war seine Schwägerin Johanna Magner, wohnhaft in Neukölln, Kottbusser Damm 28. Berthold Magner wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee (Grab-Nr. 102997) beigesetzt.

Recherche und Text: Helmut Lölhöffel (†), ergänzt von Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam

Quellen:
  • Barch R 1509 VZ, Beleg 55700
  • LAB EMK 1875-1960, Bestand B Rep 021
  • Centrum Judaicum – Archiv Stiftung der Neuen Synagoge Berlin, Sterberegister
Stolperstein Sally Putschinski, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Sally Putschinski

HIER WOHNTE
SALLY PUTSCHINSKI
JG. 1892
DEPORTIERT 1.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Sally Putschinski wurde am 25. August 1892 in Filehne in Polen geboren. Er war verheiratet, wahrscheinlich mit Ernestine Putschinski, die in der Philippistraße 9 wohnte. Vor seiner Deportation am 1. März 1943 nach Auschwitz ist Sally Putschinski jedenfalls aus der Mommsenstraße 6, wo er am 17.5.1030 (Volkszählung) gemeldet war, in die Philippistraße 9 umgezogen, und er wurde gleichzeitig mit Ernestine Putschinski geborene Ruben, geb. am 1. September 1908 in Freystadt (Westpreußen), in einem riesigen Transport mit 1682 Menschen nach Auschwitz deportiert. Dort sind beide ermordet worden.

Stolperstein Elsa Selten

Stolperstein Elsa Selten

HIER WOHNTE
ELSA SELTEN
GEB. LUSTIG
JG. 1887
DEPORTIERT 23.6.1942
MINSK
ERMORDET IN
MALY TROSTINEC

Stolperstein Ernst Selten

Stolperstein Ernst Selten

HIER WOHNTE
ERNST SELTEN
JG. 1885
DEPORTIERT 23.6.1942
MINSK
ERMORDET IN
MALY TROSTINEC

Stolperstein Fritz Selten

Stolperstein Fritz Selten

HIER WOHNTE
FRITZ SELTEN
JG. 1927
DEPORTIERT 23.6.1942
MINSK
ERMORDET IN
MALY TROSTINEC

Stolperstein Fritz Wolff

Stolperstein Fritz Wolff

HIER WOHNTE
FRITZ WOLFF
JG. 1875
FLUCHT 1933
FRANKREICH
TOT 27.4.1940

Fritz Wolff wurde am 22. Januar 1875 als Sohn von Adolf Wolff und Recha, geb. Davidsohn, in Berlin geboren. Seine Schwestern waren Catharina (Käthe) Hirschfeld, geb. Wolff, die Fotografin Marta Wolff, sein Bruder der Chefredakteur des „Berliner Tageblatt“ Theodor Wolff. Ihr Cousin war der Zeitungszar Rudolf Mosse. Fritz Wolff gehörte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin an.

Er besuchte das Königliche Wilhelms-Gymnasium in Berlin. Dann nahm er ein Studium im Fach Druckgraphik an der Akademie der Künste in München auf. 1903 wurde er Meisterschüler bei Arthur Kampf an der Berliner Akademie der Künste. In London heiratete er 1908 die Malerin Else Wolff, geborene Lewy.

Ab 1917 lebte er mit ihr in der Mommsenstraße 6. Er war Zeichner und ein bekannter Zeitungskarikaturist.

In seinen Karikaturen griff er immer wieder die Nationalsozialisten an. Das Paar verortete sich künstlerisch bei der Künstlervereinigung „Die Abstrakten“ später „Die Zeitgemäßen“.

Als politischer Gegner der Nationalsozialisten und Jude floh er mit seiner Frau am 1. März 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, nach Paris, um der Verfolgung zu entgehen. 1936 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. „Ich (habe) manchmal Sehnsucht nach der Mommsenstraße, wo unsere hübsche Wohnung, unsere Arbeiten, unsere Möbel vergeblich auf die Herrschaft warten. Offen gestanden glaube ich nicht mehr an die Rückkehr, die allgemeine Vergiftung frisst sich wohl zu tief in das ganze Volk ein. Freilich wird das Erwachen aus diesem Wahnsinnsrausch eines Tages furchtbar sein.“ schrieb Fritz Wolff nach fünf Monaten im Exil am 30. Juli 1933 an seinen Bruder Theodor (Stolperstein Theodor Wolff: | Stolpersteine in Berlin).

Den Wolffs ging es in Paris nicht gut, sie teilten das Schicksal vieler Flüchtlinge. Wenige Wochen vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris starb Fritz Wolff am 27. April 1940 an den Folgen einer Operation. Er wurde auf dem Pariser Vorortfriedhof Thiais begraben, auf dem auch Paul Celan und Joseph Roth bestattet sind.

Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam

Quellen:
  • Fritz Wolff (1876 – 1940) – Genealogy (geni.com)
  • Barch Koblenz
  • LABO Berlin, BEG-Akte Reg.-Nr. 70 840
  • Centrum Judaicum, Archiv der Stiftung Neue Synagoge Berlin
Stolpersteine Else Wolff

Stolpersteine Else Wolff

HIER WOHNTE
ELSE WOLFF
GEB. LEVY
JG. 1873
FLUCHT 1933
FRANKREICH
SEIT 1943
VERSTECKT GELEBT
MIT HILFE ÜBERLEBT

Else Wolff erblickte am 18. Januar 1873 in Breslau als Elsbeth Lewy das Licht der Welt. Ihre Eltern waren der Textilkaufmann Bernhard Lewy und dessen Frau Rosamunde. Wie so viele Breslauer waren auch die Lewys nach Berlin gezogen, wo Bernhard ein Geschäft als Wollmakler betrieb.

Ihre Ausbildung als Malerin erhielt Else Lewy in Paris. 1908 heiratete sie in London den Illustrator und Karikaturisten Fritz Wolff und lebte mit ihm 23 Jahre in der Mommsenstraße 6. Die beiden waren mit ihrem Nachbarn, dem Dirigenten Leo Blech befreundet und malten beide dessen Tochter Lisel.

Else Wolff war 1917 in der Ausstellung von jüdischen Künstlern in der Neuen Kunsthandlung Samuel Margules in Berlin vertreten, in der auch Werke ihres Mannes zu sehen waren. Später stellte sie in Herwarth Waldens „Sturm-Galerie“ und in der „Großen Berliner Kunstaustellung” aus. Mit ihrem Mann gehörte sie der Künstlergruppe „Die Abstrakten” – später nannten sie sich „Die Zeitgemäßen“ – und zeitweise deren Vorstand an. Ihre Arbeiten zeichneten sich durch ihre prächtige Farbigkeit und einen expressiven Duktus aus.

Da Fritz Wolff als überzeugter Regimegegner bekannt war, musste das Ehepaar nach dem Reichstagsbrand am 27. und 28. Februar 1933 Berlin sofort verlassen. Am 1. März flohen sie nach Paris. Fritz Wolff starb dort 1940 an den Folgen einer Operation.

Mitte Juli 1942 begannen in Frankreich Massendeportationen. Else Wolff wusste um die Gefahr, in der sie sich befand, und tauchte unter, um der Deportation zu entgehen. Sie lebte von Februar 1943 bis August 1944 versteckt mit falschen Papieren, völlig mittel- und einkommenslos. Sie war zunächst im Hôpital Temporaire de la Cité Universitaire de Paris, Pavillon pour les Cardiaques, von Januar bis März 1944 bei Mademoiselle Pech, 44 Rue du Dr. Roux und dann bis zum 25. August 1944 – dem Tag der Befreiung von Paris durch die Alliierten – bei der Heilsarmee in Chateau Morfondé versteckt. Ihre Wohnung fand sie bei ihrer Rückkehr vollkommen geplündert vor. Else Wolff kehrte nie nach Berlin zurück und starb am 1. Februar 1954 in Paris. Sie wurde – wie ihr Mann – auf dem Friedhof Thiais beerdigt. Die Gräber existieren nicht mehr.

Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam

Quelle:
  • Baumann/Saam: Ein Haus schreibt Geschichte. Berlin Mommsenstraße 6. Transit Verlag, 2024
Stolperstein Oskar Wolkenberg

Stolperstein Oskar Wolkenberg

HIER WOHNTE
OSKAR WOLKENBERG
JG. 1886
FLUCHT 1941 ITALIEN
SEIT 1943
VERSTECKT GELEBT
1944 SCHWEIZ

Oskar Wolkenberg wurde am 12. Oktober 1886 in Konstantinopel (heute: Istanbul) im ehemaligen Osmanischen Reich geboren. Er war Kaufmann und Reisender. 1909 gründete er in seinem Geburtsort ein Agentur- und Kommissionsgeschäft. Mit seiner Frau, Hanne Wolkenberg, geb. Färber, zog er nach Wien. Er arbeitete für die Wirkwarenfabrik Louis H. Schaarschmidt im sächsischen Limburg-Oberfrohna.

1935 verlegte er seinen Wohnsitz von Wien nach Berlin und bezog mit seiner Frau die Parterrewohnung links in der Mommsenstraße 6. Bestand die Firma Schaarschmidt darauf, dass ihr Repräsentant in der Hauptstadt domizilierte? Ging er deshalb das Risiko ein, in den NS-Staat zu ziehen?
Im Mai 1938 verzichtete Schaarschmidt auf die Dienste ihres polyglotten Exportleiters für den Mittelmeerraum. Zum 1. Januar 1939 verlor er auch die Hausverwaltung für die Schwäbische Straße. Der Eigentümer übertrug sie auf den „Arier“ Otto Bauer.

„Im Jahre 1941 wurde ich durch die Jued. Gemeinde aufgefordert, meine Wohnung in der Mommsenstraße 6 zufolge Anordnung der N.S. Behörden zu räumen“, schrieb er in seinem Lebenslauf. Auf der Räumungsliste Nr. 5 vom 20. Februar 1941 des GBI (Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt) ist er als „jüdischer Mieter“ angegeben. Neben der deutschen und türkischen Staatsbürgerschaft besaß er auch die italienische. Das ermöglichte ihm und seiner Frau 1941 die Emigration nach Mailand. „Um das Deutsche Ausreisevisum nach Italien zu erhalten“ steht in seiner Entschädigungsakte, „musste ich mich drei Nächte hintereinander bei der Polizeidirektion am Alexanderplatz anstellen“.

Als deutsche Truppen 1943 Italien besetzten, ist Wolkenberg untergetaucht. Er versteckte sich in Eisenbahnzügen, übernachtete auf Friedhöfen und in Kirchen. Im Juni 1944 reiste er illegal in die Schweiz. Dort kam er in ein Internierungslager.

Nach Kriegsende kehrte er nach Mailand zurück. Seine Ehe wurde 1947 gerichtlich aufgelöst. Sein Haus in der Großbeerenstraße 26 in Berlin war bei einem Bombenangriff 1945 zerstört worden. Wolkenberg hatte alles verloren. Mit gelegentlichen Übersetzungen verdiente er etwa 6.000 Lire (20 Euro) im Monat.

1968 starb Oskar Wolkenberg im Alter von 84 Jahren in Nizza, wo er Zuflucht bei seinem Bruder Max gefunden hatte.

Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam

Quellen:
  • Baumann/Saam: Ein Haus schreibt Geschichte. Berlin Mommsenstraße 6. Transit Verlag, 2024
  • BArch, Residentenliste
  • LABO Berlin, BEG-Akte Reg. Nr. 277 233
  • Archiv für Zeitgeschichte Zürich, Bestand Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen (VSJF)-Jewish Arrivals in Switzerland 1938-1945, in: United States Holocaust Memorial Museum (USHMM), Reel Number 380
Stolperstein Paul Fiegel

Stolperstein Paul Fiegel

HIER WOHNTE
PAUL FIEGEL
JG. 1881
FLUCHT 1939
AUSTRALIEN

Paul Fiegel wurde am 12. November 1881 als Sohn von Benno und Minna Fiegel, geb. Cohn, in Berlin geboren. Er war Inhaber der von seinem Vater gegründeten „Benno Fiegel AG”.

Benno Fiegel AG
Import von Sämereien / Samengroßhandlung (Nahrungs- und Genußmittel)
Gegründet 1922, Übernahme 1937, Liq.: 1937
Monbijouplatz 3 (Mitte)

Ab mindestens 1930 war das Unternehmen in der Landsberger Str. 91 angesiedelt. Paul Fiegel musste die Firma am 1. Juli 1937 unter dem Zwang der NS-Behörden verkaufen. Das Hetzblatt Der Stürmer hatte ihn an den Pranger gestellt. Ab diesem Zeitpunkt war er ohne Einkommen.

Paul Fiegel hatte am 26. April 1914 Erna Hirschfeld geheiratet, die am 10. Juni 1893 in Leipzig zur Welt gekommen war. Aus der Ehe ging als einziges Kind der Sohn Bernhard, genannt Bernd, hervor, der am 1. Januar 1919 in Berlin-Charlottenburg geboren wurde.

Fiegels waren alteingesessene Charlottenburger und wohnten seit mindestens 1922 in der Mommsenstraße 70. Sie zogen Anfang 1935 in die Mommsenstraße 6 – in eine Wohnung mit sieben Zimmern im Vorderhaus. Erna Fiegel ließ die Wohnung aufwändig renovieren. In einer „Eidesstattlichen Erklärung” für das Berliner Entschädigungsamt schrieb Erna Fiegel am 27. Januar 1961: „Anlässlich des Umzuges in die neue Wohnung hatten wir die gesamte Einrichtung von dem Architekten Max Lewy, Berlin-Zehlendorf …bearbeiten lassen; Stoffe, Fussbodenbeläge und Vorhänge waren von der Firma Gerson, Berlin.“. Sie glaubte noch an eine Zukunft in Deutschland. Nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“ am 15. September 1935 war es damit vorbei. Am Ende einer Italien-Reise schrieb Erna Fiegel am 16. September 1935 in ihr Tagebuch: „Das ist der Schluss alles Erfreulichen; denn kaum im Coupé verstaut, verlangt es die Männlichkeit nach deutschen Zeitungen. Ade Frohsinn und Freude – der Nürnberger Parteitag hat dafür gesorgt, dass wir erneut wissen, was es heißt, Jude zu sein“.

Paul und Erna Fiegel entschlossen sich zur Flucht nach Sydney/Australien. Sie buchten Schiffsbilletts für den Dampfer Slamat, der am 10. Juni 1939 von Rotterdam nach Colombo aufbrach. Mit dem Dampfer Srathallan ging es von Colombo weiter nach Sydney.

Der Sohn Bernd ging seit August 1925 in die 19. Gemeindeschule Charlottenburg. Er hatte es nicht weit, musste nur um die Ecke in die Bleibtreustraße 43 gehen. Bis 1934 besuchte er dort auch das weiterführende Kaiser-Friedrich-Gymnasium, die heutige Europaschule Joan Miró. Danach nahm er eine kaufmännische Lehre bei der Firma „Levinger und Feibel” in Frankfurt/Main auf, die er nicht beenden konnte. Im Jahr 1936 verfolgte der 17jährige als begeisterter Sportler die Olympischen Spiele in Berlin. Seinem Tagebuch vertraute er am 1. August an: „Es ist für mich sehr aufregend. Das schreckliche Bewußtsein, im deutschen Sport vollkommen ausgeschaltet zu sein.” Er floh im Juni 1938 zunächst nach Gouda in den Niederlanden. Dort arbeitet er in einer Staatlichen Prüfungsanstalt für keramische Erzeugnisse. 1939 folgte er seinen Eltern nach Sydney.

Gemeinsam begann die Familie Fiegel ein neues Leben in Sydney. Gut ging es ihnen dort nicht. Sie waren Staatenlose. Erna Fiegel fertigte Blumengestecke an, um sie zu verkaufen. Paul Fiegel arbeitete als Packer, sein Sohn Bernhard auf einer Geflügelfarm.

Paul Fiegel starb bereits 1947. Erna Fiegel kehrte 1954 noch einmal nach Berlin zurück, um sich persönlich um die Entschädigung für ihre Familie zu kümmern. Bernhard Fiegel hatte im Rahmen des Berliner Besuchsprogramms für vertriebene Juden eine Einladung nach Berlin erhalten, starb aber bevor er die Reise antreten konnte.

Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam

Quellen:
  • Berliner Adressbücher
  • Entschädigungsamt Berlin
  • Schilderungen der Kinder von Bernhard Fiegel, Paul und Naomi Fiegel.
  • Ausführliche Geschichte der Familie Fiegel mit Fotos und Dokumenten: Berliner Geschichten – Denkmalamort (Text ebenfalls von Dr. Wolf Rüdiger Baumann und Claudia Saam)
Stolperstein Erna Fiegel

Stolperstein Erna Fiegel

HIER WOHNTE
ERNA FIEGEL
GEB. HIRSCHFELD
JG. 1893
FLUCHT 1939
AUSTRALIEN

Stolperstein Bernhard Fiegel

Stolperstein Bernhard Fiegel

HIER WOHNTE
BERNHARD FIEGEL
JG. 1919
FLUCHT 1939
AUSTRALIEN

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