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Stolpersteine Lietzenseeufer 5

Diese Stolpersteine wurden am 11.12.2007 verlegt.

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Stolperstein für Joseph Lewin
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
JOSEPH LEWIN
JG. 1890
VERHAFTET
KZ NEUENGAMME
ERMORDET 22.6.1942

Josef Lewin (auch Jossi genannt oder mit ph geschrieben) kam am 27. April 1890 in Berlin als Sohn des Tabakschneiders und -händlers Chaim (Haim) Lewin (1866–1942) und seiner Ehefrau Beila, geb. Gertner (1874–1923) auf die Welt. Der Vater stammte aus der Kleinstadt Aschmjany im heutigen Weißrussland, die Mutter aus Kosov in der Ukraine, damals im Habsburger Reich.

In den folgenden Jahren bekamen die Eltern fünf Kinder und zogen immer wieder um: Geboren wurde Josef Lewin in der Neuen Schönhauser Str. 20, seine Schwester Sophie (eigentlich Sarah) 1892 in der Brückenstraße 2, sein Bruder Jacob 1894 in der Christinenstraße 5, sein Bruder Robin (der nach wenigen Monaten starb) 1896 in Charlottenburg in der Pestalozzistraße 21 und Schwester Henriette 1898 in der Gormannstraße 12 – wiederum in der Gegend, in der viele der eingewanderten Ostjuden anfangs lebten. Anscheinend zog die Familie danach für einige Jahre nach Dresden, bekannt für seine Zigarettenindustrie.

Josef Lewin besaß als junger Mann eine Zigarettenhandlung in der Gertraudenstraße in Mitte. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat. Er lebte noch immer bei den Eltern, die nun in der Schönhauser Allee 187 wohnten. Der Vater besaß inzwischen eine Fabrik und handelte mit russischem und türkischem Tabak. Die Geschäfte entwickelten sich gut.

Am 23. Februar 1916 heiratete Josef Lewin die Schauspielerin Herta Feilchenfeld, die 1897 in Berlin geborene Tochter eines Buchhalters. Seine Schwester Sophie heiratete Ende desselben Jahres Gustav Noack, sein Bruder Jacob heiratete 1919. Die Mutter Beila starb 1923, Chaim Lewin heiratete 1929 in zweiter Ehe die 1882 geborene Anna Barwich, die keine Jüdin war.

Die Söhne blieben in der Firma oder doch mit der Firma, bzw. der Tabak- und Zigarettenindustrie und dem Tabakhandel, verbunden. Josef Lewin arbeitete als Tabakexporteur, -vertreter und „Tabaksachverständiger“.

Am 21. Dezember 1925 bekamen Josef und Herta Lewin ihr einziges Kind, den Sohn Hans. Nach der Geburt des Sohnes verließen sie das „alte Berlin“ und zogen nach Schmargendorf in die Warmbrunner Straße und die Orberstraße. Dort lebte die Familie zehn Jahre lang, bis 1936. Dann folgten bis 1939 die wenigen Jahre am Lietzensee Ufer 5 in Charlottenburg, eine schöne, fast großbürgerliche Gegend. Die letzte Anschrift war eine Villa in Lankwitz, Nicolaistraße 38, in der eine Reihe von Juden lebten. 1941 zogen auch Josefs Schwester Sophie und deren Tochter Henni für kurze Zeit zu der Familie des Bruders in die Nicolaistraße.

Das letzte Jahr: Im Jahr 1942 wurden Josef und Herta Lewin deportiert, Josef Lewin nach Neuengamme, ein KZ in der Nähe von Hamburg. Die Sterbeurkunde vom Standesamt Hamburg gibt als Sterbedatum den 22. Juni 1942 an und als Todesursache eine Lungenentzündung, unterschrieben von Kriminalsekretär Otto Apenburg, Gestapo-Beamter und Leiter der Politischen Abteilung des KZs. Aber Josef Lewin war nicht in Neuengamme umgekommen: Hinter der „ordentlich“ ausgefüllten Sterbeurkunde verbarg sich die „Sonderbehandlung 14 f 13“ – der Transport und die Ermordung von KZ-Häftlingen in der Gaskammer der Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg, nun eine „Tötungsanstalt“.

Josefs Ehefrau Herta wurde am 11. Oktober 1942 in Auschwitz ermordet. Sein Vater Chaim, der seit Mitte der 1930er-Jahre wieder in Dresden lebte (dort gibt es einen Stolperstein), kam am 15. Dezember 1942 in Theresienstadt um. Seine Schwester Sophie Noack und die Nichte Henni, für die Stolpersteine am Hansa-Ufer 5 liegen, wurden in Auschwitz ermordet. Josefs und Hertas Sohn Hans Lewin soll im Juni 1943 verhaftet worden und nach kurzer Haft in der Prinz-Albrecht-Straße im KZ Sachsenhausen umgekommen sein.

Neuere Recherchen haben ergeben, dass Josph Lewin nicht im KZ Neuengamme ermordet wurde, sondern in Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Adressbuch für Dresden und seine Vororte;
Berliner Telefonbücher;
Buch der Erinnerung, Juden in Dresden. Deportiert, ermordet, verschollen, hrsg.v. Arbeitskreis Gedenkbuch d. Gesellschaft f. Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V., Dresden 2006;
Landesarchiv Berlin – Personenstandsunterlagen über ancestry;
Standesamt Hamburg, Sterbeurkunde Josef Lewin;
https://www.stolpersteine-dresden.de;
Bericht Lutz Noack, Schriftwechsel mit Wolfgang Knoll.

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

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Stolperstein für Herta Lewin
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
HERTA LEWIN
GEB. FEILCHENFELD
JG. 1897
DEPORTIERT
AUSCHWITZ
ERMORDET 11.10.1942

Herta (nach der Geburtsurkunde „Hertha“) Mathilde Feilchenfeld kam als Tochter des 1858 geborenen Buchhalters und späteren Kaufmanns Markus Feilchenfeld und seiner 1867 geborenen Ehefrau Olga, geb. Unger, am 6. September 1897 in Berlin zur Welt. Ihr Vater stammte aus Egeln, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, ihre Mutter aus Gnesen in der Provinz Posen (heute: Gniezno / Polen). Ihre Eltern heirateten 1893 in Berlin. Zum Zeitpunkt der Geburt ihrer Tochter wohnten sie am Elisabeth Ufer 41, der östlichen Uferstraße am Luisenstädtischen Kanal, heute der Leuschnerdamm in Kreuzberg. Hier lebte Herta Feilchenfeld bis zu ihrer Hochzeit: Dort, wo heute ein Grünzug ist, war eine „Wasserstraße“. Zwei Häuser weiter war der Oranienplatz mit dem noch bestehenden „Kaffee Kaiser“, mit Geschäften und Kaufhäusern. Die Eltern lebten hier bis in die 1930er Jahre.

Zu Anfang des Ersten Weltkriegs absolvierte Herta Feilchenfeld an der Schauspielschule des Deutschen Theaters bei Max Reinhardt (1873–1943 im Exil) eine Ausbildung zur Schauspielerin. Ihr Künstlername war Herta Felden. Am Deutschen Theater erhielt sie von 1915 bis 1919 auch ein erstes Engagement. Max Reinhardt, seit 1905 Leiter und seit 1906 auch Besitzer des Theaters, beschäftigte sie in seinen Inszenierungen, zum Beispiel 1915 im Faust I oder 1918 in Shakespeares Sommernachtstraum. – Später arbeitete sie am Wallner-Theater, am Thalia-Theater und an den Bühnen von Heinz Saltenburg.

Am 23. Februar 1916 heiratete die junge Schauspielerin den 1890 in Berlin geborenen Tabakhändler und späteren Tabaksachverständigen Josef Lewin, dessen ganze Familie in der Tabakbranche tätig war. Er war damals Soldat. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte er eine Zigarettenhandlung in der Gertraudenstraße in Mitte. Wie Herta Feilchenfeld lebte auch er noch bei seinen Eltern in der Schönhauser Allee 187. Sein Vater Chaim Lewin besaß inzwischen eine Fabrik und handelte mit russischem und türkischem Tabak.

Am 21. Dezember 1925 bekamen Josef und Herta Lewin ihr einziges Kind, den Sohn Hans. Nach der Geburt des Sohnes zogen sie nach Schmargendorf, zuerst in die Warmbrunner Straße 33–35 und dann in die Orberstraße 28/29. Dort lebte die Familie zehn Jahre lang, bis 1936. Dann folgten bis 1939 die wenigen Jahre am Lietzensee Ufer 5 in Charlottenburg –eine schöne Gegend mit Park und See. Die letzte Anschrift war eine Villa in Lankwitz, in der Nicolaistraße 38, in der bereits eine Reihe von Juden lebten. 1941 wohnten für eine kurze Zeit auch Sophie Noack, die Schwester von Hertas Ehemann, und deren Tochter Henni bei den Verwandten in der Nicolaistraße 38.

Das letzte Jahr: Im Jahr 1942 wurden Herta Lewin und ihr Ehemann Josef deportiert. Josef Lewin kam in das KZ Neuengamme in der Nähe von Hamburg. Von dort wurde er im Juni 1942 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg, nun eine der „Tötungsanstalten“, transportiert und in der Gaskammer ermordet. Herta Lewin verlor am 11. Oktober 1942 ihr Leben im Vernichtungslager Auschwitz. Der Sohn Hans Lewin soll im Juni 1943 verhaftet worden und nach kurzer Gestapo-Haft in der Prinz-Albrecht-Straße im KZ Sachsenhausen umgekommen sein. – Trotz der vielen Formulare, die von den Opfern ausgefüllt werden mussten und die von den Tätern gesammelt wurden, bleiben zum Schicksal der Familie eine Reihe von Fragen. Sicher ist allein, dass die Eltern und ihr Sohn ermordet wurden.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherche: Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Berliner Telefonbücher;
Landesarchiv Berlin – Personenstandsunterlagen über ancestry;
Bericht Lutz Noack, Schriftwechsel mit Wolfgang Knoll
Ulrich Liebe: Verehrt, verfolgt, vergessen, Schauspieler als Naziopfer, Weinheim 1992.
Kay Weniger: Zwischen Bühne und Baracke, Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkünstler 1933 bis 1945, Berlin 2008.
Wikipedia – die freie Enzyklopädie: Herta Felden (Stand: 12.2.2018).
Stadtplan Straube 1910.

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

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Stolperstein für Hans Lewin
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
HANS LEWIN
JG. 1925
VERHAFTET 1943
ERMORDET IN
SACHSENHAUSEN

Hans Lewin kam am 21. Dezember 1925 in Berlin als Sohn von Josef Lewin (1890–1942) und Herta Lewin, geb. Feilchenfeld (1897–1942) auf die Welt. Seine Eltern waren ebenfalls in Berlin geboren, die Eltern des Vaters waren aus dem heutigen Weißrussland und der Ukraine zugewandert. Der Vater Josef Lewin war – wie auch der Großvater und viele Verwandte – von Beruf Tabakschneider, -händler und -sachverständiger. Die Mutter war eine bei Max Reinhardt am Deutschen Theater ausgebildete Schauspielerin mit dem Künstlernamen Herta Felden. Sie arbeitete auch nach der Hochzeit weiter – das war nicht selbstverständlich. Auch Hans Lewin übernahm später kleine Bühnenrollen und nannte sich dann Hans Felden.

Nach seiner Geburt waren die Eltern nach Schmargendorf im Berliner Westen gezogen, zuerst in die Warmbrunner Straße 33–35, dann in die Orberstraße 28/29. Dort verlebte Hans Lewin bis 1936 die ersten zehn Jahre seiner Kindheit. Dann folgten bis 1939 die wenigen Jahre am Lietzensee-Ufer 5 in Charlottenburg – eine schöne Gegend an einem Park und See. Welche Schulen Hans Lewin besuchte, und was er dort erlebte, wissen wir nicht. Die letzte Anschrift der Familie war eine Villa in der Nicolaistraße 38 in Lankwitz, in der eine Reihe von Juden lebten. 1941 zogen auch Hans Lewins Cousine Henni Noack (1919–1943) mit ihrer Mutter Sophie (1892–1942), einer Schwester des Vaters, für kurze Zeit in die Nicolaistraße.

1942 wurden die Eltern deportiert: der Vater Josef Lewin in das KZ Neuengamme in der Nähe von Hamburg, die Mutter Herta Lewin nach Auschwitz. Beide wurden noch in demselben Jahr ermordet.
Nach der Deportation seiner Eltern zog Hans Lewin zu seiner Tante Sophie Noack und der Cousine Henni, die nun ein Zimmer am Bundesratsufer 4 in Moabit bewohnten. Aber auch sie wurden kurz danach deportiert und in Auschwitz getötet. Zuletzt soll Hans Lewin in einem „Judenhaus“ in der Solinger Straße 10 gewohnt haben. Im Juni 1943 soll der 17-Jährige verhaftet worden sein, nach kurzer Haft bei der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße in das KZ Sachsenhausen transportiert und dort ermordet worden sein.

In den vorhandenen Listen und Unterlagen der Täter fehlt der Name von Hans Lewin. Sein Vetter Lutz Noack, der mit einem Kindertransport nach England entkommen war, hat versucht, etwas über sein Schicksal in Erfahrung zu bringen. Er erinnert auch in Yad Vashem an Hans Lewin. Eine ehemalige Freundin des Verschwundenen hatte ihm von der Verhaftung und auch von einer letzten Nachricht, noch 1945, aus Sachsenhausen berichtet.
Auf dem Gedenkblatt in Yad Vashem steht in der Spalte zu den Umständen des Todes von Hans Lewin: „Disappeared whilst hiding in Berlin or attempting to leave country“. (Verschwunden, während er sich in Berlin versteckte oder versuchte, das Land zu verlassen.) Dies könnte heißen, dass Hans Lewin, nachdem er alle ihm nahestehenden Menschen verloren hatte, in die Illegalität gegangen ist – und sich doch nicht hatte retten können.

Nach neueren Recherchen ist es unklar, ob Hans Lewin im KZ Sachsenhausen ermordet wurde.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Bericht Lutz Noack, Schriftwechsel mit Wolfgang Knoll

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin