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Stolpersteine Niebuhrstraße 72

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Hauseingang Niebuhrstr. 72, 20.4.13
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat & Flegel

Diese Stolpersteine wurden am 11.12.2006 verlegt.

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Stolperstein Fritz Cohn, 18.10.2011
Bild: BA CW, Held

HIER WOHNTE
FRITZ COHN
JG. 1887
DEPORTIERT 1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Fritz (Shlomo) Cohn ist am 24. August 1887 als Sohn des Rabbiners Dr. Jakob Cohn (1843–1916) und seiner Ehefrau Ernestine geb. Goldstein (1853–1896) in Kattowitz/O.S. (heute Katowice in Polen) auf die Welt gekommen. Die Stadt im oberschlesischen Industrierevier gehörte seit 1871 zum Deutschen Reich. Sein Vater wurde in demselben Jahr von der jüdischen Gemeinde zum ersten Rabbiner von Kattowitz gewählt, und er sollte bis zu seinem Tod einer der angesehensten Rabbiner in Oberschlesien sein: ein traditionell-gesetzestreuer Mann, Religionslehrer auch an öffentlichen Schulen, Vorsitzender von und Mitglied in vielen Verbänden und Vereinen der Provinz und der Stadt – und dies nicht allein in jüdischen Organisationen, sondern auch als Mitglied des städtischen Armenausschusses und der städtischen Schuldeputation.

Die Wohnung der Familie lag neben der Synagoge in der Grundmannstraße (heute Ulica 3 Maja). In den ersten Jahren der Amtszeit des Vaters wurden die älteren Geschwister von Fritz Cohn geboren: Martin (1874–1911, später Arzt in Kattowitz), Paul (1876–1938, Kaufmann in Gleiwitz), Selma (1877–1931, in Gleiwitz verheiratet mit dem Anwalt und liberalen Kommunalpolitiker Dr. Arthur Kochmann) und Gertrud (in Berlin verheiratet mit dem Lehrer und Leiter des Auerbachschen Waisenhauses Dr. Gustav Altmann, beide zu Beginn der 1920er Jahre gestorben).
Fritz Cohns Mutter starb bereits 1896. Der Vater lebte bis zu seinem Tod in der Grundmannstraße, auch als 1900 eine neue Synagoge an anderer Stelle gebaut wurde. Die große Familie hielt bis in die Zeit von Verfolgung, Flucht und Deportation engen Kontakt – so wuchs der 1910 geborene Sohn der Schwester Gertrud, der „Seppel“ genannte Franz Josef, nach dem frühen Tod seiner Eltern bei Fritz und Erna Cohn auf.

Fritz Cohn studierte an der 1906 gegründeten Handelshochschule in Berlin-Mitte und wurde Diplomkaufmann. Er heiratete die 1893 in Kattowitz geborene und nicht weit von seinem Elternhaus aufgewachsene Erna Weichmann. Die beiden zogen nach Berlin und bekamen dort drei Töchter: 1920 Esther (Ernestine), 1921 Miriam (Mirjam) und 1926 Hannah. Fritz Cohn arbeitete als Prokurist bei der Rawack & Grünfeld AG, einer großen Erzhandelsfirma, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs ihren Hauptsitz aus Beuthen in Oberschlesien (heute Bytom/Polen) nach Berlin verlegt hatte. Er blieb dort, bis die Firma im November 1938 „arisiert“ und Teil des Flick-Konzerns wurde.
Die Familie wohnte bis Mitte der 1920er-Jahre in der Danckelmannstraße 31 in Charlottenburg, einem repräsentativen Eckhaus zum Kaiserdamm, direkt gegenüber vom Lietzenseepark. Mit der Geburt von Hannah zog sie in die Pestalozzistraße 53a, wiederum in der Nähe des Parks. Fritz Cohn engagierte sich in der orthodoxen Synagoge Münchener Straße 37 im Bayerischen Viertel in Schöneberg und wurde schließlich Vorsteher der Gemeinde. Der Familie ging es finanziell gut. Eltern und Kinder verreisten in den Ferien und besuchten regelmäßig die Verwandten in Oberschlesien.
Zwei Jahre nach Beginn der NS-Diktatur zog Fritz Cohn mit seiner Familie in eine große Wohnung im 2. Stock der Niebuhrstraße 72, Ecke Wielandstraße. Noch besaß er seinen Arbeitsplatz bei der Rawack & Grünfeld AG. Die Töchter besuchten die zionistische Theodor-Herzl-Schule, konnten verreisen, hatten Klavierstunden und waren im Sportverein.

Als Fritz Cohn Ende 1938 entlassen wurde, änderte sich das Leben. Zwar erhielt er bis 1942 eine Rente, aber die Familie wurde auseinandergerissen: Im Mai 1939 schickten die Eltern die jüngste Tochter Hannah mit einem Kindertransport nach Großbritannien. Ende August 1939 floh Miriam in die Niederlande und lebte dort in Enschede in einem Ausbildungslager für Palästina der orthodoxen Agudas Jisrael. In die Niederlande flohen auch der Pflegesohn Franz Josef Altmann und die Nichte Annemarie, Tochter von Fritz Cohns Bruder Paul. Allein Esther blieb bei den Eltern und absolvierte eine Ausbildung zur Kindergärtnerin.

Fritz und Erna Cohn lebten in den nächsten Jahren sehr zurückgezogen. Fritz Cohn besuchte einen Buchhaltungskursus, einen englischen Sprachkursus und schließlich einen Optikerkursus. Er sandte immer wieder Bitten um Affidavits (Bürgschaften) an Bekannte im sicheren Ausland. Zwei, dann drei Zimmer der Wohnung mussten untervermietet werden, und Fritz, Erna und Esther Cohn bewohnten nur noch das ehemalige Esszimmer und die beiden Kinderzimmer. 1941 arbeitete Fritz Cohn ehrenamtlich bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Die Familie musste in die Tile-Wardenberg-Straße 19 in Tiergarten ziehen, in ein Eckhaus zur Solinger Straße 7. Die neue Wohngegend blieb ihnen fremd, und sie wurden immer einsamer. Erna Cohn war chronisch krank und trotzdem zuletzt Zwangsarbeiterin, Fritz Cohn musste wegen der Arbeit bei der Reichsvereinigung seine Kurse aufgeben.

Am 26.Oktober 1942 wurde Esther Cohn nach Riga deportiert und dort gleich nach der Ankunft am 29. Oktober 1942 ermordet. Fritz und Erna Cohn, die überlegt hatten, ob sie ihre Tochter nicht begleiten sollten, mussten ein letztes Mal die Wohnung wechseln: In demselben Eckhaus Solinger Straße 7 bewohnten sie seit dem 1. Februar 1943 zwei Zimmer einer 5-Zimmer-Wohnung.
Am 12. März 1943 wurden Fritz Cohn und seine Ehefrau Erna Cohn geb. Weichmann mit dem „36. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Und die anderen? Seine Schwiegermutter Sarah Weichmann und die Schwägerin Ruth, die im seit 1921 polnischen Kattowitz geblieben waren, wurden nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen in das Ghetto im nahen Sosnowitz (heute Sosnowiec/Polen) deportiert und in Auschwitz ermordet. Dort war bereits 1942 die Nichte Annemarie Cohn umgekommen. Der Pflegesohn Franz Josef Altmann wurde im Juni 1943 in Sobibor getötet. Am 28. Dezember desselben Jahres wurde der Schwager Dr. Arthur Kochmann als letzter Jude Oberschlesiens nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Es überlebten die beiden Töchter Miriam und Hannah: Miriam überlebte in der Illegalität in den Niederlanden und heiratete Justin Seligmann aus Nördlingen, Hannah heiratete Michael Feist. Beide gingen nach Palästina/Israel und gründeten Familien. Es überlebte auch die 1905 geborene Nichte Susanne Kochmann, Tochter von Fritz Cohns Schwester Selma – über sie wurde geschrieben und auch nachgedacht: Susanne Kochmann hatte 1927 den italienischen Faschisten Guiseppe Renzetti geheiratet und in Berlin in einer ganz anderen Welt gelebt.

Nach Berlin „zurückgekehrt“ ist David Gewirtz (Kwirz), ein Urenkel von Fritz und Erna Cohn, Enkel von Miriam Seligmann. Er arbeitet seit vielen Jahren als Rabbiner an der Schule der orthodoxen Bewegung von Chabad Lubawitsch.

Quellen:

Über das alltägliche Leben von Fritz Cohn und seiner Familie geben Hunderte von Briefen und Karten Auskunft, die er und seine Ehefrau, aber auch die Geschwister an Miriam Cohn in den Niederlanden geschrieben haben. Sie hielt die Briefe lange Zeit versteckt. Ihre Tochter Ronit Breslauer bat die Mutter um die Übersetzung der Briefe und gab sie mit vielen Fotografien an das Ghetto Fighters House im Kibbbuz Beit Lochamei HaGeta’ot. Digitalisiert sind sie nun im Internet zu lesen und zu betrachten.
Miriam Seligmann-Cohn Collection im Archiv des Ghetto Fighters House, offiziell Itzhak Katzenelson Holocaust and Jewish Resistance Heritage Museum and Study Center im Kibbuz Beit Lochamei HaGeta’ot, https://www.infocenters.co.il/gfh/notebook_ext.asp?book=133296&lang=eng&site=gfh

Adressbuch für Kattowitz und Umgebung 1894, 1910
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Deutscher Reichsanzeiger 1886, 1887
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
https://www.geni.com/people/
https://www.jüdische-gemeinden.de
https://www.mappingthelives.org/
https://www.statistik-des-holocausts.de

Zu Dr. Jakob Cohn im Biographischen Portal der Rabbiner: http://steinheim-institut.de:50580/cgi-bin/bhr?id=2085
Zu David Kwirz (Gewirtz), Enkel von Miriam, Jüdische Allgemeine 4.9.2008 von Detlef Kauschke
Zu Susanne Kochmann: http://peterfraenkel.co.uk/susanne_and_the_nazis_2011.pdf

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Link zu: Stolperstein Erna Cohn, 18.10.2011
Stolperstein Erna Cohn, 18.10.2011
Bild: BA CW, Held

HIER WOHNTE
ERNA COHN
GEB. WEICHMANN
JG. 1893
DEPORTIERT 1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Erna Cohn stammte wie ihr späterer Ehemann aus Kattowitz/O.S. (heute Katowice/Polen). Dort kam sie am 3. April 1893 als Tochter des Kaufmanns Berthold (Baruch) Weichmann (1851–nach 1941) und seiner Ehefrau Sarah geb. Matzdorf (1868–1942) auf die Welt. Die Familie Weichmann besaß eine Graupenmühle, die zum Zeitpunkt von Ernas Geburt als „Berthold Weichmann Schlesische Dampf-Graupen-Mühle“ im Besitz ihres Vaters war. Erna Cohn hatte (mindestens) zwei Geschwister: den Bruder Kurt, der sich später nach Palästina retten konnte, und die Schwester Ruth, die unverheiratet bei den Eltern lebte und 1942 ermordet wurde. Die Familie Weichmann wohnte in der Nähe der Synagoge von Kattowitz, und die Tochter Erna heiratete den Sohn des Rabbiners: Fritz Cohn, 1887 geborener Sohn von Dr. Jakob Cohn und seiner Ehefrau Ernestine geb. Goldstein. Sie hatte ihn wahrscheinlich schon als Kind gekannt.

Das junge Ehepaar zog nach Berlin. Fritz Cohn war Diplomkaufmann und arbeitete bei der Rawack & Grünfeld AG, einer großen Erzhandelsfirma. Dort wurde er sehr schnell Prokurist. Das Ehepaar bekam drei Töchter: 1920 Esther (in den Briefen mit „h“ geschrieben), 1921 Miriam (Mirjam) und 1926 Hannah. – Zur Familie gehörte seit Anfang der 1920er-Jahre auch der 1910 geborene Neffe Franz Josef Altmann, der Sohn von Fritz Cohns Schwester Gertrud, der nach dem frühen Tod seiner Eltern zu Fritz und Erna Cohn zog.
Die Familie wohnte bis Mitte der 1920er-Jahre in der Danckelmannstraße 31 in Charlottenburg. Das repräsentative Eckhaus zum Kaiserdamm 7, das es noch heute gibt, liegt gegenüber vom Lietzenseepark. Nach der Geburt der jüngsten Tochter Hannah zog die Familie in die Pestalozzistraße 53a, wiederum ein Eckhaus in der Nähe des Parks.

Erna Cohn führte das Leben einer gutsituierten bürgerlichen Ehefrau und Mutter. Sie managte den gastfreundlichen Haushalt, die „grobe“ Arbeit erledigte das Dienstmädchen. Fritz Cohn engagierte sich in der orthodoxen Synagoge Münchener Straße in Schöneberg und wurde schließlich Vorsteher der Gemeinde. Die ganze Familie hielt die traditionellen Gesetze ein. Eltern und Kinder verreisten in den Ferien und fuhren regelmäßig zu den Verwandten in Oberschlesien. Erna Cohns Schwiegermutter war bereits 1896 gestorben, der Schwiegervater starb 1916. Die Eltern und Geschwister von Erna Cohn waren nach 1921 im polnisch gewordenen Kattowitz geblieben, und sie besuchte sie dort sehr oft.

Zwei Jahre nach Beginn der NS-Diktatur zogen Erna Cohn und ihre Familie in eine große Wohnung im 2. Stock der Niebuhrstraße 72, Ecke Wielandstraße. Noch besaß ihr Ehemann seinen Arbeitsplatz bei der Rawack & Grünfeld AG. Die Töchter besuchten die zionistische Theodor-Herzl-Schule, sie konnten verreisen, spielten Klavier und waren im Sportverein. Seit 1935 waren „arische“ Dienstmädchen unter 45 Jahren in jüdischen Haushalten verboten, aber Erna Cohn beschäftigte weiterhin eine Hilfe – ob diese älter, eine Jüdin oder eine Verwandte war, bleibt unklar.
Nach dem Novemberpogrom 1938 und der Entlassung von Fritz Cohn wurde die eng miteinander verbundene Familie auseinandergerissen. Im Mai 1939 schickten die Eltern die jüngste Tochter Hannah mit einem Kindertransport nach Großbritannien. Ende August 1939 floh Miriam in die Niederlande und lebte dort in Enschede in einem landwirtschaftlichen Ausbildungslager der orthodoxen Agudas Jisrael. In die Niederlande flohen auch der Neffe und Pflegesohn Franz Josef Altmann und die Nichte Annemarie, Tochter des Schwagers Paul Cohn. Allein Esther blieb bei den Eltern und absolvierte eine Ausbildung zur Kindergärtnerin.
Erna und Fritz Cohn bereiteten sich auf die Emigration vor und besuchten entsprechende Kurse, Erna Cohn einen Zuschneidekursus. Fritz Cohn sandte immer wieder Bitten um Affidavits (Bürgschaften) an Bekannte im Ausland. Zwei, dann drei Zimmer der Wohnung mussten untervermietet werden, und die Eltern und Esther Cohn bewohnten nur noch das ehemalige Esszimmer und die beiden Kinderzimmer. Die gemeinsame Küche brachte ein neues Problem: Nicht jeder Untermieter führte einen rituellen Haushalt. 1941 arbeitete Fritz Cohn ehrenamtlich bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Die Familie musste in die Tile-Wardenberg-Straße 19 in Tiergarten ziehen, in ein Eckhaus zur Solinger Straße 7. In der neuen, fremden Wohngegend wurden sie immer einsamer. Erna Cohn war ständig krank und lag im Sommer 1941 fünf Wochen im Jüdischen Krankenhaus. Im Herbst besuchte das Ehepaar regelmäßig einen koscheren Mittagstisch, um Erna Cohn das Kochen zu ersparen.
Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen 1939 hatte Erna Cohn noch ihre Eltern und die Schwester Ruth in Kattowitz besucht, zum Geburtstag ihres Vaters. Am 17. Dezember 1941 wurde dieser im Städtischen Bürgerhaus-Hospital in Charlottenburg 90 Jahre alt. Ihre Mutter Sarah Weichmann und ihre Schwester Ruth lebten 1942 (vielleicht schon länger) in Sosnowitz (heute Sosnowiec/Polen), einem Ghetto in der Nähe von Kattowitz. Sie wurden in Auschwitz ermordet.

Am 26. Oktober 1942 wurde die Tochter Esther Cohn nach Riga deportiert und dort drei Tage später, gleich nach der Ankunft, am 29. Oktober 1942 ermordet. Fritz und Erna Cohn, die überlegt hatten, ob sie ihre Tochter nicht begleiten sollten, mussten ein letztes Mal die Wohnung wechseln. In demselben Eckhaus Solinger Straße 7 bewohnten sie seit dem 1. Februar 1943 zwei Zimmer einer 5-Zimmer-Wohnung. Erna Cohn war zuletzt Zwangsarbeiterin bei der Wäscherei Gubeler & Krause in der Frankfurter Allee im Bezirk Lichtenberg.

Am 12. März 1943 wurden Erna Cohn und ihr Ehemann Fritz Cohn mit dem „36. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Der Pflegesohn Franz Josef Altmann wurde im Juni 1943 in Sobibor getötet. Es überlebten die beiden Töchter Miriam und Hannah: Miriam überlebte in der Illegalität in den Niederlanden und heiratete Justin Seligmann aus Nördlingen, Hannah heiratete Michael Feist. Beide gingen nach Palästina/Israel und gründeten Familien.

Nach Berlin „zurückgekehrt“ ist David Gewirtz (Kwirz), ein Urenkel von Fritz und Erna Cohn, Enkel von Miriam Seligmann. Er arbeitet seit vielen Jahren als Rabbiner an der Schule der orthodoxen Bewegung von Chabad Lubawitsch.

Quellen:

Über das alltägliche Leben von Fritz Cohn und seiner Familie geben Hunderte von Briefen und Karten Auskunft, die er und seine Ehefrau, aber auch die Geschwister an Miriam Cohn in den Niederlanden geschrieben haben. Sie hielt die Briefe lange Zeit versteckt. Ihre Tochter Ronit Breslauer bat die Mutter um die Übersetzung der Briefe und gab sie mit vielen Fotografien an das Ghetto Fighters House im Kibbbuz Beit Lochamei HaGeta’ot. Digitalisiert sind sie nun im Internet zu lesen und zu betrachten.
Miriam Seligmann-Cohn Collection im Archiv des Ghetto Fighters House, offiziell Itzhak Katzenelson Holocaust and Jewish Resistance Heritage Museum and Study Center im Kibbuz Beit Lochamei HaGeta’ot, https://www.infocenters.co.il/gfh/notebook_ext.asp?book=133296&lang=eng&site=gfh
Fotografien hat Ronit Breslauer auch an das Beth Hatefutsoth Photo Archive, gegeben.

Adressbuch für Kattowitz und Umgebung 1894, 1907, 1910
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Datenbank Yad Vashem
Deutscher Reichsanzeiger 1886, 1887, 1891, 1895, 1910, 1915
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
https://www.geni.com/people/
https://www.jüdische-gemeinden.de
https://www.mappingthelives.org/
https://www.statistik-des-holocausts.de

Zu Dr. Jakob Cohn im Biographischen Portal der Rabbiner: http://steinheim-institut.de:50580/cgi-bin/bhr?id=2085
Zu David Kwirz (Gewirtz), Enkel von Miriam, Jüdische Allgemeine 4.9.2008 von Detlef Kauschke
Zu Susanne Kochmann: http://peterfraenkel.co.uk/susanne_and_the_nazis_2011.pdf

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Link zu: Stolperstein Ernestine Ester Cohn, 18.10.2011
Stolperstein Ernestine Ester Cohn, 18.10.2011
Bild: BA CW, Held

HIER WOHNTE
ERNESTINE ESTER
COHN
JG. 1920
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Esther Cohn kam am 29. August 1920 in Berlin als älteste Tochter des 1887 geborenen Diplomkaufmanns Fritz Cohn und seiner sechs Jahre jüngeren Ehefrau Erna geb. Weichmann auf die Welt. Vater und Mutter stammten aus Kattowitz (heute Katowice in Polen), einer Stadt im oberschlesischen Bergbau- und Industrierevier, die abwechselnd zum Deutschen Reich oder zu Polen gehörte. Ihr Vater war ein Sohn des Rabbiners Dr. Jakob Cohn (1843–1916) und seiner Ehefrau Ernestine Cohn, geb. Goldstein (1853–1896), die Mutter kam aus einer Familie von Kaufleuten und Unternehmern. Esther Cohns Großeltern väterlicherseits waren zum Zeitpunkt ihrer Geburt bereits gestorben. Die Großeltern Weichmann und andere Verwandte lebten während ihrer Kindheit und Jugend weiter in Oberschlesien.

Esther Cohns Vater arbeitete als Prokurist bei der Rawack & Grünfeld AG, einer großen Erzhandelsfirma. Im Jahr 1921 kam die Schwester Miriam (Mirjam) auf die Welt, 1926 die Schwester Hannah. Zur Familie gehörte auch der 1910 geborene Franz Josef Altmann, der Sohn einer Schwester von Fritz Cohn, der nach dem frühen Tod seiner Eltern bei Fritz und Erna Cohn aufwuchs. Die Familie wohnte bis Mitte der 1920er-Jahre in der Danckelmannstraße 31 in Charlottenburg, einem repräsentativen Eckhaus am Kaiserdamm gegenüber vom Lietzenseepark. Nach der Geburt der jüngsten Tochter Hannah zog die Familie in die Pestalozzistraße 53a, wiederum in der Nähe des Parks. Die Mutter führte den Haushalt, die „grobe“ Arbeit erledigte das Dienstmädchen. Der Vater engagierte sich in der orthodoxen Synagoge Münchener Straße in Schöneberg und wurde schließlich Vorsteher der Gemeinde. Die ganze Familie hielt die traditionellen Gesetze ein. Eltern und Kinder verreisten in den Ferien und fuhren regelmäßig zu den Verwandten in Oberschlesien.

Zwei Jahre nach Beginn der NS-Diktatur zogen Fritz Cohn und seine Familie in eine Wohnung im 2. Stock der Niebuhrstraße 72, Ecke Wielandstraße. Noch besaß der Vater seinen Arbeitsplatz und sein Einkommen bei der Rawack & Grünfeld AG. Esther und ihre Schwestern besuchten die zionistische Theodor-Herzl-Schule, sie konnten weiter verreisen, musizieren und waren im Sportverein.
Nach dem Novemberpogrom 1938 verlor Esthers Vater seinen Arbeitsplatz, und die Familie wurde auseinandergerissen: Im Mai 1939 schickten die Eltern ihre Schwester Hannah mit einem Kindertransport nach Großbritannien. Ende August 1939 ging Miriam in die Niederlande in ein landwirtschaftlichen Ausbildungslager für Palästina (Hachschara) der orthodoxen Agudas Jisrael. In die Niederlande flohen auch der Cousin und Pflegebruder Franz Josef Altmann und die Cousine Annemarie aus Oberschlesien.

Esther Cohn blieb bei den Eltern und begann im Oktober 1939 einen Kursus zur Einführung in die Kinderpflege und -erziehung im „Jüdischen Seminar für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen“ in der Wangenheimstraße 36 im Grunewald. Neben der seit 1934 bestehenden Ausbildung zur Kindergärtnerin wurden hier seit 1938 in halb- und einjährigen Kursen Mädchen und Frauen für die Arbeit in einem Haushalt mit Kindern ausgebildet. Gleich zu Beginn absolvierte sie ein Praktikum im „Israelitischen Volkskindergarten und Kinderhort“ in der Gipsstraße 3 im „Scheunenviertel“: Hier lernte sie das Milieu der armen Ostjuden kennen, das sie nur aus Oberschlesien kannte. Nach der Ausbildung zur Kinderpflegerin besuchte Esther Cohn in der „Wangenheimstraße“ das Kindergärtnerinnen-Seminar, das einzige staatlich anerkannte jüdische Seminar in Deutschland, dessen Abschluss daher auch im Ausland gültig war. Theoretische und praktische Ausbildung wechselten sich ab: Esther Cohn arbeitete im Hort Fehrbellinerstraße des „Verein Jüdisches Kinderheim“. Hier traf sie wieder auf sehr arme Kinder, die ihr so fremd waren wie die Kinder im „Scheunenviertel“. Aber ihr Engagement und ihre Freude an der Arbeit blieben ungebrochen, und sie machte 1941 oder 1942 ein sehr gutes Examen.

Esther Cohn wohnte weiterhin bei ihren Eltern, die sich bis 1941 auf die Emigration vorbereiteten. Sie mussten Untermieter in die Wohnung aufnehmen und bewohnten nur noch das ehemalige Esszimmer und die beiden Kinderzimmer. Dann musste die Familie in die Tile-Wardenberg-Straße 19/Ecke Solinger Straße 7 in Tiergarten umziehen. Die neue Wohngegend blieb fremd, und die Eltern wurden immer einsamer. Esther Cohns Mutter war chronisch krank und trotzdem zur Zwangsarbeit verpflichtet worden.
Am 26. Oktober 1942 wurde Esther Cohn mit fast 800 anderen Erwachsenen und Kindern nach Riga verschleppt und dort gleich nach der Ankunft am 29. Oktober 1942 in den nahen Wäldern ermordet. Dieser „22. Osttransport“ war Teil der „Gemeindeaktion“, da eine große Zahl der Deportierten Angestellte der Jüdischen Gemeinde und ihre Familienangehörigen waren, darunter auch aus dem Heim in der Fehrbelliner Straße.
Esther Cohns Eltern mussten zum 1. Februar 1943 in demselben Eckhaus Solinger Straße 7 ein letztes Mal die Wohnung wechseln. Am 12. März 1943 wurden sie mit dem „36. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Zu den ermordeten Verwandten gehörten auch die Großmutter Sarah Weichmann und ihre Tochter Ruth, die Cousine Annemarie Cohn und der Cousin und Pflegebruder Franz Josef Altmann, der im Juni 1943 in Sobibor umkam. Esther Cohns Schwestern Hannah und Miriam überlebten: Hannah, die in Großbritannien erwachsen geworden war, heiratete Michael Feist, Miriam überlebte in der Illegalität in den Niederlanden und heiratete Justin Seligmann aus Nördlingen. Beide gingen nach Palästina/Israel und gründeten dort Familien.

Nach Berlin „zurückgekehrt“ ist David Gewirtz (Kwirz), ein Urenkel von Fritz und Erna Cohn, Enkel von Miriam Seligmann. Er arbeitet seit vielen Jahren als Rabbiner an der Schule der orthodoxen Bewegung von Chabad Lubawitsch.

Quellen:

Über das alltägliche Leben von Fritz Cohn und seiner Familie geben Hunderte von Briefen und Karten Auskunft, die er und seine Ehefrau, aber auch die Geschwister an Miriam Cohn in den Niederlanden geschrieben haben. Sie hielt die Briefe lange Zeit versteckt. Ihre Tochter Ronit Breslauer bat die Mutter um die Übersetzung der Briefe und gab sie mit vielen Fotografien an das Ghetto Fighters House im Kibbbuz Beit Lochamei HaGeta’ot. Digitalisiert sind sie nun im Internet zu lesen und zu betrachten.
Miriam Seligmann-Cohn Collection im Archiv des Ghetto Fighters House, offiziell Itzhak Katzenelson Holocaust and Jewish Resistance Heritage Museum and Study Center im Kibbuz Beit Lochamei HaGeta’ot, https://www.infocenters.co.il/gfh/notebook_ext.asp?book=133296&lang=eng&site=gfh
Fotografien hat Ronit Breslauer auch an das Beth Hatefutsoth Photo Archive, gegeben.

Adressbuch für Kattowitz und Umgebung 1894, 1907, 1910
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Datenbank Yad Vashem
Deutscher Reichsanzeiger 1886, 1887, 1891, 1895, 1910, 1915
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
https://www.geni.com/people/
https://www.jüdische-gemeinden.de
https://www.mappingthelives.org/
https://www.statistik-des-holocausts.de

Zu Dr. Jakob Cohn im Biographischen Portal der Rabbiner: http://steinheim-institut.de:50580/cgi-bin/bhr?id=2085
Zu David Kwirz (Gewirtz), Enkel von Miriam, Jüdische Allgemeine 4.9.2008 von Detlef Kauschke

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin