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Stolpersteine Niebuhrstraße 3

Link zu: Hauseingang Niebuhrstr. 3
Hauseingang Niebuhrstr. 3, 06.04.2012
Bild: A. Bukschat & C. Flegel

Für das Ehepaar Schloss wurden diese Stolpersteine am 11.12.2006 verlegt.

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Stolperstein Siegfried Schloss, 06.04.2012
Bild: A. Bukschat & C. Flegel

HIER WOHNTE
SIEGFRIED SCHLOSS
JG. 1868
DEPORTIERT 1941
LODZ
ERMORDET 1.1.1942

Siegfried Schloß kam am 25. März 1868 im hessischen Friedberg als Sohn des Kaufmanns Salomon Schloß (1830–1879) und seiner Ehefrau Johanna, geb. Kassel, (1833–1901) zur Welt. In der Stadt Friedberg gab es seit dem Mittelalter eine bedeutende jüdische Gemeinde. Die Familie Schloß war eine der vielen Kaufmannsfamilien mit Wohnung und Geschäft im alten „Judenviertel“ der Stadt. Im Adressbuch der Wetterau von 1915 findet sich das Geschäft der Geschwister Schloß in der Usagasse 6, Inhaber war Siegmund Gottschalk (1853–1929), der Mann von Siegfrieds verstorbener Schwester Fabiana. Verkauft wurden „Kurz-, Weiß-, Woll- und Manufakturwaren, Tapisserie, Nähmasch., Fahrräder.“

Siegfried Schloß hatte sechs ältere Geschwister: Bertha (1858–1931), die einen Uhrmacher heiratete; Fabiana (1859–1893), die ein Jahr nach der Hochzeit mit Siegmund Gottschalk starb; Adolf (1860–1944), der mit seiner nichtjüdischen Ehefrau als Kaufmann in Schönebeck an der Elbe lebte und nach ihrem Tod von Berlin aus nach Theresienstadt deportiert wurde und dort 1944 umkam; die Zwillinge Isidor und Louis (geboren 1864, gestorben 1866 und 1881) und Theodor, der 1891 mit 28 Jahren starb. – Nach dem Tod des Vaters Salomon führte die Mutter das Geschäft weiter.

Anders als seine Brüder wurde Siegfried Schloß kein Kaufmann, sondern Ingenieur. Bekannt ist, dass er im April 1889 aus Darmstadt nach Friedberg zurückkam und sich noch in demselben Monat nach Berlin abmeldete.
Am 6. April 1899 heiratete er Valeska (Wally) Spiegel, die 1881 in Berlin geborene Tochter eines Kaufmanns. Sie wohnte bei den Eltern in der Friedrichstraße, einen Beruf hatte sie nicht. Das Ehepaar lebte nach der Hochzeit bis 1908 in der Artilleriestraße 3 (heute Tucholskystraße), also in der Spandauer Vorstadt, in der vor allem die zugewanderten Ostjuden lebten.
Am 25. März 1903 wurde in der Artilleriestraße der Sohn Hans-Stephan geboren. 1909 zog die Familie in eine 4-Zimmer-Wohnung in der Niebuhrstraße 3 in der damals noch selbstständigen Stadt Charlottenburg. Siegfried Schloß arbeitete bei der AEG und verdiente gut. Er blieb bis zur Pensionierung bei der großen Firma und machte Karriere, wurde Oberingenieur und Prokurist.

Die Wohnung in der ruhigen bürgerlichen Umgebung war wertvoll eingerichtet. Zur Kleidung von Siegfried Schloß gehörten ein Frack und ein Smoking für den Abend und ein Cut für den Tag – das Ehepaar oder auch Siegfried Schloß allein hatten also gesellschaftliche Verpflichtungen, die den entsprechende „Gesellschaftsanzug“ verlangten. Sohn Hans-Stephan, der Volkswirtschaft studiert und promoviert hatte, lebte bis zu seiner Emigration nach Italien im Jahr 1936/1939 bei den Eltern in der Niebuhrstraße 3.
Am 1. November 1941 wurden Siegfried Schloß und seine Ehefrau Valeska in das Ghetto Lodz deportiert. Dort waren sie in der Hohensteiner Straße 62 (heute ul. Zgierska) untergebracht. Das Leben im überfüllten Ghetto bedeutete Hunger, Krankheit, erschöpfende Arbeit. Siegfried Schloß starb am 18. Januar 1942 im Krankenhaus des Ghettos. Seine Ehefrau Valeska wurde von Lodz in das Vernichtungslager Chelmo (Kulmhof) transportiert und dort am 9. Mai 1942 ermordet.

Hans-Stephan Schloß überlebte in Italien Verfolgung und Lagerhaft und arbeitete in den 1950er Jahren in Wien als Wirtschaftsreferent bei der Botschaft der BRD.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vprrecherchen: Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Adressbuch der Wetterau;
Landesarchiv Berlin – Personenstandsunterlagen/über ancestry;
Hanno Müller: Juden in Friedberg, Lich 2018;
https://www.geni.com/people/;
Yad Vashem. List of the ghetto inhabitants 1940–1944, Lodz-Names, Jerusalem 1994.

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Link zu: Stolperstein Valeska Schloss
Stolperstein Valeska Schloss, 06.04.2012
Bild: A. Bukschat & C. Flegel

HIER WOHNTE
VALESKA SCHLOSS
GEB. SPIEGEL
JG. 1881
DEPORTIERT 1941
LODZ
ERMORDET DEZ 1941

Valeska (Wally) Spiegel kam am 18. Januar 1881 als Tochter des Kaufmanns Wolff Spiegel (1846–1910) und seiner 1853 geborenen Ehefrau Emma, geb. Wolff, in Berlin zur Welt. Ihr Vater war der Sohn eines Schneiders und stammte aus Schrimm in der Provinz Posen (heute Śrem in Polen). Die Mutter war ebenfalls in der Provinz Posen auf die Welt gekommen und zwar in Birnbaum (heute Międzychód in Polen), der „Wiege des Warenhauses“: Hier wurden die Warenhausgründer Tietz geboren.

1880 hatten die Eltern in Berlin geheiratet. Wolff Spiegel besaß ein Geschäft für Herrengarderobe in der nördlichen Friedrichstraße, zwar unter wechselnden Adressen (Nr. 111, 115, 112b) und er betrieb zusätzlich ein Tuchlager – aber er blieb in der Gegend. In den nahen Straßen der Spandauer Vorstadt lebten die neu zugewanderten Juden aus Osteuropa. Hier wuchs Valeska Spiegel auf.

(Die Großeltern Spiegel und auch die Eltern von Valeska Schloß sollten später für kurze Zeit im „Grünen“ leben: in der Dianastraße 39 in Lübars.)
Am 6. April 1899 heiratete Valeska Spiegel – gerade 18 Jahre alt und (wie es üblich war) ohne Beruf – den 1868 geborenen Ingenieur Siegfried Schloß. Er stammte aus einer hessischen Kaufmannsfamilie. Nach der Hochzeit lebte das Ehepaar bis 1908 in der Artilleriestraße 3 (heute Tucholskystraße), also weiterhin in der Spandauer Vorstadt.

Am 25. März 1903 brachte Valeska Schloß in der Artilleriestraße den Sohn Hans-Stephan auf die Welt. 1909 zog die Familie in die Niebuhrstraße 3 in der damals noch selbstständigen Stadt Charlottenburg. Sie bewohnte während der folgenden 30 Jahre eine gut eingerichtete 4-Zimmer-Wohnung. Wohlhabende Kaufleute, Künstler, Ärzte waren die neuen Nachbarn. Die Juden, die hier lebten, waren „angekommen“.

Valeskas Ehemann Siegfried Schloß verbrachte sein ganzes Berufsleben bei der AEG in Berlin und machte dort Karriere. Valeska Schloß führte das Leben einer bürgerlichen Ehefrau und Hausfrau, die sicherlich ein Dienstmädchen beschäftigte – die in der Wohnung vorhandene Kammer könnte der Schlafplatz gewesen sein. Zu der über 30 Jahre später vor der Deportation in der „Vermögenserklärung“ angegebenen Kleidung gehörten für Siegfried Schloß Frack, Smoking und Cut: „Gesellschaftsanzüge“ für die entsprechenden Kontakte und Verpflichtungen. Allerdings waren die für Valeska Schloß angegebenen Kleidungstücke eher bescheiden, allein eine Pelzjacke zeugt von den vergangenen guten Jahren. Sohn Hans-Stephan, der Volkswirtschaft studiert und promoviert hatte, lebte bis zu seiner Emigration nach Italien im Jahr 1936/1939 bei den Eltern in der Niebuhrstraße 3. Er überlebte in Italien Verfolgung und Lagerhaft und arbeitete in den 1950er Jahren bei der Botschaft der BRD in Wien.

Am 1. November 1941 wurden Johanna Schloß und ihr Ehemann Siegfried in das Ghetto Lodz deportiert. Dort waren sie in der Hohensteiner Straße 62 (heute ul. Zgierska) untergebracht. Das Leben im überfüllten Ghetto bedeutete Hunger, Krankheit, erschöpfende Arbeit. Siegfried Schloß starb bereits am 18. Januar 1942 im Krankenhaus des Ghettos. Zwischen dem 4. und 15. Mai 1942 wurden etwa 10.000 der im Oktober und November 1941 aus dem Deutschen Reich deportierten Juden in das Vernichtungslager Chelmo (Kulmhof) transportiert und dort ermordet. Zu ihnen gehörte auch Valeska Schloß. Sie verlor ihr Leben am 8. Mai 1942 in Chelmo.

Neuere Recherchen haben ergeben, dass Valeska Schloß im Vernichtungslager Kulmhof ermordet wurde.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Adressbuch der Wettera;
Landesarchiv Berlin – Personenstandsunterlagen über ancestry;
Hanno Müller: Juden in Friedberg, Lich 2018;
https://www.geni.com/people/;
Yad Vashem. List of the ghetto inhabitants 1940–1944, Lodz-Names, Jerusalem 1994.

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin