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Stolperstein Lietzenburger Str. 55 - 57 (früher Lietzenburger Str. 51)

Hauseingang Lietzenburger Str. 55-57, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.03.2012

Dieser Stolperstein wurde am 12. Mai 2006 verlegt.

Stolperstein Charlotte Ewer, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.03.2012

HIER WOHNTE
CHARLOTTE EWER
JG. 1883
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Charlotte Ewer kam am 30. September 1883 in Berlin als Tochter des Kaufmanns Dr. Adolph Louis Ewer (1850–1928) und seiner Ehefrau Margarethe Ewer, geb. Hirsch, (1850–1934) auf die Welt.
Die Großeltern väterlicherseits waren Kaufleute in der Hafenstadt Uckermünde (damals in der preußischen Provinz Pommern), die Mutter stammte aus einer wohlhabenden Berliner Bankiersfamilie. Die Eltern hatten 1882 in Berlin geheiratet. Der Vater Adolph Louis Ewer lebte dort
als Geschäftsmann, die Mutter Margarethe wohnte als unverheiratete Tochter bei ihren Eltern in der Königgrätzer Straße (Stresemannstraße in Berlin-Kreuzberg).

Nach der Hochzeit zogen die Eltern in die Königin-Augusta-Straße 19 (heute Reichpietschufer) und dann zum Lützowufer 22. In den vornehmen Häusern auf beiden Seiten des Landwehrkanals verbrachte Charlotte Ewer ihre Kindheit. Der Lützowplatz, aber auch der Große Tiergarten waren
nicht weit entfernt – dort wird sie sicherlich mit dem Kindermädchen spazieren gegangen sein.
1885 kam ihre Schwester Alice Marie auf die Welt, 1888 wurde der Bruder Hermann geboren. Der Vater war anfangs Mitinhaber, dann Alleininhaber der 1879 gegründeten Firma Ewer & Pick, einer Großhandlung für Chemikalien mit eigener Fabrik in Berlin-Grünau. Die Firma ging nach
einem Aufsehen erregenden Prozess um Patente in Konkurs, und Adolph Ewer führte in den folgenden Jahren ein „Bankgeschäft für Hypotheken und Grundbesitz“. Die Familie zog um, blieb aber nicht weit entfernt vom Lützowufer: Die neue Wohnung lag am Rand des ebenfalls vornehmen Lützowviertels in der Lutherstraße 45 (eine nicht mehr existierende Straße nahe der Kleiststraße, nicht weit von der „Urania“.) Kurz vor dem Ersten Weltkrieg folgte ein letzter Umzug der Eltern mit ihren erwachsenen Kindern: In der Fasanenstraße 58 bewohnte die Familie bis zum
Ende der Weimarer Republik eine 5-Zimmer-Wohnung, deren Einrichtung, nach der Erinnerung der Schwägerin von Charlotte Ewer, Wohlstand erkennen ließ. Charlotte Ewers Bruder Hermann wurde Kinderarzt und heiratete 1920 die Ärztin Dr. Hedwig Brandt. Das Ehepaar eröffnete eine
gemeinsame Praxis. 1922 und 1924 wurden die Söhne Gerhard und Horst geboren.

Charlotte Ewer wurde Handelsschullehrerin. Leider ließen sich bis jetzt keine Unterlagen über ihre Ausbildung finden. Sicher ist: Zum Ende der Weimarer Republik arbeitete sie an der Berufsschule für Verkäuferinnen in Berlin-Kreuzberg. Die Schule befand sich zuerst in der Dessauer Straße und später in der Hallesche Straße 24–26. Dies war das ehemalige Gebäude des Askanischen Gymnasiums, heute ist hier die Clara-Grunwald-Grundschule, benannt nach der 1943 in Auschwitz ermordeten Montessori-Pädagogin Clara Grunwald. Charlotte Ewers Verdienst half während der NS-Zeit auch den einst wohlhabenden, inzwischen verarmten Eltern, mit denen sie weiterhin den Haushalt teilte.
Nach dem Ersten Weltkrieg tat Charlotte Ewer einen entscheidenden Schritt: Sie konvertierte zum Christentum und ließ sich evangelisch-lutherisch taufen. Von nun an gehörten evangelische Christen zu ihrem Bekanntenkreis. Im Frühjahr 1928 starben kurz nacheinander Vater und Bruder von Charlotte Ewer. Mutter und Tochter blieben in der Wohnung Fasanenstraße 58. Dr. Hildegard Ewer, die Witwe des Bruders, führte die Praxis weiter.
1933 wurde Charlotte Ewer, die zuletzt stellvertretende Direktorin der Kreuzberger Berufsschule für Verkäuferinnen war, als „Jüdin“ nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zwangsweise pensioniert. Für kurze Zeit lebte sie mit ihrer Mutter in einer 2-Zimmer-Wohnung im Gartenhaus der Neuen Bayreuther Straße 7 (heute Welserstraße) in der Nähe des Lette-Vereins.

1934 starb die Mutter von Charlotte Ewer, die nun zum ersten Mal allein lebte und nicht berufstätig war. Sie suchte – als „Jüdin“ und ledige Frau! – ein Adoptivkind: Im September 1935 adoptierte sie, die am 8. April 1932 in Berlin-Wedding geborene Ruth, deren Mutter Jüdin, deren Vater kein Jude
war. Die „Adoptionsgeschichte“ kann hier nicht im Einzelnen dargestellt werden. Eine Rolle dabei spielten Charlotte Nohl (1893–1991) und Ruth von der Leyen (1888–1935) und der Verein für Heilerziehung Berlin-Marienfelde, der ein Heim in Marienfelde und das Heim „Kinderkaten“ auf dem Darss an der Ostsee betrieb. Charlotte Nohl war der Vormund von Ruth Ewer. Charlotte Ewer verließ Berlin und zog mit ihrer Tochter in das Seebad Kolberg an der Ostsee (heute Kolobrzeg/Polen). Beide lebten in einer 2-Zimmer-Wohnung an der Ziegelschanze 10.
Und auch dort verkehrte Charlotte Ewer in „evangelischen Kreisen“: Sie war mit dem Kolberger Domprediger und Kunsthistoriker Paulus Hinz (1899–1988), einem Mitglied der Bekennenden Kirche, bekannt. Sein Sohn, der spätere Bildhauer Erdmann Michael Hinz (1933–1950), war der Spielkamerad ihrer Tochter Ruth.
Kolberg galt als „Judenbad“. Als nach Kriegsausbruch die Strände in den deutschen Seebädern endgültig „judenrein“ gemacht wurden, mussten Charlotte und Ruth Ewer nach Berlin zurückkehren. Von 1940 bis Ende Oktober 1942 wohnten Mutter und Tochter als Untermieter in der
Lietzenburger Straße 51 in Berlin-Wilmersdorf. Hauptmieter der Wohnung im 2. Stock des Vorderhauses waren Richard Jacoby(1880–1944 Theresienstadt) und seine Ehefrau Else (1885–1944 Auschwitz). Charlotte Ewer musste den „Stern“ tragen, die Tochter nicht. Sie hielt wiederum Kontakt zur Bekennenden Kirche, ging in die Dahlemer Kirche, zu Pastor Niemöller und zu Probst Heinrich Grüber. Die Folgen der materiellen und psychischen Not machten sich bemerkbar: Charlotte Ewer litt während dieser zwei Jahre ständig an Magenbeschwerden.
Behandelt wurde sie von ihrer Schwägerin Dr. Hedwig Ewer, die sie auch mit Lebensmitteln und Geld unterstützte.

Am 26. Oktober 1942 wurde Charlotte Ewer vom Güterbahnhof Moabit aus nach Riga deportiert.

Die fast 800 Menschen dieses Transports wurden nicht in das Ghetto gebracht, sondern gleich nach der Ankunft am 29. Oktober 1942 in den Wäldern am Stadtrand von Riga erschossen.

Charlotte Ewer hatte für die Rettung und das Überleben ihrer Tochter Ruth gesorgt: Nach der Deportation der Mutter wurde Ruth Ewer zuerst von einer Patentante in München aufgenommen, dann blieb sie bis Kriegsende bei Charlotte Nohl im Heim „Kinderkaten“. Zurück in Berlin folgten Schule, Studium, Auslandsaufenthalt, Ehe und Mutterschaft in Hamburg – Ruth Ewer lernte das „normale Leben“ kennen.

Quellen:
Adressbuch Kolberg 1937
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Deutscher Reichsanzeiger 1879, 1890
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
Judith Hahn: Hedwig Ewer, geborene Brandt (1890–1978): Kampf um die Existenz In: Dtsch Arztebl 2009;
106(9): A-392 / B-338 / C-330
HU Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Labo Berlin Entschädigungsbehörde
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
Hugo Maier (Hrsg.): Who is who der Sozialen Arbeit, Freiburg i.Br. 1998
Yad Vashem. Opferdatenbank
https://www.geni.com/people/
https://www.mappingthelives.org/
https://www.statistik-des-holocaust.de/
https://www.juedische-gemeinden.de/
https://arolsen-archives.org/

Informationen/Gespräche mit der Adotivtochter Ruth Gienow im März 2021
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