Stolpersteine Güntzelstraße 45

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Hauseingang Güntzelstr. 45
Bild: BA CW, Held

Der Stolperstein für Paula Bernstein wurde am 6.06.2005 verlegt.
Der Stolperstein für Erich Stern wurde am 9.4.2013 verlegt und gespendet von Christiane Stern, die diesen Stolperstein für ihren Großvater verlegen ließ.

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Stolperstein Paula Bernstein
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
PAULA
BERNSTEIN
GEB. LEHMANN
JG. 1867
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET DEZ. 1942

Paula Bernstein
Paula Bernstein
Bild: Familienarchiv

Paula Bernstein geb. Lehmann wurde geboren am 22. Januar 1867 in Neustettin (Pommern). Sie war die älteste Tochter von Leopold Lehmann (1829-1895) und Doris Lehmann geb. Behrend (1840-1926).

Verheiratet war sie mit Gustav Bernstein (geboren 1859), der 1919 in Berlin starb. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Tochter Frieda (1890-1976) emigrierte Mitte der Dreißigerjahre nach England und später in die Schweiz, wo sie ihren zukünftigen Mann Anselm Emil Brunner kennen lernen sollte. Sohn Emil (1891-1915) starb im Ersten Weltkrieg als Soldat an der russischen Front. Tochter Käthe (1892-1987) überlebte in Deutschland dank ihrer Ehe mit Walter Severin, ihrem Ehemann christlichen Glaubens, der sich standhaft weigerte, sich von seiner Frau scheiden zu lassen.

Deportiert wurde Paula Bernstein, die in der Güntzelstraße 45 wohnte, am
13. August 1942 vom Anhalter Bahnhof in einem zugesperrten Zugabteil in das Ghetto Theresienstadt, wo der 75-jährigen ein sonniges Alter versprochen wurde. Von den 100 Insassen überlebten nur fünf. Paula Bernstein kam wenige Wochen nach ihrer Ankunft an den grauenhaften Lebensumständen in dem von den Nationalsozialisten betriebenen „Altersghetto“ ums Leben. Ihr Todesdatum war nach Angaben der Tochter Käthe der der 14. Dezember 1942, nach Angabe des Bundesarchivs der 19. Dezember 1942.

Ihre Tochter Käthe Severin geb. Bernstein hat 1974 in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem ein Gedenkblatt für ihre Mutter Paula hinterlegt. Daraus geht hervor, dass sie an Lungenentzündung gestorben sei.
In der Familie gibt es lebende Nachkommen.

Nach Informationen von Francois Cellier (Einsiedeln/Schweiz) und Uri Shani (Kiryat Tiv’on/Israel)

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Stolperstein Erich Stern
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
ERICH STERN
JG. 1905
DEPORTIERT 5.9.1944
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Erich Stern wurde als Sohn von Alfred und Ella Stern, geb. Silberstein, am 19. März 1905 in Berlin geboren. Getauft wurde er in der Evangelischen Gemeinde zu Deutsch-Wilmersdorf. Seine Schwester war Ilse Steinfeld, geb. Stern, geboren am 13. November 1906, sie beging am 11. Juni 1937 Selbstmord. Alle vier wurden also Opfer der nationalsozialistischen Zeit.

Die Familie hat ihre Wurzeln in Schlesien. Alfred Stern, geboren am 10. Oktober 1873, war Fabrikbesitzer gewesen. Er und seine Frau Ella, geboren am 15. Dezember 1883 als Ella Silberstein, nahmen sich am 17. Dezember 1941 das Leben. Sie sind auf dem Parkfriedhof in Berlin-Lichterfelde beerdigt.

Erich Stern war verheiratet mit Margot Stern, geb. Schulze, die nach den NS-Rassebestimmungen „arisch“ war. 1942 ließen sie sich unter Druck scheiden, der gemeinsame Sohn Klaus, geboren am 27. November 1929, blieb bei der Mutter. Nach einem missglückten Fluchtversuch in Richtung Belgien (1943) kehrte Erich Stern nach Berlin zurück und tauchte unter. Seine letzte Wohnung hatte er in der Güntzelstraße 45. Bei einem Treffen mit anderen illegal in Berlin lebenden „U-Booten“ in der Gaststätte Aschinger am Zoo wurde Erich Stern erkannt und verraten. Am 5. September 1944 wurde er vom Bahnhof Grunewald in einem Waggon mit 27 Menschen nach Theresienstadt deportiert und von dort nach Auschwitz gebracht, wo er am 28. September 1944 in der Gaskammer umgebracht wurde.

Text: Helmut Lölhöffel nach Informationen der Familie Stern

Eva Stern, die Ehefrau von Klaus Stern, hat über dessen Vater und seine Familie diesen Text verfasst:

Erzwungener Freitod

Auf dem schwarzen Grabstein im Urnengarten des Parkfriedhofs Lichterfelde sind die nüchternen Daten der Toten klar lesbar. Vor dreißig Jahren hat Klaus Stern hier die verwahrloste Grabstätte seiner Großeltern mit dem umgefallenen Stein entdeckt und ihn wieder herrichten und beschriften lassen: Dr. Alfred Stern, 10.10.1873, und Ella Stern, geb. Silberstein, 15.12.1883. Die alten Familiengräber beider Familien liegen auf dem Jüdischen Friedhof in Breslau nebeneinander. Das Sterbedatum der Eheleute ist der 17.Dezember 1941. Auch Ilse Steinfeld, geb. Stern, gestorben 1937 ist hier beigesetzt worden. Dass sich ihre Eltern das Leben genommen haben, als ihr Abtransport nach Theresienstadt bevorstand, erraten wenige. Der Name Erich Stern ist erst dreißig Jahre nach seinem Tod durch seinen Sohn als letzter zugefügt worden. Und das weiß nur die engste Familie.

Kindheitserinnerungen an Besuche bei den Großeltern in ihrer Dahlemer Villa standen dem Enkel Klaus, der am 27. November 1929 in Breslau geboren worden war, deutlich vor Augen. Auch ein Neffe des Großvaters, der amerikanische Historiker Fritz Stern, erinnert sich noch an Besuche bei den Verwandten in Berlin. Er wurde1926 als Sohn von Richard Stern in Breslau geboren und lebte als Kind noch mit seinen Eltern in Breslau, bevor sie in die USA emigrierten. Ein anderer Bruder von Alfred Stern floh nach Berkeley, ein weiterer in die Schweiz. Aber Alfred, der im Ersten Weltkrieg als Frontoffizier mit dem Eisernen Kreuz dekoriert worden war, konnte sich nicht vorstellen, dass er und seine Familie gefährdet wären. Bis es zu spät war.

Als Todesdatum der Tochter Ilse Steinfeld, geb. Stern 13.11.1906, steht hier der 11.6.1937. Fritz Sterns Ahnenforschung deutet ebenfalls auf Suizid hin. Den Namen seines Vaters Erich Stern ließ Klaus auf dem Grabstein zu denen von Eltern und Schwester schreiben. Geboren worden war Erich als Sohn von Alfred und Ella am 19.3.1905 in der Fasanenstraße 58, getauft in der Evangelischen Gemeinde zu Deutsch-Wilmersdorf, ermordet kurz vor Kriegsende in Auschwitz. Die Villa in der Meisenstraße 5 hatte Alfred Stern 1928 gebaut, sie aber 1934/35 verkauft. Bis zum gemeinsamen Tod durch Leuchtgas wohnte er mit seiner Frau im Steglitzer Amfortasweg 21. Seine Fabrik, das Duroplattenwerk in Kreuzberg, hatte er an den Prokuristen der Firma verkauft, als jüdische Eigentümer geächtet wurden. Hier hatte auch sein Sohn Erich als kaufmännischer Mitarbeiter gearbeitet.

Während seiner Ehe mit der nichtjüdischen Margot Stern, geb. Schulze, war Erich Stern noch geschützt. Das änderte sich nach dem September 1942, als diese unter Druck der Scheidung zustimmte. Später kehrte er bei einem Fluchtversuch kurz vor der belgischen Grenze um nach Berlin, wo er untertauchte. Auf einer Ansichtskarte schrieb er noch einen letzten Gruß an den 13-jährigen Klaus, “zur Erinnerung an Ostern 43”.

Erich Stern wurde bei einem Treffen mit anderen “U-Booten” bei Aschinger am Zoo erkannt und verraten. Nach Theresienstadt folgte Auschwitz. Jahrelang kämpfte der Sohn mit sich, den Vater für tot erklären zu lassen. 1964 erst erhielt er dann über das Rote Kreuz die Todeserklärung, datiert auf März 1945 in Auschwitz. Erichs Sterns letzte Berliner Adresse steht im Gedenkbuch für die Juden in Wilmersdorf unter Güntzelstraße 45. Seine Asche fand nicht ihren Platz im Familiengrab in Steglitz.

Als Erinnerung an Erich Stern hat seine Enkelin, Christiane Stern, einen Stolperstein vor dem Haus Güntzelstraße 45 legen lassen. Bei der Verlegung waren auch die Urenkelin, die 17-jährige Henriette Stern, und Eva Stern, die Frau von Klaus Stern, anwesend.