Stolperstein Fritschestraße 31

Hausansicht Fritschestr 31

Hausansicht Fritschestr 31

Dieser Stolperstein wurde am 23. Juni 2026 verlegt und von Sabine und Pascal Lubow gespendet.

Stolperstein für Johannes Lubow (geboren Lubowski)

Stolperstein für Johannes Lubow (geboren Lubowski)

HIER WOHNTE
JOHANNES LUBOW
JOHANNES LUBOWSKI
JG. 1888
´SCHUTZHAFT` 1938
KZ SACHSENHAUSEN
ZUR FLUCHT GEZWUNGEN
1939 ARGENTINIEN

Johannes Lubow (geb. Lubowski) erblickte am 17. Mai 1888 in Magdeburg das Licht der Welt. Er war das dritte der sechs Kinder von Dorothea Driesen (geb. 1855 in Bromberg) und Hermann Lubowski (geb. 1860 in Zauchwitz), Diplom-Ingenieur.

Die Familie jüdischer Abstammung trat 1892 zum evangelischen Glauben über. Johannes war zehn Jahre alt, als sein Vater in Essen verstarb. Die Mutter wurde dadurch zum zweiten Mal Witwe. Ihr ältester Sohn Eduard (geb. 1883 in Breslau), aus erster Ehe mit dem Breslauer Kaufmann Johannes Müller, war von Hermann Lubowski adoptiert worden. Dorothea Lubowski gab alles daran, ihren Kindern Eduard, Karl, Johannes, Walter, Fritz und Margarete eine behütete Kindheit, Schulbildung und Studium zu ermöglichen.

Johannes war ein geselliger junger Mann. Er fühlte sich wohl in Kameradschaft, beim Sport, er lachte gerne und erzählte Witze. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wollte auch er als „guter Deutscher“ Patriotismus und Kaisertreue beweisen. Zeit seines Lebens war er stolz auf seinen Verdienstorden aus dem Krieg wie auch auf sein Deutsches Sportabzeichen.

Den Fußstapfen des Vaters folgend, absolvierte Johannes Lubow das Studium zum Diplom-Ingenieur. Aus seiner Ehe mit Elisabeth Fehlauer (geb. 1891 in Berlin), eine der ersten Studentinnen der Altsprachen an der Humboldt-Universität in Berlin, gingen Sohn Karl-Günther (geb. 1920 in Berlin) und Tochter Gisela (geb. 1922 in Grosswusterwitz) hervor. Nach Grosswusterwitz war die Familie gezogen, nachdem der junge Familienvater als Regierungs-Baumeister an die Großbaustelle des Elbe-Havel-Kanals berufen worden war. Der neue Kanalabschnitt, inklusive Schleuse und Straßenbrücke, war ab 1921/22 in Bau und wurde 1930 in Betrieb genommen.

Um 1925 kehrte Johannes Lubow mit Frau und Kindern zurück nach Berlin und bezog eine Wohnung im 3. Stock der Fritschestraße 31. Doch dunkle Wolken zogen sich immer dichter zusammen: Ab 1933 nahm die sukzessive Entrechtung und Verfolgung aller Personen ihren Lauf, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten. Auch Johannes Lubow war mit staatlichen Zwangsmaßnahmen konfrontiert. Obwohl sich um ihn herum Rassismus ausbreitete, Straßenkämpfe, Saalschlachten und SA-Aufmärsche zunahmen und Beamte jüdischer Abstammung durch Erlasse und Sondergesetze nach und nach ihrer Arbeit und ihrer Selbstbestimmung beraubt wurden, hielt er an dem Glauben fest, dass sich für „vollwertige Deutsche“ wie ihn das Blatt wenden und es nicht noch schlimmer kommen werde. Durch Erlass des Justizministers zu Berlin vom 6. Februar 1923 war er „ermächtigt“ worden, fortan den Familiennamen Lubow zu führen – ein früher Versuch, sich, seine Frau und seine Kinder vor drohendem Unheil zu schützen?

Nach der Reichspogromnacht wurde Johannes Lubow am 11. November 1938 von der Gestapo verhaftet und im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg war es zu verdanken, dass er aus dem KZ unter der Bedingung entlassen wurde, das Land unverzüglich zu verlassen. Die anfangs 1939 von Hermann Göring im Innenministerium gegründete „Reichszentrale für jüdische Auswanderung“ diente als Koordinationsstelle und zwang bis zum endgültigen Auswanderungsverbot im Oktober 1941 etwa 525.000 in Deutschland lebende Juden ins Exil. Johannes Lubow war genötigt, der Ehescheidung von seiner nicht-jüdischen Frau zuzustimmen. In dramatischer Eile hatte er die Reise in eines jener Länder zu organisieren, die zur Aufnahme deutscher Juden bereit waren, und er hatte die hohen finanziellen Mittel dafür zu beschaffen. Am 15. Juni 1939 verließ er Deutschland auf einem der wenigen noch möglichen Fluchtwege per Schiff in Richtung Südamerika.

Johannes Lubow konnte außer dem nackten Überleben nichts mehr retten. Sein Halbbruder, Dr. med, Dr. phil. Eduard Lubowski, erlebte die Kriegsjahre in Berlin. Auch er hatte aufgrund von Einschränkungen bei der Ausübung seines Berufs und bei seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen sowie wegen der Totalausbombung seiner Wohnung und Praxis im Jahr 1943 erhebliche existenzielle Verluste hinzunehmen. Nach Kriegsende blieb er der Stadt dennoch verbunden, wo er 1963 verstarb. Der zweitälteste Bruder, Dr. med. Reg. Medizinalrat Karl Lubow, wurde 1945 zusammen mit seiner zweiten Frau Lina (geb. Landini) in Italien von den Partisanen Mussolinis ermordet. Walter Lubowski, der Vierte in der Reihe, verlor 1910 als Matrose am Kap der Guten Hoffnung auf See sein Leben. Fritz, der jüngste Bruder, war Kaufmann. Nachdem 1938 das von ihm und seinen Gefährten geplante Attentat auf Adolf Hitlers Kongress in Nürnberg wegen einer Autopanne gescheitert war, begab er sich auf die Flucht. Dank seines Arbeitgebers (Schreibmaschinenwerke Olympia AG) konnte Fritz in Ungarn Fuß fassen. Ab 1944 nahm er sich zusammen mit seiner zweiten Frau Marianne (geb. Deutsch) dem Schicksal jüdischer Familien an, indem er Verstecke und nötige Lebensmittel besorgte. Fritz Lubowsky verstarb 1977 als ungarischer Staatsbürger in Budapest. Der ebenso leidvolle wie heldenhafte Weg der Jüngsten, Studienrätin Margarete Draeger-Lubowski, nahm 1944 im Konzentrationslager von Auschwitz ein Ende. Für sie liegt ein Stolperstein vor der Berliner Weinmeisterstraße 16/17.

Auch Johannes Lubows Sohn Karl-Günther riss der Krieg aus Berlin. Nach dem Wehrmachteinsatz im Norwegenfeldzug geriet er als Halbjude in die Klauen des NS-Regimes. Unter härtesten Bedingungen musste er auf den Baustellen der „Organisation Todt “ in Nordfrankreich am Ärmelkanal Zwangsarbeit leisten. Schwer erkrankt, gelang ihm kurz vor Kriegsende die Flucht. Er erwarb 1953 als Staatenloser die französische Staatsbürgerschaft. Charles Lubow verstarb 2013 in Cannes.

Im Herbst 1949, nach Jahren des Bangens, des Hoffens und der zermürbenden Suche, begaben sich Elisabeth und Gisela Lubow in Bordeaux an Bord des Dampfers „Desirade“. Sie nahmen Kurs auf das Wiedersehen mit Johannes Lubow, auf ein Leben in der Fremde. Dort war der Diplom-Ingenieur und einstige Regierungs-Baumeister bis ins hohe Alter bemüht, mit kleineren Reparaturarbeiten ein Auskommen zu finden. 1979 verstarb Johannes Lubow in Buenos Aires, drei Monate nach seiner Frau.

  • Johannes Lubow, Regierungsbaumeister, Berlin

    Johannes Lubow, Regierungsbaumeister, Berlin

  • Johannes Lubow und Familie - Ein Familientag an der See (ca. 1927)

    Ein Familientag an der See (ca. 1927)

  • Johannes Lubow - Das Zimmer im Exil (Datum unbestimmt)

    Das Zimmer im Exil (Datum unbestimmt)

Biografische Zusammenstellung: Sabine Lubow-Krauss

Quellen:
Familiendokumente Peter Lubowsky Budapest, René Friedlaender-Lubow La Paz, Pascal Lubow Riedisheim, Sylvie Ortet-Lubow Den Haag, www.stolpersteine-berlin.de/de/weinmeisterstr/16-17/margarete-draeger, Stiftung Büro Pfarrer Grüber Berlin, Jüdisches Museum Berlin, Amtsgericht Potsdam, My ASP.NET MVC Application, Landesarchiv Berlin, www.arolsen-archives.org, Heimat- und Kulturverein Wusterwitz, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Oranienburg, www.deutsche-digitale-bibliothek.de, Evangelische Hilfsstelle für ehemals Rassenverfolgte, Adressbücher Berlin https://digital.zlb.de/viewer/image/34115495_1938/1719/ und https://digital.zlb.de/viewer/image/34115495_1939/1806/. Fotos aus Familienbesitz.

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