HIER WOHNTE
ERNESTINE BLITZ
GEB. JACOBI
JG. 1861
DEPORTIERT 11.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 30.12.1942
Ernestine Blitz geborene Jacobi wurde am 10. Oktober 1861 in Tarnowke, einem Dorf im ehemaligen Landkreis Flatow, geboren.
Ihre Eltern waren der Handelsmann Lewi Jacobi und Helene geb. Lewin. Bekannt sind zwei ältere Schwestern, Rosalie und Clara.
Ernestine heiratete den Handelsmann Samuel Blitz. Das Paar lebte in Krojanke, Westpreußen, wo sie drei Kinder bekamen – Hans (1898), Ludwig (1902) und Lilly Hilde (1903). Von Krojanke aus nahm der älteste Sohn, Hans Blitz, für das Königliche Preußen am 1. Weltkrieg teil. Am 7. August 1918 ist er 19-jährig in Frankreich gefallen.
Die Kinder Ludwig und Lilly zogen nach Berlin. Hier lebte bereits seit 1906 ihr Onkel, der Bruder ihres Vaters, Jakob Blitz mit seiner Familie.
Am 13. August 1927 heiratete Ernestines Tochter Lilly Blitz, mittlerweile 24-jährige Buchhalterin in Berlin, den 35-jährigen Ingenieur für Fahrzeugtechnik, Heinz Machol. Es war Heinz Machols zweite Ehe. Die erste Ehe war 1926 geschieden worden. 1928 und 1930 wurden die Söhne Gert und Peter, Ernestine Blitz’ Enkelkinder, geboren.
1932 zogen Lilly und Heinz Machol mit den kleinen Söhnen Gert und Peter und dem 12-jährigen Sohn aus Heinz Machols erster Ehe, Ernst Wolfgang, in die große 5-Zimmer-Wohnung im Parterre des Hauses Mommsenstraße 7. Vermutlich lebte auch Lillys 31-jähriger Bruder Ludwig Blitz mit in der Wohnung.
Am 19. März 1935 verstarb in Krojanke Ernestines Ehemann Samuel Blitz mit 69 Jahren. Den Tod meldete ihr Sohn Ludwig an. Seine Adresse war Berlin, Mommsenstraße 7.
Nun zog auch die 73-jährige Witwe Ernestine Blitz zu ihrer Tochter Lilly Hilde nach Berlin in die kleine möblierte „Mädchenkammer“ in der Mommsenstraße 7.
Nach den Novemberpogromen 1938, bei denen die brutale Verfolgung der jüdischen Bevölkerung deutlich sichtbar wurde, floh Heinz Machols Sohn aus erster Ehe, der nun 18-jährige Ernst Wolfgang Machol, nach der Volkszählung am 17. Mai 1939 zu seiner Mutter Mathilde und seiner Schwester Doris nach Frankreich.
Am 17. Mai 1939 lebte Ernestine Blitz’ Sohn Ludwig Blitz in der Königstraße 11, jetzt Otto-Braun-Straße 83. Von dieser Adresse aus wurde der 39-jährige am 17. November 1941 vom Deportationsbahnhof Berlin-Grunewald mit dem Ziel Riga verschleppt. Dieser Zug wurde auf Wunsch der Gestapo nach Kaunas (Kowno) umgeleitet. Der Zug traf am 19. November in Kaunas ein. Alle 1.006 Personen dieses Transports wurden am 25. November 1941 in den am Fort IX vorbereiteten Gruben erschossen.
Auf Ludwig Blitz’ Deportationskarte ist über seinen letzten Wohnort vermerkt: „Berlin NO, Königstr. 11 dsg. od. illegal gel.“.
Am 11. August 1942 wurde Ernestine Blitz mit dem 41. Alterstransport in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Ernestine Blitz war fast 81 Jahre alt. Der Deportationsbahnhof war der Güterbahnhof Moabit.
Spätestens am 27. Juli hatte sie sich bereits im Sammellager Große Hamburger Straße 26 einfinden müssen. An diesem Tag unterzeichnete sie die Vermögenserklärung.
Wenige Wochen später, am 30. Dezember 1942, wurde Ernestine Blitz’ Tod im Ghetto Theresienstadt vermerkt. Als Ursache wurde „ENTERITIS-Darmkatarrh“ angegeben. Festgestellt wurde der Tod durch Dr. Friedrich Fischer-Feldmann. Am Nachmittag des Neujahrstages 1943 fand ihre Beisetzung im Ghetto Theresienstadt statt.
Ernestine Blitz’ Tochter Lilly Machol wurde nach dem Auszug ihrer Mutter mit ihrer Familie in die Bleibtreustraße 17 zwangsumgesiedelt. Ein halbes Jahr später musste die Familie Machol von der Zwangswohnung Bleibtreustraße 17 aus getrennt ihre letzte Reise antreten.
Am 1. März 1943 wurde Heinz Joseph Machol mit dem 31. Osttransport nach Auschwitz verschleppt. Fünf Tage später, am 6. März, mussten mit dem 35. Osttransport Ehefrau Lilly Hilde mit den gemeinsamen Kindern, dem 14-jährigen Gert und dem 12-jährigen Peter, folgen. Alle wurden im KZ Auschwitz ermordet.
Ernestine Blitz’ Schwager Jakob Blitz wurde mit seiner Frau Bertha geb. Rosenbaum am 28. Mai 1943 mit dem 90. Alterstransport ebenfalls nach Theresienstadt deportiert, wo er am 2. Februar 1944 verstarb. Seine Frau Bertha überlebte die Befreiung nur um wenige Wochen. Sie verstarb in Theresienstadt am 24. Juni 1945.
Text und Recherche: Dorothea Thünken-Klemperer