HIER WOHNTE
PETER MACHOL
JG. 1930
DEPORTIERT 6.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET
Peter Machol wurde am 1. Mai 1930 als zweiter Sohn des Ehepaars Heinz und Lilly Machol geb. Blitz in Berlin geboren. Das Paar hatte 1927 in Friedenau die Ehe geschlossen. Beide Eltern stammten aus jüdischen Elternhäusern. Auf der Eheschließungsurkunde wird als Beruf der Mutter Buchhalterin angegeben.
Peters Vater war als Zivilingenieur und Sachverständiger für Kraftfahrzeuge tätig. Er war bei Peters Geburt 38 Jahre, seine Mutter 26 Jahre alt. Die Familie lebte 1930 in Neukölln in der Fuldastraße 37.1 Peters Bruder Gert war zur Geburt des kleinen Bruders fast zwei Jahre alt.
Gegen Ende 1932 zog die Familie nach Charlottenburg in eine 5-6 Zimmer große Wohnung in die Mommsenstraße 7, Parterre rechts. Bis zu seiner Flucht nach Frankreich 1939 lebte in der Familie auch Ernst Wolfgang Machol, Peters großer Halbbruder aus der ersten Ehe seines Vaters. Ernst Machols Schwester Doris war mit der gemeinsamen, evangelisch getauften ‚arischen‘ Mutter Mathilde geb. Grabowski zunächst nach Spanien, später nach Frankreich emigriert. Ebenfalls lebte 1935 Peters Onkel Ludwig Blitz, Bruder seiner Mutter, in der Wohnung. Nach dem Tod seines Großvaters Samuel Blitz 1935 in Krojanke war auch Peters verwitwete Großmutter Ernestine Blitz zu Peters Mutter Lilly in die Mommsenstraße 7 gezogen.
Ostern 1936 wurde Peter mit noch 5 Jahren, zwei Jahre nach seinem großen Bruder Gert, in die Schule 19, die Volksschule in der benachbarten Bleibtreustraße eingeschult.2 Dort blieb er drei Jahre, bis er sie nach der dritten Klasse verlassen musste. Ab April 1939 wurde jüdischen Kindern der Besuch der öffentlichen Schulen verwehrt. Peter besuchte die 4. Klasse der Joseph-Lehmann-Schule, einer Privatschule der Jüdischen Reformgemeinde in der Joachimsthaler Str. 13. Danach wechselte er in die Jüdische Oberschule.3 „Die Jüdische Oberschule wechselte häufig ihren Schulsitz. 1941 wurden dann alle jüdischen Schulen in der Joachimsthaler Straße 13 zusammengelegt.“4 „Die Lehmann-Schule war die einzige Privatschule, die 1939 von der Reichsvertretung übernommen und als VIII. Volksschule der Jüdischen Gemeinde weiter betrieben wurde.“5 Zu Beginn des Schuljahres in der Oberschule der Jüdischen Gemeinde schrieb der 11-jährige Peter am 11. September
1941 in das Poesiealbum seiner Klassenkameradin Ruth Schwersenz „‘Lerne Schweigen, ohne zu platzen‘ Zur freundlichen Erinnerung an deinen Schulkameraden Peter Machol, Berlin, den 11.9.1941.“
Das Schweigen ohne zu platzen war für die Kinder der Schule notwendige Alltagsroutine. Ruth Recknagel geb. Schwersenz erläuterte dies in einem Interview im Südwestrundfunk 2004: „Da steht so eine große Kastanie. Immer noch. Und um die Kastanie mussten wir immer im Kreis gehen in den Pausen. Kann man sich vorstellen, was die Lehrer befürchten mussten: dass wir ruhig sind. Dass sich niemand beschwert über die Judenplage.“
Ruth Recknagel überlebte den Naziterror.6 Die gemeinsame Klassenkameradin Renate Hammerschmidt, die ebenfalls in das Poesiealbum geschrieben hatte, wurde wie Peter mit ihren Eltern ermordet.7
Ende 1939 floh Peters großer 18-jähriger Halbbruder Ernst Wolfgang zu seiner Mutter und Schwester nach Frankreich.8
Am 10. Januar 1942 verstarb sein Großvater, der Arzt Dr. med. Hartwig Machol. Ein halbes Jahr zuvor war bereits dessen zweite Ehefrau, Elsbeth Machol, verstorben.
Am 11. August 1942 musste Peters Großmutter Ernestine Blitz mit dem 41. Alterstransport ihre Familie aus Berlin in das sogenannte Altersghetto Theresienstadt verlassen. Sie hatte sich bereits am 27. Juli in der Sammelstelle Große Hamburger Straße 26 einzufinden. Dorthin wurde die endgültige Enteignung zugunsten des Deutschen Reichs zugestellt.
Am 14. September wurde in der Wohnung der Familie Machol durch den Obergerichtsvollzieher Olbrich nach ihrem letzten Hab und Gut gesucht.9
Nach der Deportation der Großmutter zog die Familie in das Eckhaus Bleibtreustraße 17. Der Auszug war vermutlich nicht freiwillig. Dokumentiert ist, dass ab dem 1. Oktober 1942 die Wohnung „mit Genehmigung des Herrn Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt an den SS-Sturmführer Michael Schön vermietet“ wurde.10
Aus der Bleibtreustraße wurden am 6. März 1943 der 12-jährige Peter, sein 14-jähriger Bruder Gert und seine 38-jährige Mutter Lilly Machol mit dem 35. Osttransport nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.11
Fünf Tage vorher, am 1. März, wurde bereits sein Vater Heinz Joseph Machol mit dem 31. Osttransport nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.12
Text und Recherche: Dorothea Thünken-Klemperer
Quellen:
1 LAB Berliner Adressbücher
2 Arolsen Archives, Dokument 12665929, Peter Machol
3 Arolsen Archives, Dokument 12665931, Peter Machol
4 Wieckhorst Karin, Das Poesiealbum von Ruth Schwersenz inMeyer, B. und Simon, H., Juden in Berlin 1938-1945, Philo Verlagsgesellschaft Berlin, 2000
5 Fehrs, Jörg H., Von der Heidereutergasse zum Roseneck, Jüdische Schulen in Berlin 1712-1942, Edition Hentrich Berlin 1993.
6 SÜDWESTRUNDFUNK, SWR2, Eckpunkt – Für immer und ewig – Wiedergutmachungsrichterin Ruth Recknagel und die Gerechtigkeit, Autorin: Karla Krause, Redaktion: Nadja Odeh, Dienstag, 06.04.2004, 10:05 Uhr, SWR 2
7 https://www.stolpersteine-berlin.de/de/unter-den-linden/6/martin-hammerschmidt
8 Mapping the Lives, https://www.mappingthelives.org
9 BLHA Rep 36 A (II) Nr. 3826
10 BLHA Rep. 36A, (II) Nr. 24738
11 collections.arolsen-archives.org/de, DocID 127212773
12 collections.arolsen-archives.org/de, DocID 127212396