Stolperstein Grolmanstraße 36

Der Stolperstein für Fanny Heimann wurde auf Wunsch ihres Urenkels Alex Branger aus New York (USA) am 7. Mai 2026 in der Grolmanstraße 36 verlegt.

HIER WOHNTE
FANNY HEIMANN
GEB. LEWY
JG. 1855
DEPORTIERT 26.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 13.9.1942

Fanny Heimann wurde am 13. April 1855 als Fanny Helene Lewy in Trebnitz (Trzebnica, Polen), einem Kurort im Katzengebirge etwa 20 Kilometer nördlich von Breslau in Preußen, geboren.

Für ihre Eltern, den aus Rawitsch (Rawicz, Polen) stammenden Mendel Wolff Lewy (*1822) und dessen aus Kröben (Krobia, Polen) stammende Ehefrau Rosalie Lewy geborene Laskowitz (*1824), war sie das zweite von insgesamt vier Kindern. Joseph (*1850) war fünf Jahre älter als sie, Moritz Michael (*13. Juli 1861) sechs Jahre und Siegfried (*3. Februar 1868) dreizehn Jahre jünger als sie.

Wann und wo Fanny Lewy ihren späteren Ehemann, den aus Cosel (Koźle, Polen) stammenden Witwer Fedor Heimann (*4. Januar 1853), kennenlernte, ist nicht bekannt. Fedors erste Ehefrau Hanna Heimann geborene Löwy war kurze Zeit nach der Geburt des Sohnes Fritz 1881 in Rybnik in Oberschlesien (heute Polen) gestorben. Sie lebten damals in Ratibor (Racibórz, Polen).

Fanny und Fedor heirateten 1886 in Breslau. Am 13. Mai 1887 wurden sie Eltern eines Sohnes, den sie Wilhelm nannten. Fanny wurde mit 32 Jahren Mutter. Ihr Stiefsohn Fritz war damals sechs Jahre alt. Sie wohnten in der Viktoriastraße 38 in Breslau. Am 22. Oktober 1901 starb Fannys Mutter Rosalie in Berlin.

Ihr Stiefsohn Fritz starb 1902 mit 21 Jahren im Städtischen Krankenhaus von Beuthen. Sein Vater wohnte damals schon in Berlin. Fanny und Fedor lebten sich mehr und mehr auseinander. Nach 17 Jahren wurde ihre Ehe 1903 geschieden. Der Versicherungsinspektor Fedor Heimann heiratete am 20. Oktober 1903 in dritter Ehe Rosa Anna Helene Thielemann (*15. Januar 1856) in Berlin. Sie wohnten in der Treskowstraße 46 in Berlin-Niederschönhausen.

Obwohl Fannys Vater und ihre drei Brüder inzwischen auch in Berlin lebten, ging Fanny mit ihrem Sohn Wilhelm nach Halle an der Saale. Als Wilhelm 1907 mit 19 Jahren zum Militärdienst eingezogen wurde, wohnten sie dort in der Lüneburger Straße 27. Fannys Vater starb am 2. Juli 1909 in Berlin. Das Hallenser Adressbuch führte Fanny Heimann 1915 als Hausverwalterin in „Kleiner Berlin 21“.

Nach dem Militärdienst ging Wilhelm Heimann als Handlungsgehilfe nach Paris. Am 13. März 1913 heiratete er in Berlin-Schöneberg Charlotte Fürstenheim, die evangelisch getauft war. Auf der Heiratsurkunde war vermerkt, dass der gegenwärtige Aufenthaltsort von Wilhelms Vater Fedor unbekannt sei. Fanny war damals weiterhin in Halle wohnhaft. Trauzeuge war Wilhelms Onkel Siegfried, Fannys jüngster Bruder.

Zwei Jahre später, am 10. April 1915, starb Fedor Heimann mit 62 Jahren in Berlin-Niederschönhausen. Fannys jüngster Bruder Siegfried Lewy starb am 19. Dezember 1917 mit 49 Jahren. Er hinterließ seine 50-jährige Witwe Selma (*26. Juli 1867) und seinen 13-jährigen Sohn Simon Rudolf (*1. Februar 1904). Ein Jahr später starb auch Fannys ältester Bruder Joseph Lewy am 4. Juni 1918 mit 60 Jahren in der Kantstraße 36 in Berlin-Charlottenburg.

Wilhelm und Charlotte wurden am 9. Dezember 1918 Eltern ihres Sohnes Peter Klaus. Fanny wurde mit 63 Jahren Großmutter. Wann sie von Halle nach Berlin zog, konnte nicht recherchiert werden. Das „Jüdische Adressbuch für Gross-Berlin“ führte 1931/32 eine Fanny Heimann am Kurfürstendamm 235.

Fannys Sohn Wilhelm, ihre Schwiegertochter Charlotte und ihr 17-jähriger Enkel Peter Klaus emigrierten 1936 in die USA. Sie hatten die Gefahr für jüdische Menschen in Deutschland nach dem Inkrafttreten der Nürnberger Rassegesetze 1935 rechtzeitig erkannt.

Fannys Bruder, der Verlagsbuchhändler Moritz Michael Lewy, starb mit 66 Jahren am 24. Dezember 1936. Die 81-jährige Fanny musste sich zu diesem Zeitpunkt ziemlich allein gefühlt haben. Sie hatte nur noch ihre 69-jährige Schwägerin Selma Lewy, Witwe ihres Bruders Siegfried, und ihre 62-jährige Schwägerin Dorchen Lewy, Witwe ihres Bruders Moritz Michael.

Seit dem 1. Februar 1938 wohnte Fanny zur Untermiete bei dem Hauptmieter Julius Schmelz (*30. Juli 1874) in der Grolmanstraße 36 in der „Pension Schmelz“ in der dritten Etage des Vorderhauses. Julius Schmelz lebte seit März 1933 mit seiner Ehefrau Jeanette geborener Blumenfeldt (*1895), seinem Bruder Max Emanuel und seiner Schwägerin Jenny in einer 7½-Zimmer-Wohnung mit allem Komfort, wie Badezimmer mit Warmwasser und Fahrstuhl, für 225 RM monatlicher Miete. Fanny mietete ein möbliertes Zimmer und lebte von ihrer Invalidenrente. Auch Amalie Brandeis geborene Cronheim (*10. Februar 1858) wohnte zur Untermiete bei Julius Schmelz. Es ist anzunehmen, dass sich die beiden älteren Damen angefreundet hatten und Zeit miteinander verbrachten.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnte Fannys Schwägerin Selma in einem Heim in der Taunusstraße 1 in Berlin-Grunewald. Ihr Sohn Simon Rudolf, ihre Schwiegertochter Minna und ihr Enkelkind Thomas waren 1937/38 nach Palästina geflüchtet.

Fannys Schwägerin Dorchen lebte 1939 in der Luitpoldstraße 39 in Berlin-Schöneberg. Die Gestapo deportierte sie am 10. Juli 1942 nach Theresienstadt. Einen Monat später, am 9. August 1942, bekam auch Amalie Brandeis die Aufforderung, eine Vermögenserklärung auszufüllen und sich in der Großen Hamburger Straße 26 einzufinden. Von hier aus wurde sie am 19. August 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Am gleichen Tag wurde auch Fanny in der Grolmanstraße 36 von der Gestapo abgeholt und aufgefordert, eine Vermögenserklärung auszufüllen. Anschließend musste sie im Sammellager in der Hamburger Straße 26 eine Woche auf ihre Deportation warten. Mit dem „50. Alterstransport“ wurde sie am 26. August 1942 zusammen mit 99 jüdischen Leidensgenossinnen und -genossen vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt deportiert.

Einen Tag später starb ihre Schwägerin Selma mit 75 Jahren am 27. August 1942 im Jüdischen Hospital in der Auguststraße 14/15 in Berlin-Mitte.

Ob Fanny im Ghetto Theresienstadt ihre Schwägerin Dorchen und Amalie Brandeis wieder traf, ist ungewiss. Fanny starb nach drei Wochen aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto. Laut Todesfallanzeige vom 13. September 1942 war die Todesursache Altersschwäche. Fanny Heimann geborene Lewy starb mit 87 Jahren.

Selma Lewy wurde am 19. September 1942 und Amalie Brandeis am 26. September 1942 von Theresienstadt in das Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo die Nationalsozialisten auch sie ermordeten. Selma Lewy geborene Levy starb mit 68 Jahren. Amalie Brandeis starb mit 84 Jahren.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives
  • Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II), 14222 Fanny Heimann, Reg. 36A (II) 34165, Julius Schmelz, Jeanette Schmelz und Gerda, Reg. 36A (II), 4680 Amalie Brandeins

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