Stolperstein Düsseldorfer Straße 65

Der Stolperstein für Edith Sophie Caro wurde am 15. April 2026 verlegt und von der Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen e.V. gespendet.

HIER WOHNTE
EDITH SOPHIE
CARO
JG. 1888
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Edith Sophie Mathilde Caro wurde am 4. Juni 1888 in Breslau geboren. Ihr Vater war Jakob Caro (1835-1904), der als Historiker die erste deutschsprachige Geschichte Polens verfasste und dafür heute noch bekannt ist. Er stammte aus einer Rabbinerfamilie in Polen, legte – da er nicht zum Christentum konvertieren wollte – einen steinigen akademischen Weg in Preußen/Deutschland zurück, bevor er schließlich doch noch an der Universität Breslau ordentlicher Professor wurde. Wohl auch deshalb heiratete er erst mit 50 Jahren. In Prag ehelichte er 1885 die aus einer Prager jüdischen Unternehmerfamilie stammende Cecille (Ottilie) Shulamit Porges von Portheim (1859-1938?). Sie bekamen nur ein Kind – Edith. Sie wuchs also in gesicherten materiellen Verhältnissen auf. Jakob Caro starb jedoch bereits 1904, als Edith erst 16 Jahre alt war.

Wann und warum sie nach Berlin kam, ist unbekannt. Details über ihre Jugend und Ausbildung sind nicht überliefert. Sie wohnte zunächst in Berlin-Moabit in der Thomasiusstraße 11. In den Adressbüchern gab sie als Beruf Englisch-Lehrerin an. Um 1932 zog sie zu ihrer verwitweten Mutter Ottilie nach Wilmersdorf, in die Düsseldorfer Straße 65.

Nach dem Tod der Mutter ca. 1938 war Edith Caro Hauptmieterin der großzügigen 4-Zimmer-Wohnung mit Küche in der 2. Etage des damaligen Vorderhauses. Ab 1939 ist nur noch Fräulein Edith Caro unter dieser Adresse verzeichnet, letztmalig 1940, dann schon mit dem Zwangsnamen Sara. Ob sie Untermieter hatte, ist unbekannt.

Im Rahmen der “Fabrikaktion”, bei der die bis dahin von der Deportation verschonten, letzten zwangsbeschäftigten Berliner Juden verhaftet wurden, wurde Edith Caro am 28. Februar 1943 in der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 interniert, die von den Nationalsozialisten zum „Sammellager” umfunktioniert worden war. Aus ihrer „Vermögenserklärung” vom 1. März 1943, die sie wie alle jüdischen Menschen kurz vor der Deportation auszufüllen hatte, geht hervor, dass sie ledig war und zuletzt als Köchin in ihrer Wohnung einen von den Behörden genehmigten privaten Mittagstisch betrieb. Fragen zum Wert des Wohnungsinventars strich sie durch, denn bereits im Dezember 1942 war ihr gesamter Besitz „wg. rückständiger Steuern” gepfändet worden. Sie war also schon vor der Deportation vollkommen mittellos. Einen Monat nachdem Edith Caro „abgeholt” worden war – so die euphemistische Sprache der Nazis – wurde die Wohnung geräumt, die Möbel versteigert und die erzielte Summe „zugunsten des Deutschen Reiches” eingezogen.

Am 3. März 1943 wurde Edith Caro mit dem sogenannten „33. Osttransport” zusammen mit über 1700 jüdischen Berlinerinnen und Berlinern in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Die Züge von Berlin nach Auschwitz fuhren normalerweise über Breslau (Wrocław), also durch Ediths Heimatstadt.

Die Historikerin Danuta Czech vermerkt in der Auschwitz-Chronik, dass am 4. März 1943 ein durch das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) organisierter Transport aus Berlin in Auschwitz eintraf: 1033 Juden, 115 Männer und 918 Frauen, wurden sofort zu den Gaskammern von Birkenau (Auschwitz II) gebracht und ermordet. Der „Arbeitseinsatzleiter” in Auschwitz beschwerte sich nach Ankunft des Transportes, dass „so viele Frauen u. Kindern nebst alten Juden anrollen”, die er nicht im „Lager Buna” einsetzen könne. Das vom „Stammlager” Auschwitz sechs Kilometer entfernte Buna-Werk der I.G. Farben AG (auch als Monowitz bzw. Auschwitz III bezeichnet) war der erste 1941 von einem privaten Industrieunternehmen mit der SS geplante und finanzierte Betrieb, der ausschließlich für die Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen vorgesehen war.

Ob auch Edith Caro nach ihrer Ankunft in Auschwitz dort Zwangsarbeit leisten musste, war nicht herauszufinden. Es ist zu vermuten, dass sie als 55-jährige Frau unmittelbar nach der Ankunft ermordet wurde. Es gibt keinen Eintrag im Totenbuch des Lagers.

Nur einen Tag vor Edith wurde die Dichterin Gertrud Kolmar auf dem gleichen Wege von Moabit aus deportiert und in Auschwitz ermordet. Vielleicht haben sich die beiden Frauen sogar noch kennengelernt, etwa in der Levetzowstraße.

Von Gertrud Kolmar (1894-1943) stammt das Gedicht NACHRUF:

Ich werde sterben, wie die Vielen sterben;
Durch dieses Leben wird die Harke gehen
Und meinen Namen in die Scholle kerben.
Ich werde leicht und still und ohne Erben
Mit müden Augen kahle Wolken sehn,
[…]

Wir wissen nur wenig von Edith Caros Leben, es gibt keinen Nachlass, keine Fotos, ihr Wohnhaus wurde zerstört. Möge wenigstens dieser Stolperstein die Erinnerung an sie wachhalten.

Recherche und Text: Matthias Barelkowski

Quellen:
  • Volkszählung v. 17.5.1939
  • Berliner Adressbücher
  • Gedenkbuch des Bundesarchivs
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA): Akte 36A(II) 5510
  • Deportationsliste: https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_ber_ot33.html Nr. 414
  • Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek bei Hamburg 1989.

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