Bonner Straße 1a

Der Stolperstein für Dora Gerson wurde am 15. April 2026 verlegt.

HIER WOHNTE
DORA GERSON
VERH. SLUIZER
JG. 1899
FLUCHT 1936 HOLLAND
VERHAFTET 1942
FRANKREICH
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 12.2.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 14.2.1943

Am 23. März 1899 in Berlin-Mitte geboren, war Dora Gerson ein Kind jüdisch-polnischer Eltern. Gleich nach Ende des Weltkriegs besuchte sie die renommierte Schauspielschule des Deutschen Theaters von Max Reinhardt. Schnell erhielt sie Engagements, wenngleich anfangs nicht auf der Bühne, sondern in (Stumm-)Filmen, so 1920 in zwei Karl-May-Verfilmungen. 1921 übernahm sie dann Rollen an der Volksbühne, aber auch an der sogenannten Piscator-Bühne im Neuen Schauspielhaus am Nollendorfplatz.

1922 heiratete sie einen jungen Kollegen, Veit Harlan. Doch schon 1924 ließ sich das Paar wieder scheiden.

Gerson trat weiter in Theatern auf, die neben Klassikern, wie Schillers Räubern, ein eher linksliberales Programm anboten. Häufig sang sie dort auch mit ihrem markanten Sopran. Außerdem übernahm wie immer wieder Gigs in Cabarets, wie der Wilden Bühne oder im Tingel-Tangel. Sie sang Chansons mit Texten von Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht und Erich Kästner. Diese präsentierte sie auch bei einem Gastspiel in den Niederlanden.

In Berlin wurde sie 1931 Mitglied im Ensemble der Katakombe, für die Werner Finck verantwortlich zeichnete. Im gleichen Jahr bezog sie eine eigene Wohnung in der Künstlerkolonie in Schmargendorf.

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurde es für sie in Berlin schwierig. Sie konnte nicht Mitglied der Reichskulturkammer werden – weil sie jüdisch war. So blieb sie immer länger in den Niederlanden, wurde 1934 der Hauptprogrammpunkt des Exil-Cabarets Ping-Pong. Die deutschen Künstlerinnen und Künstler waren in den Niederlanden sehr beliebt, obwohl sie in deutscher Sprache auftraten.

Mit dem Ensemble Ping-Pong gastierte sie im bekannten Cornichon (Gürkchen) in Zürich /Schweiz. Dort formulierte sie: „Wir sind gegen jeden, der Kriegskarten mischt. Giftgas ist Giftgas.“ Das wird der Hauptgrund gewesen sein, dass ihre Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz nicht verlängert wurde. Also ging sie wieder in die Niederlande, behielt aber noch ihre Wohnung in Berlin. 1935 nahm sie hier verschiedene Songs beim Label Lukraphon auf, wozu auch das Lied Vorbei gehörte.

Schließlich zog sie nach Amsterdam, war dort sehr gefragt. 1936 kehrte sie noch einmal nach Berlin zurück, um Ende Oktober im Jüdischen Kulturbund aufzutreten. Sie wurde vom deutschen Staat ausgebürgert.

In den Niederlanden war sie beim Publikum sehr beliebt, trat weiter in Cabarets auf. Die Presse lobte sie für ihre Würde und ihren Stil. 1936 heiratete sie einen ihrer Bewunderer, den Textilfabrikanten Max Sluizer. Im November 1937 wurde ihre Tochter Miriam geboren. 1938 übernahm sie in dem ersten langen Zeichentrickfilm der Welt, Schneewittchen (1937), von Disney die Synchronisation der bösen Königin und Hexe.

Am 1. September 1939 überfielen deutsche Streitkräfte Polen, der zweite Weltkrieg begann. Am 10. Mai 1940 besetzten deutsche Truppen die Niederlande. Wenige Tage darauf, am 21. Mai, wurde Gersons Sohn Abel Juda geboren. Die Familie lebte in einem schönen Einfamilienhaus in Blaricum, in der Nähe von Amsterdam. Sie konnten sich noch ein komfortables Leben leisten mit Kindermädchen und Haushaltshilfe.

Aber die Situation verschlechterte sich zunehmend. Alle Anstrengungen, das Land legal zu verlassen, scheiterten. Sie schrieb sogar an ihren Ex-Mann in Deutschland und bat um Hilfe. Veit Harlan hatte unter den Nazis eine steile Karriere als Filmregisseur gemacht. Doch er nutzte seine Macht nicht, um seiner Ex-Frau zu helfen. Der Brief blieb unbeantwortet.

1942 versuchte die vierköpfige Familie über Frankreich in die Schweiz zu gelangen. Dora Gerson weigerte sich, beim Grenzübertritt ihre Tochter mit einem Beruhigungsmittel sedieren zu lassen. Sie wurden gefasst und zurückgewiesen. Alle vier kamen in Frankreich in das Internierungslager Drancy. Am 11. Februar 1943 verließ der 47. Transport den Bahnhof Le Bourget-Drancy in Richtung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Mutmaßlich wurde die Familie umgehend nach der Ankunft am 14.2.1943 ermordet.

Im Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945, das vom Bundesarchiv geführt wird, findet sich Dora Gerson-Sluizers Name nicht. Nähere Angaben liefert das niederländische digitale Gedenkbuch Joods Monument.

Text: Dr. Simone Ladwig-Winters, „Projekt wir waren Nachbarn“, Schöneberg

Quellen:
  • Berliner Adressbücher 1931-1936
  • Volker Kühn: Dora Gerson, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2008 (https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002810) [21.3.2026]
  • Katja B. Zaich, „Ich bitte dringend um ein Happyend“. Deutsche Bühnenkünstler im niederländischen Exil 1933-1945, Frankfurt am Main, 2001
  • https://www.joodsmonument.nl/nl/page/374398/dorothea-sluizer-gerson-gedeporteerd-vanuit-drancy-fr.- [21.3.2026]

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