HIER WOHNTE
MORITZ HECHT
JG. 1876
DEPORTIERT 17.11.1941
KOWNO / KAUNAS FORT IX
ERMORDET 25.11.1941
Moritz Hecht wurde am 15. Februar 1876 in Sondershausen, etwa 50 km südlich von Erfurt in Thüringen, geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Selmar Hecht (*1846) und dessen Ehefrau Dorothea geborene Jacobsohn war er nach der Tochter Franziska (*21. Januar 1874) das zweite Kind und der ersehnte Stammhalter.
Moritz trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde wie er Kaufmann von Beruf. Seine Schwester, die Gesellschafterin von Beruf war, heiratete mit 18 Jahren, am 29. November 1892, den 37-jährigen Kaufmann Wilhelm Haase.
Wann und wo Moritz seine spätere Ehefrau, die in Berlin geborene Selma Hecht (*8. Februar 1881) kennenlernte, ist nicht bekannt. Selma war die älteste Tochter von Hermann (*20. Januar 1847) und Mathilde Hecht geborene Levy (*26. November 1847) aus Berlin. Moritz und Selma heirateten am 22. Februar 1902 in Berlin. Am 8. April 1906 wurden sie Eltern einer Tochter, der sie den Namen Irma gaben. Vier Tage nach der Geburt starb Irma.
Fünf Monate später, am 31. August 1906, starb Moritz‘ Vater mit 60 Jahren. Das Sterbedatum seiner Mutter konnte nicht recherchiert werden. Fast genau ein Jahr später wurde Selmas und Moritz‘ Sohn Heinz am 29. August 1907 geboren. Damals wohnte die Familie in der Admiralstraße 34 in Berlin-Kreuzberg.
Als der Erste Weltkrieg begann, war Moritz 34 Jahre alt. Er war vermutlich Kriegsteilnehmer.
1921 feierte die Familie Hecht die Bar Mitzwa ihres 14-jährigen Sohnes Heinz in der Synagoge am Kottbusser Ufer (seit 1947 Synagoge am Fraenkelufer), die 1916 neu errichtet worden war. Heinz besuchte die Luisenstädtische Ober-Realschule in der Brandenburgstraße (heute Lobeckstraße) nahe der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg. Er verließ die Schule nach der Obersekunda mit dem „Einjährigen“. Danach absolvierte er eine Handelsakademie und machte eine zweijährige kaufmännische Lehre. Nach Abschluss der Ausbildung arbeitete er als kaufmännischer Angestellter. 1930 orientierte er sich neu. Im Warenhaus Hermann Tietz bekam er eine Anstellung als Dekorateur und Reklame-Maler. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wurde ihm gekündigt, weil er Jude war. Da er als Jude auch keine neue Anstellung fand, machte er sich als Reklame-Maler selbstständig. Der damals 26-Jährige wohnte zu der Zeit in der Pflügerstraße 13 in Berlin-Neukölln.
Moritz und Selma wohnten ganz in seiner Nähe in der Pflügerstraße 1. Das Berliner Adressbuch 1937 führte Moritz zweimal, einmal als Kaufmann in der Pflügerstraße 1 und ein zweites Mal als Vertreter in der Holsteinische Straße 31. Demnach zog das Ehepaar Hecht im Laufe des Jahres 1936 nach Berlin-Wilmersdorf um. Sie wohnten in der II. Etage des Hauses.
Schon 1935 hatten die Nationalsozialisten mit ihren „Nürnberger Gesetzen“ die Ausgrenzung der Juden in besonderem Maße verschärft. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ hatte die Eheschließung zwischen Juden, denen die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt worden war, und „Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“, sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen diesen Personengruppen verboten. Männer, die gegen das Verbot des außerehelichen Verkehrs verstießen, wurden wegen „Rassenschande“ mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft. Die Strafrahmen des Gesetzes waren ungenau und weit gefasst. Die Formulierung eröffnete Richtern gewollt die Möglichkeit, Juden strenger zu bestrafen als „deutschblütige“ Männer. Um Ermittlungen auszulösen, reichte eine Denunziation.
Moritz und Selmas Sohn Heinz reiste im Sommer 1937, vermutlich in Begleitung seiner Freundin, nach Prag. Bei der Rückfahrt wurde er von der Polizei wegen „Passvergehens“ und „Rassenschande“ zwei Wochen in Untersuchungshaft in Bad Schandau festgehalten und anschließend in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit überführt. Die Große Strafkammer des Landgerichts Berlin erkannte am 30. November 1937 für Recht an, ihn vom Passvergehen freizusprechen, aber wegen „Rassenschande“ zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe zu verurteilen.
Im „Lebenslauf des Gefangenen Heinz Hecht“, den er zu Beginn seiner Haftzeit im Zuchthaus Görden in Brandenburg an der Havel am 27. Dezember 1937 auszufüllen hatte, schrieb Heinz Hecht auf die ihm gestellte Frage: „Gestehen Sie die Ihnen zur Last gelegte Tat ein?“: „Ja, jedoch spricht bei meiner Tat der Umstand mit, dass Unkenntnis der Gesetze nicht vor Strafe schützt.“ Auf die Frage: „Unter welchen Umständen und aus welcher Veranlassung haben sie die Tat begangen?“ schrieb er: „Da ich im Sommer 1929 vor dem Amtsgericht Berlin-Lichtenberg aus dem Judentum und der jüdischen Gemeinde austrat (um zum evangelischen Glauben überzutreten), dachte ich, nicht unter die Nürnberger Gesetze von 1935 mehr zu fallen. Als ich dessen aber anders belehrt wurde, war es zu spät und die Tat schon begangen.“
Als er am 30. September 1939 seine Strafe verbüßt hatte, überführte ihn die Gestapo in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz. Von dort aus brachten sie ihn in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er am 12. August 1940 zu Tode kam. Als Todesursache wurde Rippenfellentzündung und Lungenentzündung angegeben. Heinz starb kurz vor seinem 33. Geburtstag.
Moritz und Selma durften ihn auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beisetzen. Für Selma muss der Tod ihres einzigen Sohnes ein großer Schock gewesen sein. Vermutlich starb sie kurze Zeit später. Moritz blieb allein zurück. Seine ältere Schwester Franziska war schon 1939 mit 65 Jahren an einer Zuckerkrankheit gestorben.
1940 war der Name „Moritz Hecht“, das letzte Mal im Berliner Adressbuch in der Holsteinischen Straße 31 verzeichnet. Vermutlich wohnte er bis zu seiner Deportation trotzdem dort.
Anfang November 1941 wurde er aufgefordert, seine Vermögenserklärung auszufüllen und sich am 15. November 1941 im Sammellager, in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7- 8, einzufinden. Auch sein Schwager, der Witwer Erich Hecht (*13. Mai 1888), hatte den Deportationsbefehl für diesen Transport bekommen. In dem Sammellager wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert.
Zwei Tage später, am 17. November 1941, ging es zu Fuß oder zum Teil auf offenen Lastwagen für alle sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der VI. Deportationszug sie in den „Osten“ transportierte. Ziel und der Grund der Reise wurden ihnen verheimlicht. Sie wurden in dem Glauben gelassen, umgesiedelt zu werden.Ziel des Transports war die litauische Stadt Kaunas (Kowno, Litauen), die von der deutschen Wehrmacht im Juni 1941 besetzt worden war. In Kaunas wurden sie in die Festungsanlage Fort IX gebracht, die die SS als Sammellager für Juden und Erschießungsstätte nutzte.
Am 25. November 1941 wurden die aus Berlin, München und Frankfurt am Main deportierten Menschen in den Festungsgräben des Fort IX vom Einsatzkommando 3 der Einsatzgruppe A unter der Leitung des SS-Standartenführers Karl Jäger erschossen.
Moritz Hecht starb mit 65 Jahren aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien.
Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
- My Heritage