Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 traf der NS-Terror auch die Familie Rausnitz. Das Geschäft wurde erst boykottiert, dann enteignet und somit der Familie damit die Lebensgrundlage entzogen. Maries Schwester Erna floh nach Triest und musste ihr Judentum verbergen, um zu überleben.
Maries Sportverein „Makkabi Berlin” war das Zentrum der jüdischen Sportbewegung mit circa 90 Vereinen in Deutschland. Auch der Makkabi-Weltverband hatte seinen Sitz in Berlin. Durch die diskriminierenden und ausgrenzenden Bestimmungen der Nazis wurden jüdische Sportler und Sportlerinnen schon 1933 nicht nur aus den allgemeinen Sportverbänden ausgeschlossen, sondern den jüdischen Vereinen wurde auch die Nutzung öffentlicher Sportstätten verweigert. Der Makkabi-Weltverband verlegte daher seinen Sitz nach London und entwickelte ein eigenes Liga-System, um weiterhin Wettkämpfe austragen zu können – u.a. die Maccabiade (Maccabiah) – vergleichbar den Olympischen Spielen. Das gelang in Berlin 1933 noch relativ gut, wurde aber immer schwieriger. 1939 lösten die Nationalsozialisten Makkabi Deutschland auf.
1935 durfte Marie Rausnitz wegen ihrer Leistungen als Kunstturnerin zur 2. Maccabiah nach Palästina reisen. Die Wettkämpfe fanden in Tel Aviv statt – mit 1350 Sportlern und Sportlerinnen aus 26 Ländern. Die zahlenmäßig stärkste Mannschaft kam aus Deutschland. Marie fuhr mit dem Schiff „Jerusalem“ von Triest nach Jaffa, und diese Reise bot Marie die Chance zur Flucht. Sie kehrte nicht nach Berlin zurück – wie viele andere, die nicht nach Nazi-Deutschland zurückkamen. Da die britischen Mandatsbehörden Jüdinnen und Juden ohne gültige Einreisepapiere verfolgten, festnahmen und internierten, tauchte Marie unter und hielt sich in Binyamina südlich von Haifa verborgen.
Marie Rausnitz heiratete Meir Pollak und änderte ihren Vornamen zu Miriam. Ihre Söhne hießen Ilan und Adi. Marie (Miriam) Rausnitz-Pollak starb 1980 und wurde in Binyamina beigesetzt. In ihrer Familie blieb ihr Satz lebendig: „Ein Heimatland ist nichts Selbstverständliches.“ Der Stolperstein erinnert an ihr Leben, an den NS-Terror und an ihre Entscheidung von 1935.
Recherche und Text: Catharina Michels, Schwiegertochter des Sohnes von Miriam Rausnitz, Ilan Porat, ergänzt von Gisela Morel-Tiemann
Quellen:
- Berliner Adressbücher
- Suche – Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin
- Was ist Makkabi? – Makkabi Deutschland e.V.