HIER WOHNTE
MARTIN ROSENBERG
MARTIN ROSEBERY D’ARGUTO
JG. 1890
VERHAFTET 13.9.1939
KZ SACHSENHAUSEN
1942 KZ DACHAU
AUSCHWITZ
ERMORDET
Martin Rosebery d’Arguto wurde am 24. Dezember 1890 als Moshe Rosenberg in Szreńsk, einem Dorf ca. 100 km nordwestlich von Warschau, als Sohn eines Getreidehändlers im damals russisch besetzten Polen geboren. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in sozialistisch orientierten Gruppen, die sich nach den ersten revolutionären Ereignissen in Russland (1905) auch in Polen gebildet hatten, wurde er bereits als Jugendlicher von der Polizei gesucht und musste das Land verlassen.
Ab 1909 war er in Berlin ansässig, wo er um 1915 als Sänger und Stimmbildner in Erscheinung trat, ab 1917 als „Meister für Stimmbildung und Bel-Canto am Konservatorium“ bzw. „Meister für Schöngesang“ mit Wohnsitz in der Rankestraße 28. Ab dem Jahr 1923 leitete er den Männer- und Frauenchor Neukölln, der sich wenig später in Gesangsgemeinschaft Rosebery d’ Arguto umbenannte und mit dem er bis 1933 in der damals äußerst aktiven Szene der Berliner Arbeiterchöre außerordentliche Erfolge feierte. Dabei spielten auch seine eigenen Kompositionen und Chorsätze eine wichtige Rolle, die heute leider zum Großteil als verschollen gelten müssen.
Nach 1933 geriet Rosebery d‘ Arguto ins Visier der nationalsozialistischen Kulturbürokratie, die ihm seine bisherigen beruflichen Tätigkeiten nach und nach untersagte. 1938 wurde Rosebery d‘ Arguto zur Übersiedlung nach Polen genötigt. Mit einem offiziellen deutschen Visum hielt er sich im Sommer 1939 noch einmal besuchsweise in Berlin auf, wo er unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Polen verhaftet wurde. Ab dem 13. September 1939 wurde er unter katastrophalen Bedingungen im Konzentrationslager Sachsenhausen festgehalten. Dort ließ er sich nach einiger Zeit von Mithäftlingen dazu überreden, in den drei als „Judenblock“ bezeichneten Baracken Nr. 37, 38 und 39 einen illegalen jüdischen Lagerchor zu leiten. Mit diesem Chor studierte er in den Tagen vor der Deportation der jüdischen Häftlinge das alte jiddische Lied von den „Tsen Bridern“ ein – in einer abgewandelten Fassung, in der er „Bass“ auf „Gas“ reimte. Diese letzte Chorarbeit von Rosebery d’ Arguto wurde später durch
den polnischen Holocaust-Überlebenden Aleksander Kulisiewicz der Nachwelt überliefert.
Rosebery d‘ Arguto wurde am 8. Oktober 1942 mit einem Häftlingstransport vom KZ Sachsenhausen ins KZ Dachau deportiert. Am 19. Oktober verließ er Dachau mit einem Transport in Richtung Auschwitz. In den dortigen Unterlagen konnte sein Name bislang nicht gefunden werden, was die Vermutung nahelegt, dass Martin Rosebery d’Arguto entweder bereits auf dem Transport oder unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz ermordet wurde.
Im Musikarchiv der Akademie der Künste, Berlin, existiert eine „Sammlung Rosebery d’Arguto“ mit fast 500 Dokumenten, die nach 1945 von ehemaligen Mitgliedern der Gesangsgemeinschaft Rosebery d’Arguto zusammengetragen und 1965 dem damaligen Arbeiterlied-Archiv der Akademie übergeben wurde.
Text: Peter Konopatsch (Musikarchiv der Akademie der Künste)
Quellen:
- Akademie der Künste, Archivabteilung
- Landesarchiv Berlin
- Bundesarchiv
- Zugangsbuch KZ Dachau