HIER WOHNTE
ELSA
OESTREICHER
GEB. HERZ
JG. 1878
DEPORTIERT 4.11.1942
THERESIENSTADT
BEFREIT
Elsa Herz wird am 6. November 1878 als erstes Kind des Ehepaares Anna und Salo¬mon Herz in eine gutbürgerliche, jüdische Berliner Familie geboren. Zwei Jahre später kommen ihre Schwester und in den folgenden Jahren zwei Brüder zur Welt. Die Schwestern besuchen die Charlottenschule in der Steglitzer Straße, lernen in der mütterlichen Küche das Kochen und bewirten ihre Freundinnen und einige Jahre später auch ihre Tanzschulenfreunde mit Selbstgekochtem und -gebackenem.
Als Elsa Herz im Oktober 1898 den achtzehn Jahre älteren Arzt Jacques Oestreicher heira¬tet, verlässt sie die Schöneberger Vorstadt – das Berlin ihrer Kindheit – und zieht zu ihm in die Oranienburger Straße. Hier kommt 1899 ihre Tochter Annie zur Welt und es wird eine Zeit lang ruhiger um die Familie Oestreicher. Jacques arbeitet schräg gegenüber der Neuen Syna¬goge in seiner Hautarztpraxis.
Mit Beginn der 1920er Jahre lassen sich zahlreiche öffentliche Lebenspuren Elsa Oestreichers finden: sie nimmt an Koch-Wettbewerben und -Ausstellungen teil, ist Beraterin in einer Lebensmittelversorgungs¬stelle und Vorsitzende des Hausfrauenvereins in Berlin-Wilmersdorf. Doch wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit bringen auch für die Familie Oestreicher einschneidende Veränderungen. Sie müssen die Arztpraxis, die inzwischen eigene Räume am Kur¬fürstendamm hatte, in ihre Privatwohnung in der Augsburger Straße verlegen und Untermieter aufnehmen. Nun beschließt Elsa Oestreicher, die Hauswirtschaftslehre und das Kochen ganz zu ihrem Beruf zu machen. Im Dezember 1925 hält sie ihre Lehrerlaubnis und wird Lehrerin an der Schule der Hausfrauenvereine Groß-Berlin sowie an der von Lina Morgenstern gegründeten Kochschule des Berliner Hausfrauenvereins. Sie hält Vorträge im Radioprogramm der Deutschen Welle, veranstaltet Kochausstellungen, schreibt Zeitungs-artikel für
Hausfrauenzeitschriften und die Tagespresse und verfasst verschiedene Rezeptsammlungen.
Nach fünfeinhalb Jahren erfolgreicher Lehrtätigkeit muss die Jüdin Elsa Oestreicher bereits 1932 die Schule der Hausfrauenvereine Groß-Berlin verlassen. Doch es gelingt ihr, die Erlaubnis zu erhalten, eine private Kochschule zu betreiben. In der Meinekestraße 23 finden sie eine großzügige Fünfzimmerwohnung, in der Privatleben, Koch¬schule und Arztpraxis ihren Platz finden. In unmittelbarer Nachbarschaft erleben sie die Kurfürstendamm-Pogrome und den Brand der Synagoge in der Fasanenstraße. Schon bald darf Elsa Oestreicher keine christlichen Schüler:innen mehr unterrichten.
Mehrfach planen Elsa und Jacques Oestreicher, das Land zu verlassen. Sie ordnen ihre Papiere, lassen sich Zeugnisse und Empfehlungsschreiben ausstellen, versuchen Kontakt zu Verwandten im Ausland aufzunehmen, aber all ihre Bemühungen laufen ins Leere. Bald ist die einst große Familie verstreut in alle Welt.
Anfang Januar 1939 müssen Elsa und Jacques Oestreicher ihre Wohnung in der Meinekestraße räumen, Jacques’ Praxiseinrichtung und weite Teile der hochwertigen Lehrküche zurücklassen. Obdach finden sie in einer Villa in Neu-Westend, in der bis zu ihrer Emigration Elsas Schwester mit Familie wohnte. Im Sommer 1939 muss Elsa Oestreicher ihre Kochschule ganz schließen. Als Köchin und Wirtschaftsleitung durchläuft sie einige Häuser der Jüdischen Gemeinde, bis sie schließlich – nach dem Tod ihres Mannes – im Sommer 1942 in der Küche des Jüdischen Altenheims in der Großen Hamburger Straße unterkommt.
Am 4. November, zwei Tage vor ihrem vierundsechzigsten Geburtstag, wird Elsa Oestreicher mit dem 71. Alterstransport von Berlin nach Theresienstadt deportiert. Auch hier findet sie ihren Platz wieder in einer Küche, der Wärme¬küche der Kavalierkaserne, eines der erbärmlichsten Gebäude des Ghettos, in der sie sich um das Aufwärmen und Verteilen der meist kärglichen Mahlzeiten kümmert. Und sie überlebt! Am 8. Mai 1945 wird Elsa Oestreicher gemeinsam mit mehr als 30.000 Gefangenen von der Roten Armee im Lager Theresienstadt befreit.
Elsa Oestreicher ist nach dem Krieg nicht wieder nach Deutschland zurück¬gekehrt. Im Oktober 1946 emigriert sie nach New York. Hier leben bereits seit einigen Jahren ihre Tochter Annie und ihre Schwester Julie mit ihren Familien. Hier knüpft sie, inzwischen achtundsechzig Jahre alt, noch einmal an ihre Berliner Berufstätigkeit an, arbeitet als Haushälterin und Köchin, lernt Englisch und gibt noch einige Jahre Kochkurse an der Manhattan Baking and Cooking School.
Am 3. Oktober 1962 stirbt Elsa Oestreicher in New York.
Quellen:
Nina Haeberlin: Elsa Oestreicher – Spuren eines (Über)Lebens. Berlin – Theresienstadt – New York, callidus. Verlag, Wismar 2025.