HIER WOHNTE
HILDEGARD
SCHMUTZER
VERH. SMEDRESMAN
JG. 1909
FLUCHT 1938 BELGIEN
VERHAFTET 29.6.1940
MEHRERE GEFÄNGNISSE
ENTLASSEN DEZ. 1941
AB MAI 1942 IN BERLIN
VERSTECKT / ÜBERLEBT
Hildegard Schmutzer wurde am 13. März 1909 als einziges Kind des Baumeisters August Schmutzer und seiner Ehefrau Charlotte geboren. Als junge Frau absolvierte sie später eine Ausbildung zur Schneiderin und bildete sich zur Direktrice weiter. Sie war in der „Kleiderfabrik Franz Metzger” und später in der Firma „Blusen-Gumpert” beschäftigt.
Irgendwann Anfang der 1930er-Jahre wurden sie und der jüdische Modehandelsvertreter Robin Smedresman ein Paar. Im September 1935 erklärten die Nationalsozialisten mit den „Nürnberger Gesetzen” Beziehungen zwischen zwischen Juden und Nichtjuden zu einem Verbrechen. Hildegard und Robin wollten sich ihre Verbindung nicht verbieten lassen. Doch irgendjemand denunzierte das Paar schon einen Monat später an die Gestapo. Sie wurden verhaftet.
Hildegard wurde der Pass abgenommen und Robin aus dem Deutschen Reich ausgewiesen. Die Ausweisung wurde sehr schnell zurückgenommen, da er aufgrund seiner Tätigkeit viele Devisen ins Land brachte und in den Augen der Nazis einen gewissen Nutzen hatte. Hildegards Pass blieb aber eingezogen. Trotz allem setzten sie ihre Beziehung weiterhin heimlich fort, verlobten sich sogar.
Im Sommer 1938 – der jüdische Besitzer der Firma „Blusen-Gumpert” war enteignet und das Unternehmen „arisiert” worden – wurde Hildegard dann als „bekannt judenfreundlich“ von ihrer „arischen“ Chefin entlassen. Ein paar Monate später, nach dem Novemberpogrom 1938, war auch Hildegard und Robin klar, dass es für sie zu gefährlich war, weiter in Berlin zu bleiben – sie planten eine Flucht über Belgien nach Amerika. Dafür reiste Robin mit der Hilfe seines Arbeitsvisums nach Belgien schon vor. Hildegard wollte ihm folgen, sobald sie ihren Pass zurückerhalten hätte. Tagelang saß sie auf dem Polizeirevier Alexanderplatz und bemühte sich um ihren eingezogenen Pass. Doch sie bekam ihn nicht. Daher floh sie im Dezember 1938 kurz vor dem Jahreswechsel mit einem gefälschten holländischen Pass über die belgische Grenze.
Das Paar war wieder vereint und kam für einige Zeit im jüdischen Viertel in Antwerpen unter, wo Hildegard zum jüdischen Glauben konvertierte, ehe sie im Sommer ins belgische Seebad Knokke umzogen, wo sie im Oktober 1939 endlich heirateten. Hier wollte das Ehepaar abwarten, bis sie ein Visum für die Einreise nach Amerika erhielten. Sie bezogen eine kleine möblierte Wohnung und konnten endlich offen zusammensein. In ihrem Bericht schrieb Hildegard: „Wir wähnten uns geborgen.“ Doch schon kurze Zeit nachdem die Deutschen in Belgien einmarschiert waren, wurde Robin als sog. „feindlicher Ausländer“ verhaftet und nach Frankreich abgeschoben.
Hildegard wurde im Mai oder Juni 1940 von der Gestapo in ihrer Wohnung in Knokke verhaftet – wegen der „Hintergehung der Nürnberger Gesetze“. Bei der Hausdurchsuchung wurden Devisen gefunden, die Robin und sie für ihre Flucht versteckt und für den Lebensunterhalt in Belgien genutzt hatten.
Über mehrere Gefängnisse wurde Hildegard nun wieder nach Berlin gebracht. Dort machte man ihr den Prozess. Zunächst nur wegen des Devisenvergehens, denn ihrem findigen Anwalt war es gelungen beide Vergehen – die sogenannte „Rassenschande“ und die Hinterziehung von Devisen – voneinander zu trennen. Bis Dezember 1941 saß sie dann ihre Strafe im Frauengefängnis Kantstraße ab. Nach ihrer Entlassung kehrte sie zu ihren Eltern nach Kreuzberg zurück. Hier wohnte sie bis sie im Mai des folgenden Jahres eine Vorladung zur Gestapo erhielt.
In der festen Überzeugung, dass es um das noch offene Vergehen gegen die „Nürnberger Gesetze” ging – ihre Eheschließung mit einem Juden – ging sie 1942 in die Illegalität. Sie versteckte sich bis zum Januar 1944 in einer Gartenlaube in Strausberg. Doch dann wurde ihre Helferin samt Familie ausgebombt und benötigte den Platz selbst. Daher zog Hildegard weiter in ein anderes Versteck.
Sie lernte den griechischen Teppichhändler Nikolaus Lazarides kennen, der sie in seiner Wilmersdorfer Wohnung, Jenaer Straße 19, bis zum Ende des Krieges aufnahm, versteckt hielt und seine Lebensmittel mit ihr teilte.
Nach dem Krieg wartete Hildegard vergeblich auf die Rückkehr ihres Ehemannes. Er war in Frankreich zunächst ins Lager St. Cyprien, von dort ins Lager Gurs und zwei Jahre später, am 19. August 1942, über das Lager Drancy bei Paris ins Vernichtungslager Auschwitz verschleppt worden. Dort verlor sich seine Spur und er wurde nach dem Krieg vom Amtsgericht Charlottenburg für tot erklärt. Hildegard und er sahen sich nie wieder.
Hildegard Smedresman wohnte nach dem Krieg zunächst weiter bei Nikolaus Lazarides in der Jenaer Straße 19 und arbeitete als stellvertretende Betriebsführerin, zog später aber mehrmals um. Sie starb im Jahr 2006.
Recherche und Text: Rachel Soost
S. auch: Rachel Soost: Hilde und Robin, Roman, erschienen November 2025 als TB und E-book
Quellen:
- ITS Arolsen: DocID:78854403
- Landesarchiv Berlin – Entschädigungsbehörde