Stolpersteine Tübinger Straße 4a

Hausansicht Tübinger Str. 4

Der Stolperstein wurde am 16. September 2025 verlegt.

Tübinger Str. 4 Selma Schayer

Stolperstein Selma Schayer

HIER WOHNTE
SELMA SCHAYER
GEB. DANN
JG. 1882
FLUCHT 1939
CHILE

Selma Schayer geb. Dann wurde am 13. Juli 1882 in Lonzyn, nahe dem damaligen Thorn (jetziges Torun, Polen), in die jüdische Familie Dann geboren. Ihr Vater war Daniel Dann (1850-1906), ihre Mutter war Johanna Dann geb. Barnass (1850-1890). Selma hatte 5 Brüder; David, Hirsch, Siegfried, Hermann (1875) und Leo (1879 – 1931). Als ihre Mutter starb, wuchs sie bei ihrer Tante Flora Barnass (1851-1920) und ihrem Onkel Hermann Dann auf, die selbst noch 6 eigene Kinder hatten. Über ihre Kindheit, Jugend oder Ausbildung ist nichts weiter bekannt.

Am 30. Dezember 1909 heiratete sie im Alter von 27 Jahren Siegbert Schayer (12. Februar 1874).

In der Heiratsurkunde wird Siegbert als Oberlehrer, Doktor der Philologie bezeichnet, Selma als berufslos. Selma wohnte zu diesem Zeitpunkt in der Augsburger Straße 20.

Trauzeugen waren Siegberts Vater Konrad Schayer und Leo Dann, der Bruder von Selma, der auch in Berlin lebte.

Das junge Paar lebte in der Greifswalder Straße 194 in der 3. Etage, später in der Nr. 224.

Sie bekamen am 21. April 1912 die einzige Tochter Hildegard Hildegund Johanna, genannt Gundi.

Siegbert Schayer hatte 1897 ein Buch mit dem Titel: „Zur Lehre vom Gebrauch des unbestimmten Artikels und des Teilungsartikels im Altfranzösischen und Neufranzösischen“ geschrieben. Prof. Siegbert Schayer war ab 1. April 1902 Beamter auf Lebenszeit in der städtischen Körner-Realschule. Leider verstarb er früh im Alter von nur 39 Jahren am 4. April 1913, nach knapp 4 Ehejahren. Da war die Tochter Gundi gerade 1 Jahr alt.

Ab 1915 findet sich im Berliner Adressbuch in der Tübinger Str. 4a der Eintrag Selma Schayer, mit dem Zusatz „Witwe“. Sie ist also nach dem Tod ihres Mannes in den neuen Westen, in die Tübinger Straße, fast an den Kaiserplatz, den jetzigen Bundesplatz gezogen. Sie lebte von der Pension ihres verstorbenen Mannes. Unter dieser Adresse ist ihr Name im Berliner Adressbuch bis 1939 zu finden. Den Adressbüchern ist zu entnehmen, dass sie in der Tübinger Straße 4a in der 2. Etage wohnte und zumindest 1938 ein Modeatelier betrieb.

Selma reiste Ende 1932 auf eine Vergnügungsreise nach Spanien. Als Hitler 1933 an die Macht kam, blieb sie in Spanien und ihre Tochter Gundi schickte ihr die Pensionszahlungen nach. Erst als dort der spanische Bürgerkrieg ausbrach, kam sie 1936 zurück nach Berlin. Sie konnte inzwischen gut spanisch sprechen und unterrichtete nun jüdische Menschen, die nach Südamerika fliehen wollten. Ihre Tochter Gundi hat im August 1937 Günther Leo Spandau geheiratet und die Tochter Monika bekommen.

Über beruflichen Kontakt zur Chilenischen Botschaft hatte Gundi Visa für Chile organisieren können, für sich, für ihren Mann Günther, für die kleine Tochter Monika, für ihre Mutter Selma Schayer und für Günthers Mutter Emma Spandau. Eigentlich wollten sie alle gemeinsam ab Hamburg den Dampfer „Copiapo” nehmen, aber Gundi und Günther wurden am Tag der Abreise von der Gestapo verhaftet und nach Berlin zurückgebracht.

So flüchtete Selma Schayer nur gemeinsam mit Emma Spandau geb. Friedländer (Stolperstein Holsteinische Straße 34, Friedenau), der Mutter ihres Schwiegersohns Günther Spandau, wie geplant mit dem Dampfer „Copiapo” ab Hamburg nach Chile. Dieser Dampfer war das letzte Schiff, das noch einen Tag vor Kriegsbeginn den Hamburger Hafen verlassen konnte. An Bord waren 90 jüdische Flüchtlinge, die so dem Holocaust entkommen konnten. Gundi, Günther und Monika konnten einen Monat später über die Schweiz und Italien flüchten (Stolpersteine Zähringer Straße 33). Sie trafen sich dann in Chile wieder.

Auch in Chile gab Selma deutschen Juden Spanischunterricht, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ab etwa 1950 lebte sie dort in einem jüdischen Altersheim.1951 stellte sie bei den Wiedergutmachungbehörden den Antrag wegen Schadens im beruflichen Fortkommen und 1952 wegen Ausfalls von Witwengeld seit 1939. Nach langen Jahren erhielt sie eine Kapitalentschädigung.

Selma Schayer starb im Alter von 80 Jahren am 19. Juli 1962 in ihrer neuen Heimat Chile.

Recherche und Text: Renate Kratschmer, Stolperstein-Initiative Tempelhof-Schöneberg

Quellen:
  • Berliner Adressbücher
  • Entschädigungsbehörde
  • Ancestry
  • Interview der Enkeltochter Gundi Spandaus für das chilenische Radio.

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