Stolpersteine Bamberger Str. 24

Hausansicht Bamberger Str. 24

Hausansicht Bamberger Str. 24

Die Stolpersteine für Alice, Gertrud und Agnes Lion wurden am 10. Mai 2025 verlegt.

Stolperstein für Alice Lion

Stolperstein für Alice Lion

Alice Lion wurde am 20. Februar 1881 in Berlin geboren.

Ihre Eltern waren Hermann Lion (1852 in Berlin – 1926 in Berlin) und die aus Ostfriesland stammende Kassiererin Anna Dorothea Lion geb. Kümmel (1848 in Jemgum, Kreis Leer, Niedersachsen – 1925 in Berlin). Hermann Lion war Kaufmann, arbeitete als Buchhalter und war von 1886 bis 1905 bei der Firma Otto Polke Offizier-Helm u. Militair-Effecten-Fabrik in Berlin angestellt. Anna Dorothea Kümmel war die einzige Tochter des in Leer ansässigen Apothekers und Doktors der Medizin Christoph Gottfried Ernst Wahrendorff Kümmel und seiner Frau Louise Caroline Henriette Dauber. Hermann Lion und Anna Dorothea Kümmel heirateten am 15. Mai 1880 in Berlin. Hermann war jüdischen Glaubens, Anna evangelisch.

Alice Lion war die älteste der insgesamt vier Töchter von Hermann und Anna Lion. Die zweitälteste Tochter, Gertrud Charlotte Lion, wurde am 22. Mai 1882, die drittälteste, Agnes Charlotte Toni Lion, am 23. März 1885 und die jüngste, Toni Berta Elisabeth Lion, am 29. Juni 1890 in Berlin geboren.

In handschriftlich verfassten Lebensläufen von Alice, Gertrud und Agnes Lion, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, erwähnen sie immer, dass sie evangelisch getauft und evangelisch erzogen wurden. Auch die jüngste Schwester Toni wurde evangelisch getauft. Vermutlich hätte sie sonst nicht von 1913 bis 1915 an der höheren Mädchenschule der Evangelischen Gemeinde zu Bukarest unterrichten dürfen.

Ab 1906 wohnte die komplette Familie Lion in der Alvenslebenstraße 17 in Berlin-Schöneberg, die Jahre zuvor waren von häufigen Umzügen geprägt. Alice und ihre Schwestern Agnes und Gertrud sollten bis 1931 unter dieser Adresse zusammenleben.

Alle vier Schwestern waren Schülerinnen der Charlottenschule in Berlin-Tiergarten. Alice, Gertrud und Toni besuchten anschließend das Königliche Lehrerinnenseminar in Berlin und bestanden dort ihre Prüfung für mittlere und höhere Mädchenschulen. Die Lyceal-Oberlehrerin Alice Lion trat im Februar 1901 in den öffentlichen Schuldienst in Berlin ein und wurde zunächst als Lehrerin und Beamtin auf Widerruf angestellt. Ab 1. April 1906 arbeitete sie als Volksschullehrerin an der 119. Gemeindeschule (Gubener Str. 53 in Berlin-Friedrichshain) und wurde mit diesem Datum zur Beamtin auf Lebenszeit ernannt.

Alice Lion bildete sich an der Victoria-Fortbildungs-Schule für die weibliche Jugend fort und besuchte Kurse wie z. B. Handelslehre sowie Französische und Englische Handelskorrespondenz oder Volkswirtschaftslehre bzw. soziale Gesetzgebung und Pädagogische Psychologie. Obwohl bereits an unterschiedlichen Schulen selbst unterrichtend, gab Alice zusätzlich an der Victoria-Fortbildungs-Schule Unterricht. Die drei Schwestern Alice, Agnes und Gertrud finden Erwähnung im „Bericht aus Anlass des 30-jährigen Bestehens der Anstalt“ im Jahr 1908 unter dem Punkt „an der Schule unterrichten zurzeit folgende Damen und Herren“ – wobei hier nur zwei Herren aufgeführt werden. In den Lehrerinnenkursen unterrichtete zu diesem Zeitpunkt auch die berühmte Sozialreformerin Frl. Dr. Alice Salomon.

Von April 1911 bis Ostern 1914 unterrichtete Alice Lion an der 143. Gemeindeschule in der Kulmer Str. 15 in Berlin-Schöneberg. 1914 wurde sie dann als Oberschullehrerin in das gerade neu erbaute Königstädtische Lyzeum in der Greifswalder Str. 25 in Berlin-Prenzlauer Berg versetzt.

Im November 1919 ließen sich die Eltern Hermann und Anna Lion geb. Kümmel scheiden. Anna Lion starb am 29. Juli 1925 in Berlin. Sie wurde auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, gelegen im Ortsteil Schöneberg auf der sogenannten Roten Insel, bestattet. Ihr Name ist der erste auf dem schlichten Grabstein.

Am 21. Dezember 1926 starb der Vater Hermann Lion an Herzschwäche im Hospital in Berlin-Buch. Er wurde am 26. Dezember 1926 auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee bestattet. Um die Formalitäten kümmerte sich die Tochter Alice Lion.

Anfang Juli 1927 unternahmen die drei Schwestern Alice, Gertrud und Agnes Lion eine gemeinsame Schiffsreise. Mit der „President Harding“ fuhren sie von Bremen nach Southampton (England), um von dort aus am 8. Juli 1927 mit einem Schiff nach Gibraltar zu fahren. Am 5. August 1927 ging es dann von Gibraltar aus zurück nach England, mit dabei war ihre mittlerweile in Madrid lebende Schwester Toni Lion. Sie unterrichtete seit Oktober 1926 an der Deutschen Schule in Madrid (Spanien).

Anfang Oktober 1928 heiratete Toni Lion in Madrid den in Wiesbaden geborenen Bankkaufmann Karl Christian Heinrich Winsiffer und schied aus dem Schuldienst an der Deutschen Schule Madrid aus. Am 23. März 1930 wurden Toni und Karl Winsiffer Eltern einer Tochter, die den Namen Christina Anna Winsiffer Lion bekam.

1931 zog Alice mit ihren Schwestern Gertrud und Agnes in die Innsbrucker Str. 19 in Berlin-Schöneberg. Im April 1934 zogen sie nochmals um, in die Bamberger Str. 24 in Berlin-Wilmersdorf. Die Schwestern lebten hier in enger Nachbarschaft von z. B. der Kunsthistorikerin und Ägyptologin Hedwig Fechheimer (Helmstedter Str. 10), der Schriftstellerin Frida Baumgarten in der Helmstedter Str. 29, wo auch eine Cousine der Schwestern, die Kindergärtnerin Marie Marianne Packscher, zuletzt lebte, sowie der späteren Journalistin und Autorin Inge Deutschkron, die in der Bamberger Str. 22 wohnte. Vorstellbar ist, dass Alice, Gertrud und Agnes Lion auch Kundinnen der von Benedict Lachmann gegründeten Buchhandlung am Bayerischen Platz waren.

Alice Lion lehrte bis zum März 1934 am Königstädtischen Lyzeum in der Greifswalder Str. 25 in Berlin-Prenzlauer Berg. Als Oberschullehrerin durfte sie noch von April 1934 bis Oktober 1934 an der Dorotheenschule zu Köpenick arbeiten, danach nur noch als Lehrerin an der 103. Gemeindeschule in der Ruppiner Str. 47 am Arkonaplatz (Berlin-Mitte).

Im Januar 1952 schrieb Alice Lion im Zusammenhang mit ihrem Antrag auf Entschädigung: „[…] als Hitler zur Macht kam, wurde ich, als ich nach den Osterferien 1933 an die Schule kam, nach Hause geschickt und durfte erst im August den Unterricht wieder aufnehmen. Ich durfte weder Deutsch, Geschichte noch Religion geben und litt unter all dem, was von mir verlangt wurde, Hitlergruß usw. […] Was in Konferenzen und sonstigen Besprechungen gegen nichtarische Schülerinnen gesagt und unternommen wurde und was ich im Unterricht gegen meine Überzeugung sagen musste, ging über meine Kraft, so dass ich körperlich und seelisch vollständig zusammenbrach. Ich sah mich schließlich gezwungen, die Pensionierung zu beantragen, die mir 1936 auch gewährt wurde.“

Alice Lions Schwester Agnes gab nach ihrer Versetzung in den Ruhestand gelegentlich Privatunterricht, bis ihr die Erlaubnis, arische Schüler zu unterrichten, entzogen wurde. Ob auch Alice privaten Unterricht erteilte, ist nicht bekannt.

Am 3. Februar 1945 flog die US-Luftwaffe den schwersten Angriff auf Berlin. Die Bamberger Str. 24 wurde dabei durch eine Sprengbombe vernichtet. Im Lebenslauf der Schwester Gertrud Lion steht dazu: „Dann hatten wir noch das Unglück, 1945 in Wilmersdorf total ausgebombt zu werden und all unser Hab und Gut zu verlieren. Wegen unserer Abstammung war es uns erst nach großen Schwierigkeiten möglich, in Zehlendorf ein Unterkommen zu finden.“ Die neue Wohnung der drei Schwestern befand sich in der Potsdamer Chaussee 20 in der Siedlung Am Heidehof in Berlin-Zehlendorf.

Die Schwestern stellten jeweils einen Antrag aufgrund des Gesetzes über die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus (Entschädigungsgesetz) wegen Schaden am beruflichen Fortkommen. Nachweislich stellten sie die Anträge und erledigten die Korrespondenz ohne die Unterstützung durch einen Rechtsanwalt.

Laut Sterbeurkunde verstarb „die Pensionärin“ Alice Lion am 23. Mai 1961 um 7.45 Uhr im Alter von 80 Jahren in ihrer Wohnung. Sie bestimmte in ihrem Testament, dass ihre beiden Schwestern Gertrud und Agnes Lion sich ihr Vermögen teilen sollten.

Der Name der Mutter, Anna Dorothea Lion geb. Kümmel, steht heute also nicht mehr allein auf dem Grabstein auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof. Ihre zeitlebens unverheiratete und kinderlose Tochter Alice und deren Schwestern Gertrud Charlotte und Agnes Charlotte Toni haben sich dazugesellt.

Text und Recherche:
Elke Beibler, Stolpersteine-Initiative Tempelhof-Schöneberg

Quellen:
Adressbücher Berlin, Amtsgericht Schöneberg, ancestry, Archiv der BBF, BArch (Bundesarchiv), BLHA (Brandenburgisches Landeshauptarchiv), LaBo (Landesamt für Bürger-und Ordnungsangelegenheiten), Landesarchiv Berlin, Dr. Stephan Schrölkamp

Stolperstein für Gertrud Charlotte Lion

Stolperstein für Gertrud Charlotte Lion

Gertrud Charlotte Lion wurde am 22. Mai 1882 in Berlin geboren.

Ihre Eltern waren Hermann Lion (1852 in Berlin – 1926 in Berlin) und die aus Ostfriesland stammende Kassiererin Anna Dorothea Lion geb. Kümmel (1848 in Jemgum, Kreis Leer, Niedersachsen – 1925 in Berlin). Hermann Lion war Kaufmann, arbeitete als Buchhalter und war von 1886 bis 1905 bei der Firma Otto Polke Offizier-Helm u. Militair-Effecten-Fabrik in Berlin angestellt. Anna Dorothea Kümmel war die einzige Tochter des in Leer ansässigen Apothekers und Doktors der Medizin Christoph Gottfried Ernst Wahrendorff Kümmel und seiner Frau Louise Caroline Henriette Dauber. Hermann Lion und Anna Dorothea Kümmel heirateten am 15. Mai 1880 in Berlin. Hermann war jüdischen Glaubens, Anna evangelisch.

Gertrud Lion war die zweitälteste der insgesamt vier Töchter von Hermann und Anna Lion. Die älteste Tochter, Alice Lion, wurde am 20. Februar 1881, die drittälteste, Agnes Charlotte Toni Lion, am 23. März 1885 und die jüngste, Toni Berta Elisabeth Lion, am 29. Juni 1890 in Berlin geboren.

In handschriftlich verfassten Lebensläufen von Alice, Gertrud und Agnes Lion, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, erwähnen sie immer, dass sie evangelisch getauft und evangelisch erzogen wurden. Auch die jüngste Schwester Toni wurde evangelisch getauft. Vermutlich hätte sie sonst nicht von 1913 bis 1915 an der höheren Mädchenschule der Evangelischen Gemeinde zu Bukarest unterrichten dürfen.

Ab 1906 wohnte die komplette Familie Lion in der Alvenslebenstraße 17 in Berlin-Schöneberg, die Jahre zuvor waren von häufigen Umzügen geprägt. Gertrud und ihre Schwestern Agnes und Alice sollten bis 1931 unter dieser Adresse zusammenleben.

Alle vier Schwestern waren Schülerinnen der Charlottenschule in Berlin-Tiergarten. Gertrud, Alice und Toni besuchten anschließend das Königliche Lehrerinnenseminar in Berlin. Gertrud Lion bestand im Februar 1902 die „Lehrerinnenprüfung für mittlere und höhere Schulen einschließlich Turnen und Handarbeit“. Bis September 1906 arbeitete Gertrud Lion vertretungsweise im öffentlichen Schuldienst, bis sie am 1. Mai 1907 eine Anstellung auf Lebenszeit erhielt.

Sie bildete sich an der Victoria-Fortbildungs-Schule für die weibliche Jugend fort und besuchte Kurse wie z. B. Handelslehre sowie Französische und Englische Handelskorrespondenz oder Volkswirtschaftslehre bzw. soziale Gesetzgebung und Pädagogische Psychologie. Obwohl bereits an unterschiedlichen Schulen selbst unterrichtend, gaben Gertrud, Alice und Agnes Lion zusätzlich an der Victoria-Fortbildungs-Schule Unterricht. Die drei Schwestern finden Erwähnung im „Bericht aus Anlass des 30-jährigen Bestehens der Anstalt“ im Jahr 1908 unter dem Punkt „an der Schule unterrichten zurzeit folgende Damen und Herren“ – wobei hier nur zwei Herren aufgeführt werden. In den Lehrerinnenkursen unterrichtete zu diesem Zeitpunkt auch die berühmte Sozialreformerin Frl. Dr. Alice Salomon. Gertrud Lion unterrichtet an der 234. Gemeindeschule am Petersburger Platz 3 in Berlin-Friedrichshain (1909–1910) und an der 108. Gemeindeschule in der Hagelberger Straße 34 in Berlin-Kreuzberg (1910–1915).

Im November 1919 ließen sich die Eltern Hermann und Anna Lion geb. Kümmel scheiden. Anna Lion starb am 29. Juli 1925 in Berlin. Sie wurde auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, gelegen im Ortsteil Schöneberg auf der sogenannten Roten Insel, bestattet. Ihr Name ist der erste auf dem schlichten Grabstein.

Am 21. Dezember 1926 starb der Vater Hermann Lion an Herzschwäche im Hospital in Berlin-Buch. Er wurde am 26. Dezember 1926 auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee bestattet. Um die Formalitäten kümmerte sich die Tochter Alice Lion.

Gertrud Lion unternahm zwischen 1910 und 1912 drei Reisen nach England, besuchte im Sommer 1913 einen Ferienkurs für Ausländer an der Universität Oxford und reiste im Juli 1926 von Hamburg aus mit dem Dampfschiff Usambara in der 1. Klasse erneut nach Southampton, England, vielleicht zum selben Zweck. Anfang Juli 1927 unternahmen die drei Schwestern Alice, Gertrud und Agnes Lion eine gemeinsame Schiffsreise. Mit der „President Harding“ fuhren sie von Bremen nach Southampton (England), um von dort aus am 8. Juli 1927 mit einem Schiff nach Gibraltar zu fahren. Am 5. August 1927 ging es dann von Gibraltar aus zurück nach England, mit dabei war ihre mittlerweile in Madrid lebende Schwester Toni Lion. Sie unterrichtete seit Oktober 1926 an der Deutschen Schule in Madrid (Spanien).

Anfang Oktober 1928 heiratete Toni Lion in Madrid den in Wiesbaden geborenen Bankkaufmann Karl Christian Heinrich Winsiffer und schied aus dem Schuldienst an der Deutschen Schule Madrid aus. Am 23. März 1930 wurden Toni und Karl Winsiffer Eltern einer Tochter, die den Namen Christina Anna Winsiffer Lion bekam.

1931 zogen die Schwestern Gertrud, Alice und Agnes in die Innsbrucker Str. 19 in Berlin-Schöneberg. Im April 1934 zogen sie nochmals um, in die Bamberger Str. 24 in Berlin-Wilmersdorf. Die Schwestern lebten hier in enger Nachbarschaft von z. B. der Kunsthistorikerin und Ägyptologin Hedwig Fechheimer (Helmstedter Str. 10), der Schriftstellerin Frida Baumgarten in der Helmstedter Str. 29, wo auch eine Cousine der Schwestern, die Kindergärtnerin Marie Marianne Packscher, zuletzt lebte, sowie der späteren Journalistin und Autorin Inge Deutschkron, die in der Bamberger Str. 22 wohnte. Vorstellbar ist, dass Alice, Gertrud und Agnes Lion auch Kundinnen der von Benedict Lachmann gegründeten Buchhandlung am Bayerischen Platz waren.

Gertrud Lion wurde im September 1929 zur Mittelschulkonrektorin ernannt und unterrichtete als solche von 1929 bis 1935 an der Caroline v. Humboldt Schule (5. Mädchenmittelschule) in der Winterfeldtstr. 16 in Berlin-Schöneberg. Es folgte ein Jahr an einer nicht näher bekannten Mittelschule in Berlin-Wilmersdorf, bis sie am 1. Juli 1937 an jene Mittelschule für Mädchen in Spandau in der Moritzstr. 17 (heute ist die Musikschule Spandau dort beheimatet) versetzt wurde, die sie in einem von ihr verfassten Lebenslauf vom 28. Januar 1952 erwähnt:

„Mein Vater war Jude, meine Mutter Arierin […] Ich habe von 1933 an in der mir bis dahin so lieben Schularbeit sehr gelitten durch alles, was von mir verlangt wurde […] Geschichte durfte ich an sich als Mischling nicht geben, aber Rektor Göring von der Mittelschule in Spandau, an der ich zuletzt tätig war, übertrug mir Geschichtsstunden in der obersten Klasse und wohnte dem Unterricht bei. Er hoffte wohl, mich zu irgendeiner Äußerung zu veranlassen, durch die er mir etwas anhaben könnte […] Schließlich beorderte er mich eines Tages in sein Amtszimmer, um mir zu sagen, ich solle noch am selben Tage zum Schulrat gehen und meine Pensionierung beantragen. Ich tat dies nicht, hatte mich aber durch die ständige beleidigende Behandlung des Rektors so aufgeregt, dass ich seelisch zusammenbrach, herz- und nervenkrank wurde und meinen Dienst nicht wiederaufnehmen konnte. Nach einiger Zeit war ich gezwungen, mich pensionieren zu lassen.“

Zu diesem Zeitpunkt war sie gut fünfzig Jahre alt. Der Rektor, mit vollem Namen Willy Otto August Wilhelm Göring, wurde 1887 in Berlin geboren. Er heiratete im Februar 1925, wurde im Oktober 1925 Vater eines Sohnes und 1934 Vater einer Tochter. Zum Rektor an der Mittelschule in Spandau wurde er im Juni 1935 ernannt. Am 27. Januar 1967 starb der Rektor außer Dienst in Berlin-Spandau.

Am 3. Februar 1945 flog die US-Luftwaffe den schwersten Angriff auf Berlin. Die Bamberger Str. 24 wurde dabei durch eine Sprengbombe vernichtet. Im Lebenslauf von Gertrud Lion steht dazu: „Dann hatten wir noch das Unglück, 1945 in Wilmersdorf total ausgebombt zu werden und all unser Hab und Gut zu verlieren. Wegen unserer Abstammung war es uns erst nach großen Schwierigkeiten möglich, in Zehlendorf ein Unterkommen zu finden.“ Die neue Wohnung der drei Schwestern befand sich in der Potsdamer Chaussee 20 in der Siedlung Am Heidehof in Berlin-Zehlendorf.

Gertrud Lion gab in den Jahren 1945 bis 1947 zeitweise einige Privatstunden, erkrankte im genannten Zeitraum schwer und hatte deshalb zwei längere Krankenhausaufenthalte. Sie wurde mit einer 66-prozentigen Schwerhörigkeit aus dem Krankenhaus entlassen.

Die Schwestern stellten jeweils einen Antrag aufgrund des Gesetzes über die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus (Entschädigungsgesetz) wegen Schaden am beruflichen Fortkommen. Nachweislich stellten sie die Anträge und erledigten die Korrespondenz ohne die Unterstützung durch einen Rechtsanwalt.

Am 30. November 1966 starb „die Rentenempfängerin“ Gertrud Charlotte Lion um 7.30 Uhr im Hubertuskrankenhaus in Berlin-Nikolassee.
Der Name der Mutter, Anna Dorothea Lion geb. Kümmel, steht heute also nicht mehr allein auf dem Grabstein auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof. Ihre zeitlebens unverheiratete und kinderlose Tochter Gertrud Charlotte und deren Schwestern Alice und Agnes Charlotte Toni haben sich dazugesellt.

Text und Recherche:
Elke Beibler, Stolpersteine-Initiative Tempelhof-Schöneberg

Quellen:
Adressbücher Berlin, Amtsgericht Schöneberg, ancestry, Archiv der BBF, BArch (Bundesarchiv), BLHA (Brandenburgisches Landeshauptarchiv), LaBo (Landesamt für Bürger-und Ordnungsangelegenheiten), Landesarchiv Berlin, Dr. Stephan Schrölkamp

Stolperstein für Agnes Charlotte Lion

Stolperstein für Agnes Charlotte Lion

Agnes Charlotte Toni Lion wurde am 23. März 1885 in Berlin geboren.

Ihre Eltern waren Hermann Lion (1852 in Berlin – 1926 in Berlin) und die aus Ostfriesland stammende Kassiererin Anna Dorothea Lion geb. Kümmel (1848 in Jemgum, Kreis Leer, Niedersachsen – 1925 in Berlin). Hermann Lion war Kaufmann, arbeitete als Buchhalter und war von 1886 bis 1905 bei der Firma Otto Polke Offizier-Helm u. Militair-Effecten-Fabrik in Berlin angestellt. Anna Dorothea Kümmel war die einzige Tochter des in Leer ansässigen Apothekers und Doktors der Medizin Christoph Gottfried Ernst Wahrendorff Kümmel und seiner Frau Louise Caroline Henriette Dauber. Hermann Lion und Anna Dorothea Kümmel heirateten am 15. Mai 1880 in Berlin. Hermann war jüdischen Glaubens, Anna evangelisch.

Agnes Charlotte Toni Lion war die drittälteste der insgesamt vier Töchter von Hermann und Anna Lion. Die älteste Tochter, Alice Lion, wurde am 20. Februar 1881, die zweitälteste Tochter, Gertrud Charlotte Lion, wurde am 22. Mai 1882, und die jüngste Tochter, Toni Berta Elisabeth Lion, wurde am 29. Juni 1890 in Berlin geboren.

In handschriftlich verfassten Lebensläufen von Alice, Gertrud und Agnes Lion, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, erwähnen sie immer, dass sie evangelisch getauft und evangelisch erzogen wurden. Auch die jüngste Schwester Toni wurde evangelisch getauft. Vermutlich hätte sie sonst nicht von 1913 bis 1915 an der höheren Mädchenschule der Evangelischen Gemeinde zu Bukarest unterrichten dürfen.

Ab 1906 wohnte die komplette Familie Lion in der Alvenslebenstraße 17 in Berlin-Schöneberg, die Jahre zuvor waren von häufigen Umzügen geprägt. Agnes und ihre Schwestern Alice und Gertrud sollten bis 1931 unter dieser Adresse zusammenleben.

Alle vier Schwestern waren Schülerinnen der Charlottenschule in Berlin-Tiergarten. Alice, Gertrud und Toni besuchten anschließend das Königliche Lehrerinnenseminar in Berlin und bestanden dort ihre Prüfung für mittlere und höhere Mädchenschulen. Agnes Lion trat nach Beendigung ihrer Schulzeit in das Geschäft des Vaters ein. Sie absolvierte an der Victoria-Fachschule, der späteren Handelsschule Tiergarten, das Handelslehrerinnen-Seminar und erhielt im August 1916 die Lehrbefähigung als Handelslehrerin. 1924 wurde Agnes Lion von der Direktorin der Victoria-Fachschule auf die Reichsverfassung vereidigt. Im Folgejahr wurde die Beamtin Agnes Lion zur Handelsoberlehrerin ernannt. Sie bildete sich ständig weiter, so besuchte sie an der Handelshochschule Vorlesungen und nutzte ihre Ferien z. B. dazu, um in einer Bank zu arbeiten. Als Vertreterin des Kollegiums nahm sie an einer Tagung des Deutschen Verbandes für das kaufmännische Unterrichtswesen in Rostock teil und beantragte, neben der Bitte um Beurlaubung, gleichzeitig, ihr „aus städtischen Mitteln einen Zuschuss für die Reise zu gewähren“. 1929 ließ sie sich ein Vierteljahr beurlauben, um bei der Firma Siemens die Arbeit in einem Großbetrieb kennenlernen zu können. An der Victoria-Fachschule blieb sie bis zu ihrer Versetzung in den Ruhestand zum 1. April 1934 aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.

Im November 1919 ließen sich die Eltern Hermann und Anna Lion geb. Kümmel scheiden. Anna Lion starb am 29. Juli 1925 in Berlin. Sie wurde auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, gelegen im Ortsteil Schöneberg auf der sogenannten Roten Insel, bestattet. Ihr Name ist der erste auf dem schlichten Grabstein.

Im Dezember 1925 erkrankte Agnes Lion an einer Lungenkrankheit. Sie bat um einen zweimonatigen Urlaub, den sie im Kurhaus Höchenschwand bei St. Blasien im Schwarzwald verbringen wolle. Erst im Mai 1926 konnte Agnes Lion wieder ihren Dienst antreten.

Am 21. Dezember 1926 starb der Vater Hermann Lion an Herzschwäche im Hospital in Berlin-Buch. Er wurde am 26. Dezember 1926 auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee bestattet. Um die Formalitäten kümmerte sich die Tochter Alice Lion.

Anfang Juli 1927 unternahmen die drei Schwestern Agnes, Gertrud und Alice Lion eine gemeinsame Schiffsreise. Mit der „President Harding“ fuhren sie von Bremen nach Southampton (England), um von dort aus am 8. Juli 1927 mit einem Schiff nach Gibraltar zu fahren. Am 5. August 1927 ging es dann von Gibraltar aus zurück nach England, mit dabei war ihre mittlerweile in Madrid lebende Schwester Toni Lion. Sie unterrichtete seit Oktober 1926 an der Deutschen Schule in Madrid (Spanien).

Anfang Oktober 1928 heiratete Toni Lion in Madrid den in Wiesbaden geborenen Bankkaufmann Karl Christian Heinrich Winsiffer und schied aus dem Schuldienst an der Deutschen Schule Madrid aus. Am 23. März 1930 wurden Toni und Karl Winsiffer Eltern einer Tochter, die den Namen Christina Anna Winsiffer Lion bekam.

1931 zogen die Schwestern Agnes, Alice und Gertrud in die Innsbrucker Str. 19 in Berlin-Schöneberg. Im April 1934 zogen sie nochmals um, in die Bamberger Str. 24 in Berlin-Wilmersdorf. Die Schwestern lebten hier in enger Nachbarschaft von z. B. der Kunsthistorikerin und Ägyptologin Hedwig Fechheimer (Helmstedter Str. 10), der Schriftstellerin Frida Baumgarten in der Helmstedter Str. 29, wo auch eine Cousine der Schwestern, die Kindergärtnerin Marie Marianne Packscher, zuletzt lebte, sowie der späteren Journalistin und Autorin Inge Deutschkron, die in der Bamberger Str. 22 wohnte. Vorstellbar ist, dass Agnes, Alice und Gertrud Lion auch Kundinnen der von Benedict Lachmann gegründeten Buchhandlung am Bayerischen Platz waren.

Eine Erkrankung im Oktober 1932 zwang Agnes Lion dazu, ab Mitte Dezember 1932 einen längeren Aufenthalt im Sanatorium Wölfelsgrund (poln. Międzygórze) in der Grafschaft Glatz in Schlesien (Höhenluftkurort) zu absolvieren.

Ein Schreiben des Preußischen Ministers für Wirtschaft und Arbeit teilte Agnes Lion am 2. Dezember 1933 mit, dass sie „betreffend § 3 Abs. 1 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ mit Wirkung zum 1. Januar 1934 in den Ruhestand versetzt werde. Im Juni 1934 schrieb Agnes Lion dem Oberbürgermeister von Berlin: „Wenn ich auch zuversichtlich hoffe, dass mein Gesuch vom 27. April 1934 um Wiedereinstellung in den Schuldienst Berücksichtigung findet, so wäre ich doch dankbar, wenn mir bis zur endgültigen Regelung ein meiner langjährigen Dienstzeit entsprechendes Ruhegeld bewilligt würde. Ich kann nicht annehmen, dass es im Sinne des Gesetzgebers gelegen ist, jemanden, der mit voller Hingabe 27 Jahre an der gleichen Schule unterrichtet hat, die Arbeit und damit den Lebensinhalt zu nehmen und ihn sogar durch eine ungünstige Festsetzung des Besoldungs- und Pensionsdienstalters wirtschaftlich schwer zu schädigen […] ich sehe keine Möglichkeit, als Nichtarierin (Halbarierin) bei einem Lebensalter von fast 50 Jahren seinen, wenn auch nur bescheidenen, Verdienst zu finden.“ Von Amts wegen wurden für das Ruhegehalt nur 13 Arbeitsjahre berechnet. Agnes Lion bat daher um Prüfung, da sie bereits 28 Dienstjahre vor- und nachweisen könne. Im Januar 1935 wurde „Namens des Herrn Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehungs- und Volksbildung“ entschieden, dass ihr nur 13 Dienstjahre zugestanden würden. Agnes Lion gab nach ihrer Versetzung in den Ruhestand gelegentlich Privatunterricht, bis ihr die Erlaubnis, arische Schüler zu unterrichten, entzogen wurde.

Am 3. Februar 1945 flog die US-Luftwaffe den schwersten Angriff auf Berlin. Die Bamberger Str. 24 wurde dabei durch eine Sprengbombe vernichtet. Im Lebenslauf von Gertrud Lion steht dazu: „Dann hatten wir noch das Unglück, 1945 in Wilmersdorf total ausgebombt zu werden und all unser Hab und Gut zu verlieren. Wegen unserer Abstammung war es uns erst nach großen Schwierigkeiten möglich, in Zehlendorf ein Unterkommen zu finden.“ Die neue Wohnung der drei Schwestern befand sich in der Potsdamer Chaussee 20 in der Siedlung Am Heidehof in Berlin-Zehlendorf.

Agnes Lion war vom 1. Oktober 1945 bis zum 1. Juli 1947 mit einigen Wochenstunden beim Lette-Verein-Berlin beschäftigt. Sowohl sie als auch ihre Schwestern stellten jeweils einen Antrag aufgrund des Gesetzes über die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus (Entschädigungsgesetz) wegen Schaden am beruflichen Fortkommen. Nachweislich stellten sie die Anträge und erledigten die Korrespondenz ohne die Unterstützung durch einen Rechtsanwalt. Im Januar 1951 bat Agnes Lion „um Gewährung einer einmaligen Zahlung als Vorschuss auf die erwartete Entschädigungshöhe“, u. a. „zur Wiederherstellung meiner angegriffenen Gesundheit brauche ich dringend einen längeren Erholungsaufenthalt und zur Anschaffung von Einrichtungsgegenständen, Wäsche usw. brauche ich größere Mittel“. Aus einem handschriftlichen Vermerk vom Januar 1954 in der Akte zu Agnes Lion geht hervor, dass sie viele Male bei der Entschädigungsbehörde vorstellig wurde, um sich „nach dem Stand ihrer Entschädigungssache zu erkundigen. Frau L. ist aufgefordert worden, noch weitere Unterlagen beizubringen und den ihr übergebenen Fragebogen auszufertigen und dem Entschädigungsamt vorzulegen“.

Die „Handelsoberlehrerin a. D.“ Agnes Charlotte Toni Lion starb „in den frühen Morgenstunden des 25. Mai 1971 im Städtischen Behring-Krankenhaus“ (heute Klinikum Emil von Behring) in Berlin-Zehlendorf. „Alleinige Erbin […] ist ihre Schwester Witwe Toni Berta Elisabeth Winsiffer geb. Lion in Madrid, Calle Alberto Bosch 5 (Spanien)“, steht auf dem Erbschein von Agnes Lion. Wann und wo die Schwester Toni Berta Elisabeth Winsiffer geb. Lion starb, ist bisher nicht bekannt.

Der Name der Mutter, Anna Dorothea Lion geb. Kümmel, steht heute also nicht mehr allein auf dem Grabstein auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof. Ihre zeitlebens unverheiratete und kinderlose Tochter Agnes Charlotte Toni und deren Schwestern Alice und Gertrud Charlotte haben sich dazugesellt.

Text und Recherche:
Elke Beibler, Stolpersteine-Initiative Tempelhof-Schönebeerg

Quellen:
Adressbücher Berlin, Amtsgericht Schöneberg, ancestry, Archiv der BBF, BArch (Bundesarchiv), BLHA (Brandenburgisches Landeshauptarchiv), LaBo (Landesamt für Bürger-und Ordnungsangelegenheiten), Landesarchiv Berlin, Dr. Stephan Schrölkamp

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