Stolpersteine Regensburger Str. 09

Regensburger Straße 9

Diese Stolpersteine wurden am 9. Mai 2025 verlegt und von Familie Hirsch, London, gespendet

Regensburger Straße 9 Julius Hirsch

Stolperstein Julius Hirsch

HIER WOHNTE
JULIUS HIRSCH
JG. 1874
FLUCHT 1935 ÖSTERREICH
DEPORTIERT 20.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 18.11.1942

Julius Hirsch wurde am 5. April 1874 als ältester Sohn von Friedrich Hirsch und Anna geb. Kohn in Troppau geboren, das damals zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte (heute Opava in der Tschechischen Republik). Sein Großvater David Hirsch, der aus Uherské Ostroh in Südmähren stammte, gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Troppauer jüdischen Gemeinde.

Julius absolvierte das Gymnasium in Troppau und studierte von 1895 – 1897 an der Universität Wien Germanistik und Philosophie, erwarb aber keinen Abschluss. Gleichzeitig begann er eine Karriere als freier Journalist bei der „Neue Freie Presse“ in Wien. Danach nahm er eine Stelle bei einer Zeitung in Pilsen an und kehrte 1901 nach Wien zurück, um für das „Neues Wiener Tagblatt“ zu schreiben. Ab 1908 gab er dessen Beilage „Theater und Kunst Korrespondenz“ heraus.

1899 hatte er die Schauspielerin Camilla Alt (1876 – 1942) geheiratet. Sie bekamen zwei Söhne, David, den späteren Schauspieler Wolfgang Heinz (1900 – 1984), und Hans Joachim, den späteren Tenorsänger Hans Heinz (1904 -1982). Während des Ersten Weltkrieges arbeitete Julius Hirsch als Kriegsberichterstatter und war der einzige österreichische Journalist, der dem Hauptquartier des deutschen Kaisers zugeteilt war. Im Jahr 1914 reiste er mit der deutschen Armee nach Frankreich und Belgien und veröffentlichte seine Berichte in dem Buch „Aus der Mappe eines Kriegsberichterstatters“. Im Jahr 1916 wurde er auf den Balkan geschickt, auch nach Konstantinopel und Gallipoli, die damals zum Osmanischen Reich gehörten.

1918 ließ sich Julius in Berlin nieder, wo er als Theaterleiter und Regisseur für Max Reinhardt arbeitete. Nach 1920 arbeitete er als Intendant für Viktor Barnowskys Theaterproduktionen, wurde Generalsekretär des “Verbandes Berliner Bühnenleiter” und schrieb als freier Journalist für die „Berliner Morgenpost“ und die „BZ am Mittag“ des Ullstein Verlags. Wahrscheinlich hatte er seine zweite Frau Johanna, geb. als Martha Johanna Wulkan, bereits in Wien kennengelernt. Beide waren geschieden und stammten aus ähnlichen jüdischen Verhältnissen im ehemaligen tschechischen Kronland. Sie heirateten am 12. April 1922 in Berlin. Julius war fast 48, Johanna 35 Jahre alt und als Modejournalistin Johanna Thal bekannt. Für ihre Familie und Freunde war sie immer Hanni.

Ab 1924 wohnten Julius und Hanni in der Regensburger Straße 9. Mit ihrem im Beruf verwendeten Namen Johanna Thal arbeitete sie im Ullstein Verlag in der Kochstraße für die zweimonatlich erscheinende elegante Zeitschrift „Die Dame“ und die Tageszeitung „BZ am Mittag“. In der Weimarer Republik gehörte sie zu einer Gruppe bekannter, meist jüdischer Modejournalistinnen wie Elsa Herzog, Ola Alsen, Ruth Goetz und Julie Elias, deren Berichte und Diskussionen darüber, wie sich emanzipierte Frauen kleiden sollten, einen faszinierenden Einblick in feministische Texte der 1920er Jahre geben. Neben der Karriere wünschte sich Hanni Kinder, und bekam mit Julius zwei Söhne: Friedrich (1923 – 2022) und Heinrich, den späteren Schauspieler David Hurst (1926 – 2019). Hanni beschäftigte eine nichtjüdische Haushälterin, zu der die Kinder eine enge Bindung hatten, was es den Eltern leicht machte, ein sozial und kulturell reiches Leben mit vielen Bekannten aus der Theater- und Kunstszene zu führen.

Das alles änderte sich, als Hitler im Januar 1933 an die Macht kam. Aufgrund der neuen antijüdischen Gesetze verlor Julius im April seinen Posten als Generalsekretär. Hannis letzter Artikel für „Die Dame“ erschien im Februar 1934, einen Monat nach dem “Schriftleitergesetz” v. 1.1.1934, demzufolge alle jüdischen Journalisten entlassen werden mussten. Julius schaffte es, als freier Journalist weiterzuarbeiten und schrieb für Louis Lochner, den Chef der Associated Press, der jüdischen Journalisten wohlwollend gegenüberstand. Die schwierigen Zeiten brachten aber den ersten von vielen Umzügen mit sich, 1934 zog Familie Hirsch in eine Wohnung in der Pragerstraße 26 (heute Grainauer Straße 19). 1935 zogen Hanni und die beiden Jungen erneut in eine andere Wohnung im fünften Stock der Kulmbacher Straße 15, während Julius fast gegenüber in der Regensburger Straße 26 wohnte.

Im September 1935 wurde Julius von der Polizei darüber informiert, dass die Aufenthaltsgenehmigung der Familie – als österreichische Staatsbürger – nicht verlängert werden würde. Hanni und die beiden Buben flohen eine Woche später nach Wien, Julius folgte Ende Dezember 1935. Die Flucht nach Wien brachte neue Entbehrungen mit sich. Julius fand eine ähnliche Arbeit am Theater wie in Berlin. Hanni hatte weniger Glück. Ihre Söhne erinnerten sich später an ihre ständige Suche nach Arbeit. In Wien schrieb sie unter dem nicht jüdisch klingenden Namen „Helga Friedrich“ und verfasste von 1937 bis März 1938 Artikel für eine Hochglanzzeitschrift.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 sollte noch viel Schlimmeres folgen. Julius verlor sofort seine Arbeit am Theater, und sein Leben wurde nun von dem Versuch bestimmt, aus Wien herauszukommen. Bei der IKG, der “Israelitischen Kultusgemeinde”, arbeitete Julius in der Auswanderungsabteilung und hatte u. a. die Aufgabe, so vielen Schauspielern wie möglich zu einem Auslandsvisum zu verhelfen. Er unterstützte auch das Kindertransport-Programm, bei dem IKG-Mitarbeiter rund um die Uhr daran arbeiteten, die vielen bürokratischen Formalitäten zu erledigen, um Kinder im Ausland in Sicherheit zu bringen. Seine Söhne erinnerten sich später auch daran, dass er seine Berichte für Louis Lochner tippte, in denen er die Bedingungen beschrieb, unter denen die Juden im nationalsozialistischen Wien lebten, und die wegen der Gefahr, erwischt zu werden, spät in der Nacht heimlich verschickt werden mussten.

Zu diesem Zeitpunkt war Hanni und Julius bewusst, dass sie sich von ihren Söhnen trennen mussten. Julius’ beiden älteren Söhne waren bereits in Sicherheit, Camilla Alt, Julius’ erste Frau, lebte noch in Wien und konnte kurz nach der Pogromnacht im November 1938 nach Zürich fliehen. Von den USA aus hatte Julius’ Sohn Hans Heinz ein Affidavit für sie besorgt, und 1940 ging sie an Bord eines Schiffes nach New York. Mit der Ermutigung und finanziellen Unterstützung von Julius’ ältestem Sohn Wolfgang Heinz in Zürich wurden die jüngeren Söhne Friedrich und Heinrich im Alter von sechzehn und dreizehn Jahren mit einem Kindertransport nach England geschickt. Ihr Förderer war Oskar Friedmann, ein Berliner Cousin von Hanni, der bereits in London lebte. Der Zug verließ den Wiener Westbahnhof am 11. Juli 1939 um 23 Uhr mit 102 Kindern an Bord. Im Gegensatz zu Julius, der sich als Angestellter der IKG auf den Bahnsteig von seinen Söhnen verabschieden durfte, wurde Hanni mit anderen Eltern unter Bewachung in der Bahnhofsvorhalle zurückgehalten .

Danach mussten Julius und Hanni in das erste von drei „jüdischen Sammelhäusern“ ziehen. Ihre letzte Adresse war Riemergasse 16 im 1. Wiener Bezirk, ein Gebäude, in dem zwischen 1941 – 1943 95 Männer und Frauen untergebracht waren. Einige Tage vor ihrer Deportation wurden Julius und Hanni zu einer „Sammelstelle“ in der Castellezgasse 35 im 2. Wiener Bezirk geschickt, einer ehemaligen jüdischen Mittelschule. Dort wurde ihr Gepäck durchsucht und ihre Pässe, andere Dokumente, Hausschlüssel und Wertgegenstände beschlagnahmt.

Der Transport mit der Nummer 37 Da 504, mit dem Julius und Hanni Hirsch nach Theresienstadt deportiet wurden, fuhr am Abend des 20. August 1942 vom Wiener Bahnhof Aspang ab, der normalerweise für den Güterverkehr genutzt wurde. Am nächsten Morgen kamen sie am Bahnhof Bohušovice an und liefen die 3 km bis zum Ghetto Theresienstadt. Dort wurden sie in den “Dresdner Baracken” untergebracht, die völlig überfüllt waren und in denen es an fast allem fehlte: an medizinischer Versorgung, an Lebensmitteln und an angemessenen sanitären Einrichtungen.

In seinem ersten und letzten Brief an Wolfgang beschrieb Julius Hirsch, wie er auf dem Steinboden schlief. Er starb Im Alter von 68 Jahren am 18. November 1942.

Recherche und Text: Yael Hirsch (Enkelin)
Quellen:
- Berliner Adressbücher
- Julius Hirsch – Person – Archivportal-D
- Julius Hirsch (Journalist) – Wien Geschichte Wiki
- Transport 37, Zug Da 504 von Wien,Wien,Österreich nach Theresienstadt, Getto,Tschechoslowakei am 20/08/1942
- Julius Hirsch | Opferdatenbank | Holocaust-Datenbank der digitalisierten dokumenten | Holocaust
- Wolfgang Heinz (Schauspieler) – Wikipedia
- Österreichisches Musiklexikon: Heinz (bis 1938 Hirsch), Hans Joachim

Regensburger Straße 9 Johanna Hirsch

Stolperstein Johanna Hirsch

HIER WOHNTE
JOHANNA HIRSCH
JOHANNA THAL
GEB. WULKAN
JG. 1886
FLUCHT 1935 ÖSTERREICH
DEPORTIERT 20.8.1942
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Johanna Hirsch, später bekannt als Modejournalistin „Johanna Thal“, begann ihr Leben als Martha Johanna Wulkan. Sie wurde am 19. September 1886 in Mährisch-Ostrau, damals Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (heute Ostrava in der Tschechischen Republik), als Tochter von Jakob Wulkan und seiner Frau Selma geb. Proskauer geboren. Zu dieser Zeit war Mährisch-Ostrau eine der wichtigsten Industriestädte der Monarchie und hatte nach Prag und Brünn die drittgrößte jüdische Gemeinde.

Hanni, wie sie von ihrer Familie und ihren Freunden genannt wurde, wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Ihr Vater betrieb ein erfolgreiches Geschäft als Getreidehändler, und wie die meisten jüdischen Familien in Mähren waren die Wulkans deutschsprachig. Hanni hatte einen jüngeren Bruder Oskar (1896 – 1958) und eine weitverzweigte Familie – wobei die meisten ihrer Wulkan-Verwandten noch in Galizien lebten. Nachdem sie ihr letztes Schuljahr an einer Handelsschule für Mädchen verbracht hatte, beendete Hanni die Schule im Alter von fünfzehn Jahren.

Ihre erste Ehe mit Josef Taussig (1875 – 1941) führte sie 1912 nach Wien. Das Paar ließ sich im April 1914 scheiden. Zu diesem Zeitpunkt lebte Hanni bereits selbstständig, schrieb Artikel für das „Neues Wiener Tagblatt“ und die „Neue Freie Presse“ und signierte bereits mit ihrem professionellen Namen Johanna Thal. Ihr sicherer Stil zeigte, dass sie über reichlich Erfahrung zu verfügen schien – wahrscheinlich bei der Ostrauer Zeitung. Im August 1914 zog sie nach Berlin, wo ihr Bruder und viele Proskauer-Verwandte lebten. Für Hanni war dies nicht nur eine Flucht vor ihrem Ex-Mann. Berlin war als moderne Metropole das New York der damaligen Zeit und die Stadt, in der ehrgeizige junge Frauen eine echte Karriere-Chance hatten.

Von 1916 bis 1934 arbeitete sie für den Ullstein Verlag und schrieb für „Die Dame“, die Tageszeitung „BZ am Mittag“ und andere Ullstein-Publikationen. Reich bebildert und mit modernster Drucktechnik hergestellt, war die zweimonatlich erscheinende „Die Dame“ die schickeste und teuerste Frauenzeitschrift der Weimarer Republik. Johanna Thal schrieb viele Artikel und setzte mit ihren regelmäßigen „Mode Notizen“ neue Trends für Hüte, Kleider, Mäntel, Stoffe, Schnitte und Accessoires und beeinflusste damit den Stil der emanzipierten Frauen maßgeblich. Sie war eine von mehreren bekannten, meist jüdischen, Modejournalistinnen, wie Elsa Herzog, Ola Alsen, Ruth Goetz und Julie Elias, deren Texte ein Stück Zeitgeschichte darstellen und einen faszinierenden Einblick in die feministische Diskussion der 1920er Jahre geben. Mit seinen Hunderten von Konfektionsbetrieben, Modefirmen, großen Kaufhäusern und glamourösen Salons im Tiergartenviertel sowie am und um den Ku’damm war Berlin Europas Modemekka, sowohl im Bereich der zeitgenössischen Konfektions- als auch der Couture-Mode, und stellte damit die traditionelle Vormachtstellung der Pariser Designer in Frage.

Aufgrund der Zerstörung vieler Stadtteile während des 2. Weltkrieges ist es heute schwer, sich das damalige Berlin vorzustellen. Auch das Ullstein-Gebäude in der Kochstraße wurde zerstört, einschließlich des größten Teils des Archivs im Keller. Eine vollständige Sammlung von „Die Dame“ befindet sich in der “Lipperheideschen Kostümbibliothek”, einem Teil der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin.

Hannis zweiter Ehemann Julius Hirsch (1874 – 1942), den sie im April 1922 heiratete, war ebenfalls Journalist, Er stammte aus Troppau (heute Opava in der Tschechischen Republik). Von 1895 bis 1914 lebte er in Wien, wo er vor allem für das „Neues Wiener Tagblatt“ schrieb und wo er und Hanni sich wahrscheinlich kennenlernten. Er hatte zwei Söhne aus einer ersten Ehe, den späteren Schauspieler Wolfgang Heinz (1900 – 1984) und den späteren Tenorsänger Hans Heinz (1904 – 1982). In Berlin hatte Julius als Theaterleiter bei Max Reinhardt gearbeitet. Danach schrieb er als freier Journalist für Ullstein-Zeitungen und war zum Zeitpunkt seiner Hochzeit mit Hanni Generalsekretär des “Verbandes Berliner Bühnenleiter”.

Ab 1924 wohnte Familie Hirsch in der Regensburger Straße 9. Anders als viele ihrer Kolleginnen wollte Hanni Kinder haben und gleichzeitig Karriere machen. Sie bekam mit Julius zwei Söhne: Friedrich (1923 – 2022) und Heinrich, den späteren Schauspieler David Hurst (1926 – 2019). Hanni beschäftigte eine nichtjüdische Haushälterin, zu der die Kinder eine enge Bindung hatten, was es den Eltern leicht machte, ein sozial und kulturell reiches Leben mit vielen Bekannten aus der Theater- und Kunstszene zu führen. Hannis Söhne erinnerten sich später an ihre Verzweiflung während des Börsenkrachs 1929, als Bedürftige an ihrer Küchentür um Essen bettelten, und an die Versuche der Familie, zu helfen so gut sie konnten.

Als Hitler im Januar 1933 an die Macht kam, änderte sich alles. Wegen der neuen antijüdischen Gesetze verlor Julius im April seine Stellung. Hanni blieb während des Jahres 1933 bei Ullstein. Es heißt, dass sie von Kurt Szafranski, dem künstlerischen Leiter von „Die Dame“ und der „BZ am Mittag“, beschützt wurde. Ihr letzter Artikel für „Die Dame“ erschien im Februar 1934, dem Monat nach dem “Schriftleitergesetz” vom 1.1.1934, demzufolge alle jüdischen Journalisten entlassen werden mussten. Sie arbeitete ein wenig für den “Jüdischen Kulturbund”, aber die schwierigen Zeiten erforderten 1934 einen Umzug zunächst in die Pragerstraße 26 (heute Grainauer Straße 19). Dann zog sie mit den beiden Jungen erneut in eine andere Wohnung um – im fünften Stock der Kulmbacher Straße 15, Julius wohnte fast gegenüber in der Regensburger Straße 26.

Im September 1935 wurde Julius von der Polizei darüber informiert, dass die Aufenthaltsgenehmigung der Familie – sie waren österreichische Staatsbürger – nicht verlängert werden würde. Hanni und die beiden Buben flohen eine Woche später nach Wien, Julius folgte Ende Dezember 1935. Die Flucht nach Wien brachte neue Entbehrungen mit sich. Julius fand eine ähnliche Arbeit am Theater wie in Berlin. Hanni hatte weniger Glück. Ihre Söhne erinnerten sich später an ihre ständige Suche nach Arbeit. Sie schrieb gelegentlich unter dem nicht jüdisch klingenden Namen „Helga Friedrich“ und verfasste von 1937 bis März 1938 Artikel für eine Hochglanzzeitschrift.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938 sollte noch viel Schlimmeres folgen. Julius verlor sofort seine Stellung, und das Leben wurde nun von dem Versuch bestimmt, aus Wien herauszukommen. Bei der IKG, der “Israelitischen Kultusgemeinde”, arbeitete Julius in der Auswanderungsabteilung. Eines seiner Ziele war es, so vielen Schauspielern wie möglich zu Auslandsvisa zu verhelfen. Er unterstützte auch das Kindertransport-Programm, bei dem IKG-Mitarbeiter rund um die Uhr daran arbeiteten, die vielen bürokratischen Formalitäten zu erledigen, um Kinder im Ausland in Sicherheit zu bringen.

In den 7 Jahren, die die Hirschs in Wien verbrachten, zog Hanni 13 Mal um und lebte oft getrennt von ihren Söhnen. Kurz vor der Pogromnacht im November 1938 lebte sie am Schlick Platz 4 im 9. Wiener Bezirk mit den beiden Buben bei Julius’ Schwester Helene Welsch und deren Mann. Zu diesem Zeitpunkt war Hanni und Julius bewusst, dass sie sich von ihren Söhnen trennen mussten. Ermutigt durch Julius’ ältesten Sohn Wolfgang Heinz in Zürich beschlossen sie, die beiden Jungen im Alter von sechzehn und dreizehn Jahren mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Ihr Förderer war Oskar Friedmann, ein Berliner Cousin von Hanni, der mit Flüchtlingsorganisationen in London zusammenarbeitete. Der Zug verließ den Wiener Westbahnhof am 11.Juli 1939 um 23 Uhr, an Bord waren102 Kinder. Im Gegensatz zu Julius, der als Angestellter der IKG sich von seinen Söhnen auf dem Bahnsteig verabschieden durfte, wurde Hanni mit anderen Eltern unter Bewachung in der Bahnhofsvorhalle zurückgehalten.

Danach mussten Julius und Hanni in das erste von drei „jüdischen Sammelhäusern“ ziehen. Ihre letzte Adresse war Riemergasse 16 im 1. Wiener Bezirk, ein Gebäude, in dem zwischen 1941 und 1943 95 Männer und Frauen untergebracht waren. Einige Tage vor ihrer Deportation wurden Julius und Hanni zu einer „Sammelstelle“ in der Castellezgasse 35 im 2. Bezirk geschickt, einer ehemaligen jüdischen Mittelschule. Ihr Gepäck wurde durchsucht und ihre Pässe, andere Dokumente, Hausschlüssel und Wertgegenstände beschlagnahmt. Sie wurden am Abend des 20. August 1942 mit dem Transport Nr. 37 Da 504 vom Bahnhof Aspang, der normalerweise für den Güterverkehr genutzt wurde, nach Theresienstadt deportiert.

Im Ghetto wurden sie in der “Dresdner Kaserne” untergebracht, in die Julius’ Schwester Helene Welsch (1878-1961) schon einen Monat zuvor gekommen war. Julius starb wenige Monate später am 18. November 1942. In den folgenden 21 Monaten korrespondierte Hanni mit ihrem Stiefsohn Wolfgang Heinz in Zürich. Sie berichtete, dass sie als Kartoffelschälerin arbeiten musste und Trost in der Musik fand, die sie bei Konzerten hörte, die von anderen Häftlingen gegeben wurden.

In Vorbereitung auf den berüchtigten Inspektionsbesuch des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) am 23. Juni 1944 hatten die Nazis umfangreiche “Verschönerungen” im Ghetto Theresienstadt vorgenommen. Vor allem wurde die Anzahl der Insassen des völlig überfüllten Ghettos erheblich reduziert. Über 7500 Menschen wurden mit drei Transporten nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Hanni war 57 Jahre alt und wurde als eine von 2500 Personen am 16. Mai 1944 mit dem Transport Ea, “nach Osten” deportiert. Nach der Ankunft wurden sie in Auschwitz-Birkenau in das als “Sektion B II b” bezeichnete “Theresienstädter Familienlager” gebracht, in dem die Neu-Ankömmlinge als einzige ihre eigene Kleidung behalten durften und nicht denselben Selektionsprozess durchlaufen mussten wie andere Deportierte. Wann das Leben von Johanna Hirsch endete, ist nicht bekannt. Bis heute gibt es keinen endgültigen Beweis, warum die Nationalsozialisten dieses besondere Lager einrichteten. Es ist aber akzeptiert, dass sie die Theresienstädter Häftlinge für den Fall zunächst am Leben ließen, dass das IRK hätte erkunden wollen, wo diese “Transporte in den Osten” endeten. Mangels jedweden Ersuchens, es zu inspizieren, wurde das Familienlager am 10.-12. Juli 1944 aufgelöst.

Recherche und Text: Yael Hirsch (Enkelin)
Quellen:
- axelspringer.com/de/inside/die-frau-die-die-dame-praegte
- https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/kunstbibliothek/bibliotheken/ lipperheidesche-kostuembibliothek/
- Transport 37, Zug Da 504 von Wien,Wien,Österreich nach Theresienstadt, Getto,Tschechoslowakei am 20/08/1942
- https://www.holocaust.cz/de/geschichte/ghetto-theresienstadt/propagandistische -funktion-von- theresienstadt/die-verschoenerungsaktion-in-theresienstadt/
- Das Theresienstädter Familienlager in Auschwitz-Birkenau | Holocaust

Regensburger Straße 9 Friedrich Hirsch

Stolperstein Friedrich Hirsch

HIER WOHNTE
FRIEDRICH HIRSCH
JG. 1923
FLUCHT 1935 ÖSTERREICH
KINDERTRANSPORT 1939
ENGLAND

Friedrich Hirsch wurde am 20. März 1923 in Berlin als ältester Sohn von Julius und Johanna Hirsch geboren, beides jüdische Journalisten aus den tschechischen Kronlanden der ehemaligen Österreich-Ungarischen Monarchie. Sein jüngerer Bruder Friedrich kam am 8. Mai 1926 zur Welt. In Berlin hatte Julius Hirsch für Max Reinhardt als Theatermanager und Regisseur gearbeitet und war dann Generalsekretär des “Verbandes Berliner Bühnenleiter”. Johanna Hirsch, professionell bekannt als „Johanna Thal“, gehörte zu einer Gruppe bekannter Modejournalistinnen während der Weimarer Republik. Von 1916 bis 1934 schrieb sie für „Die Dame“ und die Tageszeitung „BZ am Mittag”.

Zu Hause hatten die Jungen eine nicht-jüdische Nanny und Haushälterin, an der sie sehr hingen. Friedrich besuchte die Grundschule in der nahegelegenen Nachodstraße und ab 1933 das Fichte-Gymnasium. Nachdem Hitler an die Macht kam, bedeuteten die neuen anti-jüdischen Gesetze das Ende eines stabilen Familienlebens. Im Januar 1934 hatten seine Eltern ihre Arbeit verloren. Die schwierige Zeit brachte den ersten von vielen Umzügen mit sich; 1934 zogen sie in die Pragerstraße 26 (heute Grainauer Straße 19). 1935 zogen die beiden Jungen mit ihrer Mutter erneut in eine andere Wohnung in der Kulmbacher Straße 15 im fünften Stock, während Julius fast gegenüber in der Regensburger Straße 26 lebte.

Da die Hirschs Österreicher waren, wurde Julius im September 1935 zur Polizeistation gerufen und ihm wurde mitgeteilt, dass ihre Aufenthaltserlaubnisse nicht erneuert werden würden. Eine Woche später verließen Friedrich und Heinrich mit ihrer Mutter Berlin in Richtung Wien. Julius kam im Dezember 1935 nach und bekam eine Anstellung in der Theaterverwaltung Wiens, ähnlich der, die er in Berlin hatte. Ihre Mutter suchte ständig nach Arbeit, erinnerten sich ihre Söhne später. In Wien schrieb sie unter dem nicht jüdisch klingenden Namen ‘Helga Friedrich’ und verfasste von 1937 bis März 1938 Beiträge für eine Hochglanzzeitschrift.

Beide Jungen besuchten das Robert Hamerling Realgymnasium. Mehr als zwei Jahre lebten sie in der Piaristengasse 54, einem Kinderheim, das von der Pädagogin und Psychologin Helene Bader (1889 – Riga 1942) geleitet wurde. Sie war eine wichtige emotionale Unterstützung für die Brüder und sorgte dafür, dass Friedrich zwei Schilling pro Woche verdiente, indem er jüngere Kinder unterrichtete. Im Sommer 1937, erneut mit Helene Baders Hilfe, reiste er mit einer jüdischen Jugendgruppe in den Urlaub nach Rimini in Italien, seine erste Erfahrung mit einem Land, das er immer lieben würde.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde das Leben für die Juden Wiens unmöglich. Am Robert-Hamerling-Realgymnasium wurden jüdische Schüler in eine Klasse zusammengelegt. Nach der Reichspogromnacht musste Friedrich die Schule verlassen. An seiner letzten Adresse in Wien lebte er mit Heinrich, seiner Mutter, einer Tante und einem Onkel in der Schlick Platz Nr. 9 im 4. Bezirk. Sein Vater arbeitete in der Emigrationsabteilung der IKG, der Israelitischen Kultusgemeinde, wo Mitglieder der Gemeinschaft umschulten, um Berufe zu erlernen, die günstig für den Erhalt ausländischer Arbeitsvisa waren. Friedrich belegte einen Kurs in Schuhmacherei.

Zu diesem Zeitpunkt wussten die Eltern Hirsch, dass sie sich von ihren Söhnen trennen mussten. Julius’ beide Söhne aus seiner ersten Ehe waren bereits in Sicherheit in der Schweiz und den USA. Mit der Ermutigung und finanziellen Unterstützung des ältesten Sohnes in Zürich, dem Schauspieler Wolfgang Heinz (1900 – 1984), entschieden sie, die noch so jungen Söhne mit einem Kindertransports nach England zu schicken. Ihr Förderer, der bereits in London lebte, war einer von Johannas Berliner Cousins, Dr. Oskar Friedmann (1903 – 1958), Leiter des Berliner jüdischen Waisenhauses und später Psychologe, der half, die “Windermere Children” aufzunehmen und zu betreuen.

Im Alter von sechzehn und dreizehn Jahren verließen Friedrich und Heinrich am 11. Juli 1939 um 23 Uhr Wien mit einem Zug vom Westbahnhof in Richtung London – zusammen mit 102 Kindern. Als Mitarbeiter der IKG durfte Julius auf dem Bahnsteig Abschied nehmen, aber die meisten Eltern, einschließlich ihrer Mutter, wurden unter Bewachung in der Bahnhofshalle zurückgehalten. Sechs weitere Transporte folgten, bevor der Krieg begann. Insgesamt waren 8500 Kinder für das Kindertransport-Programm in Wien registriert, von denen nur 2337 nach England und 750 in die Niederlande sowie an andere Orte gelangten.

Bei ihrer Ankunft in England wurden die Jungen getrennt. Friedrich wurde zu einer Familie in Downham Market, einer kleinen Stadt in Norfolk, geschickt. Im Mai 1940 wurde er als “feindlicher Ausländer” verhaftet, in ein Internierungslager auf der Isle of Man geschickt und dann auf einem Schiff nach Kanada gebracht, wo er in Zelten mit anderen Internierten lebte und Holz hackte. Dank der Fürsprache von Sir Alexander Paterson wurde der Status der Internierten von Gefangenen zu echten Flüchtlingen geändert, und Friedrich kehrte im Mai 1942 nach London zurück. Die dortige Flüchtlingsorganisation wollte, dass er nach Palästina ausreise. Er lehnte ab und erklärte, dass er bereits eine Arbeit bei einem Cousin, Georg Bunzl, dem Leiter des Textilunternehmens Bunzl und Biach, hatte.

In der Zwischenzeit war Heinrich ins Flüchtlingslager Millisle in Belfast, Irland, geschickt worden, besuchte die Kunstschule und trat dann in die britische Armee ein. Die Brüder trafen sich zum ersten Mal nach sechs Jahren in einem Londoner Lyons’ Teashop im Januar 1945 wieder. Von Wien waren ihre Eltern am 20. August 1942 nach Theresienstadt deportiert worden, wo Julius am 18. November 1942 starb. Ihre Mutter, Johanna Hirsch, war ebenfalls tot; sie war am 16. Mai 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden.

Friedrich wurde 1958 britischer Staatsbürger und änderte seinen Vornamen in Frederick. Er lernte Englisch, indem er ein tägliches Abonnement für Texte der Debatten des Vortages im Parlament abschloss. Im Laufe seiner Karriere bei Bunzl und Biach wurde er Unternehmensdirektor in Mailand und Ost-Berlin sowie stellvertretender Direktor im Londoner Büro. Im Laufe der Jahre besuchte er oft seinen Halbbruder Wolfgang Heinz in Ost-Berlin, mit dem er eng verbunden blieb. Nach dem Krieg war Wolfgang von Zürich nach Wien gezogen und kehrte in den 1950er Jahren nach Berlin zurück. In der DDR wurde Wolfgang Heinz ein preisgekrönter Schauspieler und Theaterregisseur, der bis heute für seine Hauptrolle im Film ‘Dr. Mamlock’ in Erinnerung bleibt.

Frederick Hirsch, verheiratet mit fünf Kindern und fünfzehn Enkeln, lebte den Rest seines Lebens in London. Er starb am 24. März 2022, einige Tage nach seinem 99. Geburtstag.

Recherche und Text: Yael Hirsch (Tochter)
- Bunzl & Biach – Wikipedia
- Die Kinder von Windermere – Wikipedia
- The Windermere Children – The Jewish Museum London
- Wolfgang Heinz (Schauspieler) – Wikipedia
- Österreichisches Musiklexikon: Heinz (bis 1938 Hirsch), Hans Joachim

Regensburger Straße 9 Heinrich Hirsch

Stolperstein Heinrich Hirsch

HIER WOHNTE
HEINRICH HIRSCH
JG. 1926
FLUCHT 1935 ÖSTERREICH
KINDERTRANSPORT 1939
ENGLAND

Heinrich Theodor Hirsch wurde am 8. Mai 1926 in Berlin als zweiter Sohn von Julius und Johanna Hirsch geboren, beide jüdische Journalisten aus den tschechischen Kronlanden der damaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Sein älterer Bruder Friedrich war am 20 März 1923 zur Welt gekommen. Julius Hirsch hatte in Berlin bei Max Reinhardt als Theaterleiter und Regisseur gearbeitet und war dann Generalsekretär des “Verbandes Berliner Bühnenleiter”. Johanna Hirsch, beruflich bekannt als „Johanna Thal“, gehörte zu einer Gruppe sehr bekannter Modejournalistinnen der Weimarer Republik. Angestellt beim Ullstein Verlag, schrieb sie von 1916 – 1934 für „Die Dame“ und die Tageszeitung „BZ am Mittag“.

Zu Hause hatten die Jungen ein nicht-jüdisches Kindermädchen und Haushälterin, zu der sie eine enge Beziehung hatten. Heinrich wurde in der nahe gelegenen Nachodstraße eingeschult. Als Hitler an die Macht kam, hatten seine Eltern im Januar 1934 aufgrund der neuen antijüdischen Gesetze ihre Arbeit verloren, und die Familie war nicht mehr abgesichert. Die schwierigen Zeiten brachten den ersten von vielen Umzügen mit sich, 1934 in die Pragerstraße 26 (heute Grainauer Straße 19). 1935 zogen die beiden Jungen mit ihrer Mutter erneut in eine andere Wohnung im fünften Stock in der Kulmbacher Straße 15, während Julius fast gegenüber in der Regensburger Straße 26 wohnte.

Da die Hirschs Österreicher waren, wurde Julius im September 1935 auf die Polizeiwache gerufen, wo ihm mitgeteilt wurde, dass ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert werden würde. Eine Woche später verließen Friedrich und Heinrich mit ihrer Mutter Berlin in Richtung Wien. Julius kam im Dezember 1935 in Wien an und bekam eine Stelle bei der Wiener Theaterverwaltung, ähnlich wie in Berlin. Heinrich besuchte zunächst die Volksschule in der Laudongasse und anschließend das Robert-Hamerling-Realgymnasium, wo er sich mit Friedrich zusammentat. Mehr als zwei Jahre lang wohnten die beiden Jungen in der Piaristengasse 54, einem Kinderheim, das von der Pädagogin und Psychologin Helene Bader (1889 – Riga 1942) geleitet wurde. Ihre Mutter war ständig auf der Suche nach Arbeit, erinnerten sich die Söhne später. In Wien schrieb sie als „Helga Friedrich“ und verfasste von 1937 bis März 1938 Beiträge für eine Hochglanzzeitschrift.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde das Leben für die Juden in Wien unmöglich. Am Robert-Hamerling-Realgymnasium wurden die jüdischen Schüler in eine Klasse zusammengelegt, Heinrich selbst wurde in die jüdische Zvi-Peres-Schule im zweiten Bezirk geschickt. An ihrer letzten Adresse in Wien wohnten die Brüder mit ihrer Mutter, einer Tante und einem Onkel am Schlickplatz 9 im 4 Bezirk. Der Vater arbeitete nun in der Auswanderungsabteilung der IKG, der Israelitischen Kultusgemeinde.

Zu diesem Zeitpunkt wussten die Eltern Hirsch, dass sie sich von ihren Söhnen trennen mussten. Julius’ beide Söhne aus erster Ehe waren bereits sicher in der Schweiz und den USA. Mit der Ermutigung und finanziellen Unterstützung des ältesten Sohnes, des Schauspielers Wolfgang Heinz (1900 – 1984), beschlossen Julius und Johanna, die noch jungen Söhne mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Ihr Förderer, der bereits in London lebte, war einer von Johannas Berliner Cousins, Dr. Oskar Friedmann (1903 – 1958), Leiter des Berliner jüdischen Waisenhauses und späterer Psychologe, der bei der Aufnahme und Betreuung der “Windermere-Children” half.

Im Alter von sechzehn und dreizehn Jahren fuhren Friedrich und Heinrich am 11. Juli 1939 um 23 Uhr mit 102 Kindern mit einem Zug vom Wiener Westbahnhof Richtung London ab. Julius durfte sich als IKG-Mitarbeiter auf dem Bahnsteig verabschieden, die meisten Eltern, darunter auch die Mutter, wurden jedoch unter Bewachung in der Bahnhofshalle zurückgehalten. Sechs weitere Transporte folgten, bevor der Krieg begann. Insgesamt gelangten von 8500 Kindern, die sich in Wien für das Kindertransportprogramm angemeldet hatten, nur 2337 nach England und 750 in die Niederlande und andere Orte.

In England angekommen, wurden die Jungen getrennt. Friedrich wurde zu einer Familie in Downham Market, einer kleinen Stadt in Norfolk, geschickt. Heinrich wurde in einen Zug nach Schottland und eine Fähre nach Irland gesetzt und dann in das Flüchtlingslager Millisle in Belfast gebracht, wo er vier Jahre verbrachte, davon zwei Jahre an einer Kunstschule in Belfast. Er wusste schon immer, dass er Schauspieler werden wollte, und debütierte in einem Stück von Noel Coward in Belfast. 1944 trat er in die britische Armee ein und änderte seinen Namen in David Hurst. Zweieinhalb Jahre lang gehörte er der ENSA – Entertainments National Service Association – an, einer Organisation, die zur Unterhaltung der Streitkräfte gegründet wurde, und kehrte nach dem Krieg zum ersten Mal nach Deutschland zurück.

Heinrich und Friedrich trafen sich nach sechs Jahren wieder, in einem Londoner Lyons‘ Teashop im Januar 1945. Während dieser Zeit war Friedrich als feindlicher Ausländer interniert und nach Kanada geschickt worden. Dank der Fürsprache von Sir Alexander Paterson wurde der Status der Internierten von Gefangenen zu echten Flüchtlingen geändert, und Friedrich kehrte im Mai 1942 nach London zurück. Trotz des Drucks, nach Palästina zu gehen, bekam er eine Stelle bei seinem Cousin Georg Bunzl, dem Leiter des Textilunternehmens Bunzl und Biach.

Von Wien waren die Eltern von Friedrich und Heinrich am 20. August 1942 nach Theresienstadt deportiert worden, wo Julius am 18. November 1942 starb. Auch die Mutter, Johanna Hirsch, war tot; sie war von Theresienstadt am 16. Mai 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden.

Nach seiner Demobilisierung im Jahr 1947 begann David Hurst seine Bühnenlaufbahn. 1948 gab er sein Londoner Debüt in „The Perfect Woman at the Play House“ und trat in vielen britischen Filmen der 1950er Jahre auf. Ende 1957 zog er in die USA und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Er arbeitete in Film und Fernsehen, spielte mit Barbra Streisand und Walter Mathau in „Hello Dolly“, mit Maria Schell in „When the Heart Speaks“, als Strasser in „The boys from Brazil“ und als Botschafter Hodin in „Star Trek“. Aber auch der Bühne blieb er treu und trat on- und off-Broadway auf. Er wurde mit zahlreichen begehrten Auszeichnungen geehrt und unterrichtete als Gastprofessor Schauspiel u. a. an der Yale und Boston University.

In den 1980er Jahren kehrte David Hurst nach Europa zurück, zunächst nach Wien und an das Burgtheater, wo er unter dem Regisseur Georg Tabori spielte, dann nach München und Ost-Berlin, wo sein Halbbruder Wolfgang Heinz lebte. Wegen seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft wurde David Hurst 1987 zunächst die Einbürgerung in die DDR verweigert. Im Jahr 2000, als er bereits im Ruhestand war, konnte er wieder dauerhaft nach Berlin ziehen.

Heinrich Hirsch – David Hurst – starb am 15. September 2019 im Alter von 93 Jahren in Berlin. Er war dreimal verheiratet, hatte vier Kinder und sechs Enkelkinder, die in Italien, Großbritannien und den USA leben.

Recherche und Text: Yael Hirsch (Nichte)
Quellen:
- Bunzl & Biach – Wikipedia
- Die Kinder von Windermere – Wikipedia
- The Windermere Children – The Jewish Museum London
- Wolfgang Heinz (Schauspieler) – Wikipedia
- Österreichisches Musiklexikon: Heinz (bis 1938 Hirsch), Hans Joachim

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