HIER WOHNTE
JOHANNA HIRSCH
JOHANNA THAL
GEB. WULKAN
JG. 1886
FLUCHT 1935 ÖSTERREICH
DEPORTIERT 20.8.1942
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET
Johanna Hirsch, später bekannt als Modejournalistin „Johanna Thal“, begann ihr Leben als Martha Johanna Wulkan. Sie wurde am 19. September 1886 in Mährisch-Ostrau, damals Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (heute Ostrava in der Tschechischen Republik), als Tochter von Jakob Wulkan und seiner Frau Selma geb. Proskauer geboren. Zu dieser Zeit war Mährisch-Ostrau eine der wichtigsten Industriestädte der Monarchie und hatte nach Prag und Brünn die drittgrößte jüdische Gemeinde.
Hanni, wie sie von ihrer Familie und ihren Freunden genannt wurde, wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Ihr Vater betrieb ein erfolgreiches Geschäft als Getreidehändler, und wie die meisten jüdischen Familien in Mähren waren die Wulkans deutschsprachig. Hanni hatte einen jüngeren Bruder Oskar (1896 – 1958) und eine weitverzweigte Familie – wobei die meisten ihrer Wulkan-Verwandten noch in Galizien lebten. Nachdem sie ihr letztes Schuljahr an einer Handelsschule für Mädchen verbracht hatte, beendete Hanni die Schule im Alter von fünfzehn Jahren.
Ihre erste Ehe mit Josef Taussig (1875 – 1941) führte sie 1912 nach Wien. Das Paar ließ sich im April 1914 scheiden. Zu diesem Zeitpunkt lebte Hanni bereits selbstständig, schrieb Artikel für das „Neues Wiener Tagblatt“ und die „Neue Freie Presse“ und signierte bereits mit ihrem professionellen Namen Johanna Thal. Ihr sicherer Stil zeigte, dass sie über reichlich Erfahrung zu verfügen schien – wahrscheinlich bei der Ostrauer Zeitung. Im August 1914 zog sie nach Berlin, wo ihr Bruder und viele Proskauer-Verwandte lebten. Für Hanni war dies nicht nur eine Flucht vor ihrem Ex-Mann. Berlin war als moderne Metropole das New York der damaligen Zeit und die Stadt, in der ehrgeizige junge Frauen eine echte Karriere-Chance hatten.
Von 1916 bis 1934 arbeitete sie für den Ullstein Verlag und schrieb für „Die Dame“, die Tageszeitung „BZ am Mittag“ und andere Ullstein-Publikationen. Reich bebildert und mit modernster Drucktechnik hergestellt, war die zweimonatlich erscheinende „Die Dame“ die schickeste und teuerste Frauenzeitschrift der Weimarer Republik. Johanna Thal schrieb viele Artikel und setzte mit ihren regelmäßigen „Mode Notizen“ neue Trends für Hüte, Kleider, Mäntel, Stoffe, Schnitte und Accessoires und beeinflusste damit den Stil der emanzipierten Frauen maßgeblich. Sie war eine von mehreren bekannten, meist jüdischen, Modejournalistinnen, wie Elsa Herzog, Ola Alsen, Ruth Goetz und Julie Elias, deren Texte ein Stück Zeitgeschichte darstellen und einen faszinierenden Einblick in die feministische Diskussion der 1920er Jahre geben. Mit seinen Hunderten von Konfektionsbetrieben, Modefirmen, großen Kaufhäusern und glamourösen Salons im Tiergartenviertel sowie am und um den Ku’damm war Berlin
Europas Modemekka, sowohl im Bereich der zeitgenössischen Konfektions- als auch der Couture-Mode, und stellte damit die traditionelle Vormachtstellung der Pariser Designer in Frage.
Aufgrund der Zerstörung vieler Stadtteile während des 2. Weltkrieges ist es heute schwer, sich das damalige Berlin vorzustellen. Auch das Ullstein-Gebäude in der Kochstraße wurde zerstört, einschließlich des größten Teils des Archivs im Keller. Eine vollständige Sammlung von „Die Dame“ befindet sich in der “Lipperheideschen Kostümbibliothek”, einem Teil der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin.
Hannis zweiter Ehemann Julius Hirsch (1874 – 1942), den sie im April 1922 heiratete, war ebenfalls Journalist, Er stammte aus Troppau (heute Opava in der Tschechischen Republik). Von 1895 bis 1914 lebte er in Wien, wo er vor allem für das „Neues Wiener Tagblatt“ schrieb und wo er und Hanni sich wahrscheinlich kennenlernten. Er hatte zwei Söhne aus einer ersten Ehe, den späteren Schauspieler Wolfgang Heinz (1900 – 1984) und den späteren Tenorsänger Hans Heinz (1904 – 1982). In Berlin hatte Julius als Theaterleiter bei Max Reinhardt gearbeitet. Danach schrieb er als freier Journalist für Ullstein-Zeitungen und war zum Zeitpunkt seiner Hochzeit mit Hanni Generalsekretär des “Verbandes Berliner Bühnenleiter”.
Ab 1924 wohnte Familie Hirsch in der Regensburger Straße 9. Anders als viele ihrer Kolleginnen wollte Hanni Kinder haben und gleichzeitig Karriere machen. Sie bekam mit Julius zwei Söhne: Friedrich (1923 – 2022) und Heinrich, den späteren Schauspieler David Hurst (1926 – 2019). Hanni beschäftigte eine nichtjüdische Haushälterin, zu der die Kinder eine enge Bindung hatten, was es den Eltern leicht machte, ein sozial und kulturell reiches Leben mit vielen Bekannten aus der Theater- und Kunstszene zu führen. Hannis Söhne erinnerten sich später an ihre Verzweiflung während des Börsenkrachs 1929, als Bedürftige an ihrer Küchentür um Essen bettelten, und an die Versuche der Familie, zu helfen so gut sie konnten.
Als Hitler im Januar 1933 an die Macht kam, änderte sich alles. Wegen der neuen antijüdischen Gesetze verlor Julius im April seine Stellung. Hanni blieb während des Jahres 1933 bei Ullstein. Es heißt, dass sie von Kurt Szafranski, dem künstlerischen Leiter von „Die Dame“ und der „BZ am Mittag“, beschützt wurde. Ihr letzter Artikel für „Die Dame“ erschien im Februar 1934, dem Monat nach dem “Schriftleitergesetz” vom 1.1.1934, demzufolge alle jüdischen Journalisten entlassen werden mussten. Sie arbeitete ein wenig für den “Jüdischen Kulturbund”, aber die schwierigen Zeiten erforderten 1934 einen Umzug zunächst in die Pragerstraße 26 (heute Grainauer Straße 19). Dann zog sie mit den beiden Jungen erneut in eine andere Wohnung um – im fünften Stock der Kulmbacher Straße 15, Julius wohnte fast gegenüber in der Regensburger Straße 26.
Im September 1935 wurde Julius von der Polizei darüber informiert, dass die Aufenthaltsgenehmigung der Familie – sie waren österreichische Staatsbürger – nicht verlängert werden würde. Hanni und die beiden Buben flohen eine Woche später nach Wien, Julius folgte Ende Dezember 1935. Die Flucht nach Wien brachte neue Entbehrungen mit sich. Julius fand eine ähnliche Arbeit am Theater wie in Berlin. Hanni hatte weniger Glück. Ihre Söhne erinnerten sich später an ihre ständige Suche nach Arbeit. Sie schrieb gelegentlich unter dem nicht jüdisch klingenden Namen „Helga Friedrich“ und verfasste von 1937 bis März 1938 Artikel für eine Hochglanzzeitschrift.
Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938 sollte noch viel Schlimmeres folgen. Julius verlor sofort seine Stellung, und das Leben wurde nun von dem Versuch bestimmt, aus Wien herauszukommen. Bei der IKG, der “Israelitischen Kultusgemeinde”, arbeitete Julius in der Auswanderungsabteilung. Eines seiner Ziele war es, so vielen Schauspielern wie möglich zu Auslandsvisa zu verhelfen. Er unterstützte auch das Kindertransport-Programm, bei dem IKG-Mitarbeiter rund um die Uhr daran arbeiteten, die vielen bürokratischen Formalitäten zu erledigen, um Kinder im Ausland in Sicherheit zu bringen.
In den 7 Jahren, die die Hirschs in Wien verbrachten, zog Hanni 13 Mal um und lebte oft getrennt von ihren Söhnen. Kurz vor der Pogromnacht im November 1938 lebte sie am Schlick Platz 4 im 9. Wiener Bezirk mit den beiden Buben bei Julius’ Schwester Helene Welsch und deren Mann. Zu diesem Zeitpunkt war Hanni und Julius bewusst, dass sie sich von ihren Söhnen trennen mussten. Ermutigt durch Julius’ ältesten Sohn Wolfgang Heinz in Zürich beschlossen sie, die beiden Jungen im Alter von sechzehn und dreizehn Jahren mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Ihr Förderer war Oskar Friedmann, ein Berliner Cousin von Hanni, der mit Flüchtlingsorganisationen in London zusammenarbeitete. Der Zug verließ den Wiener Westbahnhof am 11.Juli 1939 um 23 Uhr, an Bord waren102 Kinder. Im Gegensatz zu Julius, der als Angestellter der IKG sich von seinen Söhnen auf dem Bahnsteig verabschieden durfte, wurde Hanni mit anderen Eltern unter Bewachung in der Bahnhofsvorhalle
zurückgehalten.
Danach mussten Julius und Hanni in das erste von drei „jüdischen Sammelhäusern“ ziehen. Ihre letzte Adresse war Riemergasse 16 im 1. Wiener Bezirk, ein Gebäude, in dem zwischen 1941 und 1943 95 Männer und Frauen untergebracht waren. Einige Tage vor ihrer Deportation wurden Julius und Hanni zu einer „Sammelstelle“ in der Castellezgasse 35 im 2. Bezirk geschickt, einer ehemaligen jüdischen Mittelschule. Ihr Gepäck wurde durchsucht und ihre Pässe, andere Dokumente, Hausschlüssel und Wertgegenstände beschlagnahmt. Sie wurden am Abend des 20. August 1942 mit dem Transport Nr. 37 Da 504 vom Bahnhof Aspang, der normalerweise für den Güterverkehr genutzt wurde, nach Theresienstadt deportiert.
Im Ghetto wurden sie in der “Dresdner Kaserne” untergebracht, in die Julius’ Schwester Helene Welsch (1878-1961) schon einen Monat zuvor gekommen war. Julius starb wenige Monate später am 18. November 1942. In den folgenden 21 Monaten korrespondierte Hanni mit ihrem Stiefsohn Wolfgang Heinz in Zürich. Sie berichtete, dass sie als Kartoffelschälerin arbeiten musste und Trost in der Musik fand, die sie bei Konzerten hörte, die von anderen Häftlingen gegeben wurden.
In Vorbereitung auf den berüchtigten Inspektionsbesuch des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) am 23. Juni 1944 hatten die Nazis umfangreiche “Verschönerungen” im Ghetto Theresienstadt vorgenommen. Vor allem wurde die Anzahl der Insassen des völlig überfüllten Ghettos erheblich reduziert. Über 7500 Menschen wurden mit drei Transporten nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Hanni war 57 Jahre alt und wurde als eine von 2500 Personen am 16. Mai 1944 mit dem Transport Ea, “nach Osten” deportiert. Nach der Ankunft wurden sie in Auschwitz-Birkenau in das als “Sektion B II b” bezeichnete “Theresienstädter Familienlager” gebracht, in dem die Neu-Ankömmlinge als einzige ihre eigene Kleidung behalten durften und nicht denselben Selektionsprozess durchlaufen mussten wie andere Deportierte. Wann das Leben von Johanna Hirsch endete, ist nicht bekannt. Bis heute gibt es keinen endgültigen Beweis, warum die Nationalsozialisten dieses besondere Lager einrichteten. Es ist aber akzeptiert, dass sie die Theresienstädter Häftlinge für den Fall zunächst am Leben ließen, dass das IRK hätte erkunden wollen, wo diese “Transporte in den Osten” endeten. Mangels jedweden Ersuchens, es zu inspizieren, wurde das Familienlager am 10.-12. Juli 1944 aufgelöst.
Recherche und Text: Yael Hirsch (Enkelin)
Quellen:
- axelspringer.com/de/inside/die-frau-die-die-dame-praegte
- https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/kunstbibliothek/bibliotheken/ lipperheidesche-kostuembibliothek/
- Transport 37, Zug Da 504 von Wien,Wien,Österreich nach Theresienstadt, Getto,Tschechoslowakei am 20/08/1942
- https://www.holocaust.cz/de/geschichte/ghetto-theresienstadt/propagandistische -funktion-von- theresienstadt/die-verschoenerungsaktion-in-theresienstadt/
- Das Theresienstädter Familienlager in Auschwitz-Birkenau | Holocaust