Stolperstein Hohenzollerndamm 59/60

Dieser Stolperstein wurde am 4. April 2025 verlegt.

Hohenzollerndamm 59/60 Dr. Hedwig Landsberg

HIER WOHNTE
DR. HEDWIG
LANDSBERG
GEB. HAMBURGER
JG. 1888
BERUFSVERBOT 1933
FLUCHT 1940
BRASILIEN

Dieser Stolperstein wurde am 4. April 2025 verlegt und von Dr. Irene Zierke, Lutz Landsberg und Sonja Drachholtz gespendet.

Dr. Hedwig Landsberg wurde am 24. August 1888 als Tochter des Bankdirektors Naphtali Hamburger (1854-1934) und seiner Frau Ida, geb. Lichtenstein (1867-1937) in Posen in der elterlichen Wohnung Kanonenplatz 4 geboren. Posen war damals die Hauptstadt der gleichnamigen preußischen Provinz (heute Poznań in der Woiwodschaft Wielkopolska). Am 23. März 1891 kam ihr Bruder Hans zur Welt, dem sie zeitlebens eng verbunden war.

Hedwig Hamburger wuchs umsorgt in ihrer wohlhabenden Familie auf, besuchte in Posen die Schule, spielte Klavier und trieb Sport. Nach dem Abschluss der Realschule wechselte sie 1906 auf das Realgymnasium in Bromberg und machte 1908 das Abitur. Mit 18 Jahren nahm sie das Studium der Medizin an der Königlichen Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin auf und setzte es später an den Universitäten in Freiburg, Heidelberg und München fort. Sie wollte sozial Schwächeren und Kranken helfen und finanziell unabhängig werden. Angesichts der väterlichen Stellung als Bankdirektor war die angestrebte berufliche Selbständigkeit nicht zwingend, aber Hedwig wollte sich von überholten bürgerlichen Traditionen emanzipieren. 1914 legte sie das Staatsexamen ab, erhielt ihre Approbation als Ärztin und promovierte 1915 mit dem Thema: „Über einen Fall von Tumor des Kleinhirnbrückenwinkels“. Die Promotion wurde mit dem Prädikat „magna cum laude“ bewertet. Während des Ersten Weltkrieges arbeitete Dr. Hedwig Hamburger an verschiedenen Kranken- und Waisenhäusern und spezialisierte sich in Kinderheilkunde.

Hedwig und Max Landsberg

Heiraten wollte Hedwig eigentlich nicht. Jedoch bei einem Besuch ihres im Krieg verwundeten Bruders Hans im Lazarett lernte sie den Architekten und Diplomingenieur Max Landsberg (1878-1930) näher kennen. Sie änderte ihre Einstellung und die beiden heirateten am 7. Juni 1919. Keine neun Monate später, im Februar 1920, wurde das erste Kind Rolf geboren. Hedwig Landsberg eröffnete in der Familien-Wohnung in der Landgrafenstraße 11 in Tiergarten eine Praxis und arbeitete auch nach der Geburt des zweiten Sohnes Peter 1922 weiter in ihrem Beruf. Das Familienleben war glücklich und von fürsorglichem Umgang der Eheleute miteinander und den Kindern geprägt. Hedwig sorgte für die allgemeine Bildung der Söhne, pflegte Freundschaften, fuhr mit den Söhnen und ihrem Vater Naphtali Hamburger, der 1920 nach Berlin gezogen war, ins Gebirge oder an die See. Sie begleitete ihren Mann bei Architekturreisen und teilte mit ihm das Interesse an Kunst und den heiteren Blick auf die Welt. Haus- und Kindermädchen gehörten zum Haushalt.

Hedwigs Ehe endete 1930 abrupt durch den unerwarteten Tod von Max Landsberg. Sie war zu diesem Zeitpunkt 42 Jahre alt. Das Paar hatte nur elf gemeinsame Jahre. Hedwig musste nun den Alltag als Ärztin und alleinerziehende Mutter bewältigten. Ihr Vater Naphtali Hamburger, ihre Schwiegermutter Betty Landsberg sowie Schwager und Schwägerin Fritz und Else Landsberg unterstützten sie dabei. Der Vater starb schon 1934 und Bruder Hans wurde zum engsten Vertrauten. Sie zog mit den Söhnen in das Haus am Hohenzollerndamm 59/60 parterre links. Es gehörte der Familie Wertheim, mit der Max Landsberg geschäftliche Beziehungen unterhalten hatte. Im Adressbuch war Hedwig seit 1932 als Witwe Dr. med. Landsberg verzeichnet. Vor dem Haus wies ein Schild auf ihre Arztpraxis hin. Diese Wohnung musste Hedwig Landsberg als Jüdin am 1.Oktober 1938 – schon vor Inkraftsetzung des „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden” vom 30. April 1939 – für sogenannte „arische“ Deutsche räumen. Die Nazis bestimmten, dass jüdische Mieter aus großen Altbauwohnungen auszuziehen hatten. Sie durften nur noch in Häusern bzw. Wohnungen leben, die sich in jüdischem Besitz bzw. Mietverhältnis befanden. Hedwig und ihr Sohn Peter zogen in das „Familienheim Fischer” am Hohenzollerndamm 96. Sie wohnten dort in zwei Zimmern, hatten die Einrichtung ihrer Wohnung teilweise verkauft bzw. eingelagert. Auch diesen Aufenthaltsort musste Hedwig alsbald verlassen, und sie wohnte ab Juni 1939 – ihr Sohn Peter weilte bereits in England – bei Frieda Liebmann, der Mutter einer Freundin, in einem sogenannten „Judenhaus“ in der Klopstockstraße 24.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten am 30.Januar 1933 erschwerten immer neue und immer repressivere Erlasse Hedwig – wie allen Bürgern jüdischer Herkunft – das Leben: Sie war ständig auf der Suche nach bezahlter Arbeit, nachdem ihr 1933 – wie allen jüdischen Ärzten – ihre Approbation als Kassenärztin entzogen worden war. Sie durfte nur noch jüdische Patienten behandeln. 1938 musste sie auch ihre private Praxis endgültig schließen. Ihre Einkünfte waren stark beschränkt. Zudem wurden ihre Konten geplündert – insbesondere durch die „Judenvermögensabgabe”, die jüdische Deutsche nach dem Pogrom im November 1938 als „Sühneleistung“ für „die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“ (Hermann Göring) zu leisten hatten. Hedwig musste darüber hinaus wertvolle Schmuckstücke, Gemälde, Geschirr etc. abliefern, schließlich auch ihr Radio.

Hedwig Landsberg sorgte sich um ihre Verwandtschaft – um ihre Mutter Ida Hamburger, die früh psychisch erkrankt war und nach dem Umzug 1920 von Posen nach Berlin im Sanatorium Waldhaus lebte, wo sie 1937 verstarb. Und um ihre Schwiegermutter Betty Landsberg bis zu deren Tod 1938. Hinzu kam die andauernde Sorge um den älteren Sohn Rolf, den sie 1934 zum Schutz nach England ins Exil brachte. Rolf war zum Zeitpunkt seiner Flucht 14 Jahre alt. Und sie sorgte sich v.a. um den Sohn Peter, der nur während der Schulstunden auf einer „Insel der Geborgenheit“ lebte und dringend das Land verlassen musste. Auch seine Flucht zu seinem älteren Bruder Rolf nach England gelang schließlich im Februar 1939.

Hedwig Landsberg blieb in Berlin zurück und bemühte sich um die eigene Flucht, was sich als äußerst schwierig erwies. Bislang aufnahmebereite Staaten schlossen ihre Grenzen, noch aufnahmewillige Staaten verlangten finanzielle Sicherheiten und passgerechte Berufe der Immigranten. Für Hedwig hätte das geheißen, dass sie im Aufnahmeland erneut einen medizinischen Abschluss erwerben müsste. Zudem besaß sie kaum noch Geld. Ihr Bruder Hans Hamburger, der 1936 mit seiner 6-köpfigen Familie aus dem Berliner Eichkamp über England nach Brasilien geflohen war, beschaffte ein Visum für Brasilien. In allerletzter Minute nutzte Hedwig das geöffnete Schlupfloch und floh im April 1940 aus Berlin. Sie kam Wochen später mit einem italienischen Dampfer und 41 Gepäckstücken in Santos / Brasilien an und zog zu Hans’ Familie. Im Gepäck befanden sich neben Haushaltsgegenständen und Wäsche auch Klaviernoten und Bücher. Der Umfang an Gepäck deutet darauf hin, dass Hedwig ihren verbliebenen Besitz verpackt und sich auf ein lebenslanges Exil eingerichtet hatte.

Passbild Brasilien Hedwig Landsberg

Es folgten elf Jahre großer Sehnsucht nach den Söhnen und großer Sorge um sie, Jahre, in denen Hedwig nicht in ihrem Beruf als Ärztin arbeiten durfte und nur Pflegearbeiten ausführte. Jahre aber auch, in denen sie fern vom Krieg lebte, in denen sie neue Beziehungen knüpfte, Sprachen lernte, Romane für andere Exilanten übersetzte, Klavier spielte. Nach Kriegsende war Hedwig froh, dass auch die Söhne den Krieg überlebt hatten, und sie wollte schnellstmöglich wieder mit ihnen zusammenkommen. Aber wohin nun? Nach Deutschland – ins Land der Täter? Dort lebten – außer dem älteren Sohn Rolf – keine Verwandten mehr. Ihre Schwiegermutter Betty Landsberg war 1938 verstorben, ihr Schwager Dr. Fritz Landsberg und seine Frau Käthe waren 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. Ihre Schwägerinnen Therese und Else Landsberg hatten sich im Januar 1942 das Leben genommen, um der Deportation zu entgehen (Else Landsberg | Stolpersteine in Berlin, Therese Landsberg | Stolpersteine in Berlin). Nach England, wo der Sohn Peter lebte? Dieses Land war ihr fremd und ihre deutschen Abschlüsse als Ärztin nicht anerkannt. Die Söhne nach Brasilien holen? Das wollte sie eigentlich auch nicht, denn das Land war ihr fremd geblieben. Sie war heimatlos geworden und musste lange abwägen:

Schließlich entschied sie sich für England. Im Dezember 1951 legte ihr Schiff von Brasilien nach Southampton ab. Im März 1952 kam sie mit den Resten ihres alten Haushaltes in Waterloo-Station an und traf dort ihren Sohn Peter. Sie lebte sich schnell ein und war viel unterwegs, um sich für mögliche Arbeiten vorzustellen und um Neuigkeiten, Ratschläge und Meinungen über den Londoner Alltag zu hören. Sie besuchte alte Vertraute, Berliner Freunde und Verwandte, die hier im Exil lebten. Hedwig arbeitete schließlich im Nordwestens Londons in verschiedenen jüdischen Einrichtungen als Pflegerin, später als Leiterin.

1954 besuchte Hedwig ihren älteren Sohn Rolf und seine Familie in Berlin. Sie erfreute sich an der Familie und erlebte ein lange vermisstes Familiengefühl. Entsetzt war sie über die immer noch sichtbaren Zerstörungen an Straßen, Häusern, in Gegenden ihres früheren Lebens, die sie kaum wiedererkannte. Ende 1955 verlegte sie endgültig ihren Wohnsitz nach Berlin-Tempelhof in die Alboinstraße 61. Sie war inzwischen schwer erkrankt und trug eine Beinprothese. Aber ihr Wunsch, beide Söhne noch einmal zusammen bei sich haben, erfüllte sich. Einen Monat vor ihrem Tod feierte die ganze Familie mit ihr zusammen ihren 68. Geburtstag. Schließlich erlitt Hedwig Landsberg einen Schlaganfall und starb im 22. September 1956. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee im Familiengrab neben ihrem Mann Max begraben.

Hedwig Landbergs Enkeltochter Dr. Irene Zierke sagte bei der Verlegung des Stolpersteins: „Dieser Stolperstein soll an diese tapfere Frau, an ihr reiches und schwieriges, erfolgreiches und tragisches, ja beispielhaftes Leben erinnern. Ich selbst erinnere eine warmherzige und strahlende Oma „Schnucki“. In vielen Erinnerungen, in Romanen, Bildern und Filmen wird die Tragik jüdischer Bürger während der Nazizeit sehr anschaulich mitgeteilt. Unsere Großmutter verkörpert für mich beispielhaft das Schicksal einer (Berliner) Jüdin aus dem gehobenen Mittelstand, die der Shoa entkommen konnte. Dafür hatte sie ausreichend Ressourcen. Dennoch haben Flucht und Vertreibung sie dauerhaft entwurzelt – sie wurde aus Deutschland verstoßen und blieb im Exil heimatlos. Die Verluste, die auch Hedwig Landsberg erlitt, konnten nach dem Krieg mit Entschädigungen nicht wiedergutgemacht werden. Auch nach 1945 fand sie keine Heimat mehr, keinen Ort, der ihr Ruhe und Vertrauen einflößte. Hedwig Landsberg überlebte die Shoa und sie blieb aktiv und fürsorglich im Lebensalltag. Aber sie war innerlich gebrochen, erniedrigt von den Umständen, verzweifelt an den Verbrechen der Nazis und ihren Folgen”.

Recherche und Text: Dr. Irene Zierke
Quellen:
- Berliner Adressbücher
- Volkszählung vom 17.5.1939
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Dokumente, Briefe etc. im Besitz der Nachkommen
- Zwangsräume

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Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

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