Es folgten elf Jahre großer Sehnsucht nach den Söhnen und großer Sorge um sie, Jahre, in denen Hedwig nicht in ihrem Beruf als Ärztin arbeiten durfte und nur Pflegearbeiten ausführte. Jahre aber auch, in denen sie fern vom Krieg lebte, in denen sie neue Beziehungen knüpfte, Sprachen lernte, Romane für andere Exilanten übersetzte, Klavier spielte. Nach Kriegsende war Hedwig froh, dass auch die Söhne den Krieg überlebt hatten, und sie wollte schnellstmöglich wieder mit ihnen zusammenkommen. Aber wohin nun? Nach Deutschland – ins Land der Täter? Dort lebten – außer dem älteren Sohn Rolf – keine Verwandten mehr. Ihre Schwiegermutter Betty Landsberg war 1938 verstorben, ihr Schwager Dr. Fritz Landsberg und seine Frau Käthe waren 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. Ihre Schwägerinnen Therese und Else Landsberg hatten sich im Januar 1942 das Leben genommen, um der Deportation zu entgehen (Else Landsberg | Stolpersteine in Berlin,
Therese Landsberg | Stolpersteine in Berlin). Nach England, wo der Sohn Peter lebte? Dieses Land war ihr fremd und ihre deutschen Abschlüsse als Ärztin nicht anerkannt. Die Söhne nach Brasilien holen? Das wollte sie eigentlich auch nicht, denn das Land war ihr fremd geblieben. Sie war heimatlos geworden und musste lange abwägen:
Schließlich entschied sie sich für England. Im Dezember 1951 legte ihr Schiff von Brasilien nach Southampton ab. Im März 1952 kam sie mit den Resten ihres alten Haushaltes in Waterloo-Station an und traf dort ihren Sohn Peter. Sie lebte sich schnell ein und war viel unterwegs, um sich für mögliche Arbeiten vorzustellen und um Neuigkeiten, Ratschläge und Meinungen über den Londoner Alltag zu hören. Sie besuchte alte Vertraute, Berliner Freunde und Verwandte, die hier im Exil lebten. Hedwig arbeitete schließlich im Nordwestens Londons in verschiedenen jüdischen Einrichtungen als Pflegerin, später als Leiterin.
1954 besuchte Hedwig ihren älteren Sohn Rolf und seine Familie in Berlin. Sie erfreute sich an der Familie und erlebte ein lange vermisstes Familiengefühl. Entsetzt war sie über die immer noch sichtbaren Zerstörungen an Straßen, Häusern, in Gegenden ihres früheren Lebens, die sie kaum wiedererkannte. Ende 1955 verlegte sie endgültig ihren Wohnsitz nach Berlin-Tempelhof in die Alboinstraße 61. Sie war inzwischen schwer erkrankt und trug eine Beinprothese. Aber ihr Wunsch, beide Söhne noch einmal zusammen bei sich haben, erfüllte sich. Einen Monat vor ihrem Tod feierte die ganze Familie mit ihr zusammen ihren 68. Geburtstag. Schließlich erlitt Hedwig Landsberg einen Schlaganfall und starb im 22. September 1956. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee im Familiengrab neben ihrem Mann Max begraben.
Hedwig Landbergs Enkeltochter Dr. Irene Zierke sagte bei der Verlegung des Stolpersteins: „Dieser Stolperstein soll an diese tapfere Frau, an ihr reiches und schwieriges, erfolgreiches und tragisches, ja beispielhaftes Leben erinnern. Ich selbst erinnere eine warmherzige und strahlende Oma „Schnucki“. In vielen Erinnerungen, in Romanen, Bildern und Filmen wird die Tragik jüdischer Bürger während der Nazizeit sehr anschaulich mitgeteilt. Unsere Großmutter verkörpert für mich beispielhaft das Schicksal einer (Berliner) Jüdin aus dem gehobenen Mittelstand, die der Shoa entkommen konnte. Dafür hatte sie ausreichend Ressourcen. Dennoch haben Flucht und Vertreibung sie dauerhaft entwurzelt – sie wurde aus Deutschland verstoßen und blieb im Exil heimatlos. Die Verluste, die auch Hedwig Landsberg erlitt, konnten nach dem Krieg mit Entschädigungen nicht wiedergutgemacht werden. Auch nach 1945 fand sie keine Heimat mehr, keinen Ort, der ihr Ruhe und Vertrauen einflößte.
Hedwig Landsberg überlebte die Shoa und sie blieb aktiv und fürsorglich im Lebensalltag. Aber sie war innerlich gebrochen, erniedrigt von den Umständen, verzweifelt an den Verbrechen der Nazis und ihren Folgen”.
Recherche und Text: Dr. Irene Zierke
Quellen:
- Berliner Adressbücher
- Volkszählung vom 17.5.1939
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Dokumente, Briefe etc. im Besitz der Nachkommen
- Zwangsräume