Stolpersteine Landhausstr. 32

Diese Stolpersteine wurden am 3. April 2025 verlegt und von Prof. Dr. Laurence Dreyfus gespendet.

Stolperstein für Margarete Liebmann

Stolperstein für Margarete Liebmann

HIER WOHNTE
MARGARETE
LIEBMANN
JG. 1898
DEPORTIERT 12.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Margarete Liebmann, geb. am 8. Juli 1898 in Berlin, war elf Jahre alt, als ihre Familie 1910 in eine neu errichtete großbürgerliche Villa in der Landhausstraße 32 einzog. Der Stolperstein vor dem ehemaligen Wohnhaus erinnert an ihre Deportation – kurz nach der ihrer jüngeren Schwester Irma – im Januar 1943. Beide wurden Opfer einer ethnischen Säuberung und im Rahmen der von den Nationalsozialisten verfolgten Politik der „Judenvertreibung nach dem Osten“ deportiert. Man spricht von Judenvertreibung, doch im Fall von Margarete Liebmann und ihrer Schwester Irma war dies allein der NS-Rassenideologie geschuldet, denn in Wirklichkeit waren beide Christinnen. Als Margarete Liebmann 1938 das vorgeschriebene Formular zur Auflistung ihres Vermögens ausfüllte, gab sie ihre „Rasse“ als „jüdisch“, ihre Religion jedoch als „evang.“ an. Beide waren – wie auch ihr Bruder Karl, der den Krieg in Ecuador überlebte – bereits als Kinder getauft worden und wuchsen vollkommen assimiliert in Berlin auf.

Margaretes Vater, Otto Voldemar Liebmann, stammte aus Mainz, wo er 1865 als eines von neun Kindern jüdischer Eltern geboren wurde. Ottos Vater war ein Getreidehändler, der mit seiner Familie bald nach Frankfurt am Main zog. Dort besuchte Otto die Schule und nahm Gesangsunterricht – der Grundstein für seine lebenslange Begeisterung für Musik. Auch fühlte er sich zu Büchern und zum Verlagswesen hingezogen. Nach dem Militärdienst und einem Aufenthalt in den USA kam er im Alter von 24 Jahren nach Berlin, wo er in der Lützowstraße seinen eigenen Verlag gründete, den er später in die Potsdamer Straße verlegte. Der Verlag spezialisierte sich auf Staats- und Rechtswissenschaften. 1896 brachte er die bis heute bedeutendste juristische Zeitschrift Deutschlands heraus – die Deutsche Juristen-Zeitung – und begann, eine Reihe wichtiger Bücher zur Rechtswissenschaft und Staatslehre zu veröffentlichen. Im Jahr darauf, 1897, heiratete er Lili Fanny Herxheimer, die aus einer angesehenen jüdischen Ärzte- und Gelehrtenfamilie in Frankfurt stammte. Als Hochzeitsgeschenk schenkte der Brautvater dem Paar ein bemerkenswertes Ölgemälde: das letzte Selbstporträt von Max Liebermann. Die drei Kinder der Liebmanns – Margarete (1898), Karl Wilhelm (1900) und Irma (1902) – wurden alle in Berlin geboren.

Ottos beruflicher und wirtschaftlicher Erfolg lässt sich auf zweierlei Weise messen. Erstens verlieh ihm die Universität Heidelberg im Alter von nur 43 Jahren die Ehrendoktorwürde für seine Verdienste um den Juristenberuf, und später, 1930, eine weitere von der Universität Gießen – bemerkenswert für jemanden, der nie selbst eine Universität besucht hatte! Zweitens war er 1909 in der Lage, das Grundstück in der Landhausstraße zu erwerben und darauf eine prächtige Villa mit zwölf Zimmern und einem parkähnlichen Garten zu errichten. Der angesehene Architekt Friedrich Kristeller plante, entwarf und leitete den Bau. Zum Anwesen gehörte auch eine Portierswohnung für den Hauswart. Das Haus diente teils auch beruflichen Zwecken, da Otto dort häufig Minister, Richter und Anwälte empfing.

Über dem Eingangsportal befand sich eine Bronzeplakette des bekannten Bildhauers Adolf Jahn – ein Hinweis auf die Repräsentativität des Hauses. Otto war vor allem als bedeutender Sammler deutscher Kunst bekannt. Man betrat die Wohnräume durch ein prachtvolles Treppenhaus; es gab eine große Bibliothek sowie Räume, die mit Gemälden und Zeichnungen ausgestattet waren – hauptsächlich aus dem 19. Jahrhundert, aber auch mit zeitgenössischen Werken, etwa von Max Slevogt und Max Liebermann. Die Wände des Hauses waren mit Ölgemälden, Aquarellen und Zeichnungen bedeckt. Die Sammlung umfasste sogar einen ganzen Raum mit 36 Werken von Adolph von Menzel. Es überrascht nicht, dass Ottos Sammlung von den Berliner Kunstkennern hochgeschätzt wurde.

Margarete wuchs in dieser Umgebung auf und wurde Sozialarbeiterin. Bis 1933 war sie als Jugendpflegerin beim Jugendamt der Stadt Berlin tätig. Schon kurz nach der Machtergreifung im Januar 1933 wurde ihr Vater Otto aufgrund seiner jüdischen Herkunft gezwungen, seinen Verlag zu verkaufen – eine sogenannte „Arisierung“. Dies geschah, obwohl Otto selbst, im Bündnis mit rechtskonservativen Politikern, die Wahl Hitlers zunächst als frischen Wind begrüßt hatte, der die politische Katastrophe der „schmutzigen Republik“ beenden würde – so seine Worte. Nach dem „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 – als Hitler Reichspräsident Hindenburg demonstrativ die Hand reichte und damit die Versöhnung von Nationalsozialisten, Konservativen und Militärs symbolisieren sollte – schrieb Otto: „Nach langer Winternacht darf Deutschland hoffen, einem Wiederaufbau entgegenzugehen.“ Er glaubte sogar, es sei seine „Pflicht und Aufgabe“, seine Zeitschrift der „Neu- und Umgestaltung“ des deutschen Rechtssystems zu widmen. So überraschend diese Äußerungen heute erscheinen, muss man doch eingestehen, dass selbst einige führende Persönlichkeiten jüdischer Herkunft Anfang 1933 die Gefahren des Nationalsozialismus noch nicht erkannten.

Nach komplizierten Verhandlungen wurde der Liebmann-Verlag an den Münchner Verleger C.H. Beck verkauft, und Otto und Wilhelm wurden komplett aus dem Geschäft herausgeschrieben. Im historischen Rückblick – der vor allem auf den ausführlichen Recherchen des Historikers Stefan Rebenich beruht – sprechen wir heute von einem „Zwangsverkauf“ des Unternehmens. Otto war bereits zu dieser Zeit 68 Jahre alt, aber Karl Wilhelm war ab 1933 arbeitslos und war gezwungen, in einer Blusenfabrik zu arbeiten. Die Familie blieb hier in der Landhausstraße ohne Einkommen und Perspektive, wahrscheinlich auf der Grundlage von Ersparnissen und dem Verkauf von Vermögenswerten, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass sie versuchte, Deutschland zu verlassen. Wir sehen zum Beispiel, dass Karl Wilhelm der „Gesellschaft nichtarischer Christen“ beigetreten ist, vielleicht ein Zeichen dafür, dass er versucht hat, sich an die Verhältnisse anzupassen. Oder eventuell hoffte er dabei, seine Lebensverhältnisse zu verbessern.

Erst 1938 änderten sich die Dinge wirklich zum Schlechten. Karl Wilhelm wurde ins KZ Sachsenhausen gebracht, wo er 12 Tage lang misshandelt und gefoltert wurde. Danach entschied er, mit seiner Familie und einigen Besitztümern zu fliehen. Er zahlte eine hohe Ausgangssteuer, schaffte es aber Mitte 1939, die Familie bis zum Hamburger Hafen zu bringen, wo die Behörden einen Teil seiner Besitztümer beschlagnahmten: einen Steinway-Flügel zum Beispiel. Sie kamen in Paris an, wo sie glücklicherweise ein Visum für Ecuador in Südamerika erhielten – eines der wenigen Länder, die Ausländern, die aus Nazi-Deutschland flohen, einen Aufenthalt gewährten. Ottos Frau Lili war 1938 an Krebs gestorben und wurde auf dem Parkfriedhof in Lichterfelde begraben, aber 1941 wurde die Villa hier in der Landhausstraße vom Reichsluftfahrtministerium weggenommen.

Die drei verbliebenen Liebmanns, Otto, Margarete und Irma, zogen in eine Wohnung in der Sybelstraße in Charlottenburg, wo sie so viele Möbel aus der Landhausstraße mitnehmen konnten, wie hineinpassten. Der Rest der Möbel wurde vom Reichsluftfahrtministerium beschlagnahmt. Zu dieser Zeit mussten sie ihr Tafelsilber und ihren Schmuck an die staatliche Pfandleihe abgeben. Täglich wurden sie schikaniert und diskriminiert. Es ist vielleicht ein Segen, dass Otto im Alter von 77 Jahren im Juli 1942 dort starb und neben seiner Frau begraben wurde. Denn Margarete und Irma, die seit 1941 gezwungen waren, in der Öffentlichkeit den gelben Davidstern zu tragen, waren zur Deportation in den Osten vorgesehen. Irma, die Musiklehrerin, war die erste, die im Dezember 1942 abtransportiert wurde, und ein paar Wochen später, im Januar 1943, wurde auch Margarete deportiert. Beide wurden von der Pulitzstraße in Moabit aus vermutlich nach dem Osten transportiert. Erst 1948 wurden sie offiziell für tot erklärt.

Dies ist die tragische Geschichte der Liebmann-Schwestern, derer die Stolpersteine gedenken. Später im Krieg wurde die Liebmann-Villa zerbombt, wahrscheinlich zur gleichen Zeit wie das benachbarte Krankenhaus, die Landhaus-Klinik vom Roten Kreuz. Bis 1955 blieb hier nur eine sichtbare Ruine. Danach scheint die Sparkasse der Stadt Berlin West das Grundstück übernommen zu haben und erlaubte, dass 1956 zwei Wohnungshäuser, 32 und 32a, gebaut wurden.

Biographische Compilation: Prof. Dr. Laurence Dreyfus (Landhausstr. 32, 10717 Berlin).

Quellen:
Stefan Rebenich, „Die Verleger Otto Liebmann und Karl Wilhelm Liebmann“ in C.H. Beck (1763–2013): Der kulturwissenschaftliche Verlag und seine Geschichte (München: Verlag C.H. Beck, 2013), S. 365–380.

Karl Wilhelm Liebmann, „Die Sammlung Dr. Dr. Otto Liebmann“ [Vorwort], Autographen und Kunstblätter, Nachlass Dr. Dr. Otto Liebmann, Auktion am 5. Mai 1953, Katalog 508 (Marburg: J.A. Stargardt, 1953)

Landesarchiv Berlin, B Rep. 209 Bezirksverwaltung Wilmersdorf, B Rep. 209 Nr. 0909.

Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO), Abt. I – Entschädigungsbehörde, Abschnittsleitung Historische Verantwortung, I A 2

Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, Freie Universität Berlin, Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung (Berlin: Edition Hentrich, 1995)

Stolperstein für Irma Liebmann

Stolperstein für Irma Liebmann

HIER WOHNTE
IRMA LIEBMANN
JG. 1902
DEPORTIERT 9.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Irma Liebmann, geb. am 5.7.1902 in Berlin, war neun Jahre alt, als ihre Familie 1910 in eine neu errichtete großbürgerliche Villa in der Landhausstraße 32 einzog. Der Stolperstein vor dem ehemaligen Wohnhaus erinnert an ihre Deportation – kurz vor der ihrer älteren Schwester Margarete – im Dezember 1942. Beide wurden Opfer einer ethnischen Säuberung und im Rahmen der von den Nationalsozialisten verfolgten Politik der „Judenvertreibung nach dem Osten“ deportiert. Man spricht von Judenvertreibung, doch im Fall von Irma Liebmann und ihrer Schwester Margarete war dies allein der NS-Rassenideologie geschuldet, denn in Wirklichkeit waren beide Christinnen. Als Irma Liebmann 1938 das vorgeschriebene Formular zur Auflistung ihres Vermögens ausfüllte, gab sie ihre „Rasse“ als „jüdisch“, ihre Religion jedoch als „evang.“ an. Alle drei Geschwister – Irma, Margarete und Karl – waren bereits als Kinder getauft worden und wuchsen vollkommen assimiliert in Berlin auf.

Irmas Vater, Otto Voldemar Liebmann, stammte aus Mainz, wo er 1865 als eines von neun Kindern jüdischer Eltern geboren wurde. Ottos Vater war ein Getreidehändler, der mit seiner Familie bald nach Frankfurt am Main zog. Dort besuchte Otto die Schule und nahm Gesangsunterricht – der Grundstein für seine lebenslange Begeisterung für Musik. Auch fühlte er sich zu Büchern und zum Verlagswesen hingezogen. Nach dem Militärdienst und einem Aufenthalt in den USA kam er im Alter von 24 Jahren nach Berlin, wo er in der Lützowstraße seinen eigenen Verlag gründete, den er später in die Potsdamer Straße verlegte. Der Verlag spezialisierte sich auf Staats- und Rechtswissenschaften. 1896 brachte er die bis heute bedeutendste juristische Zeitschrift Deutschlands heraus – die Deutsche Juristen-Zeitung – und begann, eine Reihe wichtiger Bücher zur Rechtswissenschaft und Staatslehre zu veröffentlichen. Im Jahr darauf, 1897, heiratete er Lili Fanny Herxheimer, die aus einer angesehenen jüdischen Ärzte- und Gelehrtenfamilie in Frankfurt stammte. Als Hochzeitsgeschenk schenkte der Brautvater dem Paar ein bemerkenswertes Ölgemälde: das letzte Selbstporträt von Max Liebermann. Die drei Kinder der Liebmanns – Margarete (1898), Karl Wilhelm (1900) und Irma (1902) – wurden alle in Berlin geboren.

Ottos beruflicher und wirtschaftlicher Erfolg lässt sich auf zweierlei Weise messen. Erstens verlieh ihm die Universität Heidelberg im Alter von nur 43 Jahren die Ehrendoktorwürde für seine Verdienste um den Juristenberuf, und später, 1930, eine weitere von der Universität Gießen – bemerkenswert für jemanden, der nie selbst eine Universität besucht hatte! Zweitens war er 1909 in der Lage, das Grundstück in der Landhausstraße zu erwerben und darauf eine prächtige Villa mit zwölf Zimmern und einem parkähnlichen Garten zu errichten. Der angesehene Architekt Friedrich Kristeller plante, entwarf und leitete den Bau. Zum Anwesen gehörte auch eine Portierswohnung für den Hauswart. Das Haus diente teils auch beruflichen Zwecken, da Otto dort häufig Minister, Richter und Anwälte empfing.

Über dem Eingangsportal befand sich eine Bronzeplakette des bekannten Bildhauers Adolf Jahn – ein Hinweis auf die Repräsentativität des Hauses. Otto war vor allem als bedeutender Sammler deutscher Kunst bekannt. Man betrat die Wohnräume durch ein prachtvolles Treppenhaus; es gab eine große Bibliothek sowie Räume, die mit Gemälden und Zeichnungen ausgestattet waren – hauptsächlich aus dem 19. Jahrhundert, aber auch mit zeitgenössischen Werken, etwa von Max Slevogt und Max Liebermann. Die Wände des Hauses waren mit Ölgemälden, Aquarellen und Zeichnungen bedeckt. Die Sammlung umfasste sogar einen ganzen Raum mit 36 Werken von Adolph von Menzel. Es überrascht nicht, dass Ottos Sammlung von den Berliner Kunstkennern hochgeschätzt wurde.

Irma wuchs in dieser Umgebung auf und wurde Sängerin und Musiklehrerin. Es gibt eindeutige Hinweise auf ihre musikalische Begabung: Sie nahm Gesangsunterricht bei dem renommierten Bassbariton Wilhelm Guttmann (gest. 1941), der an den Berliner Opernhäusern sang und auf Tonaufnahmen aus den 1920er Jahren in Beethovens Neunter Symphonie und der Missa solemnis zu hören ist. In einem testamentarischen Schreiben aus dem Jahr 1964 über Irma schreibt der stellvertretende Intendant der Metropolitan Opera in New York, John Gutman (ehemals Wilhelm Guttmann, aber nicht verwandt mit dem Berliner Bariton!), dass er Fräulein Liebmann mehrmals singen hörte und sich daran erinnere, dass sie in ihrem Gesangsstudium weit fortgeschritten gewesen sei. In dieser Zeit habe sie auch einen Liederabend in Berlin zusammen mit einer anderen Sängerin gegeben. Möglicherweise fand der Liederabend sogar in der Villa in der Landhausstraße statt. Wir besitzen auch ein Exlibris von ihr, auf dem ein Putto beim Geigenspiel abgebildet ist – vielleicht spielte sie auch ein Streichinstrument, denn ein Restitutionsantrag verweist auf eine „sehr kostbare Violine“, die sich vor der Deportation im Familienbesitz befand.

Irma begleitete ihren Vater regelmäßig zu Kunstauktionen und katalogisierte systematisch die gesamte Sammlung von Kunstwerken, wertvollen Musik- und Literaturhandschriften sowie Autographen berühmter Persönlichkeiten. Auch die kulturellen Aktivitäten ihres Bruders Karl Wilhelm waren beachtlich: Er war aktives Mitglied mehrerer literarischer Gesellschaften, etwa zu Theodor Fontane und August Graf von Platen, und fungierte ab 1922 als Schatzmeister der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik, deren Präsident zeitweise Wilhelm Furtwängler war.

Schon kurz nach der Machtergreifung im Januar 1933 wurde ihr Vater Otto aufgrund seiner jüdischen Herkunft gezwungen, seinen Verlag zu verkaufen – eine sogenannte „Arisierung“. Dies geschah, obwohl Otto selbst, im Bündnis mit rechtskonservativen Politikern, die Wahl Hitlers zunächst als frischen Wind begrüßt hatte, der die politische Katastrophe der „schmutzigen Republik“ beenden würde – so seine Worte. Nach dem „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 – als Hitler Reichspräsident Hindenburg demonstrativ die Hand reichte und damit die Versöhnung von Nationalsozialisten, Konservativen und Militärs symbolisieren sollte – schrieb Otto: „Nach langer Winternacht darf Deutschland hoffen, einem Wiederaufbau entgegenzugehen.“ Er glaubte sogar, es sei seine „Pflicht und Aufgabe“, seine Zeitschrift der „Neu- und Umgestaltung“ des deutschen Rechtssystems zu widmen. So überraschend diese Äußerungen heute erscheinen, muss man doch eingestehen, dass selbst einige führende Persönlichkeiten jüdischer Herkunft Anfang 1933 die Gefahren des Nationalsozialismus noch nicht erkannten.

Nach komplizierten Verhandlungen wurde der Liebmann-Verlag an den Münchner Verleger C.H. Beck verkauft, und Otto und Wilhelm wurden vollständig aus dem Geschäft ausgeschlossen. Im historischen Rückblick – der vor allem auf den ausführlichen Recherchen des Historikers Stefan Rebenich beruht – sprechen wir heute von einem „Zwangsverkauf“ des Unternehmens. Otto war bereits zu dieser Zeit 68 Jahre alt, aber Karl Wilhelm war ab 1933 arbeitslos und gezwungen, in einer Blusenfabrik zu arbeiten. Die Familie blieb hier in der Landhausstraße ohne Einkommen und Perspektive – wahrscheinlich auf Grundlage von Ersparnissen und dem Verkauf von Vermögenswerten. Hinweise, dass sie versuchte, Deutschland zu verlassen, gibt es nicht. Karl Wilhelm trat jedoch der „Gesellschaft nichtarischer Christen“ bei – vielleicht ein Versuch, sich den Verhältnissen anzupassen oder in der Hoffnung, seine Lebensumstände zu verbessern.

Erst 1938 verschlechterte sich die Lage dramatisch. Karl Wilhelm wurde ins KZ Sachsenhausen gebracht, wo er zwölf Tage lang misshandelt und gefoltert wurde. Danach beschloss er, mit seiner Familie und einigen Besitztümern zu fliehen. Er zahlte eine hohe Ausreisesteuer, konnte aber Mitte 1939 mit seiner Familie den Hamburger Hafen erreichen, wo die Behörden einen Teil seiner Habe beschlagnahmten – darunter einen Steinway-Flügel. Sie gelangten nach Paris, wo sie glücklicherweise ein Visum für Ecuador erhielten – eines der wenigen Länder, das Geflüchteten aus dem nationalsozialistischen Deutschland Aufenthalt gewährte. Ottos Frau Lili war 1938 an Krebs gestorben und auf dem Parkfriedhof in Lichterfelde beigesetzt worden. 1939 wurde schließlich auch die Villa in der Landhausstraße vom Reichsluftfahrtministerium beschlagnahmt. Einzelheiten zu dieser Enteignung sind bis heute unklar.

Die drei verbliebenen Liebmanns – Otto, Margarete und Irma – zogen in eine Wohnung in der Sybelstraße in Charlottenburg, wo sie so viele Möbel aus der Landhausstraße mitnehmen konnten, wie hineinpassten. Der Rest der Möbel wurde vom Reichsluftfahrtministerium beschlagnahmt. Zu dieser Zeit mussten sie auch ihr Tafelsilber und ihren Schmuck an die staatliche Pfandleihe abgeben. Täglich wurden sie schikaniert und diskriminiert. Es ist vielleicht ein Segen, dass Otto im Juli 1942 im Alter von 77 Jahren starb und neben seiner Frau beigesetzt wurde. Denn Margarete und Irma, die seit 1941 gezwungen waren, in der Öffentlichkeit den gelben Davidstern zu tragen, waren zur Deportation in den Osten vorgesehen. Irma, die Musiklehrerin, wurde im Dezember 1942 deportiert, Margarete folgte wenige Wochen später im Januar 1943. Beide wurden von der Pulitzstraße in Moabit aus nach Osten transportiert. Erst 1948 wurden sie offiziell für tot erklärt.

Dies ist die tragische Geschichte der Liebmann-Schwestern, derer die Stolpersteine gedenken. Später im Krieg wurde die Liebmann-Villa zerbombt – vermutlich zur gleichen Zeit wie das benachbarte Rote-Kreuz-Krankenhaus, die Landhaus-Klinik. Bis 1955 blieb hier nur eine Ruine sichtbar. Danach scheint die Sparkasse der Stadt Berlin West das Grundstück übernommen zu haben und genehmigte den Bau der heutigen Häuser Nr. 32 und 32a.

Biographische Kompilation: Prof. Dr. Laurence Dreyfus (Landhausstr. 32, 10717 Berlin)

Quellen:
Stefan Rebenich, „Die Verleger Otto Liebmann und Karl Wilhelm Liebmann“ in C.H. Beck (1763–2013): Der kulturwissenschaftliche Verlag und seine Geschichte (München: Verlag C.H. Beck, 2013), S. 365–380.

Karl Wilhelm Liebmann, „Die Sammlung Dr. Dr. Otto Liebmann“ [Vorwort], Autographen und Kunstblätter, Nachlass Dr. Dr. Otto Liebmann, Auktion am 5. Mai 1953, Katalog 508 (Marburg: J.A. Stargardt, 1953)

Landesarchiv Berlin, B Rep. 209 Bezirksverwaltung Wilmersdorf, B Rep. 209 Nr. 0909

Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO), Abt. I
Entschädigungsbehörde, Abschnittsleitung Historische Verantwortung, I A 2

Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, Freie Universität Berlin, Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung (Berlin: Edition Hentrich, 1995)

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Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

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