Stolperstein Sybelstr. 55

Dieser Stolperstein wurde am 3. April 2025 verlegt.

Sybelstr. 55 Rudolf Ohrenstein

HIER WOHNTE
RUDOLF OHRENSTEIN
RUDOLF MEINHARD-JÜNGER
JG. 1880
DEPORTIERT 13.1.1942
GHETTO RIGA
ERMORDET

Rudolf Meinhard-Jünger wurde am 20. Dezember 1880 als Rudolf Ohrenstein in Zdislavic bei Prag geboren. Seine Eltern waren der jüdische Kaufmann Alois Ohrenstein und dessen ebenfalls jüdische Ehefrau Josefa, geborene Dub. Rudolf hatte mehrere Geschwister. Wie sein älterer und später sehr bekannter Bruder, der Theaterdirektor und Schauspieler Carl Meinhard, erhielt Rudolf seine Schauspielausbildung um die Jahrhundertwende in Prag. In den ersten Jahren seines Berufslebens gastierte Rudolf überwiegend an wechselnden Theatern in Berlin, Prag und Wien, bevor er sich endgültig in Berlin niederließ und an das „Berliner Theater“ in der Charlottenstraße ging, welches sein Bruder Carl gemeinsam mit Rudolf Bernauer leitete. Außerdem wurde er Mitglied des bekannten Berliner Kabaretts „Böse Buben“, das in der Faschingszeit den beliebten „Böse Buben-Ball“ in Berlin veranstaltete.

Rudolf war dreimal verheiratet. Unter anderem mit seiner Berliner Schauspielkollegin Anna Pauline Kötteritzsch und der jüdischen Komponistin Hedwig Wartenberg geborene Zender. Aus diesen Ehen gingen, soweit bekannt, keine Kinder hervor. Allerdings nahm Edith Kötteritzsch, die Stieftochter Rudolfs aus erster Ehe, später seinen Künstlernamen Meinhard an und trat ebenfalls als Schauspielerin auf.

Mit seiner humorvollen Art und seiner ausdrucksstarken Mimik gelang es Rudolf auf der Bühne auch den letzten Theaterbesucher zum Lachen zu bringen, wie so manche Zeitung der Zeit berichtete: „…und wenn er sagt: Ich bin für Eile, entweder gleich oder jetzt“, muß selbst ein Hypochonder lachen“, „…als er zuletzt ohne Worte den Herzog über das „Geschäft“ aufklärt, ist der Höhepunkt erreicht.“ Rudolf war über viele Jahre fester Bestandteil der Berliner Theaterwelt. Und auch beim Film machte er sich als Regisseur, aber hauptsächlich als Darsteller einen Namen. Er spielte in Nebenrollen Journalisten, Soldaten, Briefträger und viele andere Figuren und arbeitete an der Seite von Schauspielstars wie Liane Haid, Conrad Veidt, Gustav Fröhlich, Siegfried Arno oder Kurt Gerron mit namhaften Regisseuren, unter anderem Ewald André Dupont, Alfred Hitchcock oder Rudolf Meinert. Auch wenn Rudolf immer im Schatten seines Bruders Carl stand, galt er als beliebter und anerkannter Künstler, Komponist, Sprachlehrer und sehr guter Pianist. Er spielte meist Komödien, scheute sich aber auch nicht davor, in unansehnliche, unangenehme Rollen zu schlüpfen, wie z.B. als abstoßender, schmähsüchtiger Thersites in „Helena. Erster Teil: Der Raub der Helena” (1924), oder als einfältiger Trunkenbold in „Der Bettler vom Kölner Dom” (1927).

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten endete Rudolfs Karriere. Ebenso wie die seines Bruders Carl, der ebenfalls deportiert wurde. Er überlebte das Ghetto Theresienstadt und emigrierte 1946 nach Argentinien. Rudolfs Weg jedoch war ein anderer.

Laut Gisela Meinhard, der Schwiegertochter seines Bruders Carl, hatten sie und ihr Mann Wolfgang Rudolf bereits am Bahnhof verabschiedet. Der jüdische Schauspieler hatte sein Visum für China in der Tasche. Sie waren sicher, dass er das Land verlassen und sich so vor den Nazis in Sicherheit bringen würde. Doch später erfuhren sie: Er hatte sich umentschieden. Kurz nach seiner Abfahrt war Rudolf Meinhard-Jünger nach Berlin zurückgekehrt, wo er sich laut Gisela Meinhard – zumindest zeitweise – bei der Schauspielerin Liane Haid versteckt hielt. 1942 findet sich im Berliner Adressbuch der letzte Eintrag des beliebten Schauspielers und Regisseurs in der Charlottenburger Sybelstraße 55. Aber schon am 13. Januar 1942 wurde er mit dem Transport 8 Zug Da 44 in das Ghetto von Riga deportiert und dort wenig später ermordet. Was mit seinem Leichnam geschah, ist nicht bekannt.

Mehr als fünf Jahre nach Rudolfs Tod veröffentlichte sein Freund und Kollege, der Drehbuchautor Bobby E. Lüthge, am 17. August 1947 in der Zeitschrift „Roland von Berlin” einen Nachruf, in dem er über Rudolfs Leben und Schicksal schrieb:

“Wie anders war Rudi Meinhard… Wenn er auch als Künstler immer im Schatten des großen Bruders stand, des bekannten Berliner Theatergewaltigen Carl Meinhard, so hatte er doch eine ausgesprochene Physiognomie. Im Hauptberuf Schauspieler, war er daneben noch Komponist, Sprachlehrer und hat ein reizendes, viel aufgeführtes Märchen mit Reinhold Schünzel geschrieben und komponiert. Ich habe ihn oft als Mitarbeiter zu Filmen dazugenommen, auch als „Schwarzarbeiter”. Als man die Juden mehr und mehr ausschaltete, verschwand er zwar aus der Öffentlichkeit, war aber immer noch tätig. Er hatte seinen kleinen „Kundenkreis”, zu dem z. B. Liane Haid gehörte, der er ihre Filmrollen einstudierte. Nie konnte man ihm eigentlich anmerken, wie er unter den grauenhaften Verhältnissen seines Paria-Daseins litt. Wenn man ihn auf der Straße traf, winkte er schnell ab und rief mit halblauter Stimme: „Bleib nicht mit mir stehen. Es könnte uns jemand sehen!” Es war erschütternd. Genau so war auch mein alter Freund und Mitarbeiter Heinz Gordon, an dem wir ebenfalls diese Rücksichtnahme beobachten konnten. Aber man konnte Rudi getarnt anrufen, und es wurde ihm ausgerichtet. Bis zuletzt verkehrte er bei mir und in einer Familie, in der drei reizende Schwestern waren, deren jüngster er Schauspielunterricht gab, und die ihn wie einen Bruder liebten. Als er dann den Judenstern tragen musste, wollte er nicht mehr zu mir kommen.

So nahmen ihn die drei Schwestern in die Mitte, den Stern verdeckte er durch den halb zurückgeschlagenen offenen Mantel, und so brachten sie ihn triumphierend an. Eigenhändig versteckte er den ominösen Mantel im Schrank, damit ihn mein Hausangestellter nicht sehen sollte. Aber der, ebenso eingestellt wie wir alle, sagte in seiner gutmütigen Art: „Vor mir brauchen Sie das nicht zu verstecken, Herr Meinhard.”

In drei Tagen sollten sich alle Juden seiner Straße melden, angeblich, um nach der vom „Führer den Juden großzügig geschenkten Stadt Theresienstadt zu kommen. Es musste etwas geschehen. Ich hatte beschlossen, unseren Rudi in jedem Falle davor zu bewahren. Ich redete die ganze Nacht auf ihn ein:

„Lieber Rudi”, sagte ich ihm, „du musst dich entschließen, illegal zu leben. Du musst untertauchen.” Ich hielt ihm das Beispiel Fischers vor Augen. Dir kann ja nichts passieren, du kannst ja so wunderbar Klavier spielen. Verhungern kannst du ja auf keinen Fall. Geh nach Österreich und dann nach Ungarn. Ich und die anderen deiner Freunde werden dir das ermöglichen.” Ungefähr gegen vier Uhr früh hatte ich ihn soweit. Noch den ganzen nächsten Tag blieb er in meiner Wohnung und die nächste Nacht. Da trat er ins Zimmer und sagte mit halber Stimme: „Du, ich kann es doch nicht, ich melde mich doch! Ich danke dir für deine Mühe, aber ich habe nicht den Mut…” So gab ich ihm schweren Herzens am nächsten Morgen noch etwas Wäsche, Geld und was er brauchte. Ich hab’ ihn nie wiedergesehen.

Er hat sich in der Synagoge gemeldet. Die drei Schwestern haben es von weitem gesehen. Dort wurden den Armen erst einmal alle Wollsachen abgenommen. Es war Winter. Dann wurden sie wie Vieh weggetrieben. Später vernahm ich, dass auch er das entsetzliche Ende aller Häftlinge gefunden hat … Er war zu schwach gewesen. Er hatte nicht die Härte, die nun auch wir brauchen, jetzt brauchen, um weiter zu leben…”

Rudolf Meinhard-Jünger wurde genau an dem Tag deportiert, an dem die Regierungsvertreter von neun Ländern unter deutscher Besatzung eine gemeinsame Erklärung gegen die deutschen Verbrechen abgaben – die sogenannte St. James Declaration. Sie kündigten an, dass die von Nazi-Deutschland begangenen Kriegsverbrechen vor Gericht gebracht und die Befehlsgeber und Ausführenden bestraft werden sollten. Eine Botschaft, die um die Welt ging, aber Menschen wie Rudolf Meinhard-Jünger trotzdem nicht das Leben rennten konnte.

Recherche und Text: Susanne Sittig Quellen: -Deutsche Nationalbibliothek -Deutsches Exilarchiv 1933 – 1945, Frankfurt am Main - „Der Roland von Berlin” Wochenschrift für Kultur, Politik, Wirtschaft und Berliner Leben Ausgabe vom 17. August 1947 (Sammlung: Susanne Sittig) -Landesarchiv Berlin - Ancestry - Wikipedia - Deutsche digitale Bibliothek - Österreichische Nationalbibliothek -Der Youtube-Clip: Rudolf Meinhard-Jünger als „Thersites” und „Tünnes”

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Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

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