Stolpersteine Kuno-Fischer-Str. 22

Kuno-Fischer-Straße 4

Diese Stolpersteine wurden am 17. Juli 2025 verlegt.

Kuno-Fischer-Straße 4 Osias Moses Trotino

HIER WOHNTE
OSIAS MOSES
TROTINO
JG. 1894
FLUCHT 1940
PALÄSTINA

Osias Moses (Moshe) Trotino wurde am 23. Dezember 1894 in Berlin als zweites Kind in eine jüdische Familie mit sechs Geschwistern hineingeboren. Seine Eltern waren Leib (Arie) Trotino (geb. 1871 in Sieniawa, damals Österreich, heute Polen) und Anna geb.Teitz (geb: 1865 in Kowno, damals Russland, heute Litauen, gest. 1933 in Berlin). Wann genau die Familie nach Berlin kam, war nicht herauszufinden.

Über Osias’ Kinder- und Jugendzeit und seine Ausbildung ist nichts überliefert. Er war Handelsvertreter für Schmuck und Schönheitsartikel für Damen. Am 30. März 1919 heiratete er Helene, geb. Selbiger, die am 6. Mai 1892 ebenfalls in Berlin zur Welt gekommen war. Aus dieser Ehe gingen die beiden Kinder Manfred, geb. am 8. Oktober 1923, und Noomi, geb. am 17. August 1926, hervor. Seit mindestens 1934 lebte die Familie im Haus Kuno-Fischer-Straße 22.

Als die Diskriminierung, Entrechtung und Verfolgung jüdischer Bürger durch die rassistische Politik der Nationalsozialisten unmittelbar lebensbedrohlich wurde, entschieden die Eltern Trotino schweren Herzens, die beiden Kinder 1939 mit einem Kindertransport nach Dänemark zu schicken, um deren Leben zu retten. Manfred und Noomi wanderten später von Dänemark nach Palästina aus und überlebten.

Nachdem sie ihre Kinder in Sicherheit wussten, flohen Osias und Helene Trotino nach Rumänien, wo sie im Hafen von Tulcea an Bord des Schiffes “SS Pacific” gelangten. Dies war eins von drei Schiffen, die von der “Reichszentrale für jüdische Auswanderung” – ab Oktober 1939 unter der Leitung von Adolf Eichmann – organisiert wurden, um europäische Juden illegal – d. h. unter Missachtung der Einwanderungsrestriktionen der britischen Mandatsmacht – nach Palästina zu deportieren. Die “SS Pacific” lief am 7. Oktober 1940 mit 986 Flüchtlingen an Bord aus dem Hafen Tulcea aus.

Auf der Passage zu den Küsten Palästinas wurde die “SS Pacific” von der Royal Navy aufgebracht und am 1. November 1940 in den Hafen von Haifa eskortiert. Die Briten zwangen die Passagiere der „SS Pacific“ – wie auch anderer Flüchtlingsschiffe – auf die „SS Patria“, überzusteigen. Sie sollten auf die Insel Mauritius im Indischen Ozean deportiert werden. Aber die zionistische paramilitärische Untergrundorganisation „Haganah“ schmuggelte eine Bombe an Bord der “SS Patria”, um diese Deportation zu verhindern. Die Explosion am 24. November 1940 riss ein großes Loch in die Bordwand, sodass das Schiff sehr schnell sank. Mehr als 250 der insgesamt fast 2000 Menschen ertranken.

Die Überlebenden der “SS Patria” – darunter Osias Trotino, der bei dieser Aktion verletzt wurde, und seine Frau Helene – wurden in das von der britischen Mandatsmacht für “illegale” Einwanderer eingerichtete “Lager Atlit” gebracht. Dort waren die Trotinos unter schwierigen Bedingungen und voneinander getrennt hinter Stacheldraht und bewacht fast zehn Monate interniert. Am 21. September 1941 wurden sie aus dem Lager Atlit entlassen und lebten dann in Tel Aviv.

Osias Moses Trotino bekam am 31. Juli 1956 seine deutsche Staatsangehörigkeit, die die Nationalsozialisten ihm entzogen hatten, per Einbürgerung in die Bundesrepublik Deutschland zurück. Er verstarb im Jahr 1970 in Tel Aviv.

Mehrere seiner Geschwister überlebten den Holocaust nicht. Sein Bruder Joseph (geb. 7. Januar 1896 in Leipzig) floh nach Frankreich und wurde am 20. November 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Schwester Clara, verheiratete Judelowitz (geb. am 2. Dezember 1896 in Leipzig) floh ebenfalls nach Frankreich und wurde am 2. September 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Schwester Dora, verheiratete Gonczar (geb.20. Mai 1905 in Berlin) floh nach Belgien und wurde am 20. September 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und ermordet

Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann nach Angaben von Gil Trotino (Enkel)
Quellen:
- Berliner Adressbücher
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- ITS Arolsen: DocID: 106824853 (MOSES TROTINO)
- Reichszentrale für jüdische Auswanderung – Wikipedia
- Patria disaster – Wikipedia
- Das Internierungslager Atlit – Israelnetz

Kuno-Fischer-Straße 4 Helene Trotino

HIER WOHNTE
HELENE TROTINO
GEB. SELBIGER
JG. 1892
FLUCHT 1940
PALÄSTINA

Helene Lea Trotino kam am 6. Mai 1892 in Berlin als Tochter von Hermann Selbiger und seiner Frau Hulda, geb, Cronheim, zur Welt. Am 30. März 1919 heiratete sie Osias Moses Trotino, Handelsvertreter für Schmuck und Schönheitsartikel für Damen. Das Ehepaar bekam die beiden Kinder Manfred (geb. Am 8. Oktober 1923) und Noomi, (geb. Am 17. August 1926). Seit mindestens 1934 lebte die Familie im Haus Kuno-Fischer-Straße 22.

Als die Diskriminierung, Entrechtung und Verfolgung deutscher Bürger jüdischen Glaubens durch die nationalsozialistische Rassenpolitik ihr Leben bedrohte, entschieden die Eltern Trotino sich schweren Herzens, die beiden Kinder 1939 mit einem Kindertransport nach Dänemark zu schicken, um sie zu retten. Manfred und Noomi wanderten 1941 von Dänemark nach Palästina aus und überlebten.

Als Helene und ihr Mann die Kinder in Sicherheit wussten, flohen sie nach Rumänien und gingen im Hafen von Tulcea an Bord des Dampfers “SS Pacific”. Dies war eins von drei Schiffen, die von der im März 1939 eingerichteten “Reichszentrale für jüdische Auswanderung” – ab Oktober 1939 unter der Leitung von Adolf Eichmann – organisiert wurden, um europäische Juden illegal – d. h. unter Missachtung der Immigrationsregeln der britischen Mandatsmacht – nach Palästina zu deportieren. Die “SS Pacific” lief am 7. Oktober 1940 mit 986 Flüchtlingen an Bord aus dem Hafen Tulcea aus.

Auf der Passage zu den Küsten Palästinas wurde die “SS Pacific” von der Royal Navy abgefangen und am 1. November 1940 in den Hafen von Haifa gebracht. Die Briten überführten die Passagiere der „SS Pacific“ – wie auch anderer Flüchtlingsschiffe – auf die „SS Patria“, in der Absicht, sie auf die Insel Mauritius im Indischen Ozean zu deportieren. Die zionistische Untergrundorganisation „Haganah“ wollte das verhindern und schmuggelte eine Bombe an Bord des Schiffes, die es eigentlich nur beschädigen und somit reparaturbedürftig im Hafen von Haifa festhalten sollte. Die Haganah hatte aber die Sprengkraft der Bombe unterschätzt. Die Explosion am 24. November 1940 riss ein großes Loch in die Bordwand, so dass das Schiff sehr schnell sank. Mehr als 250 der insgesamt fast 2000 Passagiere ertranken.

Die Überlebenden der “SS Patria” – darunter Helene und Moses Trotino – wurden von der Mandatsmacht in das “Internierungslager Atlit” 20 km südlich von Haifa gebracht. Die Trotinos verbrachten voneinander getrennt hinter Stacheldraht, bewacht und unter schwierigen Bedingungen fast zehn Monate dort. Am 21. September 1941 wurde das Ehepaar Trotino aus dem Lager Atlit entlassen und lebte danach in Tel Aviv.

Helene Trotino bekam – wie ihr Mann – am 31. Juli 1956 ihre deutsche Staatsangehörigkeit, die die Nationalsozialisten ihr geraubt hatten, per Einbürgerung in die Bundesrepublik Deutschland zurück. Sie verstarb 1970 in Tel Aviv.

Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann nach Angaben von Gil Trotino (Enkel)
Quellen:
- Berliner Adressbücher
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/die-reichszentrale-fuer-juedische-auswanderung/
- Patria disaster – Wikipedia
- Das Internierungslager Atlit – Israelnetz

Kuno-Fischer-Straße 4 Manfred Simche Trotino

HIER WOHNTE
MANFRED SIMCHE
TROTINO
JG. 1923
KINDERTRANSPORT 1939
DÄNEMARK
1941 PALÄSTINA

Manfred Simche Trotino wurde am 8. Oktober 1923 als erstes Kind des Ehepaares Osias Moses Trotino und seiner Frau Helene, geb. Selbiger, in Berlin geboren. Knapp drei Jahre später kam seine Schwester Noomi (17. August 1926 – 2017) zur Welt. Der Vater war Handelsvertreter für Schmuck und Schönheitsartikel für Damen. Die Familie wohnte seit mindestens 1934 in der Kuno-Fischer-Straße 22.

Manfred besuchte eine jüdische, zionistisch ausgerichtete Schule und nahm später drei Monate lang an einem Ausbildungsprogramm der “Kinder- und Jugend-Aliyah” in der Nähe von Hamburg teil. Die Lehrerin und Widerstandskämpferin Recha Freier hatte diese Kinderhilfsorganisation, die jüdische Kinder und Jugendliche auf eine mögliche Auswanderung nach Palästina vorbereiten sollte, am 30. Januar 1933 – dem Tag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten – in Berlin gegründet, Sie hatte ihren Sitz in der Kantstraße 158. Als die Diskriminierung, Entrechtung und Bedrohung für deutsche Bürger jüdischen Glaubens durch die Nazis immer gefährlicher wurde, entschieden die Eltern Trotino, Manfred und seine Schwester Noomi mit Hilfe der Jugend-Aliyah-Bewegung nach Dänemark zu schmuggeln, wo sie von einheimischen Familien aufgenommen wurden.

Manfred kam zunächst bei einer Familie in der Fischerstadt Lønborg im Norden Dänemarks unter. Er half in deren Geschäft, und sie behandelten ihn gut. Als die Nazis am 9. April 1940 in Dänemark einmarschierten, wurden alle Juden verpflichtet, sich alle paar Tage mehrmals pro Woche bei der Gestapo zu melden. Der Ladenbesitzer traute sich nicht, Manfred weiter bei sich zu behalten, und sorgte dafür, dass er in einer anderen Stadt versteckt werden konnte. Manfred wurde nach Kleinberg, einer kleinen Siedlung in Süd-Dänemark, geschickt, wo er bei einem Pfarrer und dessen Frau unterkam. Später zogen dieser Pfarrer und seine Frau nach Kopenhagen.

Die Skandinavische Israelitische Vereinigung bemühte sich erfolgreich, für Manfred die Genehmigung zur Einwanderung nach Palästina zu bekommen. Am 5. März 1941 wurden er und seine Schwester Noomi mit 60 weiteren Kindern von Stockholm aus auf eine zweiwöchige Überlandreise geschickt. Am 21. März 1941 kamen sie in Palästina an und wurden in Kibbuzim oder Jugenddörfern untergebracht..

Manfred besuchte eine Berufsschule im Kibbuz Yagur, verpflichtete sich nach Gründung des Staates Israel im Mai 1948 bei den IDF (Israel Defence Forces) und arbeitete später im Handel.
1961 heiratete er Shoshana Pearl. Sie hatten zwei Kinder, Gil und Riki, und lebten in Giv’atayim östlich von Tel-Aviv. Manfred Trotino starb im Jahr 2001.

Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann nach Angaben von Gil Trotino (Sohn)
Quellen:
- Historie – Kinder- und Jugend-Aliyah e.V.
- Recha Freier – Wikipedia

Kuno-Fischer-Straße 4 Noomi Trotino

HIER WOHNTE
NOOMI TROTINO
JG. 1926
KINDERTRANSPORT 1939
DÄNEMARK
1941 PALÄSTINA

Noomi Trotino wurde am 17. August 1926 als zweites Kind des Ehepaares Osias Moses und Helene Trotino in Berlin geboren. Sie hatte den älteren Bruder Manfred (8. Oktober 1923 – 2001). Der Vater war Handelsvertreter für Schmuck und Schönheitsartikel für Damen. Die Familie wohnte seit mindestens 1934 in der Kuno-Fischer-Straße 22.

Noomi (auch Naomi) besuchte die „Private Volksschule des Jüdischen Schulvereins“ am Kaiserdamm 77-79 (Theodor-Herzl-Schule), die koedukativ, religiös neutral und zionistisch ausgerichtet war und als reformpädagogische Schule als fester Bestandteil des Berliner Schulwesens galt. 1932 hatte die Schule, die ab 1933 von Paula Fürst geleitet wurde (Stolperstein Kaiserdamm 101 – Berlin.de ) 200 Schüler und Schülerinnen. Wegen der seit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 zunehmenden Diskriminierung jüdischer Kinder an öffentlichen Schulen – und schon bevor sie offiziell aus diesen ausgeschlossen wurden – wuchs die Schülerzahl bis auf 600 im Jahr 1938 an. In der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 wurde die Theodor-Herzl-Schule in Brand gesetzt und am 31. März 1939 offiziell geschlossen. Paula Fürst organisierte danach den Unterricht in unterschiedlichen Räumen – z. B. auch in Privatwohnungen. Noomi Trotino nahm daran teil, denn eine Karteikarte besagt, dass sie zu Ostern 1939 in die Klasse 4 M aufgenommen und am 11. Dezember 1939 “abgemeldet” worden sei.

Noomis Eltern hatten sich bereits im September 1939 entschieden, ihre beiden Kinder mit Hilfe der Jugend-Aliyah-Bewegung nach Dänemark zu schmuggeln, wo sie bei einheimischen Familien unterkamen. Die skandinavische Israelitische Vereinigung bemühte sich erfolgreich, für so gerettete Kinder Einwanderungsgenehmigungen für Palästina zu bekommen. Am 5. März 1941 wurden Noomi und ihr Bruder Manfred mit 60 weiteren Kindern von Stockholm aus auf eine zweiwöchige Überlandreise geschickt. Am 21. März 1941 kamen sie in Palästina an und wurden in Kibuzzim oder Jugenddörfern aufgenommen.

Noomi trat nach der Gründung des Staates Israel in die IDF – Israel Defence Forces – ein und diente als Krankenschwester. Später arbeitete sie als Kinderkrankenschwester bei der WIZO – Women’s International Zionist Organisation.

1950 heiratete Noomi Yosef Gutfreund. Sie bekam zwei Töchter – Varda und Orna – und lebte in Holon. Noomi Gutfreund, geb. Trotino, verstarb 2017.

Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann nach Angaben von Gil Trotino (Neffe)
Quellen:
- ITS Arolsen: DocID: 12676979 (NOOMI TROTINO)
- Theodor-Herzl-Schule Berlin (1920-1938) – Ein Erinnerungsprojekt der ehemaligen Schülerschaft
- Stolperstein Paula Fürst: https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den- bezirk/geschichte/stolpersteine/artikel.346861.php

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