HIER WOHNTE
OSIAS MOSES
TROTINO
JG. 1894
FLUCHT 1940
PALÄSTINA
Osias Moses (Moshe) Trotino wurde am 23. Dezember 1894 in Berlin als zweites Kind in eine jüdische Familie mit sechs Geschwistern hineingeboren. Seine Eltern waren Leib (Arie) Trotino (geb. 1871 in Sieniawa, damals Österreich, heute Polen) und Anna geb.Teitz (geb: 1865 in Kowno, damals Russland, heute Litauen, gest. 1933 in Berlin). Wann genau die Familie nach Berlin kam, war nicht herauszufinden.
Über Osias’ Kinder- und Jugendzeit und seine Ausbildung ist nichts überliefert. Er war Handelsvertreter für Schmuck und Schönheitsartikel für Damen. Am 30. März 1919 heiratete er Helene, geb. Selbiger, die am 6. Mai 1892 ebenfalls in Berlin zur Welt gekommen war. Aus dieser Ehe gingen die beiden Kinder Manfred, geb. am 8. Oktober 1923, und Noomi, geb. am 17. August 1926, hervor. Seit mindestens 1934 lebte die Familie im Haus Kuno-Fischer-Straße 22.
Als die Diskriminierung, Entrechtung und Verfolgung jüdischer Bürger durch die rassistische Politik der Nationalsozialisten unmittelbar lebensbedrohlich wurde, entschieden die Eltern Trotino schweren Herzens, die beiden Kinder 1939 mit einem Kindertransport nach Dänemark zu schicken, um deren Leben zu retten. Manfred und Noomi wanderten später von Dänemark nach Palästina aus und überlebten.
Nachdem sie ihre Kinder in Sicherheit wussten, flohen Osias und Helene Trotino nach Rumänien, wo sie im Hafen von Tulcea an Bord des Schiffes “SS Pacific” gelangten. Dies war eins von drei Schiffen, die von der “Reichszentrale für jüdische Auswanderung” – ab Oktober 1939 unter der Leitung von Adolf Eichmann – organisiert wurden, um europäische Juden illegal – d. h. unter Missachtung der Einwanderungsrestriktionen der britischen Mandatsmacht – nach Palästina zu deportieren. Die “SS Pacific” lief am 7. Oktober 1940 mit 986 Flüchtlingen an Bord aus dem Hafen Tulcea aus.
Auf der Passage zu den Küsten Palästinas wurde die “SS Pacific” von der Royal Navy aufgebracht und am 1. November 1940 in den Hafen von Haifa eskortiert. Die Briten zwangen die Passagiere der „SS Pacific“ – wie auch anderer Flüchtlingsschiffe – auf die „SS Patria“, überzusteigen. Sie sollten auf die Insel Mauritius im Indischen Ozean deportiert werden. Aber die zionistische paramilitärische Untergrundorganisation „Haganah“ schmuggelte eine Bombe an Bord der “SS Patria”, um diese Deportation zu verhindern. Die Explosion am 24. November 1940 riss ein großes Loch in die Bordwand, sodass das Schiff sehr schnell sank. Mehr als 250 der insgesamt fast 2000 Menschen ertranken.
Die Überlebenden der “SS Patria” – darunter Osias Trotino, der bei dieser Aktion verletzt wurde, und seine Frau Helene – wurden in das von der britischen Mandatsmacht für “illegale” Einwanderer eingerichtete “Lager Atlit” gebracht. Dort waren die Trotinos unter schwierigen Bedingungen und voneinander getrennt hinter Stacheldraht und bewacht fast zehn Monate interniert. Am 21. September 1941 wurden sie aus dem Lager Atlit entlassen und lebten dann in Tel Aviv.
Osias Moses Trotino bekam am 31. Juli 1956 seine deutsche Staatsangehörigkeit, die die Nationalsozialisten ihm entzogen hatten, per Einbürgerung in die Bundesrepublik Deutschland zurück. Er verstarb im Jahr 1970 in Tel Aviv.
Mehrere seiner Geschwister überlebten den Holocaust nicht. Sein Bruder Joseph (geb. 7. Januar 1896 in Leipzig) floh nach Frankreich und wurde am 20. November 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Schwester Clara, verheiratete Judelowitz (geb. am 2. Dezember 1896 in Leipzig) floh ebenfalls nach Frankreich und wurde am 2. September 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Schwester Dora, verheiratete Gonczar (geb.20. Mai 1905 in Berlin) floh nach Belgien und wurde am 20. September 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und ermordet
Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann nach Angaben von Gil Trotino (Enkel)
Quellen:
- Berliner Adressbücher
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- ITS Arolsen: DocID: 106824853 (MOSES TROTINO)
- Reichszentrale für jüdische Auswanderung – Wikipedia
- Patria disaster – Wikipedia
- Das Internierungslager Atlit – Israelnetz