Stolpersteine Krumme Str. 60

Hausansicht Krumme Straße 60

Krumme Straße 60

Diese Stolpersteine wurden am 17. Juli 2025 verlegt und von Sherry Katz, ihrem Sohn Menachem und von Laila Lucas gespendet.

Stolperstein für Leo Lewin

Stolperstein für Leo Lewin

HIER WOHNTE
LEO LEWIN
JG. 1891
FLUCHT 1941
USA

Leo Lewin wurde am 20. Februar 1891 in Girrehnen, Kreis Tilsit-Ragnit / Ostpreußen geboren. Heute liegt der Ort im russischen Kaliningrad und heißt Griwino. Leos Eltern waren der Kaufmann Bernhard (genannt Wolf) Lewin und Thekla, geb. Kasparius. Beide stammten aus dem über 500 km westlich entfernten Samter, Provinz Posen. Bernhard betätigte sich als Viehhändler. Schon kurz nach Leos Geburt zog die Familie wieder gen Westen, in das Städtchen Stieglitz bei Czarnikau, ebenfalls in Posen (heute polnisch Siedlisko). Dort wurde 1892 Leos Schwester Hertha geboren, die jedoch schon ein halbes Jahr später verstarb. Leo hatte noch vier Brüder, Adolph, Benno, Karl und Paul, und drei Schwestern, Sophie, Ella und ein wohl in Erinnerung an das verstorbene Kleinkind auch Hertha benanntes Mädchen.

Über Leos Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Er wurde wie sein Vater Kaufmann, und absolvierte wohl eine kaufmännische Ausbildung. Im Ersten Weltkrieg wurde er zum Kriegsdienst verpflichtet und erst danach findet sich seine Spur in Berlin. Im Adressbuch ist er als Händler für Damenkonfektion in der Brunnenstraße 18 gelistet. Heute befindet sich an dieser Stelle der Volkspark am Weinberg, nachdem die Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden.

Stolperstein für Elisabeth Lewin

Stolperstein für Elisabeth Lewin

HIER WOHNTE
ELSBETH LEWIN
GEB. LEWYN
JG. 1890
FLUCHT 1941
USA

Hier wohnte Leo auch, als seine Tochter Waltraut Lieselotte am 9. März 1921 im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde geboren wurde. Vielleicht hatte Leo erst nach dem Krieg Elsbeth Lewyn geheiratet, vielleicht auch schon vorher. Beide kannten sich wohl schon aus Stieglitz, dem Geburtsort Elsbeths, in dem auch Leo aufwuchs. Elsbeth kam dort am 10. Januar 1890 auf die Welt. Leider wissen wir nicht die Namen ihrer Eltern. Bekannt ist nur, dass sie einen ein Jahr jüngeren Bruder, Ludwig Paul Lewyn, hatte. Er ertrank 1917 während seines Kriegsdiensts in Lötzen/Masuren (heute Giżycko), was Elsbeth so betroffen gemacht hat, dass sie später ihrer Tochter jegliche Nähe zu Gewässern untersagte.

Die Familie wohnte mindestens bis 1924 in der Brunnenstraße. Spätestens ab 1936 ist sie in der Krummen Straße 60 registriert. Wo sie dazwischen lebte, ist schwer nur aus dem Adressbuch herauszufinden, da der Name häufig vorkommt. Bei der Volkszählung vom 17. Mai 1939, bei der Juden in einer getrennten Kartei erfasst wurden, wohnten Lewins auch in der Krummen Straße. Leos Mutter Thekla, inzwischen verwitwet, wohnte ebenfalls bei ihnen. Sie starb am 29. Juni 1940, laut Sterbeurkunde an Alters- und Herzschwäche.

Stolperstein für Lieselotte Lewin

Stolperstein für Lieselotte Lewin

HIER WOHNTE
LIESELOTTE
LEWIN
JG. 1921
FLUCHT 1941
USA

Inzwischen waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen, und Leo, Elsbeth und Liselotte waren, wie alle Juden, Diskriminierungen, Demütigungen und Erniedrigungen ausgesetzt. Ziel war, Juden aus dem beruflichen und Alltagsleben auszugrenzen. Besonders nach den Pogromen vom 9. November 1938 häuften sich die Verordnungen gegen Juden. Juden durften nicht am öffentlichen Leben teilnehmen, nicht in Theater, Konzerte, Kinos usw. gehen. Zu bestimmten Zeiten durften sie gar nicht mehr auf die Straße, durften nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags einkaufen. Alle Wertgegenstände mussten sie abliefern, ausgenommen (O-Ton der Verordnung vom 21. Februar 1939): „Trauringe, silberne Armband- und Taschenuhren, zwei vierteilige – gebrauchte – Essbestecke je Person“. Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt, Führerscheine für ungültig erklärt. Juden hatten eine sog. „Sühneabgabe“ zu leisten, über vorhandenes Vermögen konnten sie nicht frei verfügen. Jüdischen Kindern wurde der Besuch deutscher Schulen verboten, auch Lieselotte musste die Schule verlassen. Juden zog man zunehmend zur Zwangsarbeit heran, vielleicht auch Leo und Elsbeth.

Leo und Elsbeth begriffen, dass sie nicht mehr in Deutschland bleiben konnten. Aber auch die Emigration war für Juden nicht einfach. Es mussten Visa beschaffen werden, was nach Kriegsbeginn besonders schwierig wurde. Es musste eine „Reichsfluchtsteuer“ an den Staat bezahlt werden und eine Auswandererabgabe an die Reichsvereinigung der Juden. Die Fahrkarten mussten bezahlt werden, aufgrund der Nachfrage stiegen die Preise an. Leo gelang es, all diese Hürden zu bewältigen. Hilfe erhielt er von der christlichen Familie Winkelmann, die sicherlich riskierte, von den Nazis wegen Begünstigung von Juden sanktioniert zu werden. Am 23. Mai 1941 konnten die Lewins dann aus Deutschland ausreisen – höchste Zeit, denn wenige Monate später wurde die Auswanderung von Juden gänzlich verboten. Leo, Elsbeth und Lieselotte mussten sich noch nach Lissabon durchschlagen, wo sie das Schiff nach New York besteigen konnten. Die Winkelmanns lebten später auch in den USA und Lewins unterhielten freundschaftlichen Kontakt mit ihnen.

Leos Geschwister Sophie, Hertha und Ella überlebten auch in den USA, Adolf konnte sich nach Argentinien retten, Benno nach Brasilien. Das Schicksal von Paul ist ungeklärt, das von Karl ist leider bekannt. Er wurde von Frankfurt am Main aus, wo er lebte, am 22. November 1941 nach Kaunas, Litauen, deportiert und dort im berüchtigten Fort IX erschossen.

Zusammenstellung/Text: Micaela Haas nach Angaben von Lieselottes Tochter Sherry Katz
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch Bundesarchiv: Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin über Ancestry; Arolsen Archives; Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)

  • Schwarz-weiß Foto, von links nach rechts: Lieselotte, Elsbeth, Leo Lewin

    von links nach rechts: Lieselotte, Elsbeth, Leo Lewin

  • Schwarz-weiß Foto, von links nach rechts: sitzend - Leos Bruder Adolf, Leo, Sherry, Elsbeth / stehend - Sherrys Vater, Sherrys Mutter Lieselotte (verheiratete Katz)

    von links nach rechts: sitzend - Leos Bruder Adolf, Leo, Sherry, Elsbeth / stehend - Sherrys Vater, Sherrys Mutter Lieselotte (verheiratete Katz)

Alle Texte und Bilder auf dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Erlaubnis des/r Rechteinhaber*in verwendet werden.

Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Wegen der Wartezeit von 3 bis 4 Jahren können keine neuen Anträge für Stolpersteine angenommen werden. Bereits registrierte Anträge werden bearbeitet.

Because of a waitingtime of 3 to 4 years new requests for Stolpersteine cannot be accepted. Requests already registered will be processed.