HIER WOHNTE
LIESELOTTE
LEWIN
JG. 1921
FLUCHT 1941
USA
Inzwischen waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen, und Leo, Elsbeth und Liselotte waren, wie alle Juden, Diskriminierungen, Demütigungen und Erniedrigungen ausgesetzt. Ziel war, Juden aus dem beruflichen und Alltagsleben auszugrenzen. Besonders nach den Pogromen vom 9. November 1938 häuften sich die Verordnungen gegen Juden. Juden durften nicht am öffentlichen Leben teilnehmen, nicht in Theater, Konzerte, Kinos usw. gehen. Zu bestimmten Zeiten durften sie gar nicht mehr auf die Straße, durften nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags einkaufen. Alle Wertgegenstände mussten sie abliefern, ausgenommen (O-Ton der Verordnung vom 21. Februar 1939): „Trauringe, silberne Armband- und Taschenuhren, zwei vierteilige – gebrauchte – Essbestecke je Person“. Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt, Führerscheine für ungültig erklärt. Juden hatten eine sog. „Sühneabgabe“ zu leisten, über vorhandenes Vermögen konnten sie nicht frei
verfügen. Jüdischen Kindern wurde der Besuch deutscher Schulen verboten, auch Lieselotte musste die Schule verlassen. Juden zog man zunehmend zur Zwangsarbeit heran, vielleicht auch Leo und Elsbeth.
Leo und Elsbeth begriffen, dass sie nicht mehr in Deutschland bleiben konnten. Aber auch die Emigration war für Juden nicht einfach. Es mussten Visa beschaffen werden, was nach Kriegsbeginn besonders schwierig wurde. Es musste eine „Reichsfluchtsteuer“ an den Staat bezahlt werden und eine Auswandererabgabe an die Reichsvereinigung der Juden. Die Fahrkarten mussten bezahlt werden, aufgrund der Nachfrage stiegen die Preise an. Leo gelang es, all diese Hürden zu bewältigen. Hilfe erhielt er von der christlichen Familie Winkelmann, die sicherlich riskierte, von den Nazis wegen Begünstigung von Juden sanktioniert zu werden. Am 23. Mai 1941 konnten die Lewins dann aus Deutschland ausreisen – höchste Zeit, denn wenige Monate später wurde die Auswanderung von Juden gänzlich verboten. Leo, Elsbeth und Lieselotte mussten sich noch nach Lissabon durchschlagen, wo sie das Schiff nach New York besteigen konnten. Die Winkelmanns lebten später auch in den USA und Lewins
unterhielten freundschaftlichen Kontakt mit ihnen.
Leos Geschwister Sophie, Hertha und Ella überlebten auch in den USA, Adolf konnte sich nach Argentinien retten, Benno nach Brasilien. Das Schicksal von Paul ist ungeklärt, das von Karl ist leider bekannt. Er wurde von Frankfurt am Main aus, wo er lebte, am 22. November 1941 nach Kaunas, Litauen, deportiert und dort im berüchtigten Fort IX erschossen.
Zusammenstellung/Text: Micaela Haas nach Angaben von Lieselottes Tochter Sherry Katz
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf
Quellen:
Gedenkbuch Bundesarchiv: Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin über Ancestry; Arolsen Archives; Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)